Auch ihr seid das Licht

Liturgie der Karwoche und an Ostern

Die Freude der Osterbotschaft miteinander teilen

Durch das bewußte Gestalten des Kirchenjahres hat die OJC inzwischen eine eigene Feier­kultur entwickelt.
Einen Höhepunkt bildet immer die Karwoche mit Sederabend und Ostern. In diesem Jahr ­feierten wir, 140 Alte und Junge, Große und Kleine mit vielen Gästen im festlichen Heinz-Schwarzkopf-Saal.
Ellen Kirchhoff hat als Ehe­malige schon viele Feste musikalisch mitgestaltet und läßt uns die Stimmung dieser Tage miterleben. 

 
Mein Osterfest beginnt mit Vorfreude. Ich freue mich auf Begegnungen, das Willkommensein, das leckere Lammfleisch und den Wein bei der ­Sederfeier, auf geistliche Impulse, auf die Lieder, die Liturgie, das gemeinsame Anpacken bei der Vor- und Nachbereitung der Festfreuden. Auch der leidige Karsamstag, mit dem man oft nichts anzufangen weiß, bekommt Gestalt und Gehalt.
 

Gründonnerstag

Das Treffen, zu dem etwa 50 Gäste zur OJC-Großfamilie hinzu gekommen sind, beginnt am Gründonnerstag. Mit einem ­Sedermahl, das dem Auftakt des jüdischen Pessach nachempfunden ist, vergegenwärtigen wir uns den letzten Abend ­Jesu vor seiner Festnahme.
Festlich gedeckte Tische ­erwarten uns, auffallend die Sederteller mit den charakteristischen Speisen. Auf einem Tisch vorne im Saal stehen außerdem ein Teller Mazzen, eine Flasche Wein, ein prächtiger Kelch und der sieben­armige Leuchter. Klezmermusik, eine herz­liche Begrüßung, Lieder. Alles Unfertige, Quälende darf in einer kurzen Stille vor Gott gebracht werden. Die Freude soll Raum bekommen!
Als einer der „Hausväter“ führt Hermann Klenk in den Ablauf des Abends ein. Drei Teile wird es geben: den Teil der Erinnerung an die Befreiung Israels, dann das Festmahl mit Lamm, Mazzen und Bitterkräutern und schließlich eine Abendmahlsfeier.
Nach jüdischer Tradition entzündet die Hausfrau die sieben Leuchterkerzen und spricht ein Segensgebet. Das ist der Auftakt zu einem fröhlichen Programm aus Musik, Amüsantem, Liedern und Erläuterungen zu den Hintergründen unseres Feierns. Kinder (in der jüdischen Tradition das jüngste Kind) stellen Fragen zu den Besonderheiten dieses Abends: Weshalb ist diese Nacht anders als alle Nächte? In dieser Nacht wird nur ungesäuertes Brot gegessen, es gibt bitteres Kraut, es wird eingetaucht und alle ­sitzen angelehnt. Was hat es damit nur auf sich? Als Antwort wird die Geschichte des Exodus erzählt, der Befreiung Israels aus der ägyptischen Sklaverei, ganz lebendig mit Zwischenfragen an die Kinder. – Hätten Sie gewußt, welche zehn Plagen Gott den Ägyptern geschickt hat?
Bevor die Kinder zur eigenen Kindersederfeier gehen, verlassen wir in einer Polonaise den Saal und tanzen im Innenhof des Jugendzentrums den „Palmentanz“ zu jiddischen Fidelklängen.
Ein Riesen­spaß!
Bevor wir das köstliche und reichliche Festmahl zu uns nehmen, kommen wir zu den Freudenbechern und Symbolspeisen. Durch dieses Erinnern werden gleichsam Gefäße aufgestellt, in die unser Dank für vergangene und gegenwärtige Wohltaten Gottes hineinfließen kann.
Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist! Das haben wir an diesem Abend nun reichlich erfahren und befinden uns womöglich an der Stelle des Festes, an der Jesus damals die Worte an seine Jünger richtete, die wir heute noch als Einsetzungsworte für das Abendmahl kennen. Wir hatten in den letzten Stunden Anteil an einer Tradition, die durch mehrere Jahrtausende hindurch weitergegeben wurde, an der Durchdringung von Vergangenem und Gegenwärtigem. Danach das Abendmahl. – Das Heilige neben dem Alltäglichen – typisch Sederfeier, typisch fürs Christsein, typisch OJC? ­Jedenfalls ist am selben Abend noch Schulterschluß am Spülbecken in der kleinen JIG-Küche angesagt. Zum Glück darf der Tag morgen etwas später beginnen als sonst.
 

Karfreitag

Vormittags kann man einen der Gottesdienste in Reichelsheim und Umgebung besuchen. Zur Erinnerung an die Sterbestunde Jesu am Nachmittag hat das FSJ-Team ein Hörspiel von Dorothy Sayers einstudiert. Die Dramatik des Geschehens, das Ungeheuerliche: der Herr über Tod und Leben, der, dem die unreinen Geister gehorchen, der Liebende, der Leben bringt, der, der sich so unverhüllt mächtig gezeigt hat, der, dessen Reich kein Ende hat; Er, auf den so viele Menschen ihre Hoffnung gesetzt haben, Er stirbt. Läßt sich umbringen. Hinterläßt ohnmächtigen Schmerz, Verzweiflung, Betäubung. Auch bei uns, heute noch, bei Beteiligten und Zuhörern. Unfaßbare Stille, lange.
 

Karsamstag

Tag nach Karfreitag oder Tag vor Ostersonntag? In einer Morgenandacht hören wir vom „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Der Weg des Christus als Weg des Loslassens. Er hat alles losgelassen, am Anfang sein himmlisches, zuletzt sein ­irdisches Leben. Es konnte ihm nichts ­genommen werden – er hat es hergegeben. Die folgende Stille ist tief und dichter als das eigene kleine Schweigen.
Karsamstag bedeutet aber auch ganz praktisch: Vorbereitungen treffen für den Sonntag, einen festlichen Rahmen schaffen für die Osterfreude, die wir mit allen Sinnen erleben wollen. Das machen alle gemeinsam. Der Hof wird gekehrt, das Haus geputzt. Frische Birkenzweige sind vorbereitet, die mit fröhlichem Osterschmuck behangen werden, Blumensträuße werden die stacheligen Dornen der ­letzten Tage ­ersetzen. In der Küche wird ­geschuftet, schließlich haben wir heute Mittagessens- und morgen Brunch-Hunger.
Am Nachmittag richten wir den Blick auf den Isenheimer Altar, dessen kunst­voller Bilderreichtum voller Symbolik steckt. „Eine gemalte Predigt“ ist das, in die Ralph Pechmann uns hineinnimmt. Die Darstellungen auf den ausklappbaren ­Altarflügeln führen uns über Geburt, Kreuzigung, Tod Jesu und einer Allegorie auf Lebendigkeit und Tod der Kirche zu dem bekannten Bildnis des Auferstandenen im himmlischen Licht.
Davor und danach ist Zeit für Begegnungen mit Gott oder dem Nächsten oder mit beiden. Am Abend ist Gelegenheit, Mitarbeitern aus der OJC-Leitung Fragen zu stellen. Die Themen kreisen um Finanzen, alters- und leitungsbedingte Umstrukturierungen, neue Mitarbeiter und das neue Selbstverständnis. Und ... ob es noch Wunder gibt in der OJC? Ja, es gibt sie. Mein persönlicher Eindruck: Die OJC ist keine Institution, sondern ein fruchtbringendes Gewächs Gottes, mit dem er noch Pläne hat. Danke für dieses Einblick-­Geben in euren Weg!
 

Ostersonntag

Sich früh aufmachen, der Freude entgegen! Wie anders muß es für die Frauen damals ­gewesen sein, als sie losgingen, um ihrem Freund und Wohltäter noch einen letzten Dienst zu erweisen.
Um halb sechs beginnt der Frühgottesdienst in der evangelischen Michaelskirche in Reichelsheim. Vom Morgengrauen ist noch nichts zu sehen, als wir losmarschieren. – Immer mehr Menschen finden sich ein. Die dunkle Kirche ist gefüllt wie selten. Flüstern, Kichern, Klappern. „Bleibet hier und wachet mit mir!“ – mit diesem vorösterlichen Bittruf setzen die Musiker ein. Bekannt sind diese Taizé-Gesänge mit ihren kurzen Texten. Man singt auswendig, auf- und abschwellend, auch mal nur summend. Es tut gut, hier versammelt zu sein, zu singen, wie man es eben kann so früh am Morgen. Gut, daß wir zusammensein können. In die Dunkelheit hineingesprochen wird die Lesung von der ­Erschaffung der Welt. „Und es war finster auf der Tiefe, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.“ Auch in der Kirche ist es finster, doch das „Es werde Licht“ für den heutigen Tag ist schon gesprochen. Mit dem Gebetsruf „Christus, das Licht“ wird die ­Osterkerze entzündet und durch die dunkle Kirche zum Altar getragen. Wie viel Licht von einer einzigen Kerze ausgeht! Oft denke ich: ich bin allein in einer dunklen Zeit, ein kleines Licht, wenn überhaupt, und möchte verzagen. Aber Jesus hat gesagt, daß wir Licht sind. Diese eine Osterkerze erhellt die ganze Kirche! Unter Gesang wird das Osterlicht durch die Reihen gegeben, jeder entzündet seine Kerze an der des Nachbarn. Zwei weitere Zeichen des Bundes, den Gott mit uns Menschen geschlossen hat, feiern wir noch in diesem Gottesdienst: die Taufe einer jungen Frau und unsere gemeinschaftliche Tauferneuerung. Wir schließen mit dem Abendmahl.
Mit alten und neuen Liedern, vergnüg­lichen und besinnlichen Beiträgen und ausgiebigem Osterbrunch haben wir an verschiedenen Orten ein frohes Miteinander.
Der Reichtum der Osterzeit liegt in der ­Gemeinschaft.    

Was gehört zu einer Sederfeier?

Pessach oder Passah heißt wörtlich: „vorübergehen, ver­schonen, nicht zerstören, Leben erhalten.“ Die Einsetzung des Festes siehe 2. Mose 12. Das jüdische Fest dauert eine Woche und beginnt mit einem Eröffnungsabend, der Sederfeier. 

Es gehören dazu:
4 Freudenbecher; Freudenkelche:    

  1.     Kelch der Befreiung
  2.     Kelch der Errettung
  3.     Kelch der Erlösung
  4.     Kelch des Heils

        (vgl. 2. Mose 6, 6-7)
 
Mazzen: Brot aus ungesäuertem Teig; erinnert an den
    hastigen Aufbruch aus Ägypten.
 
Symbolspeisen:

  1. Mej Melach – Petersilie in Salzwasser; erinnert an das Bestreichen der Türpfosten zur Bewahrung vor dem ­Todesengel und an den Durchzug durch das Schilfmeer
  2. Karpas – grünes Kraut
    (bei uns Radieschen, Feldsalat, Möhren, Gurken);
    Dank an den Schöpfer, der alles wachsen läßt
  3. Maror – Bitterkraut
    (bei uns Meerrettich); erinnert an den Sklavendienst in Ägypten – für uns steht es für die Bitternisse des Lebens 
  4. Charossot – Mus aus Äpfeln, Mandeln, Bitteröl, Zimt und Nüssen; erinnert an das Ziegelbrennen in der ­Sklaverei


Siebenarmiger Leuchter (Menora): goldener Leuchter
­im Allerheiligsten des Tempels zu Jerusalem. Im christlichen ­Kultus ein Symbol für die sieben Gaben des Heiligen Geistes. Oft wird der Siebenarmige Leuchter auch mit der ­Ikonographie des Jessebaumes, des Stammbaumes Jesu, ­
in ­Zusammenhang gebracht. (Jesse, griechisch-lateinische Form des ­hebräischen Namens Isai, „Mann Jahwes“.)

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