Gewicht in der Krone

Wie Kinder an Krisen wachsen können

Ursula Hein lebt mit ihrem Mann Dierk seit 1976 in der OJC Gemeinschaft. Als Mutter von vier inzwischen erwachsenen Kindern liegen ihr vor allem pädagogische Themen am Herzen. Sie engagiert sich in Vorträgen zu Erziehungsfragen und in der Begleitung ratsuchender Eltern. Den folgenden Beitrag hielt sie in der Arbeitsgruppe „Kinder brauchen Krisen – Chance für Wachstum“ am „Tag der Offensive“ im Mai 2004 in Reichelsheim.

Brauchen unsere Kinder Krisen?

Spontan würden die meisten von uns wohl mit Nein antworten. Ich möchte Ihnen im folgenden jedoch aufzeigen, warum es wichtig für Kinder ist, Krisen zu erleben und zu bewältigen. Mit „Krisen“ meine ich keine traumatischen seelischen Verletzungen, sondern die kleinen und größeren Herausforderungen im Alltag, durch die Kinder – begleitet von ihren Eltern – Fähigkeiten einüben, die sie später brauchen werden.

Es gibt ein eindrucksvolles Bild für den lebensstiftenden Sinn von Krisen: Am Strand der Südseeinseln wachsen Palmen. Sie tragen Früchte und liefern den Einheimischen wertvolles Baumaterial. Wenn aber vom Meer der Sturm kommt, drohen die bis zu 30 Meter hohen Bäume umzustürzen, weil sie als Flachwurzler dem Sturm nicht standhalten können. Um das zu verhindern, legen die Einheimischen den jungen Palmen schwere Gewichte in die Krone. Durch den Druck des Widerstandes bilden die Palmen nun Pfahlwurzeln, die im Korallengeflecht unter dem Sandstrand festen Halt finden. So können sie dem Sturm besser standhalten.

Wir als Eltern haben mitunter Angst davor, unseren Kindern Widerstand, Enttäuschungen, Verzicht und Herausforderungen zuzumuten. Der Grund dafür kann in nichtverarbeiteten Krisen liegen, die wir selbst als Kinder erleben mußten, und auf die wir bis heute weder Antwort noch Heilung gefunden haben. Wenn wir in solch einem kritischen Wendepunkt einer schmerzhaften Krise steckengeblieben sind, – vielleicht in Resignation oder in der Anklage gegen Menschen und gegen Gott –, werden wir verständlicherweise viel eher dazu neigen, unseren eigenen Kindern Krisen ersparen zu wollen und sie vor allen schmerzhaften Erfahrungen zu schützen. Wir sind uns oft gar nicht bewußt, daß die- eigentliche Schwierigkeit nicht in der Krise an sich besteht, sondern im Fehlen der hilfreichen Begleitung und Ermutigung durch die Eltern. Kritische und krisenhafte Situationen lassen sich trotz aller Anstrengung nicht verhindern, und so besteht die Gefahr, daß wir unsere eigenen unbewältigten Enttäuschungen und Verletzungen in unsere Kinder hineinprojizieren. Die Folge davon ist, daß wir die Verantwortung für ihre Schwierigkeiten übernehmen und sofort versuchen, die entstandenen Spannungen abzubauen und Lösungen für sie zu finden, selbst wenn unsere Kinder ihrem Alter nach selbst schon dazu fähig wären.

Indem Eltern Verantwortung für etwas übernehmen, was sie eigentlich dem Kind überlassen sollten, machen sie sich zum „potentiellen Opfer (ihrer eigenen) unkontrollierbaren Ängste“1 und trauen ihm gar nicht zu, aus eigener Kraft Spannungen und Schmerz auszuhalten und die Krise zu meistern. Wer sein Kind auf Dauer in falscher Weise schützt und schont, trägt dazu bei, daß es sich unter Umständen zu einem labilen, anspruchsvollen und selbstbezogenen Menschen entwickelt, der erwartet, daß sich das Leben nach ihm richtet. Spätestens, wenn dieses Kind dann außerhalb des Elternhauses die Erfahrung macht, daß dies nicht so ist, wird es empört oder entmutigt sein und sich schnell von Menschen und von Gott im Stich gelassen erleben. Seine Lebenswurzeln sind sehr flach und Lebensstürme können für ihn zu einer ernsthaften Bedrohung werden.

Wie werden unsere Kinder "Pfahlwurzler"

1. Umgang mit Gefühlen: Eigene Gefühle wahrnehmen, aushalten, mit ihnen umgehen lernen, sie loslassen.

2. Soziale Kompetenz: Wenn die selbst erfahrene Zurücksetzung durch andere Kinder ausgehalten und verarbeitet wird, kann die Fähigkeit wachsen, sich ab dem Teenager-Alter in andere benachteiligte Menschen hineinzuversetzen und ihnen beizustehen.

3. Umgang mit Verzicht: Nicht in Selbstmitleid stecken bleiben, sondern kreativ Lösungswege suchen.

4. Eigene Beziehung zu Gott: In nicht lösbaren Krisen nicht verzweifeln, sondern Hilfe bei Gott suchen und erwarten.

An jeweils einem Beispiel möchte ich diese vier Fähigkeiten erläutern.

1. Umgang mit Gefühlen

Kinder erleben in der Regel Gefühle intensiver als Erwachsene, besonders in den ersten sieben Lebensjahren. In diesem Alter können sie die Wucht ihrer Gefühle noch nicht beherrschen und dürfen deswegen für den Gefühlsausbruch nicht bestraft werden.

Es ist für den dreieinhalbjährigen Matthias zum Beispiel schwer zu erleben, daß er die spannende Kassette nicht länger anhören darf, weil es in seiner Familie die Regel gibt, daß das Anhören von Kassetten nur in der Mittagspause und in den Zeiten der Krankheit erlaubt ist. Und die Mittagspause ist nun vorbei. Er bricht in einen Wutanfall aus. Als nun auch noch der kleine Bruder diese Situation nutzt, um seine gehüteten Süßigkeit aufzuessen, überschwemmen Gefühle von Enttäuschung und Wut den Dreieinhalbjährigen. Da tut es dem Kind gut, von der Mutter für die gezeigten Gefühle nicht ausgeschimpft und bestraft zu werden, sondern zu erleben, daß sie die Wucht der Gefühle mit ihm aushält. Es hilft ihm nicht, von diesen Gefühlen durch alternative verlockende Angebote abgelenkt zu werden. Es hilft ihm aber, wenn Vater oder Mutter für ein paar Minuten versuchen zu fühlen, was das Kind fühlt, und es dabei in den Arm nehmen. Dabei können Sie etwas Einfaches sagen wie: „Ich weiß, daß das für Dich eine große Enttäuschung ist.“ So erlebt sich das Kind verstanden.

Es ist allerdings nicht hilfreich, sich grenzenlos in die Kinder hineinzufühlen, sonst kann es sein, daß Sie selbst in eine Krise kommen. Sie können danach Ihre durch den Gefühlsausbruch unterbrochene Tätigkeit wieder aufnehmen; aber lassen Sie Ihr Kind mit der Situation nicht allein. Es hilft dem kleinen Kind, sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden, wenn Sie immer wieder zu ihm gehen und  fragen, ob es Ihnen helfen möchte, oder wenn Sie einen Vorschlag für eine Spielidee machen. Hat das Kind genug geweint oder getobt, wird es sich auf einen dieser Vorschläge einlassen können.

Erlebt das Kind ähnliche Situationen immer wieder, lernt es dabei, seine Gefühle wahrzunehmen, die damit verbundene Spannung auszuhalten und die Gefühle von Wut und Enttäuschung loszulassen. Es lernt, daß Enttäuschungen zum Leben dazugehören.

2. Soziale Kompetenz

Für die fünfjährige Dagmar war es eine schmerzliche Erfahrung, ihre beiden Freundinnen im Kindergarten durch ein neu dazugekommenes Kind in der Gruppe zu verlieren. Sie durfte nur noch mitspielen, wenn sie für eine Spielidee gebraucht wurde. Im diesem Alter können Kinder in einer Krisensituation noch keine eigene Lösung finden. Noch brauchen sie Begleitung und Unterstützung. Es half Dagmar, daß die Mutter bereit war, sich ihre Klagen immer wieder anzuhören. Die Mutter wußte aus eigenem Erleben, daß Mädchen ihren Schmerz verarbeiten, indem sie darüber reden. Zusätzlich machte sie sich die Mühe, nachmittags Mädchen aus der Nachbarschaft zum Spielen einzuladen. Trotzdem litt Dagmar unter dieser Situation im Kindergarten. Um Dagmar zu ersparen, daß sie diese Ausgrenzung auch nach der Einschulung weiter erleben würde, schulten die Eltern sie in eine weiter entfernte Grundschule ein. Zur großen Erleichterung der Eltern fand Dagmar dort ihren Platz unter den Mitschülerinnen. Sie erlebte, daß andere gern mit ihr zusammen waren. Das stärkte ihr verunsichertes Selbstwertgefühl. Sicher nicht nur, aber wohl auch, weil sie den Schmerz sozialer Ungerechtigkeit selbst erfahren und mit Hilfe der Mutter verarbeitet hatte, wurde sie empfindsam für den Schmerz anderer. Heute ist Dagmar 13 Jahre alt und Klassensprecherin, die sich für die Nöte ihrer Mitschüler engagiert einsetzen kann.

Weil sie durch die Begleitung der Mutter Zuwendung und Trost erlebt hatte, ist sie nicht im Jammern und in der Anklage steckengeblieben, sondern konnte Fähigkeiten entwickeln, sich für andere benachteiligte Menschen einzusetzen.

3. Umgang mit Verzicht

Als unsere Tochter 14 Jahre alt war, konnten wir ihr den Klavierunterricht nicht mehr bezahlen. Einige Tage lang war sie verständlicherweise sehr traurig. Dann kam ihr die Idee, nur noch zweimal im Monat Klavierunterricht zu nehmen und dies von ihrem Kleidergeld selber zu finanzieren. Das bedeutete allerdings, daß sie den Mut aufbringen mußte, mit abgetragener Kleidung herumzulaufen. Aber sie wußte sich zu helfen: sie fing an, sich ihre Kleidung selbst zu nähen. Zwar klappte das nicht so schnell und leicht, wie sie sich das vorgestellt hatte; da sie aber ein Ziel hatte, – nämlich weiter Klavierunterricht zu nehmen –, hielt sie durch. Von ihren Mitschülerinnen bekam sie sogar viel Anerkennung für die selbstgenähten Sachen.

Wenn wir uns wünschen, daß unsere Kinder bei Situa-tionen des Verzichts nicht im Selbstmitleid steckenbleiben, müssen wir sie nach der ersten berechtigten Trauer darin unterstützen, selber kreative Lösungen zu suchen und zu finden. Jetzt, im Alter von vierzehn Jahren, sind sie dazu fähig.

4. Eine eigene Beziehung zu Gott bauen

Martin wurde in der 6. Klasse von einigen Mitschülern gemobbt. Als er seinen Eltern davon erzählte, hatten sie gleich viele Ratschläge, wie er mit dieser Situation fertigwerden könnte. Er weigerte sich, diese Ratschläge anzunehmen und sprach überhaupt nicht mehr darüber. Aus seinem Schweigen schlossen die Eltern, daß sich die Situation gebessert hatte. Das war aber nicht der Fall. Sie wurde so unerträglich für Martin, daß eines abends bei einem gemütlichen Beisammensein mit der Mutter seine Verzweiflung zum Ausbruch kam. Er fing an zu sprechen und begann zu weinen. Seine Mutter war sprachlos vor so viel Not. Ihrem Herzen folgend, fragte sie Martin behutsam, ob sie das Gehörte in einem Gebet vor Jesus formulieren dürfe. Martin willigte zögernd ein und fand, nachdem die Mutter gebetet hatte, eigene Worte des Betens. An diesem Abend entdeckte er Jesus als seinen Freund. Nun war er in seiner Not nicht mehr allein. In der Gegenwart dieses neuen Freundes fand er einige Zeit später den Mut, dem ihn quälenden Jungen zu sagen: „Dein Verhalten verletzt mich. Du wirst das in Zukunft lassen.“ Martin lernte, sich nicht mehr wie ein hilfloses Opfer zu benehmen und dadurch die anderen Jungen geradezu einzuladen, ihn gemein zu behandeln, sondern um seine Würde zu kämpfen.

Wenn unsere Kinder erleben, daß wir als Eltern in Krisensituationen, in denen wir nicht mehr weiterwissen, nicht verzweifeln, sondern Mut und Kraft bei Gott finden, wird in ihnen die Sehnsucht geweckt, selber diesen Halt bei Gott zu suchen.

In diesen Beispielen überwundener Widerstände haben Eltern und Kinder erlebt, daß die „Krise“ zur Herausforderung wurde, Standfestigkeit einzuüben. Kindern können „Pfahlwurzeln“ wachsen, die ihnen helfen, Lebensstürmen standzuhalten.

Seien Sie ermutigt, sich nicht vor der nächsten Krise zu fürchten, sondern freudig gespannt zu sein, mitzuerleben, wie Ihre Kinder daran wachsen und dadurch beschenkt werden.

Von

  • Ursula Hein

    lebt mit ihrem Mann Dierk seit 1976 in der OJC Gemeinschaft. Als Mutter von vier inzwischen erwachsenen Kindern liegen ihr vor allem pädagogische Themen am Herzen.

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