Editorial zu "Gegen den Strom. Wie gesunder Widerstand wachsen kann"

Im Gebet wird eingeübt, daß Gott allein Gott ist, daß der Mensch also endlich Mensch werde. Die tiefe Rückbindung in das Zentrum des Glaubens und dessen intime Aneignung sind die Voraussetzung, um schließlich auch im Alltag bis zum Äußersten gehen zu können.

Gotthard Fuchs

Liebe Freunde

Ob Mode oder Droge, Gesundheitswahn oder Gewinnversprechen, Schokoladenprinz oder Sektenguru – täglich werben Mächte um uns und machen eine Fülle von Entscheidungen möglich, aber auch nötig! Was oder wem ist zu widerstehen – und wo und mit wem dürfen wir gehen? Was hilft uns, in unserer hochkomplex gewordenen Welt zu unterscheiden, was dem Leben dient und was – hinter dem schönen Schein – lebenszersetzend ist? Wenn man dem Wort Wider-Stand nachgeht, spürt man schon, daß sich den nur leisten kann, wer in sich selber steht, selbständig ist, nicht so leicht zu beeindrucken und zu verführen. Im Gegenteil – bereit, wenn nötig, mutig gegen den allgemeinen Strom des politisch oder gesellschaftlich Korrekten zu schwimmen.

Welch ein Schatz ist es da, daß wir in unserer Geschichte auf Menschen zurückblicken können, die vor uns geglaubt, geliebt und gehofft haben und für ihre Überzeugungen und für die Zukunft der nächsten Generation bereit waren, sogar ihr Leben zu riskieren. Soeben jährte sich das Attentat des 20. Juli gegen Hitler zum 60. Mal, und wir gedachten der Männer und Frauen, die es gewagt hatten, sich der Zerstörungswalze des Nazi-Regimes entgegenzuwerfen. Sie stehen für ein anderes, menschlicheres Deutschland, das es uns heute leichter macht, die Brücke in die eigene Vergangenheit zu schlagen. Darum ist es verständlich, wenn Eugen Rosenstock-Huessy schreibt: „So waren Helmuth James von Moltke und Dietrich Bonhoeffer im Augenblick ihrer Hinrichtung die legitime deutsche Staatsgewalt, und zwar die einzige. Wer das leugnet, der leugnet die Epoche.“

Wie wächst Widerstandskraft?

Es ist wertvoll, aber immer noch wenig erforscht, wie Menschen Zivilcourage und Widerstandsfähigkeit erwerben. Jede Biographie hat hier ihr eigenes Gepräge, dennoch gibt es ein Klima, das ein solches Wachstum in besonderer Weise zu fördern scheint: Keine physische oder psychische Gewalt in der Familie und ein welt- und menschenoffenes Haus sind auffällige gemeinsame biographische Indikatoren.

Fünf Gemeinsamkeiten in den Biographien von Männern und Frauen des Glaubens, die im Widerstand gegen das Dritte Reich ihr Leben ließen, hat der Theologe Gotthard Fuchs (Glaube als Widerstandskraft) herausgefunden:

  1. Ihr leidenschaftlicher Wille zur Wahrhaftigkeit und Lauterkeit. Sie sind äußerst aufmerksam gegenüber inneren und äußeren Verführungs- und Entfremdungsinstanzen und -tendenzen.
  2. Bei allen kommt der Mut hinzu, andere um Rat zu fragen, ob es gewachsene Freundschaften sind oder geistliche Begleitung. Das Instrument der persönlichen Beichte ist ihnen wichtig.
  3. Drittens sei hervorgehoben, mit welchem Ernst diese Christen das Evangelium des Alten und Neuen Testaments beim Wort nahmen. Sie wissen sich persönlich von Gott gerufen.
  4. Alle waren große und konsequente Beter – nicht im Sinne einer weltflüchtigen Innerlichkeit. Sie verstanden und praktizierten einsames und gemeinsames Gebet als alles fundierende Unterscheidung zwischen Gott und Mensch. Beten hatte für sie viel zu tun mit dem Aushalten von Spannungen vor Gott.
  5. Sie hatten den Mut, sich „von außen“ in Beschlag nehmen zu lassen, hatten den Willen zur Zeitgenossenschaft. Sie übernahmen Verantwortung für Mitmenschen im einzelnen, aber eben auch für die gesamtgesellschaftliche Lage des Volkes.

Der Soziologieprofessor Samuel P. Oliner, einer der bekanntesten Altruismusforscher in den USA, hat über Jahrzehnte hinweg Menschen, die anderen Menschen unter Einsatz ihres Lebens beigestanden sind, über ihre Biographie und ihre Motive befragt. (S.176) Rückblickend auf die persönliche Begegnung mit uns hier in Reichelsheim schrieb er uns jetzt: „Gerne denke ich an meinen Besuch vor 11 Jahren bei der Offensive in Reichelsheim zurück. Horst-Klaus Hofmann hatte mich eingeladen, über meine Forschung zu berichten. Ich habe damals in der OJC den Geist der Anteilnahme, der Fürsorge und der sozialen Verantwortung gespürt und bin gewiß, daß er auch heute noch wirksam ist.“

Widerstand heute!

Anfang Juli wurde das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare in der ersten Lesung im Bundestag diskutiert. Vermutlich ist bereits im frühen Herbst mit einer Entscheidung zu rechnen. Wenig Zeit für die Politik, um sich mit einer Materie, die enorme Auswirkungen haben wird, inhaltlich vertraut zu machen. Die von langer Hand durch Lobbyisten der Homosexuellenverbände auf emotionaler Ebene erhobene Forderung des „Rechts auf ein Kind“ wird damit begründet, daß es tief verletzend und diskriminierend sei, gleichgeschlechtlichen Paaren den Adoptionswunsch zu versagen. Scharfsinnig hat Prof. Gerhard Amendt vom Institut für Geschlechterforschung jüngst in der WELT mutig Einspruch erhoben und festgestellt: „Es scheint ganz so, als müßten wir wieder darüber reden, was Diskriminierung eigentlich ist. Niemand wird schon deshalb diskriminiert, weil das, was er haben will, nicht zu haben ist oder ihm ganz bewußt vorenthalten wird. Kindern Alkohol nicht auszuschenken, ist deshalb keine Diskriminierung, weil die Versagung aus Sorge um ihr Wohl erfolgt.“ Wer also denkt an das Wohl der Kinder bei der Adoptionsfrage? Dr. Christl R. Vonholdt legt in ihrem Artikel wichtige Hintergrundfakten zur Sache aus der Geschlechterforschung dar.

Lebensbotschaft als Buch

Am 24. August würde Irmela Hofmann, Mitgründerin unserer Lebensgemeinschaft, Seelsorgerin für unzählige junge Erwachsene und vollmächtige Bibellehrerin, 80 Jahre alt. Am 23. August jährt sich ihr Todestag zum ersten Mal. In großer Dankbarkeit Gott und Hofmanns gegenüber gehen wir auf diesen runden Geburtstag zu, den wir im Kreis unserer Kommunität in einem lebendigen Erzählen der Anfangsgeschichte des „Experiments Großfamilie“ erinnern werden.

Ihr Herz brannte dafür, die junge Generation für Jesus zu gewinnen. Dabei ging es ihr nicht nur um Bekehrung, das konnte nur der erste Schritt auf dem Weg sein. Ihr ging es vor allem um Wachstum und Wirksamkeit im Glauben. „Durchgangsstation“ und nicht Endverbraucher der Liebe Gottes zu werden, dafür zu werben, wurde sie nicht müde. Das war wohl auch das Geheimnis ihrer immer neuen Bereitschaft, ihre ganze Kraft – trotz schwerer Krankheitszeiten – für andere einzusetzen.

Um auch Ihnen Anteil an den vielfältigen geistlichen Früchten ihres Lebens zu geben, haben wir ein „Werkstattbuch“ mit ihren besten Texten zusammengestellt, das im August erscheinen wird. (S. 184).

Ein wiederkehrendes Anliegen von Irmela, die auch viele Jahre Schatzmeisterin der OJC war, war der Wunsch, ein „Haus“ zu schaffen für die Altersversorgung der langjährigen Mitarbeiter in der Kommunität, die auf Taschengeldbasis leben. Den Grundstein für ein solches „Haus“ (griech. oikos), das eine solche Alterssicherung langfristig ermöglichen kann, haben wir am 20. Juli gelegt: Wir haben die OJCOS-Stiftung gegründet.

OJC-Festival im Rückblick

Ein strahlend sonniges „Wetterloch“ in einem sonst verregneten und kühlen Frühsommer ermöglichte uns wunderschöne Tage der Begegnung mit unseren Freunden. Allein am Himmelfahrtstag waren mehr als 600 Erwachsene und rund 200 Kinder und Jugendliche nach Reichelsheim gekommen.

Den Festvortrag hielt ein Freund der OJC, Dr. Manfred Lütz, der mit rheinisch humorigem Zungenschlag eine heiter-tiefsinnige Zeitanalyse vortrug und den Trend aufzeigte, das Gesundheitswesen als neue Religion zu etablieren.

Was als Büttenrede anzuheben schien, war tatsächlich eine erschreckende Bilanz (in vielen kleinen Alltagsbeispielen), wie sich das Menschenbild bei uns schleichend verändert – hin zum Kult des Starken, Jungen, Gesunden, was zwangsläufig zur systematischen Ausgrenzung und Verachtung des Behinderten, Schwachen, Alten als unbrauchbar führen wird und schon führt.

Wir sind sehr beschenkt und ermutigt aus den Tagen der Begegnung hervorgegangen und haben gesehen, wie groß und lebendig die OJC-Freundesfamilie ist. Ein Arzt und alter OJC-Freund schrieb uns danach: „In dieser geistlichen Dichte habe ich die OJC nur am Anfang erlebt.“ Dank sei Gott.

Geistliche Wegweisung

Sehr dankbar sind wir für die Begleitung unserer Gemeinschaft durch den junggebliebenen Altbischof Eduard Berger aus Dresden. Er hielt uns in unserer Kommunitätswoche im Juni drei biblische Betrachtungen, die für intensive Gespräche unter uns sorgten. Am Beispiel von Apg. 15 hörten wir von drei möglichen Formen des Umgangs in einer Gemeinde bzw. Gemeinschaft: den Weg miteinander, den Weg gegeneinander und den Weg nebeneinander. Letzterer wird uns berichtet von Paulus und Barnabas, die sich trennten, dabei aber dem gemeinsamen Ziel verpflichtet blieben.

Nicht als Aufruf zur Trennung, sondern als Konfliktlösungsmodell in verfahrenen Situationen eröffnet diese urgemeindliche Erfahrung die Möglichkeit eines fruchtbaren Nebeneinanders, wenn ein erzwungenes Miteinander das gemeinsame Ziel, Jesus zu verkündigen, blockiert. Innerhalb der Gemeinschaft derer, die miteinander gehen, hat Berger uns eindringlich die „kurze Hierarchie“, in der jeder unmittelbar zu Christus ist, neu nahegebracht. Zu Ihm hin sind wir alle gleich – als Verschiedene. Das ist der einzige Boden und Voraussetzung für eine gesunde Leiterschaft. Alles andere endet in falschen Abhängigkeiten. Auf dem gemeinsamen Boden der kurzen Hierarchie zu Christus können unsere Begabungen je nach Zweckmäßigkeit in der Gemeinschaft oder der Gemeinde ihren Platz finden.

Begnadete Anfänge(r)

Mit einer originellen Dankeschön-Party haben wir Ende Juli unser FSJ-Team verabschiedet. Nach einem Jahr in der OJC gehen die 18 Freiwilligen aus dem Jahresteam jetzt ins Studium, in die Lehre oder in den Beruf zurück. Die Auswertung des gemeinsamen Jahres war bewegend für uns. „Ich habe hier für mich das Abendmahl als Lebensquelle entdeckt“ (Friederike). „In diesem Jahr habe ich richtig Hunger auf die Bibel bekommen. Ich glaube, daß meine Beziehung zu Gott jetzt erst so richtig angefangen hat“ (David). „Ich habe hier Vielfalt entdeckt. Die Vielfalt in der Art, Gottesdienst zu gestalten, zu denken und zu leben“ (Birgit). „Als ich herkam, dachte ich, ich kann ja schon alles – auf meinem Feld wachsen schon viele schöne Blumen. Aber dann habe ich erlebt, daß Gott mein Feld umgepflügt hat, das hat mich viel Kraft und Schmerz gekostet. Aber ich habe erfahren, daß Gott vor allem Neues anbauen wollte. Ich habe eine ganz neue Grundlage für mein Leben bekommen“ (Lukas).

Verabschiedet wurde unser Jahresteam als „Ehemalige und Zukünftige“ erstmals in der Geschichte mit dem OJC-B.A. („Bachelor of Arts“): Sie gehen alle in der Gewißheit, daß sie von Gott Begnadete Anfänger sind. Damit passen sie gut in unsere wachsende OJC-Familie, die wir bis heute nichts anderes geworden sind. Wohl dem, der das Glück kennt, immer neu anfangen zu dürfen.

Ganz herzlich grüße ich Sie aus dem „Sommerhoch“ mit dem Wunsch, daß die Sehnsucht Ihres Herzens nach „Zeiten der Erquickung vor Seinem Angesicht“ (Apg 3,20) reichlich beantwortet wird.

Mit der ganzen OJC-Gemeinschaft aus Reichelsheim und Greifswald (im August können unsere ersten Mitarbeiter in das Haus der Hoffnung einziehen!),

Ihr

Dr. Dominik Klenk

abgeschlossen am 24.7.2004

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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