Der Acker ist bestellt

Die tragende Kraft biblischer Bilder

Am 24. August würde Irmela Hofmann, die Mitgründerin unserer Gemeinschaft, 80 Jahre alt. Anlaß für uns, in großer Dankbarkeit auf die reiche Segensspur ihres Lebens zurückzuschauen. In vielfältigen Begegnungen und Bibelgesprächen, Referaten und Rundbriefartikeln hat sie ausgeführt, wie man ein Mensch der Hoffnung wird, der den Mut hat, auch gegen den Strom des Zeitgeistes zu schwimmen.

Das Maß dafür nahm sie an Jesus selber und die Kraft schöpfte sie aus den Hoffnungsgeschichten der Bibel. Einige ihrer besten Beiträge haben wir zu einem „Werkstattbuch“ zusammengefaßt, das in Kürze beim Brunnen-Verlag erscheinen wird: Angela Ludwig (Hrsg.): Jesus lieben lernen. Biblische Begegnungen – erlebt mit Irmela Hofmann.

Wenn Jesus seinen Zuhörern das Reich Gottes vor Augen stellte, tat er das in Bildern, in Gleichnissen aus ihrem Alltag. Ein solches Gleichnis finden wir im vierten Kapitel des Markus-Evangeliums. Da heißt es:

Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie. Denn die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre. Sobald aber die Frucht reif geworden ist, legt er die Sichel an, denn die Zeit der Ernte ist da. (V. 26-29)

Sollten diese einfachen Sätze wirklich das Geheimnis des Reiches Gottes bergen können? Was sehen wir vor uns, wenn wir das Bild betrachten? Einen Mann, seinen Acker und einen Haufen graugelber Getreidekörner. Drei alltägliche Dinge, die miteinander das immer neue Wunder von Saat und Ernte enthalten.

In diesem Bild beschreibt der Zimmermann aus Nazareth seinen Jüngern das verborgene Wachstum des Gottesreiches, dessen Bote und dessen Herr er selber ist.

Weiß der Bauer, wie es geschieht, daß aus den Körnern, die er sät, wogende Getreidefelder hervorgehen? Kann er etwas dazutun oder aufhalten? In seiner Macht steht nur, das zu tun, was zu seinen täglichen Aufgaben gehört. Das Wesentliche des Wachstums bleibt ihm selber verborgen.

Ebenso wird auch uns, solange wir leben, das Wesentliche am Reich Gottes verhüllt bleiben. Aber das Bild vom Sämann will unsere Augen öffnen für die Tatsache, daß sich in dieser Welt, d.h. mitten unter uns, nicht nur Unheil und Katastrophen zusammenbrauen, sondern daß zugleich – verborgen aber unaufhaltsam – Gottes Reich wächst. Daß die Hoffnung der Völker auf eine Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit nicht unerfüllt bleiben wird.

Der Acker ist die Welt, sagt Jesus. Unsere Welt ist also nicht verworfen, sondern berufen, Acker zu sein. Sie ist für diese Aufgabe nicht nur bestimmt, sondern der Acker ist bereits bestellt. Es ist eingesät!

Darum wird die Geschichte der Menschheit hier auf dieser Erde letztlich nicht „ein Ende mit Schrecken“ nehmen; sie geht vielmehr einem Ziel entgegen. Der Tag, an dem sie aus dem alten Zustand in einen neuen, unvergleichlich anderen verwandelt werden wird, rückt näher.

Es wird eine wirklich neue Welt aus der alten hervorgehen, nicht die ewig alte mit neu getünchter Fassade oder versehen mit einem neuen Etikett. Der neue Himmel und die neue Erde werden lichterfüllt und voller Schönheit für die Menschen offenstehen und ihre Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Frieden und Liebe erfüllen.

Das ist nicht ein utopischer Menschheitstraum, sondern die Hoffnung der Christen seit zwei Jahrtausenden. Die begründete Hoffnung!

Das neue Jerusalem ist bereitet

Es gibt einen Mann, der hat das neue Jerusalem als Teil der neuen Erde in all seiner Herrlichkeit schauen dürfen, als er einsam und aus seiner Heimat verbannt auf der Insel Patmos lebte. Von ihm ist uns der folgende Bericht überliefert:

Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

Ich sah die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen. Sie war bereitet wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.

Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her rufen:

„Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein und er, Gott, wird bei ihnen sein.

Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, kein Schmerz. Denn was früher war, ist vergangen.“

Und er, der auf dem Thron saß, sprach: „Seht, ich mache alles neu!“

Und es kam einer von den sieben Engeln,

der entrückte mich auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem herniederfahren aus dem Himmel von Gott, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein, wie kristallklarer Jaspis ...

Jedes ihrer Tore besteht aus einer einzigen Perle. Die Straße der Stadt ist aus reinem Gold, durchsichtig wie klares Glas.

Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn der Herr, ihr Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, ist ihr Tempel, und das Lamm.

Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die sie beleuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.

Die Völker werden in diesem Lichtglanz einhergehen, und die Könige der Erde werden ihre Pracht in die Stadt bringen ... (Offb. 21, 1-24)

Durchflutet von unvorstellbarem Lichtglanz wird uns die vollkommene Stadt Gottes vor Augen gemalt, nicht als abgeschlossene Burg, sondern mit Toren, die bei Tag und Nacht offenstehen. In ihrem Licht werden die Völker der Welt leben – für immer getrennt von Leiden und Schmerz, von Krieg und Unrecht. Die Herrscher der Erde aber werden von weither kommen und – um die Herrlichkeit dieser Stadt noch zu erhöhen – ihre Kostbarkeiten hereintragen. Das Böse aber wird Gottes neue Welt nicht mehr erreichen. Nichts Unreines, keine Greuel und keine Lüge wird ihre Tore durchschreiten.

Wie ist das möglich?

Kann das Böse da, wo Menschen zusammenleben, ganz ausgeschaltet werden, besiegt für immer? Wir haben uns so sehr an das Grauen gewöhnt, daß wir uns eine Welt ohne Unrecht, ohne Grausamkeit und gewaltsamen Tod kaum vorzustellen vermögen.

Es hat auch zu allen Zeiten Menschen gegeben, die gern Gott selber zum Schuldigen an Elend, Gewalt und Unrecht dieser Welt erklärt hätten. Darum wird zuerst das Böse hier auf Erden ausreifen, damit es sich vor allen Menschen als das offenbart, was es ist: Gottes Feind und Widersacher allen Lebens. Jesus bezeichnet den Widersacher Gottes als den „Fürsten dieser Welt“, der noch immer Macht über die Menschen besitzt.

Mitten in unserem Jahrhundert hat das Böse einen erschreckenden Höhepunkt erreicht; es ist aus seiner Tarnung herausgetreten und für alle sichtbar geworden als blutrünstiger Terror und unmenschliche Gewalt. Ob wir in die Vergangenheit unseres eigenen Volkes schauen oder auf die Völker um uns her – unvorstellbar Schreckliches ist geschehen und geschieht noch immer von Menschen an Menschen.

In seinem zweiten Brief an die Christengemeinde in Saloniki schreibt der Apostel Paulus seinen Mitchristen, die sehnsüchtig auf die Wiederkunft Jesu warten: Laßt euch durch niemand und auf keine Weise täuschen, als sei der Tag der Erscheinung Christi nahe. Denn er, der Herr, kommt nicht, bevor nicht der Abfall von Gott kommt und der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens offenbar werde, der da ist der Widersacher, der sich über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, so sehr erhebt, daß er sich sogar in den Tempel Gottes setzt und sich als Gott ausgibt ... Dann wird der Boshafte für alle sichtbar werden. Jesus, der Herr, wird ihn durch den Hauch seines Mundes töten und durch die Erscheinung seiner Zukunft vernichten. (2. Thess 2)

Der Tag der Ernte wird kommen

Die Geschichte der Menschheit steuert auf ihr Ziel (Telos) zu: Das Reich Gottes in Frieden, Gerechtigkeit und Schönheit. Aber der Weg dahin führt durch Katastrophen und Chaos hindurch bis zur endgültigen Vernichtung des Bösen. Noch sieht es so aus, als behielten Ungerechtigkeit, Elend und Gewalt in der Welt den Sieg. Armut und Hunger auf der einen Seite, irrwitziger Konsum und Luxus auf der anderen, dazu Lüge im Eurovisionsformat – alles scheint darauf hinzudeuten, daß jeder Kampf dagegen sinnlos, nutzlos und absolut erfolglos sei. Aber es sieht nur so aus. Ebenso wie der Same im Acker, so ist das Reich Gottes in der Welt bereits gegenwärtig. So verborgen, sich selbst überlassen, unbeachtet und allem Anschein nach in Verwesung begriffen.

Aber der Tag der Ernte wird kommen; der Tag, an dem das Licht über den Völkern aufgehen und seine Herrlichkeit allen Menschen erscheinen wird. Der Sieg des Lichtes über die Finsternis wird an jenem Tage endgültig sein, nie wieder rückgängig zu machen; denn Gott hat seine Menschen nicht dem Verderben preisgegeben. Sie sind berufen, als Söhne und Töchter Gottes Anteil zu haben an seiner Herrschaft und an der Schönheit und dem Glanz des neuen Jerusalem.

Dann wird alle vergebliche Mühe ein Ende haben, denn der Fluch, der seit dem Sündenfall auf der Menschheit lastet, wird ausgelöscht sein und damit auch der Tod.

Es ließe sich aufzählen, was die Einwohner der zukünftigen Gottesstadt alles nicht mehr brauchen werden: Kernkraftwerke z.B. werden überflüssig sein, weder Lampen noch Stromleitungen sind notwendig. Auch Kirchen und Tempel als Stätten der Anbetung wird niemand mehr brauchen, weil die Bürger seines Reiches in der Gegenwart Gottes zu Hause sein werden, am Ziel ihrer Sehnsucht. Wer garantiert uns aber, daß die Zukunft des Gottesreiches, von der das Neue Testament spricht, nicht nur -Illusion und Träumerei frommer Schwärmer ist?

Dafür ist Jesus selbst unser Garant und Zeuge. Er ist der Same, der in den Acker dieser Welt hineingesät wurde, um sie zu ihrer Bestimmung zu führen, und er hat sich mit seinem Wort für unsere Zukunft verbürgt, als er seinen Jüngern sagte: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn‘s nicht so wäre, würde ich zu euch sagen: ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Ich will wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin (Joh 14,2f).

Angela Ludwig (Hg.): Jesus lieben lernen. Biblische Begegnungen - erlebt mit Irmela Hofmann, Brunnen-Verlag 2004.
Das Buch ist leider vergriffen, kann aber antiquarisch erworben werden

Von

  • Irmela Hofmann

    (1924-2003) gründete 1968 mit ihrem Mann Horst-Klaus die Großfamilie der Offensive Junger Christen. Sie war als Bibellehrerin, Seelsorgerin und Schriftstellerin über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

    Alle Artikel von Irmela Hofmann

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