Ich kämpfe einen schweren Kampf gegen Bitterkeit

Ein Porträt der deutschen Jüdin Lilli Jahn

 Tanja Jeschke

Das Erschrecken über die Shoa nimmt nicht ab. Das Erschrecken: so ist es gewesen – es sickert auch durch noch so fest gezogene und dick aufgetragene Schlußstriche hindurch, es läßt nicht nach. Und das ist gut. Es ist eine unserer wenigen Möglichkeiten, aufzuwachen und teilzunehmen. Doch worauf bezieht es sich? Auf das Wissen um das Böse, das in der Welt ist und mit dem noch kein Mensch je „fertig“ geworden ist? Auf den Einfluß falschen Denkens, dem jeder erliegen kann? Auf die Ohnmacht gegenüber einer absurden Übermacht? Auf etwas Allgemeines, Mächtiges, Anonymes also? Und woran dann teilnehmen? Geht das Einzelschicksal, dessen Geschichte den Schrecken hervorruft, denn nicht wiederum unter, und zwar im Schrecken selbst, weil nicht dieser Mensch in seiner Shoa wahrgenommen wird, sondern die zu fürchtende Macht, deren Opfer er wurde? Lilli Jahn. Eine Jüdin, in Auschwitz umgekommen.

Noch immer gibt es Zigtausende von Menschen, über die noch nicht geweint und getrauert wurde, Einzelschicksale, deren Geschichte noch nicht erzählt wurde und die doch für die Angehörigen noch heute von großer Bedeutung ist. Und nicht nur für die Angehörigen: „Jede neue Biographie, jede authentische Quelle aus der NS-Zeit erreicht auch neue Leser und ist schon deswegen ein Gewinn für die politische Kultur der Gegenwart und das historische Bewußtsein kommender Generationen“, schreibt ihr Enkel Martin Doerry.

Es sind insgesamt 250 Briefe, die Lilli Jahn – es gleicht einem Wunder – unmittelbar vor ihrer Deportation nach Auschwitz aus dem Lager Breitenau bei Kassel ihren Kindern zukommen lassen konnte. Das war 1944.

1998 erst wurden sie nach dem Tod ihres Sohnes Gerhard, Justizminister im Kabinett Willy Brandts,  auf dessen Dachboden gefunden und schließlich 2002 herausge­geben.

Briefe aus dem Todeslager

Lilli Schlüchterer kam 1900 als Tochter einer wohlhabenden Kölner Fabrikantenfamilie zur Welt. Sie war eine lebenslustige Frau mit großem Interesse für Kunst, Musik, Literatur und für Diskussion. Während des Medizinstu­diums lernte sie ihren Kollegen Ernst Jahn kennen, der in der herrschenden Inflation sein geerbtes Vermögen verloren hatte und – mit einer ängstlichen Vorliebe fürs Vage – an eine feste Anstellung kaum glauben konnte, die er schließlich im hessischen Immenhausen aber doch fand. Ihn wollte Lilli Jahn heiraten, und sie überwand mit eigensinniger Klarheit und einem fast enthusiastischen Liebesschwung sowohl die Skrupel ihrer Eltern, die vor einer Mischehe warnten, als auch die ihres Ehemannes, der sich auch in dieser Beziehung nicht recht sicher war. Lilli war eine Kampflustige, sie hatte die Kraft, Schwierigkeiten ihre freundliche, kluge Stirn zu bieten, und verfügte dabei über zwei starke Leitfäden: einen Sinn fürs Realistische und einen für das, was höher ist als alle Vernunft. Das Gute, das Wahre – sie fühlte es als „Lebenslust und -freude“ in sich, schrieb von diesem „lebensbejahenden Gefühl, das einem soviel Kraft und Mut gibt und uns nicht untergehen läßt“. Aber sie legte auch Wert auf angemessene Entscheidungen und bat Ernst eindringlich um eine realistische Selbstprüfung, „ob nicht Dir die Ehe mit einer Jüdin in Deinem Beruf und dem Vorwärtskommen Schwierigkeiten bereiten wird, und ich bitte Dich von Herzen, mir mit aller Offenheit darauf zu antworten“. Ihr Selbstverständnis ging weit hinaus über das damals sich emanzipierende Frauenbild. Natürlich verteidigte sie gegenüber Ernsts konservativen Vorstellungen ihren Wunsch, berufstätig zu sein trotz Ehefrau- und Mutterpflichten: „Du kannst sagen, was Du willst, und über das Frauenstudium denken, was Du willst: Ich habe nie aus Spielerei studiert, und je länger ich in meinem Beruf stehe, um so mehr hänge ich daran.“ Aber um Selbstverwirk­lichung an sich ging es Lilli nie. Ihre innere Spur, die sie mit großer Klarheit verfolgte, zeigt sich da am deutlichsten, wo dieselbe sich im Spiegel der Geschichte reflektiert. In der gemeingefährlichen Dunkelheit des Nationalsozialismus tritt ans Licht, wer diese Frau wirklich war. Das Sy­stem des Bösen und die Seele, Liebe und Gefühle Lilli Jahns stehen einander gegenüber in einer Kraßheit, die nicht mehr zu überbieten ist. Vor dem Angesicht dieser Frau entlarvt sich die Fratze des Bösen.

Lilli Jahn – ihr Name bedeutet das oben erwähnte Erschrecken, aber auch das unglaublich schmerzliche Erstaunen darüber, wie es anders sein kann zwischen den Menschen, nämlich wie Liebe ist, wie Güte und vor allem wie verzweifelte Gradheit und Ehrlichkeit wirken. Gerade in dieser tiefschwarzen Zeit.

Als 1933 Hitler an die Macht kommt, muß sie ihre Praxis bald aufgeben. Die nationalsozialistischen Mitbürger setzen ihr so zu, daß sie sich kaum mehr aus dem Haus traut. Lillis Mutter und Schwester emigrieren wie viele andere ihrer Verwandten, und auch für die Jahns öffnet sich 1939 eine Tür nach England, aber Ernst Jahn fürchtet sich vor dem Neuanfang im Ausland, und so bleiben sie mit ihren vier Kindern  – Gerhard, Ilse, Johanna und Eva – in Deutschland. Ernst Jahn hält dem Druck nicht stand und beginnt eine Liebesbeziehung mit seiner Urlaubsvertretung, Rita Schmidt. Nun kommen für Lilli also zu der äußeren Einsamkeit und Isolation auch noch die inneren Spannungen der Ehe dazu. Die Geliebte wohnt zeitweise mit im Haus und bringt schließlich sogar ein Kind von Ernst Jahn zur Welt, bei der Geburt hilft Lilli mit – unvorstellbar, was sie dabei empfunden haben muß. Unvorstellbar auch die Tragik, daß sie ihrem Mann zuliebe in Nazideutschland geblieben ist, wo er sie wiederum im Stich läßt. Er läßt sich von ihr scheiden und heiratet Rita. Eine Zeitlang wohnt die Familie weiter unter einem Dach, aber Lilli hat nun ihren einzigen Schutz durch die „Mischehe“ mit einem Arier verloren, und der Bürgermeister Groß veranlaßt schließlich, was er schon 1942 in einem Brief an seinen Vorgesetzten erwogen hat: „Durch die Abschiebung der Jüdin könnte die Arierärztin den Haushalt des Arztes Jahn weiterführen.... Und es könnte dadurch erzielt werden, daß die noch hier einzig wohnende Jüdin von hier verschwindet. Heil Hitler!“ Mit ihren inzwischen fünf Kindern zieht Lilli nach Kassel.

Die Liebe höret nimmer auf...

„Ich fühle mich im Inner­sten grenzenlos einsam und verlassen, ich kämpfe einen schweren Kampf gegen Bitterkeit, Enttäuschung und den Glauben an die Menschen“, schreibt sie an eine Freundin. Aber wie immer: Sie geht ihren Weg. „Die Liebe höret nimmer auf“ – mit diesem Zitat aus dem ersten Korintherbrief beginnt Lilli ein Notizbuch, in dem sie Gedanken und Sentenzen, u.a. auch von Hölderlin, Hegel, Rilke zu ihrem Lebensthema „Liebe“ sammelt. Ihre Kinder läßt sie evangelisch taufen und konfirmieren, sie selber bleibt im Judentum verwurzelt und immer neu mit der Existenzfrage beschäftigt, die sie jedoch nicht mit einem bewußten Glaubensleben zu beantworten sucht, sondern mit dem intensiven Bemühen, in jeder Situation und nicht selten ihren eigenen Gefühlen zum Trotz zu lieben, zu verstehen, zu vergeben. Ihre innere Spur führt sie sogar dahin, für ihren Mann Verständnis zu gewinnen und bei ihren Freunden darum zu werben, sein Verhalten nicht zu verurteilen. Auf den ersten Blick wirkt es befremdend, wenn sie in einem Brief an ihre Freundin von seiner „weichen, zarten Empfindsamkeit“ schreibt, „die es ihm unmöglich gemacht hätte, an einer Entsagung und Überwindung innerlich zu wachsen und zu reifen“ und überzeugt ist: „Weder Leichtsinn noch Herzlosigkeit noch Schlechtigkeit kann man ihm vorwerfen“. Doch Lilli nimmt ihren Mann nicht in Schutz als blinde, naive Ehefrau, die nicht wahrhaben will, was ihr angetan wird. Sie beschreibt die Situation und ihren Kummer ehrlich und schonungslos. Aber sie scheint dabei bewegt zu sein von so etwas wie Erbarmen ohne jede Beschönigung, von eben dem, das höher ist als alle menschliche und auch weibliche Vernunft. In keinem ihrer Briefe verdammt sie Ernst Jahn, ihre Situation, ihre Not. Sie zeigt ihr Leiden sehr wohl, ihre Verzweiflung, aber letztlich bleibt sie ihrem Herzen treu, so verwundet es auch ist.

Der Begriff des Herzens sammelt all das, was das Dritte Reich systematisch zerstören wollte. Der Nationalsozialismus war eine abartige Kampagne gegen die Liebe. Aber Lilli Jahns Leben zeigt, daß sie nicht kaputt zu kriegen ist. Daß die Gewalt der Nazis ein stinkender Lappen ist angesichts der Kosenamen, die zwischen Mutter und Kindern ausgetauscht werden.

Ende August 1943 wird sie von der Gestapo in das Arbeitserziehungslager Breitenau verschleppt. Zwölf Stunden am Tag Zwangsarbeit in einer Pharmafabrik. Die Kinder bleiben allein zurück. Erst als das Haus in Kassel bei einem Luftangriff völlig ausbrennt, ziehen sie zu ihrem Vater zurück, wobei sie unter den ständigen Spannungen mit seiner neuen Frau zu leiden haben.

Ein intensiver Briefwechsel mit ihren Kindern beginnt. Sie lassen Lili teilnehmen an Schulproblemen, Kuchenbäkkerei, Ausflügen, Angst und Ärger, schicken Päckchen, Geld, Liebesbezeugungen, so oft es geht. Lilli selber darf nur einmal im Monat schreiben, ab und zu jedoch schafft sie es, ein paar Zeilen auf der Zugfahrt zur Arbeit herauszuschmuggeln.

Einander das Leben zusprechen

Diese Briefe: ein aufwühlendes Zeugnis von Menschen, die aneinander festhalten und sich gegenseitig das Leben zusprechen, das ihnen fortwährend von außen abgesprochen wird. Und doch sind auch diese Briefe letztlich ein Symptom des Bösen, denn sie zeugen von der Umdrehung dessen, wie es eigentlich sein sollte: hier müssen die Kinder ihre Mutter versorgen. „Kriegst Du satt zu essen? ... Frierst Du mir nicht? ... Zieh Dir doch warme Wäsche an, die Du doch noch hast. Gell, tu das, damit Du nicht krank wirst. ... Ich mache alles so gut ich kann, und es wird allmählich Deiner Arbeit ähnlich“, schreibt die vierzehnjährige Tochter Ilse an Lilli nach Breitenau.

Wiederholt bittet Ilse den passiven Vater, der seine quälenden Schuldgefühle in langen Briefen an seine Tochter loszuwerden versucht, bei der Gestapo ein Gesuch um Freilassung der Mutter einzureichen, und er zögert oder verspricht, alles Mögliche zu tun, was aber schließlich auf dasselbe hinausläuft: im März 1944 wird Lilli nach Au­schwitz deportiert.

Im Juni 1944 stirbt sie. Bis heute ist nicht klar, ob sie an Krankheit und Schwäche starb oder in der Gaskammer umkam.

Ihr Enkel Martin Doerry hat die knappen Kommentare zwischen den einzelnen Briefen ganz im Geist Lillis verfaßt. Kein Zwischenton verrät den mitgekränkten Enkel. Keine Polemik will nachträglich abrechnen. Schuld wird nicht zugewiesen, ist aber deutlich da. Kein Zeigefinger erhebt sich gegen Ernst Jahn oder die Immenhausener Bürger. Mildernde Umstände gibt es nicht, aber wenn irgend möglich, wird das Bestmögliche vom andern gedacht und nicht das Schlechteste unterstellt. Kein Haß, stattdessen Trauer. Lilli Jahn, eine Jüdin, in Auschwitz umgekommen.

Martin Doerry: "Mein verwundetes Herz". Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/München 2002.
Das Buch ist beim Verlag vergriffen, aber antiquarisch erhältlich

Von

  • Tanja Jeschke

    1964 in Pretoria geboren, war 1984/85 in der OJC-Jahresmannschaft. Studium der Germanistik und Theologie. Sie arbeitet als freie Autorin und hat u.a. einen Erzählband und mehrere Kinderbücher veröffentlicht.

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