Wenn der Löwe brüllt...

Eine Ermutigung zur Jüngerschaft in schwierigen Zeiten

– Predigt zu 1. Petrus 5, 8-11 am Himmelfahrtstag

Dominik Klenk

Liebe Freunde der OJC,

liebe Gemeinde!

Vor etwa 30 Jahren – an einem Tag wie heute – war ich Zeuge eines kurzen Gesprächs zwischen meinem Spielkameraden Christian und seinem Vater.

Christian: Papa, was für ein Tag ist heute? – Vater: Mein Sohn, heute ist Christi Himmelfahrt!  – Darauf Christian: Au ja Papa, darf ich auch mitfahren?

Wie klar war damals noch die Besetzung des Tages mit einer geistlichen Dimension und wie echt die Sehnsucht des Kindes, etwas Spannendes zu erleben – und sei es mit Jesus. Himmelfahrt – da will ich mit!

Der Sohn von damals ist inzwischen selber Vater. Und Christi Himmelfahrt ist zwar offiziell ein Feiertag geblieben, praktisch aber wird er heute als Vatertag begangen. Wir sollten uns Christi Himmelfahrt auf keinen Fall abjagen lassen, aber wir können den Dank an die Väter durchaus integrieren, ihn präzisieren – und das sogar gut begründen, denn die biblische Tradition hat ja von Anfang an beides umfaßt: Himmelfahrt – so können wir sagen – ist Jesu Vatertag! „Aufgefahren in den Himmel sitzt er zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters“, beten wir in jedem Glaubensbekenntnis. Jesus ist zu seinem Vater nach Hause gegangen.

Noch erhabener als Ostern ist das Himmelfahrtsfest, denn erst da vollendet Jesus seinen Auftrag: da übernimmt er die Macht über alles und alle. 

Jetzt könnte die Geschichte eigentlich aus sein. Nach Verfolgung und Passion doch noch ein Happy-End mit galaktischem Finale: Jesus steigt auf in die ewigen Weiten jenseits der Galaxie…

Hollywood und Heilsgeschichte

Tatsächlich geht es ganz anders weiter, und hier begegnet uns ein grundlegender Unterschied zwischen Hollywood und der Heilsgeschichte: Wo die inszenierten Geschichten aufhören und die Kameras abschalten, da webt Gott uns ganz real in seine Heilsgeschichte mit ein. Mit der Vollendung seiner – Jesu – Mission beginnt die Sendung in unsere Mission.

Am letzten Tag seines Lebens unter den Menschen hat Jesus seine engsten Jünger und Freunde zusammengerufen und ihnen zugesagt: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Tauft sie, lehrt sie, was ich euch befohlen habe … Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Matth 28, 18f.) Mit dieser Zusage autorisiert er seine Freunde, seinen Auftrag weiterzuführen, er bevollmächtigt seine Kirche zum Dienst an der Welt. Unmittelbar danach verläßt er die sichtbare Welt.

Ich habe mich gefragt, wie sich die Jünger in dieser Dichte der Ereignisse gefühlt haben mögen. Gerade noch von ihm mit einer großen Sendung gewürdigt, und jetzt plötzlich alleingelassen...

Immer mal wieder hüten wir das Haus guter Freunde. Dank der Zielstrebigkeit meiner Frau und der Großzügigkeit unserer Freunde sind wir so noch jedes Jahr rechtzeitig an einen Urlaubsort gekommen. Und immer wieder haben wir eine interessante Beobachtung dabei gemacht: Trotz ihrer Abwesenheit ist etwas von ihnen zu spüren – die Wohnung ist spürbar beseelt – da sind mehr als nur 4 Wände, eine Küche und ein Bett. So ähnlich muß es den Jüngern gegangen sein – nur viel intensiver. Jesus ging, aber etwas von ihm blieb da. Sein Geist war weiterhin spürbar anwesend unter ihnen, wenn sie zusammen waren – das gab ihnen Kraft und Zuversicht.

Wort und Wirkung

Die letzten Worte Jesu könnten bei einigen der Jünger vielleicht wie folgt weitergewirkt haben:

„Hütet meine Wohnung. Hütet den Geist unserer Gemeinschaft.

Hütet eure Gemeinschaft und die Orte, die wir uns vertraut gemacht haben.

Öffnet eure Gemeinschaft, wo ihr könnt.

Ladet immer neue Freunde ein.

Tragt meinen Geist weiter, verschenkt meine Worte.

Teilt aus, was ihr von mir empfangen habt.

Heilt, tröstet, stärkt. Feiert meine Gegenwart, bis ich wiederkomme vom Vater und euch heimhole, bis es der große Vatertag für alle werden soll.“

Wachsamkeit in der Bedrängnis

Diese ersten Stunden des Zuspruchs, dieser erste Moment der Beauftragung durch Jesus war großartig – wer von uns wäre nicht gerne dabei gewesen?

Und der zweite Moment bzw. die vielen zweiten Momente der Jünger Jesu bis heute?

Die Ernüchterung ließ auch damals nicht lange auf sich warten, die Kämpfe, die Bedrohungen von außen und von innen. Nach dem Höhepunkt ging es ziemlich schnell in die Niederungen des Alltags der Nachfolge; die Verfolgung der ersten Christen setzte ein. Trotz Verachtung, Widerständen und Verfolgungen haben sich aber viele Christen bis heute nicht einschüchtern lassen und die Wahrheit bezeugt. Was ist ihr Geheimnis?

Petrus, der Sonderbeauftragte unter den ersten Christen, aus dessen Feder der Trostbrief stammt, wußte um die Freude des ersten und die Entmutigung des zweiten Moments der Nachfolge. Er selber hatte seinen Meister ja über alles geliebt und ihn trotzdem, innerhalb weniger Stunden, dreimal verleugnet. Und genau dort, in unserer menschlichen Wirklichkeit, holt er uns ab.

Er schreibt an die Gemeinden in der Diaspora:

Seid nüchtern und bleibt wach. Euer Feind, der Teufel, läuft brüllend wie ein hungriger Löwe umher auf der Suche nach jemandem, den er verschlingen kann. Widersetzt euch ihm, fest im Glauben. (1. Petr 5, 8+9)

Er weiß es also: Es gibt Zoff – Widerstand gegen das Austeilen der guten Worte, gegen die Bezeugung des Lebens, gegen die Vergrößerung des Freundeskreises. Es gibt sichtbare  Gegner, aber es gibt auch einen unsichtbaren Feind! Und der läuft umher wie ein brüllender Löwe.

Aber sehen wir den Löwen, nehmen wir ihn heute überhaupt noch als Gefahr wahr? Wird die Realität des Bösen heutzutage nicht weithin ausgeblendet? Und die Jesusfreunde? Was bedeutet der brüllende Löwe für sie?

Ein brüllender Löwe macht vor allem eines: Angst. Und genau das will er: Er will uns Angst machen – uns einschüchtern, uns entmutigen, uns lähmen.

Wie oft erleben wir uns entmutigt?!

Bleib besser gleich liegen

Gemeinschaft kostet Vertrauen. Jede Freundschaft, jede Ehe, jede Großfamilie, jede Gemeinde lebt von Vertrauen. Was aber, wenn uns die Kraft abhanden kommt, dieses Vertrauen immer wieder neu zu riskieren?

Ich denke an die Momente, in denen mir die Großfamilie, die vielen praktischen Probleme, die vielen Menschen – jeder mit seiner ganz eigenen Gabe und Begrenzung – über den Kopf wachsen. Wenn ich vor lauter Wellenbergen der Konflikte und Probleme kein Ufer mehr sehe.

Dann brüllt mich der Löwe an: „Das wird doch nichts mehr!“ – „Was willst du denn schon bewegen?!“ – „Es war dein Fehler, daß es mal wieder schief ging!“ - „Du wirst sehen, jeder macht hier letztlich doch nur, was er will.“ – „Das schaffst du nie!“ – „Bleib besser gleich liegen und steh heute erst gar nicht auf.“…

Ich denke, jeder von Euch kennt solche Momente in seinem Leben. Alles zieht nach unten – Ohnmacht macht sich breit – Hoffnungslosigkeit hat den Hebel in der Hand. Wir möchten unseren Auftrag am liebsten hinschmeißen. Deswegen brüllt der Löwe! Er will uns entmutigen, er will uns Angst machen. Angst kann uns vertilgen – kann unsere Lebensenergie auffressen.

Und Petrus kennt dieses Gebrüll, er weiß um die Eigendynamik von Angst und Entmutigung. Darum: „Seid nüchtern und bleibt wach.“ Laßt Euch nicht von Schwermut, von Kleinglauben überwältigen. Seid nüchtern und stellt das Feindes-Gebrüll in den richtigen Rahmen. Ein väterlicher Freund hat mir einmal folgendes geraten: Die Sorgen sind groß und sie gehen nie aus, aber eben diese Sorgen gehören Gott – darum: Mach aus jeder Sorge ein Gebet!

Die Dimension der weltweiten Kirche

Petrus erinnert uns aber noch an etwas Zweites im Kampf gegen Widersacher: Ihr sollt wissen, daß Ihr an der weltweiten Gottesfamilie in Christus teilhabt, daß Eure Brüder und Schwestern in der ganzen Welt das selbe durchstehen müssen wie Ihr. (V. 9)

Wir sind nicht allein! Wir sind Teil einer größeren Gemeinschaft, einer mitleidenden Gemeinschaft, einer Gemeinschaft mit Glaubens- und Hoffnungshorizont. Wir sind Teil der größten weltweit operierenden GmbH – der „Gemeinschaft mit begründeter Hoffnung“.

Jesu Gemeinschaft muß harte Zeiten durchstehen (in manchen Teilen der Welt bezahlt sie dafür mit dem Leben). Von Beginn an versuchte der Widersacher Gottes, die Gemeinden, diese leibhaftigen Wohnungen Gottes, anzugreifen und zu zerstören. Er erträgt es nicht, daß der Geist Jesu in der Einheit der Christen erlebbar und sichtbar wird.

Wir sollen ihm widerstehen, aber nicht aus eigener Kraft gegen den brüllenden Löwen kämpfen. Widerstehen im Glauben, weil wir wissen, daß die neue Wirklichkeit von Jesu Herrlichkeit schon wahr, wenn auch noch nicht sichtbar ist. Darum feiern wir heute hier gemeinsam seinen Sieg in diesem Gottesdienst – verbunden mit Millionen Brüdern und Schwestern auf dem ganzen Erdball, die heute auch Gott ehren und in den himmlischen Lobpreis miteinstimmen. Darum verstehen wir, was Petrus meint, wenn er schreibt: Such in der Anfechtung und im Leiden die Gemeinschaft derer, die mit dir in Christus mitleiden und hoffen!

Die Kraftquelle guten Widerstandes

Aber was, wenn diese Gemeinschaft für mich längst zerbrochen ist? Wenn ich meine Ehe nicht mehr halten konnte? Wenn inzwischen ein Scherbenhaufen an Beziehungsabbrüchen meinen Weg säumt? Wenn ich tief enttäuscht worden bin von meiner Gemeinde? In Schuld und Schulden verstrickt bin?

Petrus, der seine eigene und deshalb unsere schwache Natur kennt, gibt uns hier einen dritten Fingerzeig, um den Weg des guten Widerstandes gehen zu können:  Er weist auf die große Kraftquelle hin: Er (Jesus Christus) hat uns berufen … wird uns vollenden, stärken, uns Kraft verleihen und uns ein Fundament geben. (V. 10)

Er ist unser Auftraggeber, bei ihm liegt die letzte Verantwortung. Im Durcheinander und in der Verworrenheit unserer Tage stärkt und würdigt Christus uns heute schon. „Er, der Gott der Gnade“, übersetzt Martin Luther, „er selbst hat uns berufen als seine Kinder und Erben.“

Wir selbst können unsere Lebenswurzeln nicht erneuern, aber Christus kann es und er will es tun. Nicht wir haben ihn zuerst erwählt – nein, er hat uns erwählt. Salopp und sehr menschlich hat es der Schweizer Dichterpfarrer Kurt Marti ausgedrückt: „Ach, Gott, der große Verrückte, der immer noch an den Menschen glaubt.“

Unsere Berufung zur Kindschaft Gottes heißt: uns immer wieder vergeben lassen, die Wunden aus unseren Kämpfen in seinem Licht heilen lassen, uns stärken, uns lieben lassen. Wo Gott sendet, sorgt er auch! Aus eigener Kraft können wir oft gar nichts wenden – aber wir können uns Ihm zu-wenden. In die Haltung dieser Zuwendung Stück um Stück hineinzuwachsen, das ist unsere Aufgabe. Unsere Zuwendung ist der Türöffner, um seine Verheißungen in unser Leben zu ziehen! In unserer Zuwendung antworten wir auf die Sehnsucht Gottes, mit uns Gemeinschaft zu haben.

Er kennt jeden von uns mit Namen. Und er hat uns alles mitgegeben, was wir für unsere Sendung in seinem Auftrag brauchen – bis die Zeit einmal erfüllt ist. Bis dahin gibt er uns durch Petrus drei Fingerzeige auf den Weg:

- Laß dich nicht entmutigen – mach aus jeder Sorge ein Gebet.

- Laß dir die Gemeinschaft deiner Brüder und Schwestern nicht rauben. Du bist gehalten durch die, die du hältst – durch die Gemeinschaft derer, die mit dir leiden und hoffen.

- Laß dir durch nichts die Hinwendung zum himmlischen Vater nehmen, um dich immer wieder in ihm zu verwurzeln.

Und wenn Gott seine Sehnsucht nach dem Menschen nicht mehr zurückhalten kann und die Zeit einmal erfüllt ist, dann werden wir selber den wahren, großen Vatertag erleben, den Tag, an dem uns Christus den Weg zum Vater führen wird und an dem wir erleben dürfen, daß die beseelte Wohnung des Freundes ein ewiges Zuhause sein wird.

Amen.

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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