Kleine Leute - großer Mut

Nächstenliebe, Mitgefühl und Vergebung als Grundlagen widerständigen Lebens

Samuel P. Oliner, Jude und Holocaust-Überlebender, ist Gründer und Direktor des Forschungsinstitutes Altruistische Persönlichkeit und Prosoziales Verhalten an der Humboldt State University, Arcata, Kalifornien. Seit vielen Jahren erforscht er das Phänomen des Altruismus, d.h. die Haltung des uneigennützigen Handelns, die jemanden dazu bewegt, einem anderen in Not beizustehen, auch wenn das eher mit Risiken als mit Anerkennung verbunden ist. In zahlreichen Veröffentlichungen, zuletzt in seinem Buch „Do unto others”, hat er seine Forschungsergebnisse vorgestellt.

Seit Professor Oliner 1993 Gast bei uns in Reichelsheim war, sind wir in herzlicher Freundschaft mit ihm verbunden. Auf unsere Bitte hin hat er folgende persönliche und zusammenfassende Bilanz seiner Untersuchungen formuliert.

Der Grund, warum ich über Altruismus geforscht habe, ist sehr persönlicher Art. Nur durch den selbstlosen Mut einer einfachen polnischen Bauersfrau konnte ich dem Holocaust entkommen.

Am 14. August 1942 wurde das Getto, in dem ich lebte, von den Nazis umzingelt, alle Menschen auf deutsche Militärfahrzeuge geladen und in einen nahegelegenen Wald gefahren, wo schon ein Massengrab ausgehoben war. Die letzten Worte meiner Mutter lauteten: „Renn fort! Versteck dich!“ Und das habe ich getan. Ich war 12 Jahre alt und hatte sehr viel Angst. Vier Tage lang irrte ich in den Feldern umher und erinnerte mich plötzlich an ein Haus, in dem eine „Gerechte“ lebte. Damals wußte jeder, der einen Juden versteckte, daß darauf die Todesstrafe stand. Diese Frau nahm mich trotzdem in ihr Haus auf, veränderte meinen Namen, lehrte mich den Katechismus, erfand für mich eine neue Lebensgeschichte und suchte mir eine Arbeitsstelle als Stallknecht auf einem Bauernhof. Ich war nun nicht mehr Samuel Oliner, sondern Joseph Kollevsky, ein typisch polnischer Junge. Eine Täuschung, die mich den Krieg überleben ließ.

Dem Ungeist widerstehen

Zum 60. Mal jährt sich nun der Anschlag vom 20. Juli 1944 auf Hitler, mit dem es einige Wenige gewagt hatten, sich einer unvorstellbar bösen Gestalt ihrer Zeit zu widersetzen. Unter Hitlers Herrschaft war Deutschland aus seiner moralischen Verankerung gerissen worden; Mitgefühl, soziale Verantwortung und Gerechtigkeit waren verbannt. Es ist gut und notwendig, daß in Deutschland und weltweit die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit z.B. durch Gedenkstätten, Mahnmale und Museen wachgehalten wird. Nicht nur, um an diese verheerende Epoche der Geschichte zu erinnern, sondern auch, um künftige Generationen zu lehren, wie ein Ungeist zu erkennen und wie ihm zu widerstehen ist. Denn Heldenmut und Altruismus ist nicht nur bei Mahatma Gandhi, Mutter Teresa oder Albert Schweitzer zu finden, sondern bei ganz normalen Menschen, die bestimmte Verhaltensweisen im Laufe ihres Lebens verinnerlicht haben und sie im Alltag praktizieren.

Liebe meint den anderen

Einige wesentliche Charakterzüge lassen sich bei nahezu allen Helfern, unabhängig von Bildung, Herkommen oder Konfession, feststellen:

  • die Fähigkeit zur Empathie– sich einfühlen und mitleiden können
  • das Bewußtsein für soziale Verantwortung, sowohl für einzelne Menschen als auch für das Kollektiv
  • ein stabiles Selbstwertgefühl – je weniger jemand um seine eigenen Probleme kreisen muß, desto eher kann er sich der Not anderer annehmen
  • die Überzeugung, daß jeder Mensch ein Anrecht auf Liebe, Respekt und Hilfe hat
  • die Fähigkeit zur Vergebung

Im folgenden geht es mir vor allem um den Aspekt der vorbehaltlosen Nächstenliebe, des Mitgefühls und der Vergebung.

 Unter Nächstenliebe ohne Vorbehalt verstehe ich eine Haltung, die dem Nächsten einen Platz im eigenen Leben einräumt, ihm Respekt zollt und die bereit ist, sich emo­tional auf ihn einzustellen. Liebe ist weit mehr als nur ein Gefühl; sie lenkt unseren Blick von den eigenen Bedürfnissen auf die des anderen. Der Soziologe Pitirim Sorokin meint, daß die Liebe, die sich nicht vorenthält, eine lebensspendende Kraft ist, durch die sich sowohl der Al­truismus als auch die Fähigkeit zur Vergebung speisen. Andere Wissenschaftler definieren Nächstenliebe als eine Form der Liebe, die jede Beschränkung und Grenze sprengt und die gesamte Menschheit freudig, kreativ, empfindsam, in Fürsorge und Hingabe mit einbezieht. Jeder echten spirituell-religiösen Tradition und den von ihr abgeleiteten philosophischen Lehren liegt ein solches Verständnis von Liebe zugrunde.

Die Liebe wird oft in Zusammenhang mit Gott oder dem Wesen des Göttlichen gebracht, in dem der Kosmos gründet und aus dem das Leben wie ein Geschenk hervorgeht. Tatsächlich beginnt vorbehaltlose Liebe mit der Erkenntnis, daß jedes Leben ein Geschenk ist.

Vergebung ist Ent-Feindung

Vergebung bedeutet, das begründete Recht auf Rache, Groll, Gleichgültigkeit und Verurteilung demjenigen gegenüber, der uns verletzt hat, aufzugeben, und ihm, obwohl er es nicht verdient, mit Großmut und sogar mit Liebe zu begegnen.

Obwohl es natürlich noch andere Gründe für eine altruistische und vergebende Haltung gibt, möchte ich mich hier auf die religiösen Beweggründe beschränken. In unseren Studien fanden wir heraus, daß es tatsächlich einen engen Zusammenhang zwischen Altruismus, Religiosität und Spiritualität gibt. 90 % der befragten Teilnehmer, die altruistisches Verhalten gezeigt hatten, erreichten eine hohe Punktzahl im religiösen und spirituellen Bereich. Auf die Frage, warum sie anderen geholfen hatten, gaben sie an, sie hätten dem Willen Gottes gehorcht. Andere gaben an, daß sie Vergebung nicht nur als heilsam in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen erlebt hätten, sondern auch als einen persönlichen Gewinn.

Vergebung hat vielfältige positive Auswirkungen: sie stellt Beziehungen wieder her, überwindet Verbitterung und befreit von psychischer Bela­stung. Körperliche und seelische Befindlichkeit bessern sich erheblich, und sowohl Täter als auch Opfer werden freigesetzt vom Zwang zu Rache und Vergeltung. Es gibt viele Menschen, für die Vergebung und Versöhnung ein wichtiger Weg geworden ist, ihre seelischen Belastungen loszuwerden und die Abgründe, die sich zwischen ihnen und ihren Gegnern aufgetan haben, zu überbrücken.

Ein beeindruckendes Beispiel dafür stellt Professor E. Worthington dar, dessen Mutter am Neujahrsabend 1995 von zwei Einbrechern erschlagen wurde. Zunächst waren in ihm reichlich Zorn und Rachegefühle und der Gedanke fern, den Mördern zu vergeben. Später beschäftigte er sich mit dem sozialen Umfeld der Täter und versuchte, deren Ängste, Haß, Zorn und die Verletztheit ihrer eigenen inneren Welt nachzuempfinden. Nach einer langen „Seelenarbeit“ entschied er sich bewußt, diesen Männern zu vergeben. Natürlich brauchte er ein hohes Maß an Empathie, um zu verstehen, warum es zu dieser Tragödie gekommen war, aber Professor Worthington, ein geistlicher Mann, hielt sich die Worte Jesu am Kreuz vor Augen „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Dies ist sicher ein extremes Beispiel, doch auch in anderer Literatur wird immer wieder deutlich, daß der Mut, um Vergebung zu bitten und Vergebung zu gewähren ein  ganz wichtiger Schritt auf dem Weg zur Heilung von Beziehungen ist.

Tragende Brückenpfeiler

Worthington formulierte fünf Maximen, um Vergebung Wirklichkeit werden zu lassen:

1. Warte nicht auf eine Entschuldigung. Ergreife du die Initiative. Damit gibst du deinem Gegner die Gelegenheit, das Gespräch mit dir wieder aufzunehmen.

2. Versuche, dich in die Situation des anderen hineinzuversetzen, es könnte sein, daß er dich aus Unwissenheit verletzt hat und dir helfen kann, deine Schmerzen zu lindern.

3. Vollziehe einen symbo­lischen Akt der Vergebung. Mache es in einem gewissen Rahmen der Öffentlichkeit bekannt, daß du zur Vergebung bereit bist.

4. Denke daran, daß Vergeben nicht Vergessen bedeutet. Das Gefühl des Schmerzes kann dir noch lange nachdem du vergeben hast nachhängen.

5. Bedenke, ob es nicht Punkte in dem Konflikt gibt, wo du selber um Vergebung bitten mußt. Konfuzius sagt: „Diejenigen, die nicht vergeben können, lassen die Brükke einstürzen, über die sie selber gehen müssen.“

Eine Kultur der Buße

Zur Zeit erleben wir eine neu entstehende Kultur der Buße, der Entschuldigung und der Vergebung. Zahlreiche politische Entscheidungsträger wie Präsidenten, Mini­sterpräsidenten und auch religiöse Führer wie der Papst und viele Bischöfe haben mutig bei Einzelpersonen und Gruppen Abbitte geleistet, denen sie in der Geschichte oder in der Gegenwart Unrecht getan haben. Es zeigt sich, daß die meisten der Betroffenen bereit sind, eine Entschuldigung zu akzeptieren und Vergebung zu gewähren, damit der Prozeß von Heilung und Versöhnung einsetzen kann. Versöhnung kann also auch „gesät“ werden, indem die Bitte um Vergebung ausgesprochen wird.

Während der letzten zwanzig Jahre ist viel über institutionalisierte Fürsorge und Vergebung geforscht worden und seit kurzem auch über Vergebung unter Gruppen. Wir haben Mitglieder zweier Gruppen interviewt, die sich entschuldigt hatten bei Menschen, die von ihrer Seite unterdrückt worden waren. Die eine waren Ordensfrauen aus Kentucky, die sich bei Afro-Amerikaner für die Versklavung derer Vorfahren entschuldigt hatten. Die zweite Gruppe Priester, die Abbitte leisteten bei dem indianischen Stamm der Wiyot für das Massaker auf Indian Island 1860. Damals hatten weiße Bürger 186 Indianer nachts im Schlaf ermordet. Beiden Opfergruppen bedeutete es viel, daß endlich jemand Verständnis zeigte für den Schmerz, der ihnen in der Vergangenheit zugefügt worden war.

Vergebung vorleben

Unsere Untersuchungen haben bestätigt, daß man Menschen lehren und ermutigen kann, aus der Vergebung heraus zu leben und daß sie, wenn sie diese gesunden ethischen Normen verinnerlicht haben, es als ihre gesellschaftliche Pflicht empfinden, der Gleichgültigkeit, dem Desinteresse und der Verantwortungslosigkeit entgegenzutreten. Ihre Bereitschaft dazu ist umso größer, je mehr sie lernen und einüben, mit ihrer Familie, mit Freunden und nächsten Nachbarn in einem Geist der gegenseitigen Achtung und der Versöhnung zu leben.

Es ist anzunehmen, daß  noch weit mehr Menschen zu solidarischem Verhalten bereit sind, wenn sie angeleitet werden, achtsam die Bedürftigkeit des anderen, sein Bedürfnis nach Unterstützung und Versöhnung in den Blick zu bekommen. Aber die Frage bleibt natürlich, wie man Menschen dazu bewegt, sich auch die großen Fragen der Menschheit etwas angehen zu lassen.

Wenn wir Menschen lehren wollen, für ihre Umgebung einzustehen, dann müssen neben den Eltern auch Institu­tionen hier ihre Verantwortung erkennen. Schulen, Vereine, religiöse Gruppen und Arbeitgeber müssen darum bemüht sein, diese ethischen Werte zu vermitteln. Die Bildungseinrichtungen der USA z. B. erreichen über 80 Millionen Jugendliche, vom Kindergarten bis zur Oberschule. Erzieher mit weitem Horizont und mutigen Visionen können ihnen neben dem Schulwissen auch die Haltung der Fürsorge, Liebe und des Mitgefühl vermitteln sowie die Fähigkeit, bei Unrecht einzugreifen und nicht Zuschauer zu bleiben. Pädagogen, politische und zivile Verantwortungs­träger und Kirchenleute haben eine große Überzeugungskraft, wenn sie ein Leben aus der Versöhnung selber vorleben und so für andere ein Klima bereiten, in dem Menschen heilende Erfahrungen erleben und sich zu eigen machen können.

Als einer, der während des Holocaust sowohl extrem zerstörerisches als auch sehr mutiges Verhalten erlebt hat, bin ich der festen Überzeugung, daß es ein Mittel gegen Haß und gegenseitige Schuldzuweisungen gibt. Entschul­digung und Vergebung ermöglichen liebevolles gesellschaftliches Handeln, lindern Schmerzen und heilen Verletzungen. Unter sensibler Anleitung kann es gelingen, selbst verfeindeten Gruppen die Menschlichkeit des jeweils anderen und sein natürliches Bedürfnis nach Respekt, Gerechtigkeit und Zuwendung nahezubringen. Daß das möglich ist, wurde bereits bewiesen. Dem Krieg und der Feindseligkeit begegnet man am wirkungsvollsten mit selbstlosem Handeln und uneigennütziger Liebe. Was mir am Herzen liegt, klingt bei Fjodor Dostojewski folgendermaßen: „Sollen wir das Böse mit Gewalt oder mit demütiger Liebe bekämpfen? Demütige Liebe ist die größte Kraft in der Welt. Wie das Neugeborene ohne Liebe nicht sein kann, so kann auch der Planet ohne diese Liebe nicht bestehen.“
 

Samuel P. Oliner: Do Unto Others. Extraordinary Acts of Ordinary People. How Altruism Inspires True Acts of Courage, Colorado u. Oxford 2003.

Das Buch ist leider vergriffen, aber antiquarisch erhältlich

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