Das Geheimnis innerer Widerstandskraft

Fürbitte und Anbetung – Betrachtung zweier Bilder des Malers Michael Blum in der Schloßkapelle

Elke und Ralph Pechmann

An der Westwand unserer Michaelskapelle auf Schloß Reichenberg hängen zwei großformatige Ölbilder als Leihgabe des Kölner Künstlers Michael Blum (geb. 1942). Auf beiden ist je ein Engel dargestellt. Links der Engel der Fürbitte, rechts der Engel der Anbetung.

Engel, so lesen wir in der Bibel, sind Geschöpfe Gottes. Sie bevölkern die unsichtbare Welt und dienen Gott. Wir lesen von Erzengeln, die, mit großer Kraft ausgestattet, für die Vollendung von Gottes Heilsplan streiten. Andere treten als Boten auf und greifen auf Gottes Geheiß in das irdische Geschehen ein. Wieder andere, wie die Cherubim und Seraphim, bilden um seinen Thron die Schekina (hebr.: Herrlichkeit) und „preisen ihn unermüdlich“.

Das griechische Wort angelos, von dem unser Wort ‚Engel‘ abgeleitet ist, bedeutet Bote, Gesandter. In einem weiter gefaßten Sinn ist also die Vermittlung jeder Botschaft, die Gott an uns Menschen richtet, und unsere Antwort, die vor Gott getragen wird, Engelsdienst. Die Kunst sprengt unsere engen Wahrnehmungsmuster und läßt Verborgenes hervortreten. Damit leistet die sie Widerstand gegen das Diktat des Augenscheins und macht uns sensibel für die unsichtbaren Schichten der Wirklichkeit.

Engel der Fürbitte

Das Bild erschließt sich dem Betrachter schrittweise. Was wir zuerst wahrnehmen, ist das kraftvolle Farbenspiel rhythmisch angeordneter Felder von Rot, Blau und Violett, dazwischen gerade, geschwungene und gezackte Linien. Es ist die Farbgebung, die das Bild strukturiert und uns anzieht. Es sind die Li­nien, die uns stolpern lassen und auf Abstand halten. In dieser Spannung von Nähe und Di­stanz wird eine Engelgestalt sichtbar und will uns in ein Gespräch ziehen.

So sucht moderne Kunst die Begegnung mit dem Betrachter. Selten können wir sie sogleich verstehen, da sie oft in einer Sprache spricht, deren Zeichen uns befremden. Nicht allein verstehend, über die „Logik“ der Formen, gelangen wir zu ihrem wahren Gehalt. Der ist dem Menschen verborgen, so wie der Sinn der Welt in Gott verborgen liegt, obwohl sich unsere Vernunft mächtig an ihm abarbeitet.

Die Farbe Rot, in pulsierenden, mal kräftigen, mal zarten Tönen, steht für unser Leben mit all seiner Freude, mit seinem Leid, seinen Chancen, aber auch Beschränkungen, seinen Erfolgen und seinem Scheitern. Die Fülle widerspruchsvollen Lebens trägt der Engel bittend vor Gott. Mit gütig staunendem und zugleich strengem Blick sieht er uns an. Er ist uns ganz zugewandt, daher die sieben Augen. Und wie sich dem Betrachter durch die Tiefe der Farbschichten allmählich die Engelgestalt entfaltet, so gewinnt unser eigenes Leben einen inneren Zusammenhang, einen Sinn, wenn wir es in der Bitte um Bewahrung und Weisung vor Gott ausbreiten.

Markant die wenigen Gesichtszüge, die auf Augen, Nase und Mund reduziert sind und angestrahlt werden von der goldenen – göttlichen – Sphäre am oberen Bildrand. Die linke Gesichtshälfte ist umrahmt von der roten Lebensfarbe, die rechte von einer goldenen Mondsichel. Die Sichel ist, genauso wie das Rad, Zeichen für die Autorisierung der Engel; sie handeln nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Geheiß Gottes. Und wie der Mond den Schein der Sonne reflektiert, so ist es die Herrlichkeit Gottes, die sich in seinem Geschöpf spiegelt. Die Flügel des Engels muten uns wie gezackte Standarten an. Sie tragen goldene Pfauenaugen, Kennzeichen der Cherubim um Gottes Thron und Symbol seines Wissens um alles, was geschieht.

Die ganze Schöpfung fleht

Der Engel trägt nicht nur die Spuren menschlichen Flehens. Er trägt zugleich die Insignien göttlicher Fürsorge und Aufmerksamkeit. Während der eine Flügel tief in die violetten, leid- und angsterfüllten Regionen menschlicher Existenz hinunterreicht, zeigt der andere bereits nach vorne, den Ausweg und die Richtung weisend: Es geht weiter. Und während die linke Hand ermutigend in die Zukunft deutet, leitet die Rechte des Engels unseren Blick zum goldenen Streifen am oberen Bildrand, Ausdruck des unsichtbar gegenwärtigen Herrn.

Die Symbolik schließt die gesamte Menschenwelt, ja den ganzen Kosmos (Röm 8, 19-21) in die Fürbitte mit ein. Die dreimal vier Punkte sind dem Brustschild des Hoheprie­sters nachempfunden. Es symbolisiert die zwölf Stämme Israels, die er im Tempel vor Gott trug. Sie leuchten golden am rechten Bildrand und treten im zweiten Bild noch eindringlicher hervor. Sie stehen auch für die Vielzahl der Völker, die alle in den Heilsplan Gottes eingeschlossen sind. Die Anordnung der sieben Punkte markieren die in sieben Tagen vollendete Schöpfung: rot für die sichtbare, blau für die unsichtbare Welt, weiß für die neue Schöpfung in Christus. Das Rad oder Räderwerk, ebenfalls Attribut der Cherubim, meint die Erde und alle Himmelssphären mit den Gestirnen, über die sie wachen. Auch das gewaltige Netz seelischer und geistiger Kräfte, die das Schicksal der Menschheit bestimmen, sind fürbittend der erlösenden Kraft Gottes anbefohlen.

Im Zentrum des Bildes, wo die Rottöne am intensivsten leuchten, wird durch horizontale und vertikale Anordnung der Farben und Li­nien ein Kreuz sichtbar. Auch die Engel tragen das Zeichen des Menschensohnes und der menschlichen Erlösungsbedürftigkeit. Nicht von unten, aus dem düsteren Violett des Leidens und Ringens wächst das Kreuz des Lebens in den Himmel. Es hat seinen Ursprung in der golden dargestellten Gegenwart Gottes oberhalb des Engels und reicht in die Tiefen unserer Existenz hinein, um sie zu ordnen, zu heilen und ihr eine Richtung zu geben.

„Der Geist selbst vertritt die Heiligen“

Fürbitte geht nicht von uns aus. Das ist ihr Geheimnis. Unser flehendes Gebet ist Antwort auf Gottes sehnsüchtiges Rufen. Jesus Chri­stus steht als Hohepriester vor dem Angesicht Gottes und fleht für uns. Wer erlebt hat, wie sehr die persönliche und die Not anderer die eigenen Kräfte übersteigt, dem wird das fürbittende Zwiegespräch zum befreienden Herzensanliegen. Die erfahrene Barmherzigkeit (Römer 12,1) weckt das Verlangen zum vertrauenden Umgang mit dem, der uns gern hört. Wo ich um meine Bedürftigkeit weiß, da verharre ich nicht gleichgültig vor der Not der Geschwister und den Nöten der Welt; ich trage sie zu dem hin, der alles in seinen Händen hält. Fürbittend beugen wir uns vor Gott, um dann aufrecht der Not zu begegnen.

Engel der Anbetung

Aber keine Fürbitte ohne das Gegengewicht der Anbetung. So weisen die Farben Dunkelblau, Hellblau und Gelb am oberen Rand des Fürbitte-Engels gleichsam zum Anbetungs-Engel hinüber. Wie verschieden sind dort Farben und Formen, wie anders die Bewegung. Die unruhigen Rottöne sind dem ausgewogenen Miteinander der Komplementärfarben Blau und Gelb gewichen, was durch die geschwungenen Linien noch verstärkt wird. Die Linienführung unterstreicht für den Betrachter die Intimität der Farbkomposition. Sie bilden einen bergenden Raum, indem sie sich sanft zur Bildmitte hin biegen. Knie und Füße des Engels scheinen sich der Bewegung eines im Bild verborgenen Kreises zu fügen. Die Cherubflügel fallen sanft nach unten, die Hände deuten in betender Pose nach oben.

Mit der räumlichen Tiefe wird auch die Zeit ihrer Linearität enthoben. Anbetung ist der Grundton alles Geschaffenen. Die Schönheit der Schöpfung, selbst der gefallenen, spiegelt noch die Schönheit des Schöpfers. Der Engel der Anbetung verkörpert die Sehnsucht nach der neuen Schöpfung. Der jüdischen Zahlenlehre zufolge wird die Schöpfung durch die Zwei charakterisiert. So hat alles Geschaffene eine zweifache, polare Gestalt: Mann und Frau, Tag und Nacht, Sommer und Winter, Hell und Dunkel. Beginn und Ende der Zeit, dargestellt durch Sonne und Mond, betonen den zyklischen Charakter der erschaffenen Welt, die in Christus, dem Alpha und Omega, nun etwas von der Ewigkeit weiß. Alle Bewegung führt zur Mitte hin, zum Brustschild des Hohepriesters, der die Völker der Erde vor Gott trägt, die unter seinem priesterlichen Segen aufstrahlen: „Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir sein Schalom.“ Nicht durch das Kreuz, sondern durch dieses Hoheitssymbol ist Christus nun die Mitte des Geschehens, der Dreh- und Angelpunkt aller Hingabe der Welt an Gott.

Hier ist die linke Gesichtshälfte des Engels von der goldenen Mondsichel umrahmt, die rechte aber ganz frei, zur Quelle des ihn überströmenden Lichts hin offen. Er schaut die lichte Herrlichkeit, die Schekina Gottes, die sich über die betende Gestalt ergießt: „Nun aber schauen wir mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur anderen.“ (2 Kor 3,18). Auch die Anbetung entspringt der erfahrenen Barmherzigkeit in Christus. Seine Wunden heilen unsere Wunden, damit auch wir zur Mitte finden.

Der Strenge des einen wird die zarte innere Harmonie des anderen Bildes gegenübergestellt. Dessen innere Spannung besteht eher darin, daß die anbetende, dankbare Gottseligkeit nicht schutzlos dem gierigen, öffentlichen Blick preisgegeben sein soll. Der Engel der Anbetung mit seinen weichen Gesichtszügen trägt diese Verborgenheit in seinem Antlitz. So wie das Bild auf eine gestaltete Mitte hinweist, stellt es dem Betrachter eine Frage: Vor wem beugst du deine Knie? Die Haltung der Anbetung lebt von der Überzeugung, daß es nur einen gibt, vor dem es gilt, die Knie zu beugen. Und wir? Lassen uns Resignation, Lebensangst, vielleicht auch Sattheit nicht zuweilen auch vor anderen Herren auf die Knie gehen? Anbetung verstummt dort, wo wir vor zwei Herren die Knie beugen.

Der malerische Kontrast beider Bilder macht die Not wendende Doppelgestalt des Gebets anschaulich. Ohne hingebende Anbetung droht Fürbitte zur leeren Pose zu werden. Ohne Fürbitte verliert sich Anbetung in weltfremder Frömmigkeit.

Die Dringlichkeit dieser Doppelgestalt wird in Zeiten äußerer Gefährdung manifest. In einem Brief, den Dietrich Bonhoeffer zur Jahreswende 1943 seinen Freunden und Mitverschworenen schrieb, kurz bevor ihn die Gestapo gefangennahm, mahnt er an eine Geisteshaltung, die auch aus Fürbitte und Anbetung lebt: „Wird unsere innere Widerstandskraft gegen das uns Aufgezwungene stark genug sein und unsere Aufrichtigkeit gegen uns selbst schonungslos genug geblieben sein, daß wir den Weg zur Schlichtheit und Geradheit wiederfinden?“

Von

  • Elke Pechmann

    Pädagogin, Öffentlichkeitsreferentin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft und Mitinitiatorin des „Aktionsbündnis Familie“. Arbeitsschwerpunkte: Ehe und Familie.

    Alle Artikel von Elke Pechmann
  • Ralph Pechmann

    Diplompädagoge, Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft.

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