Freiheit ist nicht umsonst

Dietrich Bonhoeffer - auch einer von uns

Predigt von Burkhard Hotz

Am 4. Februar 2006 jährt sich der Geburtstag von Dietrich Bonhoeffer zum 100. Mal. Geboren wurde er in Breslau (heute Wroclaw/Polen). Am 9. April 1945 wurde er kurz vor der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg von einem SS-Standgericht wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet.

In dem lyrischen Text "Stationen auf dem Weg zur Freiheit", der sich in Bonhoeffers Gefängnisbriefen findet, artikuliert der Gefangene, wie sich ihm das Wesen der Freiheit erschließt. Die folgende Predigt von Pfarrer Burkhard Hotz zeichnet den darin aufscheinenden inneren Erkenntnisweg nach.

Wenn wir uns fragen, was es mit dem Menschen Dietrich Bonhoeffer auf sich hat, worin seine große Ausstrahlung beruht, dann ist es sicher zuallererst seine persönliche Glaubwürdigkeit. Seine Überzeugung blieb nicht auf den Schreibtisch beschränkt, er lebte sie und war bereit, sein Leben dafür zu geben - auch dafür zu sterben. Durch den Einsatz seines Lebens ist er zu einem Zeugen Jesu Christi geworden, zu einem Märtyrer des Guten gegen eine Welt des Bösen.

Diese beeindruckende Glaubwürdigkeit seines Lebens birgt nun die große Gefahr, daß wir Bonhoeffer auf den Sockel heben, ihn zu einer Ausnahmepersönlichkeit machen und so die ermutigende Herausforderung, die sein Leben für uns darstellt, gar nicht zulassen. Dem will diese Predigt entgegenwirken und deutlich machen: Er ist einer von uns. Er gehört zur christlichen Gemeinde. Die Voraussetzung und das Handwerkszeug, das Bonhoeffer brauchte, um ein glaubwürdiger Zeuge Jesu in dieser Welt zu sein, das haben wir alle auch, wenn wir an Jesus Christus glauben und sein Wort ernstnehmen. Bonhoeffer ist eine Provokation für uns heute, uns von einem laschen, müden, unsichtbaren und ängstlich angepaßten und folgenlosen Christsein zu verabschieden.

Stationen auf dem Weg zur Freiheit

Ich will diese ermutigende Herausforderung zu einem konsequenten und lebendigen Christsein an den vier Strophen seines Gedichtes "Stationen auf dem Weg zur Freiheit" nachbuchstabieren. Bonhoeffer hat es in seiner Gefängniszeit in Berlin-Tegel im Sommer 1944 geschrieben, wohl kurz nach dem 20. Juli, dem gescheiterten Attentat auf Hitler, das ihm zuerst eine Verschärfung seiner Haft und schließlich die Hinrichtung brachte.

Die erste Station auf dem Weg der Freiheit ist die

Zucht

Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem
Zucht der Sinne und deiner Seele, daß die Begierden
und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen.
Keusch sei dein Geist und dein Leib, gänzlich dir selbst unterworfen
und gehorsam, das Ziel zu suchen, das ihm gesetzt ist.
Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit,  es sei denn durch Zucht.

Gleich zu Beginn des Gedichts, das die Freiheit zum Thema hat, stellt Bonhoeffer klar: Freiheit heißt nicht, daß ich tun und lassen kann, was ich will. Freiheit, die keine Zucht, keine Selbstdisziplin, keine Keuschheit kennt und auch nicht kennen will, ist keine Freiheit, sondern Willkür. Und Willkür führt immer zur Zerstörung der Freiheit.

Freiheit erwächst aus der Ausrichtung auf das Ziel, das wir in Gott, in seinem Willen, in seinem Wort, in seinen Geboten finden. Die größte Freiheit für uns Christen kommt in der Bitte des Vaterunsers zum Ausdruck: "Dein Wille geschehe." Mich an diesem Willen Gottes gehorsam auszurichten, das ist die Freiheit, in der ich mutig, diszipliniert und konsequent Entscheidungen treffe und lebe.

In Bonhoeffers Leben ist ein besonders markantes Beispiel dafür seine Amerikareise 1939. Amerikanische Freunde hatten ihm den Aufenthalt in den Staaten organisiert, weil sich die politische und militärische Situation in Europa immer mehr zum Krieg hin zuspitzte. Im Juni 1939 reiste er nach Amerika und sollte mindestens ein Jahr bleiben. Doch Bonhoeffer spürte und erkannte bald, daß sein Platz in Deutschland ist: "Gott will mich da haben."

Ein Bibelwort aus den Losungen dieser Tage trifft ihn mit großer Klarheit: "Wer glaubt, flieht nicht." Zur großen Enttäuschung seiner Freunde verläßt er Amerika mit dem letzten Schiff, das vor Kriegsausbruch nach Deutschland fährt. Das war Ausdruck einer Freiheit, die nur mit Zucht und Selbstdisziplin zu leben ist.

Erleben wir nicht immer mehr eine sogenannte Freiheit, die sich gerade nicht beschränkt und diszipliniert, sondern in gieriger Willkür sich selbst und das Leben zerstört? Wie sehr sind auch wir Christen davon durchsetzt, daß wir Freiheit und Willkür nicht mehr unterscheiden können? Der Ruf nach einer Freiheit, die sich mutig und klar am Willen Gottes ausrichtet, hat im Kern immer die Einwilligung, die Jesus im Garten Gethsemane betet: "Vater, nicht wie ich will, sondern wie Du willst."

Dietrich Bonhoeffer führt uns durch sein Leben die biblische Wahrheit vor Augen, daß Freiheit nur in der Bindung an Gottes Gebot gelebt werden kann.

Die zweite Station auf dem Weg zur Freiheit ist die

Tat

Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,
nicht im Möglichen schweben; das Wirkliche tapfer ergreifen,
nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.
Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens,
nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,
und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend umfangen.

Freiheit, die sich in Gottes Willen gebunden weiß, mischt sich ein, wird zur mutigen Tat. Sie hört auf, sich zögerlich zurückzuhalten und nur im Stillen zu kritisieren. Diese Freiheit überschreitet den Raum der stillen Privatheit, wird kraftvoll, Verantwortung zu übernehmen und dem Rad in die Speichen zu fallen. Bonhoeffers klarer Protest gegen den Antisemitismus der Nazis - bereits 1933/34 - und sein Weg in den Widerstand ab 1940 waren davon bestimmt. Wir können nicht tatenlos zuschauen, sondern müssen nach unserer Überzeugung handeln, auch wenn es uns Druck und Nachteile bringt. Wo wir uns  einmischen, zu Gottes Geboten stehen und mutig zur Tat schreiten, genau dort werden wir erleben, wie Gott Segen gibt.

Ein jüngstes Beispiel: Der Streit um Leben oder Sterben der amerikanischen Komapatientin Terri Schiavo ist kein Konflikt, bei dem ein paar bigotte Konservative am Rad drehen; dieser Konflikt war und ist von grundsätzlicher Bedeutung.

Welches Gericht hat das Recht zu sagen, dieses Leben ist unwertes Leben, das lassen wir sterben? Seien wir auf der Hut, wenn sie sagen: "Ach, das ist doch kein lebenswertes Leben" und bereit, gegen alle zu protestieren, die den Tod als den großen Erlöser anpreisen.

Wir stehen in einem epochalen Kampf, Papst Johannes Paul II. hat es mit großer Klarheit gesagt und dies gehört zum Vermächtnis des heimgegangenen Bruders: Wir stehen im Kampf der an Gottes Geboten ausgerichteten Kultur des Lebens gegen eine neuheidnische Kultur des Todes. Es ist entscheidend, daß wir aus ängstlichem Zögern in den Sturm des Geschehens heraustreten und  Partei in Jesu Namen für die Kultur des Lebens ergreifen. "Und die Freiheit wird unsern Geist jauchzend umfangen."

Die dritte Station aus dem Weg zur Freiheit ist das

Leiden

Wunderbare Verwandlung. Die starken tätigen Hände
sind gebunden. Ohnmächtig, einsam siehst du das Ende
deiner Tat. Doch atmest du auf und legst das Rechte
still und getrost in stärkere Hand und gibst dich zufrieden.
Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit,
dann übergabst du sie Gott, damit Er sie herrlich vollende.

Spüren wir, wie hier eine Überzeugung spricht, die ganz anders ist, als das, war wir üblicherweise hören? Leiden bewirkt wunderbare Verwandlung - wie kann Bonhoeffer so etwas sagen? Natürlich sollen wir helfen, wo Menschen leiden, sollen wir Widerstand gegen menschengemachtes Leid leisten. Gewiß, und doch gilt auch, daß wir das Leiden in unserem Leben - und jedes Leben kennt Leid - annehmen sollen und dürfen, weil wir damit zu Gott gehen können. Indem wir zu Gott gehen, der in Jesus unser Leiden kennt, indem wir mit unserer Enttäuschung, unserer Ohnmacht, ­unserem Scheitern zu Gott gehen und es nicht verbissen selbst behalten,  geschieht diese wunderbare Verwandlung. Denn alles Leiden, das wir zu Gott bringen, wird verwandelt und verwandelt uns. Wir legen unsere Ohnmacht, unser Scheitern getrost in stärkere Hände und geben uns zufrieden. Nicht zufällig tragen die Gefängnisbriefe Bonhoeffers den bezeichnenden Titel: "Widerstand und Ergebung".  

Hier erschließt uns Bonhoeffer die biblische Grunderfahrung des Gottvertrauens und zwar so, daß unser Leiden uns ins Gottvertrauen führen soll und unser Gottvertrauen unser Leiden verändert. Trauer verwandelt sich zu neuem Vertrauen. So erfahren auch die gebundenen Hände die Freiheit des Herzens. Das ist das Geheimnis der Nähe Gottes im Leiden.

Die vierte und letzte Station auf dem Weg zur Freiheit  ist de

Tod

Komm, nun höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit,
Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern
unsres vergänglichen Leibes und unserer verblendeten Seele,
daß wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen mißgönnt ist.
Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden.
Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.

Nicht um den trotzigen oder verbissenen Tod geht es, sondern um den Tod, der die Mauern niederlegt, der durch die Auferstehung Jesu Christi ganz und gar verändert wurde. Er reißt uns jetzt nicht mehr in den Abgrund des Vergehens und Vergessens, sondern führt uns in die Gegenwart Gottes. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber werden wir den Herrn sehen, wie Er wirklich ist. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
(1. Kor 13, 12)

Der durch Jesus besiegte und darum wunderbar verwandelte Tod wird im Glauben zum höchsten Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit. Der Tod, der uns  zwingt, unser irdisches Haus zu verlassen, wird zum großen Fest der Heimkehr in das ewige Vaterhaus.

Von Dietrich Bonhoeffer wird berichtet: Als er sich zur Hinrichtung von den anderen Gefangenen verabschiedete, sagte er ihnen: "Das ist das Ende - für mich ist es der Beginn des Lebens." Erkennen wir, wie der Glaube an den lebendigen Gott unser Leben und auch unser Sterben wirklich verändert und beides an der Seite dieses Herrn zum Weg der Freiheit macht?

Die Erinnerung an Dietrich Bonhoeffer fordert uns heraus, als einzelne und als christliche Gemeinde im Gebet und im Tun des Gerechten mutig und getrost der Zukunft entgegenzugehen, denn sie gehört keinem anderen als allein unserem Herrn Jesus Christus.

Amen

Pfarrer Burkhard Hotz, Rimbach, hielt diese Predigt am 3. April  anläßlich des 60. Todestages von D. Bonhoeffer. Hotz ist im Leitungskreis der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in Deutschland.

Von

  • Burkard Hotz

    über 30 Jahre Pfarrer in Rimbach, einer Reichelsheimer Nachbargemeinde. Seit 2012 ist er im Ruhestand – aber weiterhin engagiert in der Seelsorge.

    Alle Artikel von Burkard Hotz

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal