Entschieden gewagt

Von der Freiheit, sich zu binden. Ein Ehepaar berichtet

Hanne und Frank Dangmann sind seit 16 Jahren verheiratet, haben zwei Söhne - Claudio (7) und Linus (4) - und leben seit 1994 in der OJC-Gemeinschaft: Gelegenheiten genug, um Erfahrungen zum Thema "Freiheit und Verbundenheit" zu sammeln.

Wie lange kennt ihr euch?

Frank: Wir waren schon mit 12 Jahren gute Freunde und haben uns dann später beide in der Gemeinde engagiert. Das war ein sehr gutes Umfeld, um uns besser kennenzulernen; wir haben miteinander diskutiert, gestritten, gemeinsam etwas bewegt. Jeder hat den andern auch in Belastungssituationen erlebt, in denen man sich ungeschminkt zeigt.

Hanne: Erst später hat uns die Frage ereilt: Gibt es Freundschaft - unerotische Freundschaft - zwischen Mann und Frau? Die haben wir jahrelang gelebt, bis wir dann auf einmal nicht mehr darüber hinwegsehen konnten, daß wir Mann und Frau sind. Dazu kam dann die körperliche Anziehung. Als wir uns verliebt haben, waren wir 17.

Hattet ihr von Anfang an die Ehe im Blick?

F: Ja, wir haben - einfach aus unserer christlichen Prägung heraus - nur in dem Denkmodell "Ehe" gelebt. Aber wir waren ja beide noch in der Ausbildung, und in unserem Umfeld waren die Vorbehalte gegen eine so frühe Bindung groß - mit 17 Jahren befreundet, wo soll das hinführen?! In dieser Situation habe ich bewußt meine Zivildienstzeit bei der OJC verbracht mit der Perspektive: Wenn in 16 Monaten die Freundschaft zu Hanne immer noch so ist, könnten wir danach heiraten.

Was für ein Bild von Ehe hattet ihr?

F: Die Lebensform der Ehe war für mich mit Ängsten besetzt, weil in meiner Familie einige Beziehungen gescheitert sind. Mein Onkel hat mit 18 geheiratet, wurde geschieden, und ist nachher ziemlich abgedriftet. Auch die erste Ehe meiner Eltern ist geschieden worden. Warum sollte es mir anders ergehen? Warum sollte ich in der Lage sein, eine glückliche Ehe hinzubekommen, wenn alle vor mir gescheitert sind? Ich komme ja aus demselben Stamm. Transparente, ermutigende Ehe-Beziehungen habe ich erst in der OJC erlebt: sehr unterschiedliche Partner, explosive Konflikte, aber auch den Weg zur Versöhnung. Diese gelebten und gelungenen Ehen haben mir Hoffnung gemacht.

H: Meine Prägung war ganz anders: Meine beiden großen Brüder waren schon lange verheiratet. Diese Ehen habe ich als sehr intakt erlebt, ebenso die Ehe meiner Eltern. Also habe ich gar nicht so kritisch geprüft, ob das mit Frank schief gehen könnte. In dem Alter war bei uns die Frage "Ist es Gottes Wille, daß wir zusammen gehören?" viel wichtiger. "Gottes Wille" - da haben wir uns wohl etwas Mystisches, fast Magisches vorgestellt - nach dem Motto: Wenn es Gottes Wille ist, dann gelingt die Ehe auch. Über die "Selbstbeteiligung" hatten wir noch nicht so intensiv nachgedacht.

Welche Hoffnung habt ihr mit der Ehe verbunden?

F: Ich glaube, es war der tiefe Wunsch, mit dieser Frau etwas Gemeinsames aufzubauen. Ich wollte nicht allein durchs Leben gehen. Bei Hanne habe ich mich angenommen gefühlt, mit ihr hatte ich schon etwas gemeinsam gestaltet und konnte auch für andere sorgen. Aber ich habe die Ehe nie mit großen Erwartungen überfrachtet, die Befürchtungen standen eher im Vordergrund.

H: Meine Hoffnung war vor allem von dem Wunsch nach fester Beziehung, nach Verbindlichkeit gesteuert. Bei unseren Freunden, die vor uns geheiratet hatten, konnten wir die Entscheidungsphase und das Vorher-Nachher hautnah miterleben; daß Frieden einkehrte, als entschieden war, daß sie heiraten wollten.

Was hat sich durch die Entscheidung in eurer Beziehung verändert?

H: Wir haben diese Befriedung auch so erlebt. Allerdings ging ihr auch eine Verunsicherung und Angst voraus, eine Ahnung dieses Wagnisses, das wir da eingingen. Meine Namensänderung stand für diese Endgültigkeit: Dann gehöre ich zu diesem Mann und es gibt keinen Weg zurück.

F: Die Entscheidung für die Ehe hat bei mir Kräfte freigesetzt, den gemeinsamen Weg durchzuhalten, gerade dann, wenns schwierig wird. Wir hatten in unserer Freundschaft schon einige Wachstumskrisen. Die Rivalität war für mich zum Beispiel ein großes Thema - wer ist der Bessere, der Stärkere? In diesen Krisen war ich immer der erste, der das Handtuch warf. Die Ehe erlebte ich dann als Schutzraum: Ich habe mich für diese Frau entschieden, in guten und in schlechten Tagen. Ich habe mich selbst verpflichtet, nicht wegzulaufen.

Habt ihr mit der Heirat persönliche Freiheiten aufgeben müssen?

F: Die Unverbindlichkeiten, die ich als Single leben konnte, - zu kommen und zu gehen, wann und wohin ich will, Sport machen, Urlaub planen -, diese Freiheit hatte natürlich ein Ende. Dafür bin ich in andere Freiheiten eingetreten. Ich muß mich nicht mehr bei jeder Frau fragen: Könnte das die Partnerin meines Lebens sein? Der "Jagdtrieb" in mir ist sozusagen ad acta gelegt. Es gehört ja zum Leben, daß eine Entscheidung für etwas automatisch eine Entscheidung gegen etwas beinhaltet. Ich hatte Freiheiten gelebt, als ich noch ungebunden war, z.B. in meiner Männer-WG oder bei einem Auslandseinsatz in Argentinien. Jetzt lebe ich befriedet in der gebundenen Beziehung.

H: In meiner Abiturzeitung gab es für jeden Schüler einen charakterisierenden Spruch. Bei mir stand: Hanne, Mutter der Nation. Ich habe mich um alle Welt gekümmert, meine Zeit und mein Herz verschenkt und ganz stark in Beziehungen gelebt. Ich habe mich dabei ziemlich verausgabt und mußte mich nun stark beschränken. Als wir gerade frisch befreundet waren, sagte Frank einmal zu mir: "Du, ich will nicht nur ein weiterer Termin in deinem Terminkalender sein. Es kann nicht sein, daß ich gleichwertig neben all den anderen stehe, die sich mit dir treffen wollen." Dieser Gedanke war mir ganz neu. Die Freundschafts- und Verlobungszeit war für uns eine gute Probe, denn die Beschneidung persönlicher Freiheiten war schon damals spürbar.

Sehr bewußt wurde mir der Abschied von meinem beziehungsintensiven Leben, als wir nach der Hochzeit umgezogen sind, weg von der Gemeinde und den Freunden. Wir hatten nur uns. Das habe ich als eine unglaublich intensive und schöne Zeit erlebt, sehr hilfreich für mich. Was wir dabei gewonnen haben, hat mir das, was ich verlassen hatte, vielfältig zurückgegeben.

Ist "Freiheit" in eurer Ehe auch heute noch ein Thema?

H: Franks Fußballbegeisterung gibt uns häufig Anlaß zu Gesprächen über persönliche Freiheiten. Wenn wir nicht verheiratet wären, würde Frank vom Sportplatz nicht mehr heimkommen.

F: Na, ganz so würde ich das nicht sagen, aber ich könnte mir schon gut vorstellen, montags das Training und samstags ein Spiel zu haben. Andererseits eignet sich gerade der Samstag für gemeinsame Aktivitäten in der Familie, zum Arbeiten in Haus und Hof. Das empfinde ich dann schon als Beschneidung.

Wie löst ihr das?

H: Wir sind in unseren Gesprächen zu dem Schluß gekommen, daß die Freiheit des einen nicht auf Kosten des anderen gehen darf. Jeder kann seine Freiheiten entfalten, wenn der andere davon auch was hat. Manche Sachen belasten aber einseitig und die Frage dabei ist immer: Wer zahlt die Kosten für die Freiheit des einen?

F: Freiheiten müssen ausgehandelt werden, diese Entscheidungen kann ich nicht mehr allein fällen. Daran reiben wir uns schon des öfteren.

H: Auch unsere Kinder sind natürlich eine enorme Freiheitsbeschränkung, die besonders ich erlebe. "Emanzipation" war für mich nie ein Thema, bis unser erster Sohn auf die Welt kam und ich plötzlich darauf angewiesen war, daß Frank verläßlich nach Hause kam. Damals haben wir die "Verhandlungen" wieder neu aufgenommen.

F: Das erfordert auch immer wieder ein konstruktives Gespräch: Was brauche ich, was braucht Hanne, was brauchen wir gemeinsam, was brauchen die Kinder, die Familie? Diese Balance stellt sich nicht automatisch ein, da muß man nachfragen, zuhören, eigene Vorstellungen aufgeben und immer wieder Neues ausprobieren.

H: Allerdings ist bei uns "Freiheit" gar nicht das Hauptthema, vielmehr "Verbindung". Wir wollen Verbundenheit gestalten und dabei die persönliche Freiheit des Einzelnen achten.

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