Liebe Freunde!

Die Alten redeten viel von Freiheit.
Wir aber erfuhren auf schwerer Fahrt:
Die echte Freiheit ist eine heilige
Gefangenschaft des Herzens.
Hrabanus Maurus (780-856)   

Freiheit ist ein Geschenk, das man schmecken kann. Davon bin ich seit Kindertagen überzeugt. Damals, auf dem Weg in den Sommerurlaub, ist sie für mich zum ersten Mal sinnlich erfahrbar geworden: Endlich hatten die Grundschulferien begonnen. Wir fuhren mit den Eltern in die Schweiz. Meine Schwester und ich saßen hinten im Auto, die nackten Knie hochgezogen und gegen die Lehne der Vordersitze gestützt. Emsig wurden die Knie saubergeschleckt, um das Eigentliche vorzubereiten: aus kleinen bunten Tütchen wurden die Körner geschenkter Ahoi-Brause auf die nasse Haut geträufelt. Wie das zischte und schäumte! Hinter uns die Schulpflicht, vor uns die Urlaubsfreude und der erste Lockruf der Schweizer Alpensilhouette, über uns blauer Himmel und direkt auf der Haut die süße Brause, die nur darauf wartete, von uns "verkostet" zu werden. Damals war ich mir sicher - so muß Freiheit schmecken!

Verbindlich schwebend

Heute, drei Jahrzehnte später, erlebe ich immer noch, daß Freiheit ein Geschenk und ein Wohlgeschmack ist. Allerdings auch ein zu erringendes und zu schützendes hohes Gut, das die Verbindlichkeit als Gegenüber braucht, denn nur im Gespann mit ihr ermöglicht sie Wachstum und Leben - auch für andere.

Freiheit ist das Thema unserer Zeit. Aber entgegen gängiger Auffassung und Lebenspraxis meint die recht verstandene Freiheit nicht das von allen Bindungen befreite, autonome Selbst. Sie schwebt nicht im luftleeren Raum, sondern strebt - wie unser Herbstdrache auf dem Titel -  dem Himmel entgegen; die feste Anbindung eröffnet ihm Weite und hält ihn am Schweben. In solcher Schwebe steht unser Leben: geerdet und doch mit der Möglichkeit, unsere Sehnsucht in den Himmel auszuspannen. Egal ob als Single (S. 254), Ehepartner (S. 257), Gemeindemitglied (S. 268), Weltenbürger oder Gotteskind: immer wollen und können wir Freiheit kosten, immer aber braucht es dafür eine heilige Gebundenheit des Herzens. Ohne sie ist selbstbestimmtes Leben unbehaustes Leben und birgt die Gefahr des Absturzes und der Zerstörung.

Verborgen gegenwärtig

Was Freiheit ist, die auf dem Boden von Zugehörigkeit wächst und zum inneren Wachstum führt, und wie sie bewahrt, gestaltet und geheiligt werden kann, dazu will dieses Heft einige Fenster öffnen und frische Luft in unser Leben und Denken bringen. Das Geheimnis der Freiheit, auf das es uns ankommt, entspringt nicht allein dem menschlichen Freiheitsvermögen, sondern ist ein "Widerfahrnis", ein Geschenk des himmlischen Vaters, der uns hineinziehen will in die Beziehung zu ihm. Sie ermögkicht es uns heute schon, vor dem "Goldgrund" seiner Gegenwart zu leben, die in unser Leben und unsere Welt hineinragt: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und laßt euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!" (Gal 5,1)

Mit Heinrich Spaemann, Viktor E. Frankl und Manfred Seitz lassen wir einen katholischen, einen jüdischen und einen evangelischen Gottes-Freund zu Wort kommen und uns Wegweisung geben. Alle drei geben uns Handreichung für ein Wachsen in die Freiheit hinein, die selbst dann noch geschmeckt werden kann, wenn sie von äußerer Unfreiheit begleitet wird.

Wie verhält sich der moderne Freiheitsbegriff zum biblischen? Hier tut Unterscheidung not! Warum die Unfreiheit allzugern im Gewand der Freiheit daherkommt und die Freiheit gerade im Gewand der Unfreiheit lebendig bleibt, legt der Theologe Bernd Wannenwetsch dar (S. 260). Sein Grundlagenartikel ist die Abschrift eines Vortrages, den er im vergangenen November beim 2. Treffen der Geistlichen Gemeinschaften (TGG) in Craheim gehalten hat.

Global beherzt

Im Juli dieses Jahres begannen bei uns im Reichelsheimer Jugendzentrum sogar die Steine zu sprechen. Zum 12. Mal trafen sich rund 40 Jugendliche aus 16 Nationen für zwei Wochen zum gemeinsamen Leben und Arbeiten. Junge Menschen aus Kambodscha, Kroatien und Kuba (um nur drei zu nennen) haben einander als Gotteskinder erkannt, Geschwisterschaft erlebt und Arbeitsgemeinschaft praktiziert und ganz "nebenbei" historisches Kulturgut erhalten und erneuert (S. 276). Exemplarisch für die Rückmeldungen auf unser Experiment einer "Weltgemeinschaft auf Zeit" ist der Brief von Krystina aus Polen: "Ihr lieben Geschwister, seit zwei Tagen bin ich jetzt wieder zu Hause. Ich schreibe an Euch, weil ich mich für alles bedanken will. Beim Abschied war es nur schwer möglich. Die Zeit in Reichelsheim war für mich etwas Einzigartiges, was ich noch nie erlebt habe. Ich bin sehr froh, daß ich die Gelegenheit hatte, am Baucamp teilzunehmen und zusammen mit Leuten aus vielen Nationen zu arbeiten, zu feiern und Gott so nahe zu sein - das Letzte war und ist für mich am wichtigsten -  früher hatte ich überhaupt keine Ahnung, daß man den lieben Gott so wahrnehmen kann, wie Ihr es mir im Baucamp gezeigt habt. Es gibt nicht genug Worte um auszudrücken, wie sehr ich Euch allen dafür dankbar bin."

Wer solche grenzüberschreitenden Begegnungen erlebt, der staunt immer wieder über die Kraft einer "Globalisierung der Herzen", die immer klein beginnt, aber eine enorme Dynamik in Gang setzt. Und so weist einiges darauf hin, daß Globalisierung in Wirklichkeit weit mehr sein kann und muß als eine aggressive Organisationsform von Verkäufern und Verbrauchern.

Kommunitär wachsend

Beschenkt und dankbar blicken wir auf die Jahresretraite des OJC-Kernteams zurück, die soeben zu Ende gegangen ist. Gott ist so gut, geduldig und von großer Güte im Umgang mit seinen Freunden! "Von unserer Leidenschaft und was uns Leiden schafft" war das Thema unserer Stille- und Redetage.

Drei Zielpunkte hatten wir uns vorgenommen: 1. Klarer in den Zielen  2. Klarer in den Beziehungen  3. Berührt werden  von Gott. Alles drei haben wir erlebt - in Bibelstudien, Gesprächsrunden, Einzelbegegnungen und im täglich gemeinsam gefeierten Abendmahl. Vor allem ist wieder neuer Sauerstoff in die Beziehungen untereinander gekommen. Altlasten, Festlegungen und Vergiftungen - manche schon viele Jahre alt - konnten erkannt, entmachtet und bereinigt werden. Viel Lachen und Freude hatten wir beim täglichen Kreativprogramm, das uns spielerisch miteinander in Bewegung brachte.

Mit diesem himmlischen Auftrieb im Rücken haben wir uns weiter "zusammengeredet" (statt uns nur "auseinanderzusetzen"), um die Grundlinien unseres gemeinsamen Lebens auszumachen, die für eine Innere Ordnung unserer Gemeinschaft maßgebend sind.

Nach 37 Jahren merken wir immer deutlicher, wie klärend und hilfreich eine solche Ordnung zum Leben für eine nächste Generation von Mitarbeitern in unserer Gemeinschaft sein wird. Wenn wir es in den kommenden Monaten schaffen, unseren Weg als Kommunität weiter zu klären und so unsere innere Schwerkraft zu erhöhen, wird das ein tragfähiges Fundament und weitreichender Schritt für alle zukünftigen Dienste und Wachstumsbewegungen der OJC sein. Wenn es Gott gefällt und wir die Kraft aufbringen, wollen wir in den kommenden Monaten aufschreiben und festhalten, was unseren OJC-Auftrag und unser gemeinsames Leben ausmacht und Wesentliches so ordnen, daß Reibungsverluste möglichst vermieden und neue Energien freigesetzt werden können. Dafür erhoffen und erbitten wir einen kräftigen Schub des Heiligen Geistes, der uns Konzentration, Weisheit und Weitsichtigkeit schenken möge. Danke für alle Beter, die diesen Prozeß mitbegleiten!

Finanziell beschenkt

Großes Staunen haben uns die vergangenen Monate auch finanziell bereitet! Juni, Juli und August sind traditionell unsere finanziellen "Sommerloch-Monate". Erstmals seit langer, langer Zeit mußten wir keinen Kredit aufnehmen, um unsere laufenden Geschäfte zwischenzufinanzieren. Auch keiner der langjährigen OJC-Mitarbeiter konnte sich erinnern, daß wir je so gut über den Sommer gekommen sind wie in diesem Jahr. Von Herzen Dank allen, die uns trotz Urlaubszeit und eigenen Verpflichtungen in diesen Monaten zusätzlich unterstützt haben!

Ganz herzlich grüßen wir Sie und alle OJC-Freunde im In- und Ausland mit unserem Jahresdank, dem OJC-Kalender 2006. Gestaltet hat ihn in diesem Jahr unser Kölner Freund Michael Blum. Erstmals tragen die Bilder sichtbar Züge der Ewigkeit: ein Stückchen vom Goldgrund des Kommenden, das jetzt schon in unsere Welt hineinragt. Seien Sie gesegnet und mit dem Golddruck daran erinnert:

Wo die andern im grauen Alltag nur Staub sehen, haben wir Schürfrechte auf die Edelsteine Gottes - und wir finden sie. Unser Leben ist ein Diamantenfeld.

(Rudolf Bösinger)

Ihr dankbarer

Dr. Dominik Klenk

abgeschlossen am 8. Oktober 2005

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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