Hauskreis - heiliger Boden?

Daniel und Kristin Meinzer (37 und 34 J.) leben mit ihren drei Kindern in Marburg. Vor rund 13 Jahren als Studenten schlossen sie sich einem Hauskreis des "Christus-Treff" an, den sie inzwischen mit einem anderen Ehepaar leiten. Wir haben sie gefragt, was ihrem Hauskreis - zu dem im Moment 13 Leute zwischen 28 und 42 gehören - geholfen hat, als Gruppe zu wachsen und was sich eher als hinderlich erwiesen hat.

Es geht uns nicht in erster Linie um äußeres Wachstum. Darum sind wir eigentlich kein offener Hauskreis, in dem Sinn, daß wir jederzeit Neue aufnehmen. Es hat sich unter uns eine Art von persönlichem Austausch entwickelt, der den Schutzraum einer verbindlichen Gruppe braucht. Im Rückblick auf die inneren Wachstumsprozesse der letzten zehn Jahre scheint uns das Entscheidende, daß wir uns besser wahrnehmen und mehr umeinander wissen. Das Vertrauen ist größer geworden, wir zeigen uns einander ehrlicher in unserer Bedürftigkeit und unserem Scheitern und  treten bewußter füreinander im Gebet ein. Zahlenmäßig sind wir nicht gewachsen, es sind aber immer wieder Leute weggegangen und neue hinzugekommen.

Den Fokus stärker auf den Vertrauensrahmen zu legen und da zu investieren, entstand aus einer bestimmten Not, die wir unter uns wahrgenommen haben. Viele von uns waren als Mitarbeiter in verschiedenen Bereichen im Christus-Treff sehr stark engagiert, aber im Grunde gab es keinen Ort, wo man einfach sein konnte, ohne eine Funktion auszuüben. Von daher war unsere Frage: was können wir der Zentrifugalkraft, die ständig an uns zerrt und uns innerlich und äußerlich zu zerreißen droht, entgegensetzen? Denn wenn man in der Gemeinde bestimmte Aufgaben übernimmt, ist die Versuchung naheliegend, daß man den Glauben irgendwann nur noch per Amt ausübt und eine innerliche Spaltung eintritt: man nimmt zwar noch seine Aufgaben wahr, aber das hat irgendwann nichts mehr mit dem eigenen geistlichen Leben zu tun. Oder aber der Glaube spielt sich nur noch im Gottesdienst in der unverbindlichen Masse ab und keiner ist da, der weiß wie es mir wirklich geht. Wir merkten, wir brauchen einen Ort, an dem wir uns ehrlich sagen können, was uns eigentlich beschäftigt und wo unser Glaube gerade nur blanke Theorie ist.

Sich riskieren

Daher haben wir uns damals entschieden, uns nicht mehr nur zu Bibelgesprächen oder Gesprächen "über den Glauben" (als ob es nur um ein fine-tuning unserer Glaubenstheorien ginge) zu treffen, sondern uns Zeit zu nehmen, - über mehrere Abende verteilt - uns unsere Lebensgeschichten ausführlich zu erzählen.

Es war klar, dass wenn wir ehrlicher voreinander werden wollen, wir als Leitungsteam damit anfangen müssen. Wir haben deshalb angefangen zu erzählen: Was hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin, die ihr heute hier seht; aus welcher Familie komme ich, was waren positive, was schwierige Erfahrungen? Was sind die Punkte, an denen ich immer wieder kämpfe? Wir wollten durch die eigene Offenheit dazu einladen, sich ebenfalls zu riskieren. Dazu wurde vereinbart, nichts von dem Gehörten außerhalb des Hauskreises zu erzählen.

Achtung voreinander

Wir haben viel voneinander mitgekriegt an Bedürftigkeit Wunden und Verletzungen und auch an zum Teil schwierigen Verhaltensmuster und Reaktionen, die daraus entstanden sind. Sich voreinander so verletzlich zu machen, ist wie "heilige Land" betreten.

Die Ehrfurcht vor dem, was der andere erzählt und die Offenheit, mit der er sich riskiert, hat die ganze Gruppe verändert: Es hat größere Achtung voreinander bewirkt. Und wir haben einander geholfen, uns selber besser wahrzunehmen. Daß einige weiter in der Verarbeitung ihrer Geschichte waren, war ja für die anderen auch interessant, um bei sich Erfahrungen besser einordnen zu können. Wichtig war uns über das reine Faktenerzählen hinauszukommen. Darum geht es uns auch immer wieder bei unseren Austausch-Abenden

Schlüsselelemente

Drei Elemente haben sich für uns als besonders hilfreich erwiesen, als Gruppe zu reifen:

  1. Einander die eigene Lebens- und Glaubensgeschichte zu erzählen. Das war ein guter Einstieg und der Schlüssel für ein größeres Vertrauen untereinander
  2. Unser regelmäßiger Austausch alle vier Wochen, der sich an drei Fragen orientiert: Was war gut in der Woche, bzw.wofür bin ich dankbar? Womit bin ich nur schwer zurecht gekommen? Wo wünsche ich mir Veränderung? Es ist ein "unkommentierter Austausch", das Gesagte bleibt stehen und es werden keine guten Ratschläge erteilt. Wir haben an so einem Abend, der mit einer Anbetungszeit beginnt, für den Austausch maximal 1 ¼ Stunden Zeit. Bei 13 Leuten hat dann jeder nur 5 Minuten Redezeit. Das reicht völlig aus, um Wesentliches zu sagen. Für manche ist es hilfreich, die Fragen auf einem Zettel vor sich zu haben und sich Notizen zu machen. Manchmal machen wir anfangs eine kurze Stille, um sich zu sammeln. Normalerweise endet der Austausch-Abend mit einem gemeinsamen Gebet und Segen.
  3. Unser Hauskreis-Rhythmus ist ca. alle vier Wochen jeweils einen Abend mit Anbetungszeit & Austausch, Gemeinsamen Abendessen, Anbetungszeit & Gebet und thematische Abende abzuwechseln. Gemeinschaftliche Zeiten (Holzhacken, Grillen, Wahlparty! etc.) werden ergänzt durch Männer- und Frauenabende und gemeinsamem Feiern (Sonntagsbegrüßung, Kirchenjahresfeste). Das hat sich schon einige so Jahre bewährt.

Andererseits - gerade, weil wir diesen Rhythmus schon seit längeren leben, geht der größere Zusammenhang zwischendurch verloren. Die Herausforderung bleibt, daß alle Hauskreiselemente, alles, was wir zusammen tun, letztlich dazu dient, daß wir uns nicht nur auf einer vergeistigten Ebene begegnen, sondern in all unseren menschlichen Chancen und Grenzen; fromm formuliert: auf Christus hin wachsen und uns gegenseitig dabei unterstützen.

Eine Gefahr für jeden von uns ist es, Erwartungen an die Gruppe zu richten, die sie nicht erfüllen kann. Das äußert sich in Unzufriedenheiten. Man fühlt sich im Stich gelassen, weil der Hauskreis nicht den unausgesprochenen Erwartungen entsprochen hat. Der Hauskreis ist natürlich darüber hinaus auch kein Ersatz für das eigene geistliche Leben.

Einige von uns hat das Bild von den "Gefährten", der ausgewählten Gruppe um Frodo, der Hauptfigur aus Tolkiens "Herr der Ringe", angesprochen. Wir brauchen einander als Gefährten auf einem riskanten Weg. Es lauern viele Gefahren auf diesem Weg - einige sind in uns selbst begründet; alleine können wir es nicht schaffen - wir sind aufeinander angewiesen.

Von

  • Kristin und Daniel Meinzer

    leben mit ihren Kindern in Marburg. Als Studenten schlossen sie sich einem Hauskreis des „Christus-Treff“ an, den sie inzwischen mit einem anderen Ehepaar leiten.

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