Freiheit - was ist das?

Von Paulus bis zur Postmoderne

Freiheit ist das Thema der Moderne. Wir ­leben im selbsternannten Zeitalter der Freiheit - Aufklärung, Emanzipation, Liberalität sind Leit­begriffe westlicher Gesellschaften.

Bernd Wannenwetsch geht der Frage nach, wie sich christliche Freiheit zu solchen Freiheitsmodellen verhält und welche Freiheitsmodelle sich in den theologischen Lehrgebäuden ausgebildet haben.

Die Diskussion um die Freiheit speist sich aus den geistigen Strömungen verschiedener Epochen: von der Antike, von biblischer Offenbarung, von den Errungenschaften der Aufklärung und der Moderne und von dem, was wir Postmoderne nennen. Jede Strömung verlangt der christlichen Freiheitsdiskussion eine jeweils eigene Erwiderung ab. Es scheint, als wären gerade in der Postmoderne einige wesentliche Aspekte der christlichen Freiheitstradition zum Schwingen gebracht. Wir sind, mit Paulus gesprochen, in jeder Generation neu aufgefordert: Laßt euch nicht gleichschalten den Schemata dieser Weltzeit, sondern laßt euch ­erneuern durch die Erneuerung eures Sinnes (griechisch: nous, Wahrnehmungsfähigkeit, Römer 12,2).

Es geht also darum, die ­jeweils herrschenden Paradigmen der Gesellschaft unterscheiden zu lernen und zu erkennen, wie wir als Christen auf sie zu reagieren haben.

Erinnern wir uns zunächst an die wesentlichen Kennzeichen der biblischen Rede von der Freiheit, wie sie Paulus, der Theologe der Freiheit, beschreibt: Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest in der Freiheit. (Gal 5,1)

Drei wesentliche Merkmale verdienen es, hervorgehoben zu werden.

Freiheit ist Widerfahrnis

Die christliche Freiheit wird nicht als Projekt beschrieben, so wie es die Tradition griechischer Philosophie tat, für die die Freiheit als eine zu gewinnende Selbstkontrolle im Zentrum stand. Paulus dagegen sieht christliche Freiheit primär als Widerfahrnis. Der Freie ist der eleuteros, der Be-freite, eine passivische Form. Das griechische Verb eleuterein ist im Neuen Testament interessanterweise exklusiv für das Wirken Gottes verwendet. Die christliche Rede von der Freiheit ist demnach stets "Befreiungstheologie", d.h. auf Gott, den Befreier konzentriert und nicht auf irgendeinen menschlichen Freiheitsanspruch oder ein Freiheitsvermögen.

Freiheit muß sich bewähren

Wenn Paulus betont, so steht nun fest in der Freiheit, dann geht es für den Menschen nicht um die Gewinnung der Freiheit, wohl aber um ihre Bewahrung und Bewährung. Freiheit ist hier eher wie ein Raum vorgestellt, in dem es sich aufzuhalten gilt, und nicht als Besitztum, das man mit sich herumtrüge. Zugleich bleibt Freiheit als geschenkte durchaus angefochten; sie kann verblassen oder verlorengehen. Darum hält Paulus es für nötig, die Gemeinde zu ermahnen: Bleibt in der Freiheit.

Freiheit ist in Christus

Solches Bleiben in der Freiheit ist für Paulus nichts anderes als das Bleiben in Christus, dem Befreier, von dem Befreiung immer wieder neu erwartet wird. Und so gelangt er zur paradoxalen Formulierung, daß der freie Mensch - der wahrhaft freie Mensch - der Knecht Christi ist (1. Kor 7,22). In Luthers Freiheitstheologie mündet das in die berühmte Doppelformulierung, wonach ein "Chri­stenmensch zugleich freier Herr aller Dinge und dienstbar Knecht" sei. Freigemacht durch den Glauben, gebunden in der Liebe. (Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520)

Dialektik der Freiheit

In diesem Sinne ist der christliche Freiheitsbegriff durchwegs dialektisch verfaßt. Darum braucht es uns nicht zu verwundern, wenn Freiheit im christlichen Sinne gerade dort am deutlichsten manifest wird, wo sie sich ganz auf dieses Paradox einläßt - wo sie also im Gewand der Unfreiheit auftritt. Geradezu programmatisch wurde diese Dialektik der Freiheit in der mona­stisch-kommunitären Tradition gelebt. Die Geschichte des Mönchtums läßt sich lesen als ­exemplarischer Freiheitskampf. Halten wir uns die wesentlichen Stationen dieses Ringens vor Augen.

These: Das Mönchtum repräsentiert die radikale Freiheit des christlichen Glaubens im Zeitalter des Christentums.

Als das Römische Reich ab dem 4. Jh. christianisiert und Christsein immer mehr zur Normalität in der spätantiken Gesellschaft wird, tritt die Gestalt des Mönches als Symbol der Radikalität des Evangeliums an die Stelle des Märtyrers. Der Kampf im Innern der Kirche und im Innern des Christen - der Klosterkampf - tritt nun an die Stelle des äußeren Kampfes mit den heidnischen Machthabern. So gibt das Mönchtum in der neuen Situation mit den drei sogenannten "evangelischen Räten" Armut, Keuschheit und Gehorsam eine neue Antwort auf die Vollkommenheitsforderung Jesu in Matthäus 19.

Verbindlichkeit als Signal

Durch seinen neuen Status als Reichsreligion verbürgerlichte sich das Christentum zusehends. Mit dem Genuß der vollen Bürgerfreiheiten für Christen gingen unter anderem auch erweiterte Geschäftsmöglichkeiten einher, und damit verbunden auch eine erweiterte Zugangsfreiheit zur Ehe, die im römischen Recht an einen bestimmten Besitzstand gebunden war, sowie die größere Freiheit von staatlicher Gängelung.

Eben diese Verbürgerlichung und die dadurch entstandenen neuen Versuchungen nimmt die monastische Tradition nun aufs Korn und versteht das Mönchsgelübde selbst als einen besonderen Hort evangelischer Freiheit: Armut, Keuschheit und Gehorsam stehen für die Freiheit von herkömmlichen Determinanten sozialer Identität, wie sie üblicherweise - damals wie heute - eben primär über Familienstand, Einkommen und sozialer Geltung definiert wird. Positiv formuliert: Die klösterliche Lebensform möchte zeichenhaft stehen für die Herrschaft Christi über die Mächte und Gewalten. Christus sitzt im Regiment, nicht Mammon, Sexus oder der Drang zur Selbstbestimmung.

Verbindlich in Gemeinschaft

These: Klöster und geistliche Lebensgemeinschaften sind ein sichtbares Therapeutikum ­gegen die Selbstvergessenheit der Kirche als Sozialwesen.

Die Form des kommunitären Lebens bezeugt die Radikalität des christlichen Glaubens auch hinsichtlich seiner sozialen Gestalt. Der Glaube soll nicht allein das Handeln und Denken der Einzelnen prägen, sondern auch im Sozialen zum Ausdruck kommen - gemäß dem paulinischen Bild vom Leib und den Gliedern, also dem Leib Christi. Die Gemeinde ist demnach nicht etwa aus Einzelnen "zusammengesetzt" wie ein Religionsverein, der sich dem Zusammenfinden von einzelnen Interessensgleichen verdankt. Vielmehr handelt es sich dabei um eine organische Existenz: Die Gemeinde existiert als Leib oder sie existiert gar nicht wirklich als Gemeinde. Indem es die christliche Gemeinschaft als konkrete tägliche Koexistenz lebt, begegnet das Mönchtum der Gefahr einer Selbstvergessenheit des Leibes Christi, der sich allzu leicht im Sog zur Privatisierung der Religion verfängt.

Hinzu kommt, was wir den "Stellvertreterdienst" der Kommunitäten nennen können: In ihnen schenkt Gott seiner Kirche ein besonderes Anschauungsmaterial, an dem die Wahrheit des Leibes Christi sozusagen im Sozial-Experiment erkannt werden kann. Geistliche Lebensgemeinschaften leben die Wahrheit der Kirche als Sozialwesen sichtbar und stellvertretend für alle anderen Christen. Wohlgemerkt: stellvertretend, nicht anstelle der anderen. Denn jeder Christ hat Anteil am Leib Christi in den Sakramenten und im fürbittenden Gebet, das Christen miteinander verbindet.

Luthers Wieder­gewinnung der Freiheit

Die Reformation hat das klö­sterliche Leben dann bekanntlich einer scharfen Kritik unterzogen. Luthers eigener Freiheitskampf im Kloster mündete in einen Kampf auch gegen die Klostergelübde als solche. Das Problem, wie Luther es erkannte, entsteht dann, wenn die in der klösterlichen Ordnung gelebte Freiheit eben nicht mehr als eine "geschenkte" verstanden und gestaltet wird, sondern - im Sinne des aristotelischen Tugendmodells - als eine zu erlangende. Man wird tugendsam, indem man sich in tugendhaften Handlungen übt, heißt es bei Aristoteles. Und in der christlichen Übernahme dieses Gedankens für das klösterliche Leben im Mittelalter lautete die Folgerung daraus dann: Die Überwindung der eigenen Begehrlichkeit wird zur edlen Lebensaufgabe überhöht. Die so erlangte Freiheit ist dann freilich nicht mehr "Widerfahrnis" im Sinne des Paulus, sondern allzu leicht zum menschlichen Projekt geworden.

Ein anderer Vorwurf Luthers an das monastische Leben seiner Zeit war die Flucht aus dem Alltagsleben, der Rückzug in eine Welt jenseits der Verbindlichkeiten, die Gott dem Leben durch seine geschöpflichen Ordnungen eingestiftet hat - also Flucht vor politischen Verbindlichkeiten, Flucht vor den ökonomischen Notwendigkeiten der Welt und insbesondere vor den Verbindlichkeiten des Familienlebens. Statt sich im Gegen­über zu den bürgerlichen Ständen zu definieren, sollte die Freiheit Luther zufolge durch den Glauben gerade in den bürgerlichen Ständen realisiert werden: in dem einen geistlichen Hauptstand der Taufe sind alle Gläubigen, unabhängig von ihrer jeweiligen weltlichen Standeszugehörigkeit, zum allgemeinen Priestertum berufen, zu dem einen Amt der Gottes- und Nächstenliebe, das es an allen Orten, an die die Menschen jeweils gestellt sind, auszuüben gilt.

These: Luthers Wiedergewinnung der radikalen Freiheit des Evangeliums für alle Gläubigen hat sich im Protestantismus seither zu einer religiösen Überhöhung der ‚christlichen Kultur‘ verdünnt.

In der Folgezeit wurde dieses kostbare Erbe der Reformation im neuzeitlichen Protestantismus allerdings in das verkehrt, was der amerikanische Sozialphilosoph Charles Taylor als "affirmation of ordinary life" bezeichnet hat: die Aufwertung des Alltagslebens an sich. Anstelle der Öffnung der weltlichen Stände für das eine wesentliche Amt jedes Christenmenschen erfolgte gewissermaßen die Heiligsprechung der weltlichen Stände als solcher. Symbolhafter Niederschlag dieser Tendenz findet sich etwa in dem, was man die "protestantische Familienreligion" genannt hat, oder im bürgerlichen Berufsideal, wo Berufung als Begriff buchstäblich um die theologische Pointe verkürzt und mit dem bürgerlichen Beruf einfach gleichgeschaltet wurde.

Dieser Säkularisierungsprozeß tendiert im Ergebnis zu einer Selbstaufhebung eben jener christlichen Kultur, der er sich verpflichtet weiß: Der Schritt von der theologisch motivierten Aufwertung des politischen, ökonomischen und familiären Lebens zu einer geistlich tauben Selbstgenügsamkeit dieses Lebens ist nur allzu klein.

Wenn wir uns also diese Etappen der Freiheitsdiskussion bis einschließlich der Moderne vor Augen halten: Wie läßt sich der Streit um die Freiheit für unsere gegenwärtige Lage beschreiben? Hier müssen wir darauf achten, wie sich die Parameter dieses Kampfes im Überschritt zur Postmoderne verschieben.

Vexierbilder der Freiheit

Neben der theologischen Kritik Luthers an der Annahme, der einzelne Mönch könne auf dem Weg der Selbstheiligung in seinem Freiheitsbewußtsein fortschreiten, gab es bei den reflektierten Vertretern des monastischen Lebens auch das Bewußtsein für eine andere Gefahr. Man hatte erkannt, daß die grundsätzliche Annahme der evangelischen Räte (Keuschheit, Armut und Gehorsam) keineswegs schon den Sieg im Freiheitskampf markiert, sondern allenfalls einen ersten Schritt in diesem Kampf, dem dann noch viele folgen müssen. Der Mönch, der sich von weltlichen Besitztümern getrennt hat, wird im Klosterleben unerwartet und um so härter darauf gestoßen, daß das Grundproblem des habgierigen Herzens damit noch nicht überholt ist. Er muß vielmehr erkennen: Die Habgier verlagert sich nur auf andere Ebenen wie Bildung, Anerkennung usf., die aufgrund ihrer immateriellen Natur um so gefährlicher sind.

Mit anderen Worten, der Freiheitsgewinn gegenüber der Welt durch den Eintritt ins Kloster mag in den Augen der Welt größer erscheinen als für den, der tatsächlich im Kloster lebt.

Worauf diese Überlegung hinaus will: Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen der Freiheit, über die ich tatsächlich verfüge, und dem subjektiven Empfinden darüber, wieviel Freiheit(-en) ich habe. Dieses Vexierspiel* der Freiheit wollen wir uns im Folgenden einmal näher ansehen und zwar nach beiden möglichen Seiten: der tatsächlichen Unfreiheit im Gewand der Freiheit und der tatsächlichen Freiheit im Gewand der Unfreiheit. Die erste Variante gewinnt in der Postmoderne eine neue Zuspitzung, die zweite bezeichnet ein Problem der christlichen Selbstwahrnehmung und Seelsorge. Zur ersten:

I. Unfreiheit im Gewand der Freiheit

Gehen wir noch einmal vom Freiheitsversprechen der evangelischen Räte aus. Gerade aus der Perspektive der modernen Welt mit ihren vielfältigen Übersättigungssyndromen mag die Vorstellung befreiend erscheinen, wie es denn wäre, nichts zu haben, das man abstauben muß (Armut). Und wie frei muß man sich fühlen, wenn man nicht nur den Gesetzen des sexuellen Marktes und seiner Stilisierungsimperative entkommen ist (Keuschheit), sondern auch der Tyrannei des Originalitätsdrucks, wonach alles im Leben als Resultat der eigenen individuellen Planungs- und Gestaltungshoheit ausgegeben werden muß (Gehorsam). Wenn die Welt also spricht, "Das alles könnte ich nie aufgeben", dann schwingt darin durchaus der Ton der Resigna­tion mit: "Ich habe keine Freiheit diesen Dingen gegenüber, sie haben mich zu sehr in der Hand."

Diese Einsicht ist bei Lichte betrachtet nun aber zwiespältig, denn sie verkehrt das Bedauern über die erkannte Unfreiheit in eine zweifelhafte Freiheitsbehauptung. Der Satz "das könnte ich nie aufgeben" wird dann unmittelbar zur Freiheitsaussage selbst umdefiniert, eben das, was ich nicht aufgeben kann, auch nicht aufgeben zu müssen. Die daraus resultierende Formel lautet dann "Freiheit oder Verbindlichkeit" und besagt, daß man um der Verbindlichkeit willen Freiheit abgeben müsse. Was dabei notorisch übersehen wird: Diese Freiheit - Freiheit im Gegensatz zur Verbindlichkeit - ist Resultat eines bereits verlorenen Freiheitskampfes - eines Kampfes, den man aufgibt, bevor man ihn richtig angefangen hat.

Option oder Entscheidung

Der postmoderne Freiheitsbegriff unterscheidet sich grundlegend von den Freiheitsbegriffen der Aufklärung und der Moderne. In ihm geht es nicht mehr um die Frage der Selbstbestimmung wie noch bei Kant. Es geht auch nicht mehr darum, unabhängig von den Umständen zu werden und sich als Individuum selbst zu verwirklichen - sei es durch eigengesetzliches Handeln oder durch die Erschaffung seiner Selbst wie in der modernen Avantgarde. Statt dessen scheint es heute mehr und mehr als ausgemacht, daß es Freiheit an und für sich gar nicht gibt. Sie ist, wenn überhaupt, nur eine virtuelle Realität und will als solche gepflegt werden. Die Tatsache zum Beispiel, daß wir in kapitalistischen Gesellschaften in immer größerem Maßstab den Gesetzen des Marktes unterworfen sind, wird nicht als Bedrohung der Freiheit, sondern als unausweichliches Gegebensein hingenommen. Worauf es der neuen, postmodernen Haltung wesentlich ankommt ist, daß ich mir ungeachtet der realen Unfreiheit und ihrer vielfältigen Zwänge dennoch einzelne Freiheiten herausnehmen und diese genießen kann. In anderen Worten: Ich bin zwar Sklave des Marktes, aber solange ich genügend Optionen habe, mich auf diesem Markt zu bewegen und die Regale voll sind, bin ich doch irgendwie auch frei.

Eine so verstandene Freiheit erschließt sich fundamental in Form von Wahlmöglichkeit. Wohlgemerkt: Es geht hier nicht mehr um Entscheidungsfreiheit im klassischen Sinn, also die Freiheit, eine Entscheidung für oder gegen eine Sache zu treffen. Freiheit im Sinn der Wahlmöglichkeit bedeutet vielmehr, sich gerade nicht pro oder contra entscheiden zu müssen, weil es immer auch eine dritte, vierte oder fünfte Option gibt, auf die man sich gegebenenfalls zurückziehen kann.

These: Wir haben es heute mit einer neuen ­Ideologie zu tun, die auf die Erfahrung einer virtuellen Freiheit innerhalb einer bewußt in Kauf genommenen Unfreiheit zielt.

Das theologisch Herausfordernde dieser neuen Denk- und Lebensfigur besteht darin, daß die erfahrene Unfreiheit unmittelbar als Freiheit selbst ausgegeben wird. Wir haben es also nicht lediglich mit verkehrten Freiheiten zu tun, sondern mit der Verkehrung des Freiheitsbegriffs selbst. "Wehe denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen (Jes 5,20).

Im ersten "Matrix"-Film gibt es eine Szene, in der eine rote und eine blaue Pille zur Wahl angeboten werden. Während die eine Pille ein zufriedenes Leben in der virtuellen Welt ermöglicht, öffnet die andere die Augen für die Virtualität dieser Welt und die eigene Existenz in Abhängigkeit von den eigentlichen Strippenziehern. Es gehört zu den eindrücklichen Momenten des Films, wenn die besagte Szene die innere Plausibilität und "Normalität" eines Protagonisten zeigt, der die Wahrheitspille wieder zurückgeben will, nachdem er sie gekostet hat. Die eigentliche Freiheit, nämlich die Wahrheit über seine Unfreiheit zu erfahren, wäre ihm auf Dauer unerträglich. Im Zugreifen auf die "andere" Pille hält er lieber fest an einer "Freiheit", von der er zwar weiß, daß sie in Wahrheit keine ist, die ihm aber immerhin das angenehme Abtauchen in eine Anzahl individueller Freiheiten ermöglicht, die ihm zugleich die unbequeme Frage nach "der" Freiheit vom Leib halten. In dieser Szene kann man sich an die theologische Argumentation Luthers erinnert fühlen. In ähnlicher Zuspitzung spricht der Reformator von der Hinterlist des Teufels, die Hölle mit fein bunten Farben auszumalen, um die Gefangenen im Glauben zu wiegen, eigentlich frei zu sein. Nicht die zur Erfahrung kommende Knechtschaft der Sünde gilt Luther darum als die größte Tragik des Menschengeschlechts - denn dahinter leuchtet ja immer schon die Verheißung der Gnade um so stärker - , sondern gerade die eingebildete Freiheit. Während reale Unfreiheit mit der Hoffnung auf Befreiung einhergehen kann, ist die eingebildete Freiheit zutiefst hoffnungslos, weil sie der Gnade die Türe zuschlägt.

II. Freiheit im Gewand der Unfreiheit

Ich möchte nun mit einer Zwischenüberlegung auf die andere - hoffnungsvollere - Variante des Vexierspiels der Freiheit überleiten, in der es um tatsächliche Freiheit geht, die unter der Gestalt ihres vermeintlichen Gegenteils verborgen ist.

Gehen wir zunächst noch einmal von der postmodernen Definition der Freiheit als Leben in pluralen Möglichkeiten, der sogenannten "Optionsfreiheit", aus. Die englische Sprache hat für den Begriff der Möglichkeit zwei Ausdrücke parat, potency und possibility, die jeweils einen verschiedenen Sachverhalt bezeichnen. Mit Hilfe der hier angebotenen Unterscheidung läßt sich besser verstehen, warum die christliche Freiheit mit den Parametern der postmodernen Options-Freiheit gar nicht erfaßt werden kann.

Möglichkeit oder Potential

Potency meint die Möglichkeit, die in einem steckt als Potential, während possibility die Möglichkeit im Sinne einer sich bietenden Gelegenheit meint. Wie verhalten sich beide nun zueinander? Nehmen wir das Beispiel einer begabten Heranwachsenden. Ihr Umfeld (gutes Elternhaus) und ihre Begabungen (musikalisch, sportlich, vielseitig interessiert an Literatur etc.) stellen ihr viele Möglichkeiten vor Augen. Zunächst wird das Ausloten dieser Möglichkeiten in der Breite auch wichtig sein, verschafft es unserer Probandin doch eine breite Spanne an Erfahrung und elementaren Fertigkeiten.

Wenn aber von diesen Knospen irgend etwas zur vollen Blüte reifen soll, wird ein gewisses Maß an Konzentration und Reduktion unumgänglich. Die großartige Musikerin wird eben nicht auch eine ebenso großartige Tennisspielerin und Literaturkennerin werden können. Die Entfaltung von potency verlangt vielmehr die Reduzierung von possibility. Ein solcher Verzicht auf bestehende Optionen ist immer auch schmerzhaft. Anstatt mit meinem musikalischen Talent, das mir schnell Zugang zu verschiedenen Instrumenten ermöglicht, erstaunlich gut auf ­einer Reihe von diesen herumzuklimpern (possibility), konzentriere ich mich auf das eine erwählte Instrument - die Jazzgitarre. Erst diese Konzentration als Verzicht auf andere Optionen ermöglicht mir dann zu sagen: Ich bin so frei, meine Möglichkeit (potency) als Musiker zur Entfaltung kommen zu lassen.

Angeld der Ewigkeit

Zwar führt mich eine solche Verbindlichkeit auch viel schneller und schmerzhafter an meine Grenzen, die zu überwinden Schweiß, Disziplin und Frustration kosten. Denn ein Instrument richtig spielen zu können, erfordert ganz andere Kräfte als das Herumspielen auf mehreren.

Umgekehrt gilt aber auch: Innerhalb der Entfaltung einer solchen potency - und nur darin - sind auch die außergewöhnlichen Befreiungsmomente möglich, die das Musizieren schenken kann. Wie jeder ernsthafte Spieler eines Instrumentes weiß, gibt es hier Momente, die jedes mögliche Hinterhertrauern der aufgegebenen Optionen zur bloßen Theorie machen. Wie Dietrich Bonhoeffer einmal formuliert hat: Freiheit bedeutet nicht, im Möglichen schweben, sondern das Wirkliche tapfer ergreifen.

So ist es auch im Glaubensleben: Wie bei der Gitarristin, die sich über mühsame Schulen der Geläufigkeit bis an die Schwelle des Eindringens in die Aura der Musik selbst herangespielt hat und der im Einswerden mit ­ihrem Instrument die Existenz anderer Instrumente unerheblich wird, so darf es uns zuweilen auch mit der potency gehen, die der Glaube zur Entfaltung bringt.

Es gibt Momente der Bewußtwerdung genuiner­ Freiheit, in denen alles in großer Klarheit und Schönheit vor uns steht, fernab jeden Zweifels: der Moment, in welchem der jungen Frau klar wird, daß sie mit diesem einen Mann und keinem anderen ihr Leben verbringen wird, um im entschlossenen Ergreifen dieser Möglichkeit in Gottes Namen nicht ärmer (an anderen Möglichkeiten), sondern reicher zu werden; die beseligende Gewißheit der Eltern, mit denen sie im Lachen ihres behinderten Kindes das besondere Gottesgeschenk erkennen, das sich nicht gegen die entgangenen "Möglichkeiten" aufwiegen läßt, die ein gesundes Kind der Familie gebracht hätte; die Leichtigkeit des Seins, mit dem der "zu Höherem berufene" Arzt den angebotenen Chefsessel für den Dienst an den Ärmsten in einem Krankenhaus der "Dritten Welt" eintauscht, als ihn der Brief seines Freundes von dort erreicht - die Liste solcher Beispiele ließe sich fortsetzen. Solche Intensiv-Erfahrungen genuiner Freiheit gehören, theologisch gesprochen, zum Angeld der Ewigkeit: In ihnen werden die Dinge unverzerrt, in ihren wahrhaftigen Proportionen sichtbar, sie leuchten auf für einen beseligenden Moment. Wir tun darum gut daran, das Gedächtnis solch kostbarer Momente der bewußt erlebten Freiheit zu pflegen, denn ebenso sicher wie ihre Existenz ist auch ihr zeitweiliges Verglühen am Firmament unserer Erfahrung. So wie sich die Sterne verbergen, wenn sich eine Wolkendecke zwischen sie und uns schiebt.

Bleiben in der Freiheit

These: Das Bewußtsein genuiner Freiheit ist auch im christlichen Leben nur zeitweises Angeld der Ewigkeit. Darum muß die Freiheit gepredigt, geglaubt und einander zugesprochen werden.

Dies gilt insbesondere dann, wenn wir ihrer nicht immer gewahr sind, wenn uns die Kon­turen der Freiheit verschwimmen, wenn wir die Freiheit also nicht greifen und sehen können, sondern glauben müssen. Gerade dort müssen wir sie festhalten, wo der Augenschein das Gegenteil zeigt, wo etwa der Verzicht, den die Freiheit fordert, uns nicht mehr leichtfällt, sondern schmerzlich bewußt wird: als "bloßer" Verzicht, und nicht als Gewand der Freiheit.

Zweifel werden nicht ausbleiben; nicht für die junge Ehefrau, nicht für die Eltern des behinderten Kindes und nicht für den Arzt im Missionskrankenhaus. Der erwählte Ehepartner gibt seinen Glanz zuweilen an der Garderobe ab, das behinderte Kind lacht nicht nur, sondern erbricht sich, und Korruption macht vor dem Missionskrankenhaus nicht halt. War der Moment der Erkenntnis der Freiheit nicht trügerisch? Eine schöne Illusion? War meine Entscheidung vielleicht weniger Ausdruck einer großen Freiheit als vielmehr bestimmter uneingestandener Zwänge, religiöser Neurosen etwa?

Da die Freiheit uns immer wieder unter dem Anschein des Gegenteils verborgen ist, darum gilt es, ausdrücklich gegen dieses Vexierspiel anzuglauben, und zwar für jeden an dem ihm gewiesenen Ort. Trügerisch ist nicht die Freiheit der Ehe, der Elternschaft oder der Berufung, sondern die Freiheit, mit der die verflossenen Alternativen locken. So mag zum Beispiel der Mönch, der unter ungelöster sexueller Spannung leidet, sich im Stande äußerster Unfreiheit wähnen und die Freiheit jenseits seiner eigenen Berufung im sexuellen Zugeständnis der Ehe erblicken. Was er nicht sieht, ist, daß der Verheiratete ebenfalls unter ungelöster sexueller Spannung leidet und möglicherweise meint, die Freiheit jenseits seiner Berufung zu erblicken, vielleicht in der Eindeutigkeit der Klostermauer oder aber im sexuellen Zugeständnis des modernen Singlelebens mit wechselnden Partnern. Was er wiederum nicht sieht, ist, wie auch der moderne Single dem Problem nicht entkommt und unter ihm nur in anderer Verkleidung leidet.

Zuspruch der Freiheit

Der entscheidende Punkt dabei: Bei dem Phänomen der Freiheit im Gewand der Unfreiheit handelt es sich um ein Wahrnehmungspro­blem. Um so wichtiger ist deshalb die Ermahnung des Galaterbriefes: Bleibt in der Freiheit! Will sagen: Erkennt diese Freiheit als solche, laßt sie euch nicht madig machen oder gar leichtfertig gegen irgendwelche Unfreiheiten eintauschen!

Was Paulus mit dieser Ermahnung demon­striert, ist Seelsorge im elementaren Sinn. Da die Freiheit sich uns immer wieder als Vexierspiel präsentiert und wir als Einzelne oft nicht in der Lage sind, ihr gewissermaßen unters Gewand zu sehen, darum ist die zu glaubende Freiheit eine, die sich Christen immer wieder gegenseitig zusprechen müssen und dürfen: dann, wenn die schwierig gewordene Ehe unter den Verdacht gerät, doch eigentlich eher Gefängnis statt Ort der Freiheit zu sein, liegt es nahe, auf den vermeintlichen Freiheitsgewinn einer Scheidung zu setzen; mit derselben Logik sehen sich werdende Eltern konfrontiert, wenn die Prognose "wahrscheinlich Mongolismus" mit dem dezenten Hinweise auf die Möglichkeit verbunden wird, sich durch einen Schwangerschaftsabbruch die Freiheit auf eine gesunde Schwangerschaft zu erhalten; wenn der Arzt in dem vom Notstrom­aggregat abhängigen Missionskrankenhaus von der Freiheit zu träumen beginnt, welche die high-tech Medizin im Heimatland der ärztlichen Effizienz andient.

Wenn die Freiheit unter dem Gewand der Unfreiheit unsichtbar geworden ist, kommt es darauf an, ob sich Menschen finden, die den Angefochtenen die Freiheit zusprechen und diese so wieder real werden lassen. Leben im Vexierspiel der Freiheit läßt sich nur gemeinsam bestehen. Eben darin besteht die christliche Berufung zur Freiheit: Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest in der Freiheit.
 

* Vexierspiel, -bild: Darstellung eines Gegenstandes, dessen Konturen bei genauem Hinschauen die Umrisse zweier spiegelbildlich erscheinender Figuren ergeben.

Von

  • Bernd Wannenwetsch

    Dr. theol. Dr. theol. habil. MA, ordiniert in der ­Lutherischen Kirche in Bayern, lehrt (2010) Systematische Theologie und Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Oxford.

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