Editorial über Identität und Berufung

Liebe Freunde!

Dorothea bedeutet Gottes Geschenk. Rainer heißt Ratvoller Kämpfer. Joachim ist der Zuruf: Gott richtet auf. Kennen Sie die Bedeutung Ihres Namens? Kaum eine Frage beschäftigt uns – ­offen oder verborgen – so tief wie die nach der eigenen Identität.

Die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ entdecken wir allerdings nicht beim Versuch, in unser Ich hinabzusteigen und den Grund der eigenen Seele auszuloten. Das Leben lehrt: Wer ich bin, das kann ich mir nicht selber sagen. Es ist Geschenk und Aufgabe, daß man sich selbst kennenlernt, mit sich Freundschaft schließt und der Bestimmung der eigenen Exi­stenz auf die Spur kommt. Wer ich bin, erfahre ich in einem lebenslangen dialogischen Prozeß: Wir empfangen uns in der Begegnung mit anderen - bevor ich Ich werden kann, muß ich als Du angesprochen werden.

Du wirst bestimmt

Es ist der Zuspruch unserer Eltern, der uns zuvorderst unsere Bestimmung gibt. Indem sie uns bei unserem Namen rufen, wird bei jedem von uns – wie bei einem Instrument – die erste ­„Saite“ aufgezogen. Durch ihre tausendfache Ansprache erleben wir uns als ins Leben Gerufene und lernen „ich“ zu sagen. Wer ich bin, lese ich aus ­ihrem Blick und entnehme ich ihrer Stimme.

Du suchst deine Stimme

Später wächst der Kreis der Stimmen, die mich durch ihr Ansprechen und ihren Zuspruch erleben lassen, daß ich ein Gegenüber bin. So ­erweitert sich auch das eigene Klangspektrum. Jetzt gilt es, in der Vielheit der fremden Stimmen den ureigenen Ton zu finden und ihn in den Chor meiner Lebenswelt einzubringen. Es ist die Zeit des „Stimmbruchs“, die Phase zwischen Nicht-mehr-Kind und Noch-nicht-unverwechselbares-Ich, in der wir den ­eigenen Stand finden und selbständig werden.

Du findest deine Bestimmung

Daß Gott den Menschen sucht (S. 102), ist das große, unverdiente Glück unseres Lebens. Aber es ist nicht ­immer einfach, sich von ihm finden zu lassen und seine Stimme im eigenen Herzen zu hören. Das liegt weniger am schweigenden Gott als am gehörlosen Menschen. Im Schärfen der Feinhörigkeit für die Stimme Gottes in unserem Herzen liegt der Zugang zu den großen Abenteuern und Kämpfen, für die wir geschaffen wurden: Daß ­unser Herz sich berühren lasse und in passion und compassion (engl.), in Begeisterung und „Mit-Leidenschaft“, den Herzschlag Christi aufnehme und weitertrage. So werden wir zu Kundschaftern, die Gott gehört, mit ihm gerungen und seinen Anruf angenommen haben. (S.128)

Auf dreifache Weise also hören wir uns im Laufe un­seres Lebens bei unserem Namen gerufen: von unseren Eltern, von der Welt und von der Stimme Gottes.

Authentisch leben

Von Anfang an sind wir Geschöpfe der Liebe Gottes, „geschaffen zu seinem Bilde“. Die Sehnsucht Gottes ist es, mit seinem Geschöpf – mit jedem von uns – in eine ­lebendige Beziehung zu treten als sein Gegenüber, Gesprächspartner und Mitarbeiter. Wir sind berufen, auf diese Liebe mit Hingabe, mit Herz und Hand zu antworten.

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ heißt das Geheimnis der neuen Schöpfung in Christus. Das ­hebräische Wort bessar = Fleisch hat die gleiche Buchstabenfolge wie der Stamm des Wortes bessurah = Botschaft. Das „Fleisch“ ist Botschaft und es enthält sie.

Christusähnlich und authentisch leben heißt, Wort und Tat zusammenbringen. Der jüdische Lehrer Martin Buber hat die Formel mensch­licher Reife einmal so zusammengefaßt: „Sage, was Du denkst, und tue, was Du sagst.“ Wer das kann, ist ­Person geworden. Person kommt von lateinisch personare und heißt durchtönen. ­Meine Bestimmung finden heißt, die Saiten von Wort und Tat auf dem Klangkörper meines ­Lebens zum ­Zusammenklingen zu bringen, ­damit Christus hindurchtöne.

Das Neue Lied

Wir kommen von der Karwoche und Ostern her und gehen auf Pfingsten zu. Das Geheimnis der Passion Christi liegt darin, daß Jesus bereit war, alle unsere Mißklänge und falschen Selbst(be)stimmungen (falschen Identitäten) auf sich und in den Tod hineinzunehmen. Das Geschenk von Pfingsten liegt darin, daß die große Sinfonie der Wahrheit Gottes im Geist unter uns hörbar wurde. Keiner hört das Ganze des Neuen Liedes, wohl aber vernehmen wir ­jeweils Teile der himmlischen Melodie. Das Neue Lied der Gemeinde in Christus entsteht im Zusammenklingen derer, die aufhorchen und ihre Stimme und ihren ureigenen Ton in die Gemeinde einbringen. Diese zusammenklingende Ergänzung in Liebe ist der Fanfarenstoß der Hoffnung für die Kirche im 3. Jahrtausend.

Beherzte Kämpfer

Alte und neue Kampfgefährten machen in diesem Heft die Fragen nach Identität und Berufung durch persönliche, praxisnahe Berichte anschaulich. Die „Roadmap zum Leben“ ­(S. 124) ist eine Landkarte für offensive Kämpfer. Mit ihrer Hilfe können wir dem ­Leben aktiv Struktur geben, „Tankstellen“ für die Wüstenzeiten einbauen und verhindern, daß die Segensspur Gottes vom Wind­ des Alltags verweht wird.

Daß das Leben mit Gott ein grenzüberschreitendes Abenteuer ist, zeigen die ermutigenden und erschütternden Zeugnisse unserer jungen Mitarbeiter und unserer Freunde, die ihr Herz in Kroatien, in Manila und anderswo riskierten. (S.132ff)

 Am 8. Mai jährt sich das Ende des II. Weltkriegs zum 60. Mal. Auch wenn das tausendjährige Reich der Nazis nur 12 Jahre währte, sind die Folgen des unsagbaren Unrechts und Unheils bis heute spürbar – „bis ins dritte und vierte Glied“. Was für ein Geschenk, daß wir die Namen derer kennen, die mit dem Einsatz ihres Lebens eine lebendige Brücke in unsere Geschichte hinein bilden. Neben Sophie Scholl, die durch den gleichnamigen Film in diesen Tagen als bekennende Christin mit Stehvermögen neu in unser Bewußtsein tritt, ist es der innere Kampf des evangelischen Pfarrers und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer­, der uns bis heute berührt. In seiner Gefängniszelle rang er um Selbstverständnis und Widerstandskraft, um schließlich zum Gottvertrauen durchzudringen. (S.121)

Hannover und Reichelsheim

Die biblische Botschaft praktisch-sinnlich ­erfahrbar zu machen, ist unser Anliegen beim Kirchentag vom 25.- 29.05.2005 in Hannover. Gemeinsam mit dem Christus-Treff Marburg und dem Ring Missionarischer Jugend­bewegungen (RMJ) werden wir in Halle 17 den biblischen Horizont zum Thema Identität auf einem kreativen „Pilgerweg“, dem Bibelparcours, erlebbar machen. Wir freuen uns auf viele Besucher und auf die Begegnung mit ­Ihnen!

Ebenso laden wir Sie zum OJC-­Festival (TdO) am 05.05.05 in Reichelsheim herz­lich ein. Das Thema „Stehvermögen zeigen“ schließt innerlich an dieses Salzkorn an. Eben dieses wünschen wir Ihnen und uns für den Alltag und alle Aufgaben. Möge die Gewißheit einer persönlichen Bestimmung uns Stand ­geben und Festigkeit, auf daß wir wachsen „wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit“ (Psalm 1).

Mit der ganzen OJC-Großfamilie wünsche ich Ihnen eine gesegnete Osterzeit.

Ihr

Dr. Dominik Klenk

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

    Alle Artikel von Dominik Klenk

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