Gott gab dir Füße, aber gehen musst du selbst

Was du dafür tun kannst, deine Berufung zu finden.  Ein Interview

Rebekka Havemann / Christian Schneider

Neun Jahre lebte Christian Schneider mit seiner Frau Christine und ihren beiden Kindern Isabell (11) und Noel (9) in den Slums von Manila. Ihr Herz brennt für die Armen, die dort auf und von dem Müll der Reichen leben müssen. Für die Schwächsten von ihnen, die Kinder, gründeten sie die Onesimo-Gemeinschaft, in der ca. 60 Straßenkinder zwischen 14 und 24 Jahren ein Zuhause gefunden haben.

Die OJC ist dem Ehepaar Schneider und der Onesimo-Arbeit eng verbunden und unterstützt sie seit Jahren durch ihre Weihnachtsaktionen. Im folgenden berichtet Christian, wie er zu seiner Berufung fand, als er begann, der Stimme seines Herzens zu folgen.

Christian, wie hast Du entdeckt, daß Glaube nicht nur etwas Privates ist, sondern immer auch Welthorizont hat?

Während meiner Theologieausbildung in England habe ich ein Praktikum auf den Philippinen gemacht. Dort bin ich zum ersten Mal Menschen begegnet, die Hunger haben und all die Demütigungen, die mit dem Armsein verbunden sind, erleiden müssen. Daß Menschen, auch Christen, im wahrsten Sinne des Wortes hungern, paßte nicht in meine Theologie und meinen Lebensalltag. Die Begegnung mit den Armen hat mich sehr erschüttert, hat beinahe meinen Glauben an einen gütigen Gott gekostet. Daraufhin habe ich die Bibel neu lesen gelernt und entdeckt, daß „Besitz, Armut, Teilen“ sehr prominente Themen sind, die von den Propheten und Jesus selbst leidenschaftlich behandelt werden Und ich habe Menschen kennengelernt, Mitarbeiter aus Neuseeland, von der Hilfsorganisation „Servants“, die in Manila mit den Armen leben. Das hat mir einen neuen Horizont eröffnet und mich genötigt, mein Leben als Christ neu zu orientieren: es gibt keine andere Option; die Armen gehören zu uns und der Dienst an ihnen zum Leben als Christ. Ohne die Armen verpassen wir Christus.

Und dann hast Du Dich für die Straßenkinder in Manila eingesetzt?

Ja, ich kam aus Manila zurück und habe vielen davon erzählt. Meine Freunde haben mir Mut gemacht, mit der Organisation „Servants“ einfach mal dort mitzuleben. Das habe ich dann auch gemacht: vier Jahre habe ich in den Slums mein Leben mit den Armen geteilt. Dort habe ich Christine kennengelernt, die ich  schon vom CVJM in der Schweiz kannte. In der Schweiz heirateten wir und bekamen eine Tochter. Dann sind wir als Familie in ein Armenviertel in Manila ausgereist. Im ersten Jahr haben wir die Sprache gelernt und wie man als Familie im Slum überlebt. Ganz klein begann unsere Arbeit, indem wir einige Jungen in ein Slumhaus aufnahmen und mit ihnen ­eine Lebensgemeinschaft versuchten. So entstand die Onesimo-Bewegung.

Hat es mit Deiner Biographie zu tun, daß es gerade Dich so „gepackt“ hat?

Kann sein. Als Junge und junger Erwachsener hat der CVJM für mich eine ganz wichtige Rolle gespielt. Die Jungscharleiter waren meine väterlichen Freunde, durch sie habe ich Zuwendung erlebt und einen handfesten Glauben. Sie teilten ein Stück ihres Lebens mit uns und haben mich so in die Lebensgemeinschaft mit Jesus hineingeführt. Das gab mir Identi­tät, Lebensfreude, Zielrichtung. Schon früh haben wir Verantwortung übernommen; wurden ermutigt, korrigiert, durften Fehler machen. Das hat die ersten Jahre meines Lebens sehr geprägt und mir auch für den Dienst an den Jungen in Manila eine Richtung und ein Vorbild gegeben. Außerdem glaube ich, daß ich ein „Abenteurertyp“ bin, der gern loszieht, um etwas Neues kennenzulernen.

Und das wurde dann Deine Berufung?

Ich glaube, Berufung ist ein Prozeß, ein Weg, den man Schritt für Schritt geht. Ich hatte nie die Absicht, Missionar zu werden. Ich lernte Bauzeichner, später Krankenpfleger. Diese Arbeit machte mir große Freude. Als Freunde mir rieten, eine theologische Ausbildung zu machen, bin ich zum Theologiestudium nach England gegangen. Diese drei Jahre waren schwierig, ich wußte nicht, ob das meine Berufung war. Aber von dort aus bin ich zum ersten Mal nach Manila gegangen und wußte ziemlich schnell: Hier muß ich bleiben, hier will mich Gott. Den Armen zu dienen ist meine Berufung geblieben bis heute, auch wenn ich jetzt wieder mit meiner Familie in der Schweiz lebe.

Was ist Berufung eigentlich?

Auf jeden Fall nichts Statisches, sondern etwas unheimlich Dynamisches. Mein Bild dafür ist: Ein Schiff, das Fahrt hat, das in Bewegung ist, läßt sich leichter steuern als eines, das unbeweglich festliegt. Das heißt, wenn ich in Gemeinschaft mit Gott lebe und selber Schritte tue, kann und wird er mich führen. Ich habe es immer wieder erlebt, daß ich an einen Ort komme und merke: das ist jetzt der richtige, hier möchte Gott mich haben. Das muß nicht heißen, daß es ein schöner Ort ist, an dem ich gut verdiene und mir alles gelingt. Mein Leben im Slum unter den widerlichen und lebensfeindlichen Umständen war hart. Es muß auch nicht heißen, daß es für den Rest meines Lebens ist. Es ist auch nicht so sehr eine intellektuelle Erkenntnis, sondern eher ein Gespür „im Bauch“, ein innerer Frieden.

Das heißt, ich weiß meine Berufung nicht ein für allemal?

Richtig, es ist ein Prozeß, in dem viel Veränderung möglich ist. Meine Erfahrung ist: wenn man sich in eine bestimmte Richtung bewegt und auch Risiken eingeht, wird Gott einen nicht hängen lassen, sondern gebrauchen, lenken und korrigieren. Es ist ein Unterwegssein, aber es beginnt damit, daß man selber Schritte tut. Wichtig ist ein Mentor, ein geistlicher Begleiter, der einen korrigiert, mit dem man auch über Niederlagen und Probleme redet und betet.

Hättest Du denn auch etwas anders werden können?

Ja, sicher hätte Gott mich auch an einem anderen Ort einsetzen oder für einen anderen Dienst berufen können. Ich habe die Richtung eingeschlagen, in die mein Herz mich zog. Gott ist meinen Weg mitgegangen und hat mich dann spüren lassen: Das ist der Ort, an dem ich dich haben und gebrauchen will. Und gleichzeitig war es, als ob Gott einige Situationen bereits „vorbereitet“ hätte. Es gab z.B. eine Frauen-Gebetsgruppe in einem Slum, die schon vor meiner Ankunft von mir geträumt hatten!

Was haben Deine Freunde und Familie zu Deinem radikalen Schritt gesagt?

Meine Mutter und auch meine Freunde ermutigten und unterstützten mich. Als wir allerdings das zweite Mal als Familie mit unserer kleinen Tochter ausreisten, kamen viel mehr Fragen und Bedenken. Uns war jedoch klar: Wir gehen hin und erwarten, daß Gott es uns bestätigt. Wenn er es nicht tut, kommen wir zurück, und dann ist das auch OK. Wir wußten, wir würden nicht die Ehe oder die Gesundheit der Kinder aufs Spiel setzen, nur um das Gesicht zu wahren.

Bei Onesimo finden junge Menschen ein Zuhause, die in ihrem Leben schon viel Schweres erlebt haben. Was ist Dir für sie wichtig?

Der Grund, das Fundament des Lebens und eines jeden Dienstes ist die Tatsache, daß ich bedingungslos geliebt werde. Und gerade diese Erfahrung des Geliebt- und Angenommenwerdens, fehlt den Jungen. Viele wachsen ohne Eltern und ohne jegliche Zuwendung auf. Doch selbst wenn sie auf der Straße oder im Müll groß werden, sind ihnen die Fragen „Wer bin ich? Was bin ich wert? Bin ich geliebt, geachtet?“ genauso wichtig wie für die Jugendlichen in Europa. Darum ist das große Thema, wenn sie zu uns kommen und als erstes ihren Drogenentzug machen: Gott hat dich lieb! Er hat dich berufen in ein Leben mit Bedeutung und Bestimmung! Natürlich reicht es nicht, davon nur zu hören.

Sondern?

Sie müssen es erleben. Dazu braucht es Menschen, die ihnen Freund werden, die Zeit und Kraft für sie einsetzen. Deshalb leben sie die ersten sechs Monate in einer Lebensgemeinschaft mit und erfahren ganz intensiv: es gibt Menschen, die mich aushalten und lieben, auch wenn ich mich unmöglich verhalte, sogar, wenn ich meine ganze Vergangenheit auf den Tisch lege. Die Leiter sind wie „Eltern-Ersatz“, die ihr Leben mit ihnen teilen, Zeit haben, ihnen die Schöpfung erklären, sie rausholen aus der Großstadt in die Natur, ihnen das Gute und Schöne zeigen. In der Natur zu erleben, wie schön und liebevoll Gott alles gemacht hat, ist ein prägendes Erlebnis.

Wie geht es für sie weiter?

Spätestens nach einem Jahr werden sie Mitarbeiter. Für viele ist das zwar noch zu früh, trotzdem werden sie „Pate“ für einen Menschen, der neu zu uns kommt. Die Herausforderung lautet z.B.: Wir erwarten, daß du einmal am Tag für diesen Menschen betest oder mit ihm etwas Zeit verbringst. Dabei merken sie ganz schnell, wie bald sie mit ihrer eigenen Liebe am Ende sind, daß sie Gott brauchen als die Quelle ihrer Kraft und Liebe. So bleiben sie beides: Menschen, die Hilfe brauchen und gleichzeitig andere tragen.

Was für Erfahrung machst Du damit, sie so früh in Verantwortung zu nehmen?

Im besten Fall entdecken sie früh, daß Gott mit ihnen Geschichte schreibt, daß sie wert geachtet und geliebt und darüber hinaus befähigt sind, anderen Menschen davon weiterzugeben. Das gibt ihnen Bestätigung und den Wunsch, mehr von dieser Freude zu erleben, die wächst, wenn man andern Menschen eine echte Hilfe ist. Und sie erleben, daß sie darin auch versagen und daß das dazu gehört. Oder daß Menschen ihre Liebe nicht annehmen, sie ausnutzen und wieder weglaufen. Das verletzt natürlich. Mit dieser Enttäuschung umzugehen, gehört aber dazu. Ich denke, das Fallen und Wiederaufstehen, das Darübersprechen und Beten gehört zum Prozeß des Jüngerwerdens.

Hat Euer Weggang die Jugendlichen und die Mitarbeiter verändert?

Einige Mitarbeiter haben diese Situation nicht gepackt und sind gegangen. Andere dagegen sind in die Lücke hineingesprungen, aufgeblüht und sehr gewachsen.

Die Leiterschaft setzt sich nun aus reichen und armen Filipinos zusammen. Einigen Mitarbeitern aus der Mittelschicht wurde erst durch unser Vorbild der Weg bereitet, sich nicht nur mit einer Kollekte, sondern mit ihrem Leben auf die Armen einzulassen. Sie gehen ihren normalen Berufen nach und arbeiten ehrenamtlich für Onesimo. Die bezahlten Mitarbeiter, die mit den jungen Leuten leben, kommen selbst fast alle aus den Slums.

Glaubst Du, daß jeder Mensch die Berufung hat, ein „servant“, ein Dienender zu sein?

Ja, das glaube ich ganz fest. Jesus hat uns das vorgelebt, um sein Beispiel kommen wir nicht herum. Den Armen zu dienen, ist nicht eine Verzierung am christlichen Lebensstil, sondern unsere tiefe Bestimmung. Ohne Dienen ist Christsein nur eine leere Hülle. Ich glaube allerdings, daß es nicht so sehr darauf ankommt, welchen Beruf ich ausübe, sondern mit welcher Haltung – wie ich meine Freizeit verbringe, mit Geld und Besitz umgehe, welchen Stellenwert meine Mitmenschen haben, vor allem die Benachteiligten. Bei uns sind es vor allem die Kinder, Alte und Ausländer. Wer mit offenen Augen durch seine Stadt geht, wird ihnen ganz sicher begegnen.

Gibt es eine falsche Art zu dienen?

Die Voraussetzung zum selbstlosen Dienen ist meine Identität in Gott, daß ich um meine Zugehörigkeit und seine bedingungslose Annahme weiß. Wenn die Voraussetzung nicht stimmt, wird mein Dienen selbstsüchtig. Ich weiß nicht wirklich, wer ich bin und ob ich überhaupt etwas wert bin, habe mich selbst noch nicht gefunden und bin in allem, was ich – scheinbar für andere – tue, auf der Suche nach mir selbst. Ich gebe nicht, sondern ich nehme.

Was würdest Du jungen Christen raten, die nach ihrem Weg suchen?

Sich auf etwas Praktisches einzulassen und die Antwort auf ihre Fragen nicht nur beim Gottesdienstbesuch oder Bibellesen zu erwarten. Wer sich engagiert und sich in irgendeine Art von (Sozial)-Dienst an benachteiligten Menschen hineinnehmen läßt, wird erleben, wie es ihn verändert und wachsen läßt und auch, wie es ihn an die Grenzen der eigenen Geduld und Liebe bringt. Dann wird er selbst ganz bedürftig darin, Gott neu und handfest zu erleben als den, der sich zu seinem Risiko und Engagement stellt und ihm beisteht. Man kann Gott bitten, einem einen bestimmten Menschen aufs Herz zu legen, für den man innerlich Verantwortung übernimmt. Das kann heißen, für ihn beten, ihn besuchen etc. Das ist nicht unbedingt bequem, aber eine spannende Herausforderung.

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

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