Gott sucht den Menschen

Die Erschaffung des Adam.

Eine Bildmeditation

von Angela Ludwig

Es ist ein intimes Bild: Zärtlich hält der Schöpfergott den Kopf seines Geschöpfes in den Händen als wolle er sagen: Sehen wir uns nicht ähnlich? Mein Kind – ganz der Vater! Er birgt es in seinem großen blauen Königsmantel fast wie im Schoß. Dieser Vater hat auch sehr mütterliche Züge.

Die Edelsteine am Außenrand des Bronzeemail, das goldgewirkte Untergewand, der Haarkranz zeugen von Pracht, Reichtum, Schönheit und Herrlichkeit. 

Deutlich hebt sich Adam dagegen ab. Das hebräische Wort adam bedeutet Erdling, Menschenkind, der Mensch, jeder Mensch. Er begegnet uns hier in seiner Nacktheit und Schutzlosigkeit; in seiner Bedürftigkeit, angesehen zu werden von liebenden Augen.

Auch die Hände des Schöpfers fallen ins Auge: sie formen behutsam das Geschöpf wie der Töpfer den Ton. 6 Milliarden Menschen gibt es auf der Erde und keinen gibt es zweimal, jeder ist ein Original des Meisters. Jeder von uns spiegelt einen anderen Aspekt der Fülle und des Reichtums seines Schöpferseins wider.

So unterschiedlich beide Gestalten sind, in einem sind sie sich ähnlich: in ihrem Antlitz. In Adam erkennen wir das Abbild des Urbildes; die Worte von Psalm 8 klingen hier an, daß der Mensch nur wenig niedriger ist als Gott.

Ganz nah zieht der Vater das Gesicht seines Kindes an seine Wange. Er sucht den Blickkontakt. Er sucht die Begegnung.

Hier leuchtet etwas Entscheidendes über unser Christsein auf: Der Kern des Glaubens besteht darin, daß Gott uns sucht; daß er sich nach der persönlichen Beziehung sehnt, um sich uns zuzuwenden. Wunderbar ins Bild gesetzt wird diese Sehnsucht des Vaters nach seinem Geschöpf im Gleichnis vom „verlorenen Sohn“, das auch „der wiedergefundene Vater“ heißen könnte (Lukas 15). Das Ewige Du sucht in uns sein Gegenüber, möchte uns auf Augenhöhe begegnen.

Können wir uns diese Sehnsucht vorstellen,  halten wir sie für möglich? Neigen wir nicht eher dazu, uns vor ihm zu verstecken, wie Adam es tat?

Gott aber rief: „Adam, wo bist du?“ Das ist der Ruf Gottes an jeden von uns – bis heute.

Der hebräische Name Gottes JHWH bedeutet „ich bin der ICH BIN DA“. Schon der ­Name ist ein Beziehungsangebot: Ich bin für dich da, ich bin für euch da!

Doch unser Bild von Gott ist oftmals von Angst bestimmt, auch wenn uns das nicht ­bewußt ist. Angst, vor seinen Augen nicht ­bestehen zu können, nicht gut genug, nicht aktiv genug, nicht heilig genug zu sein... Obwohl wir uns nach Nähe und Liebe sehnen, wehrt sich gleichzeitig etwas in uns. Wir haben ­Erfahrungen gemacht, die dagegen sprechen, jemanden allzu nahe heranzulassen. Da sind Stimmen in uns, die es schwer machen, uns wirklich anzuvertrauen: Was erwartet er von mir? Sicher ist er enttäuscht von mir! Was macht er mit mir? Er kann doch nicht mich meinen!

Unser Gottesbild hat auch damit zu tun, welche Erfahrungen wir zuhause gemacht haben. Nicht so sehr, was wir über Gott gehört haben, sondern wie wir unsere Eltern erlebt haben. Sie sind die ersten „Götter“ in unserem Leben. Da liegt es nahe, das, was wir mit ihnen erlebt haben, unbewußt auch auf Gott zu übertragen. Doch hier gilt es, unterscheiden zu lernen.

Theoretisch wissen wir, daß Gott uns „brutto“ liebt. Aber wenn wir nicht so sind, wie wir sein möchten, schleicht sich schnell das Gefühl ein, dieser Liebe nicht würdig zu sein, kein Recht auf sie zu haben. Und der Anspruch, gut sein zu müssen, strengt auf Dauer an.

Aber Gott ist nicht zugleich Gut und Böse, Licht und Schatten. Er ist ganz Licht. Er ist ganz Ja, in ihm ist kein „Ja, aber“ zu mir. Er schaut mich mit guten Augen an. Und wie wohl tut das schon, wenn ein Mensch uns liebevoll anschaut! Daß er mich ansieht und wie er mich ansieht, das gibt mir mein wahres Ansehen.

Dem Vatergott, wie er wirklich ist, begegnen wir am klarsten, wenn wir uns das Gottesbild Jesu anschauen und zu Herzen nehmen. Er nannte Gott mit dem Kosenamen Abba, wie er in der Familie für den Vater benutzt wurde. ­Jesus war sich der Gegenwart seines Abbas bewußt, lebte in einem vertrauten, angstfreien Zwiegespräch mit ihm, in dem er alles aussprechen konnte, was ihn beschäftigte und ­bekümmerte. Er vertraute darauf, daß sein himmlischer Vater es gut mit ihm meint, auch noch als er von seinen engsten Freunden verraten und verlassen wird, und auch als ihm größtes Unrecht und Leid zugefügt wird. 

Wie ist das möglich?

Bei seinem ersten öffentlichen Auftreten,  seiner Taufe, hatte er den Zuspruch des Vaters gehört: Du bist mein lieber Sohn, mein geliebtes­ Kind. Du bist meine Herzensfreude. Von da an, von Gott her, wußte er, wer er war: ein ­bedingungslos geliebtes Geschöpf des allmächtigen Gottes.

Jesus will uns hineinnehmen in seine Gemeinschaft mit dem Vater und unser Herz freimachen für die innerste Wahrheit, die Gott auch über jeden von uns ausspricht: Du bist meine geliebte Tochter, mein geliebter Sohn, ich freue mich an dir! Nicht weil du irgendwelchen Ansprüchen genügst, sondern weil ich dich zu meinem Ebenbild erschaffen habe und weil ich dich liebe. Wir können ihm antworten – im Gebet und mit unserem Leben.

Von

  • Angela Ludwig

    Germanistin und Romanistin, Mitglied des OJC-Redaktionsteams und geistliche Begleiterin für viele innerhalb und außerhalb der OJC-Gemeinschaft.

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