Riskiere dein Herz

Wie Gott rufen kann und warum die Antwort Vertrauen kostet

von

Wie wird ein Mensch zum Mitkämpfer an der Seite Jesu? Wie bekommt er Vollmacht für seinen Dienst? Nicht ohne die Bereitschaft, sich mitnehmen zu lassen auf einen – manchmal sehr schmerzhaften – Verwandlungsweg. Ein sehr persönlicher „Kampfbericht“.

Solange ich mich erinnern kann, bin ich ein Kämpfer gewesen. Schon als Junge ließ ich keine Möglichkeit aus, mich mit Größeren und Stärkeren zu messen: mit jedem fahrbaren Untersatz schnellstmöglich den Berg hinterm Haus hinuntergerast oder gewagt an der Dachrinne empor bis hinauf zum Dachfirst des Hauses geklettert... Und natürlich in ungezählten Fußballmatches, die ganzjährig in der braunen Steppe unseres Gartens, die irgendwann einmal eine Wiese war, stattfanden. Abenteuer und Wettkampf sind „heilige“ Momente eines Jungenlebens, in denen das Leben spürbar ist.

Fast dreißig Jahre später hat die Sehnsucht nach „heiligen Momenten“ kaum etwas eingebüßt – aber sie hat sich verändert. Ja, sie mußte sich verändern, sie mußte reifen und sich in ein neues Bild hineingestalten lassen. Daß das Leben eine spannende Sache ist und den ganzen Menschen herausfordert, hat mich immer wieder elektrisiert. Allein die Richtung der Herausforderung veränderte sich im Lauf der Jahre.

Diese Geschichte ist Teil des Buches "Riskiere dein Herz"

Kampf mit Kraft

Als Jugendlicher war das große Kampfeld der Sportplatz, es ging um Schnelligkeit, um Präzision und darum, den Gegner mit Kraft und Geschick zu bezwingen. Kein Weg war zu lang, um die Ausdauer zu schulen, keine Übung zu schwer, um sie nicht zu erlernen und bis zur Perfektion auszubauen, um im Wettkampf oder am Spieltag ganz vorne zu sein. Es waren prägende Jahre.

Nach dem Abitur hatte ich die Chance, für einige Monate als Volontär nach Argentinien zu gehen, um dort bei einem Baptistenpastor in einer Gemeindearbeit in den Slums von Buenos Aires unter den Ärmsten mitzuleben. Damit begann ein Abenteuer mit mächtigen Turbulenzen. Mein aufgeräumtes Gewinnerleben kam auf einmal in Kontakt mit der Schattenseite unseres Planeten. Wir arbeiteten hart in diesen Tagen, um einer jungen Familie aus dem Armenviertel ein Haus zu bauen und ich konnte meine körperliche Kraft und Ausdauer gut zum Einsatz bringen. Die Zeit war herausfordernd und vergewisserte mich darin, daß das Leben nicht logisch aufgeht: hier auf der Südhalbkugel verband sich das Abenteuer der Großstadt mit dem Drama der Armut. Dennoch kam ich mir meistens stark vor. Ich hatte Mut und Energie und wollte mich nach Kräften für die Belange der neuen Freunde einsetzen. (Tatsächlich ist es viel einfacher, denen, die bedürftig sind, etwas zu geben als selber bedürftig zu sein: das war mir damals noch weitgehend fremd.)

Die Erfahrung von an dauernder Armut und Hoffnungslosigkeit im großen Stil hat mich in diesen Wochen innerlich so erreicht, daß ich meinen Stand als hilfsbereiter Armutstourist nicht länger aufrechterhalten konnte. Ich wußte zunehmend, daß ich mit diesen Menschen etwas zu tun haben sollte, daß sie Botschafter für mich waren, die in meine Armut hineinsprachen. Und so geschah es nicht zufällig, daß gerade dort, in einer kleinen Slumgemeinde während einer Gebetszeit mit einer handvoll junger, zumeist arbeitsloser Menschen, in einem Lobpreis, der alles andere als perfekt und mit einer Gitarre, die alles andere als gestimmt war, Gott für mich ganz unmißverständlich spürbar wurde. Es war der Glanz und die Heiligkeit seiner Gegenwart, die den unfertigen Rohbau unserer Zusammenkunft zu einem Ort inniger Gottesbegegnung werden ließ. Von da an wußte ich es: Er ist da.

Kampf mit dem Kopf

Mit angerührtem Herzen, vor allem aber mit brodelnden Gedanken bin ich nach 3 Monaten aus Argentinien zurückgekehrt. Der Wunsch wuchs, den Kampf für eine bessere und gerechtere Welt aktiv aufzunehmen. Denn natürlich empörte mich die Ungleichheit und Ungerechtigkeit zwischen Erster und Dritter Welt, zwischen Arm und Reich. Und so war es naheliegend, mit den sozialistischen Idealen einer Weltrevolution zu sympathisieren. Es war die Zeit, in der ich fest daran glaubte, der große Kampf um mehr Gerechtigkeit sei wohl weniger mit Kraft als vor allem mit Köpfchen zu gewinnen. Das bessere Denken und die besseren Ideen würden den besseren Menschen hervorbringen.

Der lateinamerikanische Theologe Dr. René Padilla ist mir in dieser Zeit ein wichtiger Mentor geworden. Er, der selber aus der Armut kommt und seit vielen Jahren für die Rechte, für Bildung und biblischen Unterricht für die Armen kämpft, sagte mir eines Tages verständnisvoll und sehr eindrücklich: „Dominik, wenn du jung bist und kein Kommunist, dann hast du kein Herz. Wenn du aber alt bist und immer noch Kommunist, dann hast du kein Hirn.“ Der Pfeil traf, und die Auswicklung dieses Satzes hat mich viele Jahre lang begleitet.

Nach meiner Rückkehr aus Argentinien begann eine Zeit, in der ich die Waffen des Denkens, des Schreibens und der Sprache zu schulen begann. Mit dem Vermögen eines 20jährigen dachte ich: Die Kirchen werden immer leerer; wenn du die Welt verändern willst, dann mußt du Journalist werden. Die Auseinandersetzung mit theoretischen Denkentwürfen, mit verschiedenen Menschenbildern, mit Ideologien und mit der Wirkungsgeschichte der Medien in der Kultur war ein zähes Handwerk. Daß meine innere Landkarte und meine geistliche Orientierung in den Studienjahren nicht zugeschüttet wurden von endlos trockenen Papierbergen wissenschaftlicher Betrachtungen, blieb ein Kampf, der Kraft, Ausdauer und hier und da einen Schutzengel brauchte.

Kampf mit dem Herzen

Wer über körperliche Kraft verfügt und seinen Kopf über Jahre schulen konnte, hat gute Voraussetzungen, es im Leben zu etwas zu bringen. Ende 20 hatte ich ein Studium beendet, eine Firma gegründet, meine Promotion stand vor dem Abschluß. Ich war inzwischen verheiratet und Vater von 3 Kindern. Obwohl die fetten 90iger Jahre an den Börsen bereits zur notwendigen Abspeckung ansetzten, konnte ich wie viele andere meiner Generation sagen: die Welt steht mir offen.

Mitten in diese Zeit der Zukunftsplanung hinein brachen dann völlig unerwartet zwei beinahe zeitgleiche Ereignisse: im Februar 1998 fragte uns die OJC-Gemeinschaft an, ob wir als Mitarbeiter nach Reichelsheim kommen mit der Perspektive, einmal die Gesamtleitung zu übernehmen. Nur wenige Wochen später erlebte ich etwas bisher Undenkbares und Ungekanntes: Von einem Tag auf den anderen war ich körperlich ausgezehrt und ausgebrannt und zeitweise so schwach, wie ich mir das niemals hätte vorstellen können. Ich brauchte Hilfe beim Treppensteigen und hatte oft nicht genug Kraft, um eine halbe Stunde spazierenzugehen. Es folgten Wochen und Monate der Ungewißheit. Erschöpfungssyndrom? Krebs? Chronische Autoimmunerkrankung? Der Kämpfer von einst ist zerschlagen und kennt nicht einmal seinen Gegner. Trotz des Zerbrechens dieser Tage hat innerlich leise die Ausdauer und der Wille, zu leben und gesund zu werden, durchgetragen.  Aber es gab in der tiefsten Krise Tage der Entscheidung, bei denen mir der Würgegriff der Krankheit schier den Atem nahm. Ich spürte, wie der Geist der Entmutigung bis ins Mark vorgedrungen war. Und ich wußte: wenn Du jetzt innerlich den Willen zum Leben losläßt, dann bist Du in ein paar Tagen nicht mehr da.

Entscheidend für mein Überleben war das Ringen mit Gott und das Gespräch mit Jesus. Es war ein Marathon auf Knien. In den langen Wachstunden des Haderns und Betens erwuchs immer klarer die vertrauende Gewißheit, daß dieser Umweg zu meinem Lebensweg dazu­gehört. Nach über 18 Monaten begann das innere Ausbluten wenigstens zeitweise nachzulassen.

Eine harte Gnade

Mitten in diese Krise kam der Ruf und die Frage nach unserer Sendung in einen großen Dienst mit viel Verantwortung. Warum wir? Warum jetzt? Warum dieser Einbruch der Gesundheit?

Die Frage nach dem Warum hat mich am wenigsten weitergebracht. Eher schon war es die Frage nach dem Wozu, die ein paar Lichtblicke in dunkler Zeit hervorlockte. Gerade im Kranksein und Schwachsein verdichtete sich die Gewißheit, daß es Gott ein Anliegen ist, meinen Weg zu begleiten und mir in dieser ungewohnten Rolle zu begegnen. Das eigentliche Geschenk aber war, daß vor allem ich ihm ganz neu begegnen konnte – entkleidet von der Grundkonstante meines bisherigen Lebens: schier grenzenloser Kraft und Energie; entkleidet auch von dem Panzer des Geistes und der starken Worte, die ich lernte, wie eine Rüstung zu tragen und glänzend oder auch handfest einzusetzen. In diesen Tagen wurde mir zum allerersten Mal klar, daß es Gott um mich ging, nicht um meine Unversehrtheit, um meine Kraft, nicht um meine Gaben und meine Souveränität. Im Gegenteil – eben dies hatte mich immer wieder unnahbar gemacht für ihn, aber auch für andere. Die Frage nach der eigenen Bedürftigkeit war der Hebelpunkt Gottes in meinem Leben, ausgerechnet dieser am schwächsten entwickelte Punkt  in meiner Geschichte!

Es war die überragende Erfahrung in den Tagen der Krankheit und Kraftlosigkeit, daß Gott spricht: So in der Losung am Tag meines 30. Geburtstags: „Widersetze dich der Zucht des Allmächtigen nicht, denn er verletzt und verbindet, er zerschlägt und seine Hand heilt.“ (Hiob 5, 17) Und dazu am gleichen Tag das Gebet von Dietrich Bonhoeffer: „Vater im Himmel, Lob und Dank sei dir für alle deine Güte und Treue in meinem vergangenen Leben. Du hast mir viel Gutes erwiesen. Laß mich auch das Schwere aus deiner Hand annehmen. Du wirst mir nicht mehr auferlegen, als ich tragen kann.“ So ernüchternd wie diese Bibelworte für mich waren, so hoffnungsvoll waren sie auch. Denn ich wurde zutiefst gewiß, daß Gott mit mir im Gespräch ist, daß er mich sucht und daß Jesus, der gegenwärtige und nahbare Gott, sich tatsächlich hineinstellt und meine Not und meinen Schmerz mitträgt. Die Zeit der Krankheit und der Schwäche war meine Schule der Ernüchterung, oder wie C.S. Lewis es einmal schreibt – „eine harte Gnade.“ Nicht aus eigener Kraft und nicht mit dem eigenen Kopf, sondern nur im Riskieren meines eigenen Herzens konnte ich den Weg zurück ins Leben und in die Berufung an Gottes Seite finden. In dieser existentiellen Krise ging es hintergründig nicht um Gesundheit, sondern um Vertrauen – wenn das nicht sowieso dasselbe ist. Gott hat um mein Vertrauen und um die Öffnung meines Herzens zu ihm hin gerungen und es ist das Geschenk meines Lebens, daß er sich darin als zuverlässig erwiesen hat.

Das Geheimnis der Kämpfer Gottes

Um auf dem Weg ein Hörender und Ge-horch-samer zu bleiben, ist mir das Halten von Zeiten der Ruhe wichtig geworden. Solche stille Zeiten sind nicht die Zeit des Nachdenkens über mich oder Gott, sondern es ist vor allem die Zeit der Beziehungspflege mit Jesus selber: „Erzähle ­Jesus Dein Leben – sprich mit ihm wie mit einem Freund“, riet mir ein weiser Freund. Stille Zeit ist nicht zuerst die Zeit der Introspektion, des Auslotens der eigenen Seele, des Sauberschrubbens der eigenen Phantasien und Gedanken. Es ist die Zeit, in der ich meinem Freund Jesus, dem ich ähnlicher werden will und den ich in mein Herz schauen lasse, dieses Herz ausschütte. Ich erzähle ihm meine Freuden und meinen Ärger und meine Enttäuschung. Ich danke ihm für das, was gelungen ist und spreche meine offenen Fragen vor ihm aus. Indem ich sie aus der Stummheit befreie und vor Jesus ausbreite, öffne ich ihrer Zukunft ­eine neue Dimension: Jesus selbst nimmt meine Nöte mit aufs Herz.

Heute, sechs Jahre nach Beginn dieser existentiellen Krise, kann ich sagen: das Geheimnis der Kämpfer Gottes liegt nicht in ihrer Stärke, sondern im Wissen um ihre Bedürftigkeit. Gott kann nur dort besonders und dauerhaft hinein- und hindurchwirken, wo ihm Platz eingeräumt und die eigene Armut signalisiert wird. Und eben hierin liegt auch das Geheimnis der Menschen, die wirksam bleiben: Sie wissen, daß sie nur ausgeben können, wenn sie immer wieder selber empfangen. Die Kämpfer, die Gott braucht, sind die starken Schwachen, die wissen, daß es Christus inmitten ihrer eigenen Unheiligkeit ist, der sie zu wirksamen Zeugen der Frohen Botschaft macht.

Mir ist sehr bewußt: für eine Kämpfernatur hat es etwas grundlegend Demütigendes, seine eigene Bedürftigkeit zuzulassen. Genau hier liegt der Zugang für den Geist Gottes, die Mauer meiner Selbstbestimmung und Autonomie zu durchbrechen und mir meine  Ergänzungsbedürftigkeit zu zeigen. Gott will unsere Kämpfernatur verwandeln und für sich tauglich machen. Nur wer alles von ihm erwartet und nicht von sich, wird letztlich sein Werk ausrichten, seine Ehre im Blick behalten  und nicht auf eigene Rechnung leben.

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

    Alle Artikel von Dominik Klenk

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