Eine Freundin für’s Leben

Aufrichtig und offen berichtet sie von ihrem Weg, der durch eine tiefe Krise führte und auf dem sie eine Freundschaft fürs Leben schloß – mit sich selbst.

von Christine Lohrmann

Schon immer wollte ich als Missionarin ins Ausland gehen und dabei mithelfen, die Welt zu verändern. Ich wollte Menschen für Gott gewinnen, ihnen von meinem Glauben weitergeben und helfen, ein erfülltes Leben zu finden. Deshalb war die wichtigste Frage für mich, was Gottes Wille für mein Leben ist, was Gott mit mir vorhat und wo. Da mir aber für konkrete Schritte die letzte Gewißheit fehlte, hatte ich nicht den Mut, diesen Weg tatsächlich zu gehen. So versuchte ich das, was mir wichtig war, in Alltag,  Beruf und Gemeinde umzusetzen. Ich war sehr aktiv und engagierte mich ehrenamtlich in der Betreuung von Asylbewerbern und Ausländern in unserem Ort. Mit den Jahren tauchte allerdings immer mehr die Frage in mir auf, ob ich dieses „erfüllte Leben“, das ich weitergeben wollte, überhaupt selbst habe. Wenn ich ehrlich war, fühlte ich mich leer und ausgepowert. Meine Fragen und Hoffnungen hatten sich in Enttäuschung gewandelt, ich fühlte mich von Gott allein- und im Regen stehengelassen. Irgendwann konnte ich gar nicht mehr glauben, daß Gott da ist und daß er wohlwollend zu mir steht. Ich war ziemlich am Ende, in einer tiefen Lebens- und Glaubenskrise.

Nicht richtig, sondern aufrichtig

Als ich kurz darauf die OJC kennenlernte, fiel mir die Offenheit auf, mit der auch schwierige oder unangenehme Themen auf den Tisch kamen. Das war mir völlig fremd und hat mich gleichermaßen angezogen wie erschreckt. Bei einem Gottesdienst erzählten einige aus der Gemeinschaft, welche Veränderungen sie erlebt hatten im Kleinen, Alltäglichen wie auch im Großen. Das hat mir für meine festgefahrene Situation sehr viel Mut gemacht und ich entschied mich, hier mitzuleben.

Zunächst arbeitete ich im Schloß im Hausteam und wohnte zusammen mit vier jungen Frauen in einer Wohngemeinschaft. Jeden Morgen trafen wir uns im Wohnzimmer zum Austausch und erzählten einander von dem, was uns in unserer „Stillen Zeit“ am Morgen beschäftigt hatte. Da hörte ich z.B., wie eine ganz offen über den Neid sprach, den sie jemand anderem gegenüber verspürte, und war ziemlich schockiert. Natürlich wußte ich, daß es solche Dinge auch irgendwo in meinem Leben gibt; aber so offen darüber reden…?

Durch das Vorbild der anderen ermutigt und durch den Rückhalt, den ich in persönlichen Gesprächen erlebte, traute ich mich selbst irgendwann, mich den Fragen und Dingen in meinem Leben zu nähern, die ich bisher erfolgreich zur Seite geschoben hatte.

Es war sehr schmerzhaft, das zu sehen, was ist, und vor allem das, was nicht ist. Es war, als ob ich das schöne Bild, das vor meinem Spiegel gehangen hatte, wegnahm und entdeckte, wie ich wirklich aussehe. Im Februar 2001 schrieb ich in mein Tagebuch:

„Ich schaue in den Spiegel und würde dort so gern jemanden sehen, der zu Gottes treuen und zuverlässigen Mitarbeitern gehört, mit dem Gott zufrieden ist, auf den er stolz ist. Aber ich sehe jemanden, der sein Leben nicht im Griff hat, der für Gott nichts Besonderes tut, der nicht ganz für ihn lebt. Ich kann mir kaum vorstellen, daß Gott mich so liebt, wie ich bin, daß er etwas mit mir anfangen kann, daß er das liebt, was im Spiegel zu sehen ist.“

So schmerzlich es war, die Augen für meine eigene Wirklichkeit aufzumachen, so befreiend war es. Durch viele Gespräche mit Menschen, die mich durch diese Zeit begleiteten, verstand ich allmählich, daß der Motor meines unermüdlichen Einsatzes für Gott und Menschen mein Wunsch nach Anerkennung war, der Wunsch, etwas Besonderes zu sein oder wenigstens etwas Besonderes zu tun. An dem, was ich tat – auch für Gott – habe ich meinen Wert und meine Bedeutung gemessen und versucht, die innere Leere zu füllen. Dabei war ich sehr auf Menschen fixiert und sehnte mich danach, daß sie mir die Liebe und Annahme geben, die ich brauchte. Sicher habe ich das auch immer wieder erlebt, aber wenn jemand mal keine Zeit für mich hatte, wurden diese guten Erfahrungen in mir ausgelöscht als wären sie nie gewesen.

Nicht Sklave, sondern Freund

Eines Tages sagte jemand zu mir: „So wie du mit dir umgehst, brauchst du dich nicht zu wundern, daß es dir schlecht geht. Du bist Sklave und Sklaventreiber zugleich!“

Das traf mich tief, denn es stimmte: Ich fühlte mich gefangen und unfrei und unter ständigem Druck, der dadurch entstand, daß ich versuchte, das zu sein, was andere anscheinend von mir erwarteten. Ich war bereit, sehr viel dafür zu tun, damit mir ihre Annahme nicht verlorenging. Demzufolge ging ich oft achtlos mit mir um, ignorierte meine Grenzen und zwang mich zu Dingen, die ich von anderen nicht verlangen würde. Und wenn ich Fehler machte, verurteilte ich mich dafür.

Das so ungeschminkt zu sehen, war wie ein Schock. Und die bloße Erkenntnis, daß ich mir die Liebe anderer Menschen nicht erarbeiten kann, war der erste Schritt, um aus diesem Teufelskreis auszubrechen.

Der zweite, viel schwierigere Schritt war zu üben, anders mit mir selbst umzugehen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich mit jemandem reden würde, der Kummer hat und total am Boden ist. Würde ich ihn beschimpfen, beschuldigen und ihm vorhalten, was er alles falsch macht? Ich würde doch erstmal versuchen, seinen Kummer zu verstehen, und ihn trösten.

Es war, als wäre ich plötzlich aufgewacht. Ich war richtig erschrocken darüber, daß ich mit mir selbst nicht wie mit einem Freund, sondern eher wie mit einem Sklaven umgegangen bin. Ehrlich gesagt, weiß ich bis heute nicht genau, was damals in mir passiert ist. Ich weiß nur, daß sich seitdem etwas geändert hat: Ich habe Freundschaft mit mir selbst geschlossen.

Nicht existieren, sondern leben

Aber die alten Stimmen und Denkmuster sind noch vorhanden. Ich erlebe es als einen Prozeß, diese neue Freundschaft mit mir zu pflegen und wachsen zu lassen. Dazu gehört viel Üben, Ausprobieren und Geduld.

Zum Beispiel muß ich üben, genauer hinzuhören, wenn Stimmen in mir laut werden, die mich verurteilen und unter Druck setzen: Kann es sein, daß ich es mal wieder jedem recht machen will aus Angst, daß man mich sonst nicht mehr mag? Wenn ich den konkreten Grund herausgefunden habe, kann ich darauf reagieren. Ich muß nicht der alten Lüge glauben, die sofort wieder auftaucht, daß ich nämlich nur dann liebenswert bin, wenn ich alles richtig mache.

Dabei hilft es mir, das Feedback der anderen ernstzunehmen. Ich erlebe es immer mal wieder, daß mir Leute etwas Gutes über mich sagen, daß sie meine neue Frisur oder mein schönes Kleid bemerken oder mich loben, wenn mir etwas gelungen ist. Meine Übung ist es, ihnen zu glauben, daß sie es ernst meinen und es nicht abzuwehren oder herunterzuspielen. Das hilft mir, mich über mich selbst zu freuen und stolz zu sein auf das, was mir gelungen ist.

Leben ist etwas ganz anderes, als ich früher dachte: kein Pflichtprogramm, das ich abzuarbeiten habe, sondern ein Geschenk, in dem hunderttausend Überraschungen versteckt sind, die ich – vorzugsweise im Alltag – entdecken darf. Ich hätte früher nicht gedacht, daß mir alltägliche Dinge so viel Spaß machen können: im Garten zu wühlen, zu backen oder mich in meine Hängematte fallen zu lassen. Und so langsam dämmert mir, daß auch Gott anders ist, als ich bisher dachte. Daß es ihm um mich geht und nicht nur darum, daß andere ein erfülltes Leben finden, sondern ich selbst erst einmal begreife, was das ist. Daß er an mir interessiert ist und nicht an meiner Leistung. Obwohl ich in Bezug auf Gott noch sehr viele Fragen habe, ahne ich, daß es auch da noch viel zu entdecken gibt.

Vorsicht Falle

Es gibt allerdings einige Fallen auf diesem Weg, in die ich auch immer wieder hineintappe. Zum Beispiel sage ich jemandem meine Hilfe zu und merke erst später, daß ich mich dadurch selbst in größten Streß bringe. Und dann schaffe ich es nicht, vor dem anderen dazu zu stehen und mir seinen Ärger und Frust anhören zu müssen. Stattdessen arbeite ich viel mehr, als mir gut tut. Wenn ich entdecke, daß ich wieder mal diesem alten Muster folge, ärgert mich das natürlich sehr. Aber „Freundschaft mit mir“ bedeutet auch, daß ich übe, mich dann nicht selbst zu verurteilen. Es ist überhaupt ein Lernprozeß, meine Kraftgrenzen kennenzulernen und einzuhalten und – wenn ich sie mal überschritten habe – meine eigenen Hilfeschreie wahrzunehmen.

Seit einigen Wochen arbeite ich nun wieder als Krankenschwester. Neben aller Freude darüber spüre ich doch auch Unsicherheit: Wird mich das, was ich gelernt habe, durchtragen? Wird die neue Freundschaft halten? Meine Geschichte ist kein „Happy End“, sondern ein Weg, auf dem Hinfallen und Aufstehen, Fehler machen und daraus lernen erlaubt ist. Und doch habe ich das Gefühl, besser vorbereitet zu sein für das, was Leben eigentlich ist.

Von

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