„Bist Du es, der da kommen soll?“

Jüdische Wurzeln unseres christlichen Glaubens

Im Horizont dieser Fragestellung trafen sich 35 Teilnehmer im November 2004 auf Schloß Reichenberg. Dr. Susanne Schmid-Grether, Leiterin der jüdisch-christlichen Forschungsstätte „Schoresch“ in Wetzikon/ Schweiz, der Neutestamentler Prof. Dr. Klaus Berger aus Heidelberg und Dr. Ruth Lapide, jüdische Theologin und Historikerin, trugen ihre Einsichten und Erkenntnisse vor und kamen mit den Teilnehmern in ein intensives Gespräch.
Ralph Pechmann, Leiter der Tagung, gibt einen Einblick in die inhaltlichen Schwerpunkte.

Was Juden und Christen eint und trennt

Sie können mir nicht beweisen, daß Jesus der Messias ist, und ich kann es Ihnen nicht widerlegen. Aber was uns verbindet, ist unser gemeinsames Warten auf den Messias. Und wenn er kommen wird und ich erkenne in ihm Jesus, dann werde ich vor ihm die Knie beugen.“ Mit diesen Worten legte mir vor Jahren der inzwischen verstorbene jüdische Theologe Pinchas Lapide dar, weshalb er sich als „messianischer Jude“ versteht. „Messias“ – dieses gewichtige Wort steht für die Erlösungshoffnung Israels. Die Jünger des Rabbiners aus Galiläa und ihre Nachfolger haben uns vormaligen Heiden ihre Hoffnung und Erfahrung weitergereicht. Inmitten der Menschengeschichte teilen Juden und Christen die gemeinsame Hoffnung der Gottesgeschichte: das Kommen des Messias.
Es trennt uns aber die Tatsache, daß wir Christen auf Jesus als den Wiederkommenden warten. Auch die Vorstellungen, die wir mit dem Kommen des Messias verbinden, sind unterschiedlich und variieren selbst innerhalb der Christenheit beträchtlich. Man könnte das als Marginalie betrachten, wäre durch sie in der Geschichte nicht soviel Blut geflossen und hätten wir Christen den Juden die Ablehnung unseres Messias nicht mit schrecklicher Münze heimgezahlt.

Gottes Weg zu den Völkern

Wie ein Baumstamm seinen Kern hat, um den sich die Jahresringe bilden, so finden wir in jeder Kultur einen religiösen Kern, einen Kultus, der mit der Zeit viele „Schichten“ kultureller Gewohnheiten und gesellschaftlicher Lebensformen hervorbringt.
Das Volk Israel erhielt seine Identität am Berg Sinai. Alle, die unter der Führung Mose dem Bund Gottes zustimmten, wurden Bundespartner des Einen Gottes, der von sich sagt: „Ich bin der ich bin.“ Der Glaube an den Gott der Väter ist bis heute Zentrum des Judentums. Der Glaube an Gott, so lehren die Rabbinen, ist allen Völkern zugänglich; das Siegel des Bundes aber, die Thora, trägt allein Israel als segensreiche Bürde und in Würde, wohl wissend, daß diese Form des Gehorsams sie von allen anderen Völkern unterscheidet.
Die Botschaft vom Messias Jesus prallte in den europäischen Völkern auf eine komplexe, von heidnischer Vielgötterei geprägte Kultur. Der „Apostel der Heiden“, Paulus, umschrieb den fundamentalen Umbruch, den die neue Religion mit sich brachte, mit dem Bild vom Ölbaum: einzelne Zweige aus den Bäumen der Völker wurden ausgebrochen und in Gottes guten Ölbaum, den Baum des Bundes, eingepfropft (Röm 11,17–24). Dadurch wurden sie Miterben der Verheißungen vom Messias und seinem kommenden Reich. Als geistlicher und sozialer Leib des Auferstandenen nahmen die Gemeinden Maß an den Weisungen Jesu, an seiner Auslegung des Gesetzes. Sie gerieten unweigerlich in Konflikt mit den Konventionen ihrer Umwelt. Die Strahlkraft des neuen – erneuerten – Wertesystems war enorm: die Gemeinden wurden bald zu geistlichen Zentren kultureller Erneuerung.
Gleichzeitig entbrannte ein Streit innerhalb des Judentums um Jesus. Eine beträchtliche Zahl glaubte an ihn als den Messias, die Mehrheit jedoch teilte diesen Glauben nicht. Gegen sie wandte sich die irritierte Ablehnung der „eingepfropften Zweige“ bis hin zum Haß – trotz der ausdrücklichen Warnungen des Paulus. Diese Arroganz gegenüber „der Wurzel, die uns trägt“, ist bis auf den Tag ein Fallstrick.

Miterben der Verheißung

Mit dem Glauben an den Messias Jesus ist uns eine neue Sicht vom Menschen vererbt und kulturell ausgestaltet worden, die wir heute allgemein als das jüdisch-christliche Menschenbild bezeichnen.
Der Wert von Ehe und Familie als von Gott initiierte Form menschlichen Miteinanders und Abglanz seines treu liebenden Wesens sind zwei kostbare Früchte dieses Erbes und so in keiner anderen Religion begründet. Auch die Gleichheit und Gleichwertigkeit aller Menschen vor dem Schöpfer und die ihnen dadurch verliehene Würde ist ohne den Glauben an den Einen Gott nicht möglich, und ohne die Weisungen vom Sinai wären unsere heutigen Vorstellungen von Gerechtigkeit nicht denkbar. Auch die Ausweitung des im Gesetz verankerten Schutzes auf die „Fremdlinge und Gäste“ ist einzigartig. Die Sabbatruhe galt für alle, die im jüdischen Volk mitlebten. Der Anspruch auf Gerechtigkeit, den die Thora begründete und die Propheten immer wieder eingefordert haben, ist von vornherein universell und für alle Menschen gültig. Die Früchte des biblischen Erbes, von denen die christliche Kultur profitiert, können aber nur reifen, wenn die Wurzeln und der Stamm unserer jüdisch-christlichen Kultur lebendig gehalten werden. Lösen wir uns von diesen ab, werden mit der Zeit die kulturellen Errungenschaften morsch.

Auf dieser Grundlage sind wir bis zur Frage Johannes des Täufers vorgedrungen, von der aus die Entzweiung zwischen Christen und Juden seinen Ausgang genommen hatte: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? (Mt 11,3)
Johannes der Täufer hatte kurz vor seinem gewaltsamen Tod diese drängende Frage an Jesus im Namen all derer gestellt, die in Israel die Ankunft des Messias ersehnten. Bis auf den heutigen Tag ist sie nicht gänzlich verstummt und muß immer neu beantwortet werden. Pinchas Lapide zum Beispiel hat in dem Mann aus Galiläa den „Bruder Jesus“, den gerechten Verfechter mosaischen Glaubens gesehen.
Jesus antwortete: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündigt. (Mt 11,4-5) Für jüdische Ohren lag in diesen Worten eine Provokation, denn sie bedeuteten, daß Jesus die Prophetien und Lehren über den nahenden Messias auf sich selbst bezog.

Messiaserwartung unter den Zeitgenossen Jesu

Um die Antwort Jesu einordnen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie sie für Zeitgenossen klang. Dr. Susanne Schmid-Grether betonte in ihrem Vortrag, daß Jesus Jude und Rabbiner war und sich an Juden wandte. Seine Gleichnisse und Wundertaten, seine Reden vom Reich Gottes, die Hinweise auf sein Leiden, Sterben und Auferstehen sind als Teil der Auslegungstradition des mosaischen Gesetzes und der Propheten zu verstehen. Was er Johannes ausrichten ließ, bezieht sich ganz ausdrücklich darauf, was die Mischnah über die erhoffte Ankunft des Messias lehrte. Die Mischnah bildet die Sammlung der rabbinischen Auslegungen der heiligen Bücher des Judentums. Die Rabbinen hatten sich über Jahrhunderte damit befaßt, wie das Kommen des Messias zu verstehen und zu erkennen sei.
In Jesu Wirken leuchteten die Verheißungen aus Jesaja 35,5 und 61,1 auf. Susanne Schmid-Grether zeigte uns überraschende Parallelen zu zwei jüdischen Auslegungen des Buches Exodus (2. Mose). Dort wird der Bericht über den Auszug aus Ägypten in der Weise gedeutet, daß es im Volk Israel am Sinai keine Blinden, Stummen, Tauben und Lahmen gegeben haben konnte. Die Rabbinen folgern daraus, daß es auch zur Zeit des Messias ähnlich sein muß. (Die Ausführungen finden sich bei Mechilta de Rabbi Yschmael und im Raschikommentar zu Exodus 20,18.) Das wirft ein ganz neues Licht auf die Antwort Jesu: Er weicht der Frage nicht aus – wie die christliche Exegese das häufig mißversteht, im Gegenteil: ­Jesus fordert damit für sich wortwörtlich jene Wesenszüge ein, die die jüdische Tradition dem Messias zuschreibt. Ähnlich ist es mit anderen Worten und Werken: die wundersame Brotvermehrung, der Einzug in Jerusalem auf dem Füllen der Eselin, die Predigten vom Wasser des Lebens. Die Referentin kam zu dem Schluß: Jesus relativierte und widerlegte nicht die Thora und auch nicht die Auslegungstradition im Ganzen. Diese Beispiele lassen vielmehr den ursprünglichen Sinn der Worte klar werden: Ich bin nicht gekommen, das Gesetz und die Propheten aufzulösen, sondern sie zu erfüllen, (Mt 5,17) – und das nicht nur durch seine Lehre, sondern durch sein Wirken und Sein.

„Wahrer Gott und wahrer Mensch“

Wie wichtig es ist, Abstand zu den spätantiken Denkmustern christlicher Tradition zu gewinnen und konsequent biblisch zu denken, hat der Beitrag von Prof. Dr. Klaus Berger unterstrichen. Er erörterte die Formel der Kirchenväter: „Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich, ungetrennt und unvermischt.“ Diese filigrane Formulierung entspringt griechischer, nicht jüdischer Denkart. Das Neue Testament, eine Sammlung jüdischer Schriften, denkt anders. Dort wird der Menschensohn Jesus in seiner Natur als „Bild Gottes“ dargestellt. Der Gedanke knüpft an den alttestamentlichen Gedanken von der Gottes­ebenbildlichkeit des Menschen an. Im Alten Testament ist Adam das Bild Gottes, während Adams Nachkommen nurmehr das Bild Adams sind. Im Neuen Testament erscheint Jesus als das einzige wahre Bild Gottes.
Wir lesen bei Johannes: Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns (Joh 1,14). Klaus Berger weist auf eine wichtige Nuance hin: Gott ist nach diesem Wort nicht als Mensch erschienen, sondern in einem Menschen. Gott hat nicht sein Wesen gewandelt. Vielmehr hat sich der Eine Gott ausgeweitet in Christus. Als Bild kann uns der Maulbronner Brunnen mit seinen drei Schalen dienen: Gott fließt über in Jesus und er gibt sich durch Christus an uns weiter. Gott sucht die unbedingte Nähe zu seinen Geschöpfen.

In einem weiteren Gedanken nahm Klaus Berger Bezug auf die Trinitätslehre, die oft mißverstanden wird in der Hinsicht, daß Gott in drei Personen auftritt. Es ist aber der Eine Gott, der sich uns in drei Adressen zuwendet. Nicht Gott braucht die Trinität, sondern wir brauchen die Trinitätslehre als Erklärungs­modell, um der Komplexität Gottes und der Sohnschaft Jesu näherzukommen.

Gottes Reich ist nahe

Die Judaistik-Expertin Dr. Ruth Lapide pflegt das Vermächtnis ihres Mannes Pinchas mit Engagement und führt den begonnenen Dialog mit Christen weiter. Sie hat uns in ihrem Vortrag „Was hat das Alte Testament uns heute noch zu sagen?“ das reiche Erbe alttestamentlichen Denkens und Glaubens vor Augen geführt. Noch viel können wir von Israel und vom Judentum lernen. Nicht nur was die Inhalte anbelangt, sondern auch die Art des Umgangs miteinander. „Nicht Feindschaft, Rechthaberei oder Konkurrenzdenken kennzeichnen die Beziehung der Rabbinen untereinander und zu ihren jüdischen Zeitgenossen, sondern Freundschaft und Sympathie“, schloß Ruth Lapide mit einem Kommentar über die streitbaren und disputierfreudigen Schriftgelehrten zur Zeit Jesu. Sie war sich mit Susanne Schmid-Grether darüber einig, daß unsere Erkenntnis von Gott immer Stückwerk bleibt und es deshalb des Lehrgesprächs und der Vielstimmigkeit bedarf, um sein geoffenbartes Wort in unsere Lebenspraxis zu übersetzen. Die Bibel braucht den Dialog der Ausleger. Die letztgültige Legitimation des Auslegers ist nicht sein Wissen, sondern seine Gottesbeziehung. Wer in einer lebendigen Beziehung zum Schöpfer steht, auf dem ruht der Geist Gottes.
Anstatt uns von den jüdischen „Wurzeln“ unseres christlichen Erbes abzuschneiden, sind wir herausgefordert, uns neu auf sie zu besinnen. Ruth Lapide brachte es auf den Punkt: „Seither ist zwischen Juden und Christen viel Blut geflossen. Wenn wir uns aber auf einen solchen Zugang zur Bibel und auf ein besseres Miteinander besinnen, dann – aber nur dann – sind auch wir nicht fern vom Reiche Gottes.“

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