In den Schuhen des Paulus

Mission als Lebensstil. Ein theologischer Beitrag

Albrecht Hauser war zehn Jahre als Pfarrer und Missionar in ­Pakistan. Aus seinem reichen Schatz persönlicher Erfahrungen und seiner Liebe zu Menschen muslimischen Glaubens liegt ihm viel daran, europäische Christen im Zeitalter postmoderner Beliebigkeit zu einem klaren, bekennenden missionarischen Lebensstil zu ermutigen.

Den Islam verstehen und Muslimen im Geist des Evangeliums zu begegnen, bleibt eine der großen Herausforderungen unserer Tage. Seit über vierzig Jahre bewegt mich dieses Thema und ich bin hier ein Lernender geblieben.

Jesus wußte sich gesandt vom Vater. Er ist in Person die Mission Gottes zu uns Menschen. Als gekreuzigter und auferstandener Herr nimmt er seine Jünger und mit ihnen uns hinein in seine Sendung, seine Mission, und sagt: „Friede sei mit euch. Wie der ­Vater mich gesandt hat, so sende ich euch“ (Johannes 20,21).
Jesus selbst ist in Person das Evange­lium, dessen Mitte sein Menschwerden, Leiden, Sterben und Auferstehen ist. Als Auferstandener sendet er die Seinen in die Welt, denn Gott war in Chri­stus, die Welt mit sich versöhnend (2. Kor 5,19).

Christliche Mission entspringt sozusagen dem Herzen des Dreieinigen Gottes und ist Wesensmerkmal christlicher Existenz. Wer versuchen würde, sie aufzugeben, würde sein Christsein zur Disposition stellen. Die christliche Mission ist schlicht eine Inpflichtnahme durch die Liebe Gottes1. So wurde auch auf der Weltmissionskonferenz im Jahre 1989 in San Antonio festgestellt: „Die Liebe Gottes zur Welt [ist] die Quelle für unsere missionarische Motivation, und seine Liebe drängt uns, das Evangelium in unserer Zeit zu teilen, indem wir es als Einladung anbieten.“2 Bischof Lesslie New­begin hält an einer anderen Stelle fest: „Das Leben, das ich in Christus habe, drängt mich dazu, dieses Leben mit anderen zu teilen… Dabei wird deutlich, daß ich nur mit anderen das Leben teilen kann, das ich in Chri­stus habe, wenn ich bereit bin, auch Teil ihres Lebens zu sein, ihren Problemen ausgesetzt zu sein und teilzuhaben an ihren Schmerzen.“3

Zug um Zug

Nie werde ich die Begegnung mit einem pakistanischen Geschäftsmann im Zug zwischen Multan und Rawalpindi vergessen. Da der Zug schrecklich überfüllt war, suchte ich mir im Speisewagen einen Platz. Ein Geschäftsmann fragte, ob er sich zu mir setzen könne. Die nächsten 400 km verflogen im Nu. Ich zahlte ihm den Tee, er mir das Essen. Wir stellten uns selbstverständlich ausführlich gegenseitig vor. Er fragte mich sehr früh im Gespräch nach meinem Glauben und teilte mir seine Fragen und Zweifel des eigenen Glaubens mit. Auf manche Fragen, die ihn umtreiben, hatte ich keine Antwort, denn es ging auch um die Frage der Ungerechtigkeit, des Leidens und des Bösen in unserer Welt. Ich versuchte ihm zu verdeutlichen, wer Jesus Christus war und ist, und daß er lebt, ja den Tod überwunden hat, warum sein Kreuz und seine Auferstehung so zentral und die Mitte unseres Glaubens ist. Ich schilderte ihm, wie wir die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus verstehen. Der Islam lehnt ja die Leidensfähigkeit Gottes kategorisch ab. So verdeutlichte ich ihm, daß es das Geheimnis der Liebe ist, daß Gott leidensfähig ist und dies sei keineswegs als Schwäche zu verstehen, sondern verdeutliche die unbeschreib­liche Liebe Gottes seinen Geschöpfen gegenüber. Das Kreuz ist der Ort erfahrbarer Vergebung und Versöhnung. Durchs Kreuz sei es auch möglich, mit offenen und unbeantworteten Fragen zu leben. Gerade auch die Theodizee-Frage (die Frage: „Wie kann Gott so etwas zulassen?“) könne hier zur Ruhe kommen. Der Glaubende wisse sich in Gottes Liebe gehalten, ohne gleich alle Fragen ergründend beantwortet haben zu müssen. Wir sprachen über die Bibel und die Übersetzung des Wortes Gottes und er sagte mir, wie es ihnstöre, daß er das Salat (das offizielle liturgische Pflichtgebet der Muslime) nicht in Paschtu, der Muttersprache und Sprache seines Herzens, sondern in Arabisch aufsagen müsse.
Am Ende unserer Reise sagte mein Gegenüber: „Nach diesem Gespräch bin ich nicht mehr der gleiche Muslim, aber Sie wohl auch nicht der gleiche Christ.“ Noch tagelang habe ich für diesen Menschen im Gebet gerungen, daß Gottes Geist das Wunder des Glaubens wecken möge. Diese Begegnung hat mir gezeigt, daß da, wo wir offen und verwundbar über unseren Glauben reden und auch viel zu­hören, ein Raum des Vertrauens wächst. Das Wunder aber des Glaubens ist nicht machbar, auch nicht durch geniale Missionsmethoden.

Im Raum des Vertrauens

Samuel Zwemer (1867 – 1952) wurde einmal nach ­seinen Missionsmethoden gefragt: „Dr. Zwemer, welches ist Ihrer Ansicht nach die be­ste Methode, Muslime mit dem Evangelium Jesu Christi zu erreichen?“ Seine Antwort: „Meine Methoden sind dem wirklichen Leben und der tatsächlichen Praxis abgerungen. Dabei habe ich mich entschieden, niemals den Islam anzugreifen oder die Religion irgendeiner anwesenden Person madig zu machen. Sondern ich habe versucht, den Anspruch Christi positiv zu präsentieren und die Menschen liebevoll einzuladen, Christus als den Herrn ihres Lebens anzunehmen, sie auf Christus, das wahre Wort Gottes, hinzuweisen.“ – Auch ich habe gelernt, daß es keine eigent­liche Methodik gibt, die Menschen zum Glauben zu bringen, es sei denn die Liebe, Offenheit und Hörbereitschaft, die Liebe und Geduld, die Fürbitte und die Bereitschaft, Zeugnis abzulegen für die Hoffnung, die mein Leben trägt. Natürlich waren die Gespräche mit Sufis, mit Imams, mit Suchenden und Patienten in der Klinik, oder die Gespräche im christlichen Buchladen jeweils anders. Im Laufe der Jahre habe ich zunehmend versucht, Streitgesprächen aus dem Wege zu gehen.

Kenneth Cragg, einer der bedeutenden Väter des christlich-islamischen Dialogs, stellte fest, „daß es eine christliche Verpflichtung gegenüber dem Islam gibt, die unabhängig davon ist, wie Muslime darauf reagieren. Mission ist im Wesen Christi und im Wesen des Evange­liums verwurzelt und erhält ihre Bedeutung durch die Haltung des Islam, der Christus nicht erkennt, wie er in Wirklichkeit ist. Da [aber] Christus ist, der er wirklich ist, muß er in aller Klarheit verkündigt werden. Da der Islam ist, was er ist, ist dieses Muß unwiderstehlich. Wo immer über die Person Christi Mißverständnisse vorherrschen, steht ein durchdringendes Zeugnis auf der Tagesordnung. Wo immer die Herrlichkeit des Kreuzes verdunkelt wird, gilt es, den Schleier zu entfernen. Wo immer Menschen Gott in Chri­stus verpaßt haben, muß er ihnen aufs Neue gebracht werden.“4

Im Islam begegnet uns aber ein Glaubenssystem, das in der Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben entstanden ist und von seinen Anfängen an sich als eine Überbietung des christlichen Glaubens versteht. Jesus ist im Islam nicht der Unbekannte, sondern der Verkannte und in den Dienst des Islams genommene Vorläufer Mohammeds. Daher stehen in der Begegnung mit Muslimen und in den missionarischen Herausforderungen die zentralsten christologischen und soteriologischen* Fragen auf der ­Tagesordnung. Wenn man die islamische Polemik nur einigermaßen kennt, ist es klar, daß wir hier ein unlösbares Problem haben. Ganz zu schweigen davon, daß der Islam letztendlich eine Einbahnstraße ist und Abfall vom Islam als Hochverrat gesehen wird – mit der logischen Folge der Todesstrafe nach allen vier islamischen Rechtsschulen.

Die Karikatur von Mission

Auf der einen Seite sieht der konservative, politische Islam die Mission als eines der drei Kardinalverbrechen der Christen, nämlich die Kreuzzüge, den Kolonialismus und die Mission. Muslime in Deutschland stellen fest, daß Mission zum Wesen des christlichen Glaubens gehört und verlangen trotzdem die Aufgabe der Mission Muslimen gegenüber, wenn wir mit ihnen in einen wirklichen Dialog treten.5

Da wir in unserer Zeit eine große Verunsicherung gegenüber dem eigenen Glauben feststellen und in unserem Harmoniebedürfnis ohnehin gerne Konflikten ausweichen, weichen wir auch der tatsächlichen missionarischen Herausforderung unserer Zeit aus. Wir reagieren ständig auf eine „Karikatur von Mission“ oder beschäftigen uns mit den Schuldkomplexen im Blick auf die Geschichte der Mis­sion.6 Dies sind beliebige Alibithemen, um der eigent­lichen Herausforderung der Mission auszuweichen.

Wir müssen die Würde der Mission wiedergewinnen, denn daran hängt mehr als wir wahrhaben wollen. Das recht verstandene Evangelium gibt dem Menschen erst sein wahres Menschsein wieder. Daher soll jeder Mensch das Recht haben, es auch zu hören.

Ein Problem aber scheint mir zu sein, daß für den modernen oder postmodernen Menschen alle Religionen gleich richtig und gleich gültig sind. Für den Philosophen sind ohnehin alle Religionen auch gleich falsch und für die Politiker sind die Religionen wohl alle gleich brauchbar. Die Muslime in Deutschland sind sich dieses pragmatischen Verhaltens der Politik wohl bewußt. In kirchlichen Kreisen wird diese Verun­sicherung oft durch Aktivismus überdeckt und manche von uns begnügen sich mit der Diskussion über den Dialog oder über die Fragen der Einordnung der Religionen, also über die exklusiven, inklusiven und pluralistischen Verstehensmodelle einer zeitgemäßen Theologie der Religionen, als ob die christliche Religion eben nur eine Spielart des Religiösen wäre. Aber der wirklichen Herausforderung der Mission weicht man dabei gerne aus.

Prüfstein Weltmission

Im Versuch, diese postmoderne Beliebigkeit und reduktionistische Heilsfrömmigkeit zu überwinden, sagt Lesslie Newbigin an einer Stelle: „Wenn das Evangelium nur ein Zugang zum Verständnis von Religion ist, die für mich etwas bedeutet, mir hilft und Wohlbefinden vermittelt, dann habe ich eigentlich kein Recht, mich in die jeweils ­eigene Glaubensauffassung anderer Menschen einzumischen, die auf jeweils ihrem Weg einen Frieden und eine Sicherheit anstreben, wie es sich die Menschen ersehnen. Aber das Evangelium ist die Wahrheit und deshalb wahr für alle Menschen: Es ist die Enthüllung des Angesichts dessen, der alles erschaffen hat, von dem jeder Mensch abstammt und zu dem schluß­endlich jeder Mensch kommen muß. Es offenbart den Sinn menschlicher Geschichte, den Ursprung und die Bestimmung der Menschheit. ­Jesus ist nicht nur mein persönlicher Erlöser, er ist Herr über alles, die Ursache und der Eckstein des Universums. Wenn ich dies glaube, ist hiervon Zeugnis abzulegen der wirkliche Grund meiner ganzen Existenz. Wenn ich denke, ich kann es für mich ­behalten, dann glaube ich ­eigentlich nicht wirklich. Die Weltmission ist daher nicht etwas Zusätzliches, sondern der eigentliche Prüfstein, ob die Kirche auch wirklich an das Evangelium glaubt.“

Das „Wie“ der Mission

Das „Ob“ der Mission unter Muslimen sollte nicht in ­Frage stehen. Das „Wie“ der Mission, darüber ist es nötig, gemeinsam miteinander zu ringen und voneinander zu lernen. Dabei dürfen wir auch aus den Fehlern lernen und sogar neue Fehler machen. Aber um Gottes und der Menschen willen sollten wir den Willen zur Mission nicht aufgeben, sondern erneuern und vertiefen.
Die Liebe zu Gott (Agape) und die Liebe zu den Menschen bleibt dabei der Schlüssel zur Mission und zu den Herzen der Menschen. In der Mission, gerade unter Muslimen, ist natürlich Sachkenntnis und Menschenkenntnis gefragt, Humor und eine große Gelassenheit sind nötig; nämlich die Gelassenheit und Toleranz ist gefragt, die aus einem tiefen Urvertrauen in das Evangelium seine Kraft schöpft und um die Geduld und Erfüllung der Wege Gottes in Christus Jesus weiß.  (Eph 1)

Dialogisch und unangepaßt ...

Paulus ist für mich der ­ideale Missionar, dynamisch genug, ohne Scheu an vielen Stellen anzuecken. Er hat sich dem damaligen Zeitgeist nicht gebeugt. Sein missionarischer Ansatz war auch in der klaren Verkündigung dialogisch. Er hat nach Anknüpfungspunkten gesucht, aber auch das Leiden und die Konfrontation nicht gescheut. In allem wußte er sich in absoluter Abhängigkeit von dem, in dessen Dienst er stand. Diese Abhängigkeit blieb seine Stärke, mitten in allen Anfechtungen. Paulus hat es verstanden, das Evangelium in die griechische Kulturwelt hinein zu interpretieren. Er war bereit, nach Anknüpfungspunkten der Verkündigung zu suchen und sie zu finden. Er ging z. B. in ­seiner großen Rede auf dem Areopag in Athen auf den heidnischen Altar des unbekannten Gottes ein und hat dann verdeutlicht, daß dieser „Unbekannte“ in Jesus von Nazareth sein wahres Gesicht zeigt und um unserer Erlösung willen Mensch wurde. Er hat aber weder das, was die Auseinandersetzung dann auch bei dieser Rede schlußendlich verursachte, verschwiegen, noch ist er in postmoderner Toleranz der Versuchung erlegen, sich mit dem Priester des Altars des unbekannten Gottes zusammenzusetzen und mit ihm das „religiöse Territo­rium“ abzustecken, um dann erst einmal auszuloten und zu überlegen, wie sie sich gegenseitig „bereichern“ und „befruchten“ könnten. Wo sind wir noch innerlich so bewegt wie ein Paulus? Wissen wir noch um den Glutofen der ­Liebe Gottes?

...statt Stillschweigen

Doch ich befürchte, daß ein mangelndes Vertrauen ins Evangelium eines der zentralen Probleme ist, warum wir uns mit der christlichen Mission, auch der Mission unter Muslimen, so schwer tun und daher vielleicht geneigt sind, uns mit einem ideologischen Pluralismus zufrieden zu geben. Und manche denken im Stillen, daß wir um des Weltfriedens willen wenigstens ein Stillschweigeabkommen innerhalb einer möglichen abrahamitischen Ökumene akzeptieren sollten. Wir haben nach Bischof Mortimer Arias aus Lateinamerika in den westlichen Kirchen den christlichen Glauben verintellektualisiert und den Heiligen Geist vergeistlicht. Solange wir uns aber weitgehend mit einer ­zivilreligiösen Version des christlichen Glaubens zufriedengeben, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn es zu einem Rückzug des „christ­lichen“ Glaubens in die Privatsphäre kommt und die Menschen bei der Kirche nicht mehr suchen, was im Leben und im Sterben letzte Antwort ist.
Haben wir das Evangelium zu einer philosophischen Idee verkommen lassen? Und wundern wir uns dann noch, wenn das Vakuum durch Ideologien oder andere Religionen ausgefüllt wird und die Verunsicherung gegenüber dem Evangelium am Nerv der Christenheit nagt? Die un­verarbeitete Schuld in der Geschichte tut noch ein Übriges dazu.

Was würde Paulus dazu sagen?

Vor einigen Jahren habe ich zwei Seminarabende mit einer katholischen und evan­gelischen Kirchengemeinde durchgeführt. Das Thema der Abende lautete: „Den Islam verstehen“, „Muslimen begegnen“. In der Gesprächsrunde sagte eine katholische Frau: „Sie haben uns Mut zur Begegnung gemacht, aber ich störe mich an dem Begriff der ‚Mission’, warum denn überhaupt Mission?“ Der katho­lische Kollege sagte: „Nein, Frau …, dies müssen wir alle ganz neu entdecken. Am Schluß der Eucharistiefeier steht im Lateinischen die missio, wir sind gesandt in die Welt, um Zeugen des Evangeliums zu sein.“ Der evange­lische Kollege hingegen sagte etwa, „wenn Gott wollte, daß auch Muslime zu Christen werden, hätte er schon lange selbst dafür gesorgt“. Ich schaute ihn an und antwortete: „Lieber Herr Pfarrer…, wenn Paulus und die frühen Missionare, die nach Europa kamen, diese Haltung gehabt hätten, die Sie hier zur Sprache bringen, dann bin ich mir eines sicher: wir würden heute Abend nicht in schönen kirchlichen Räumen sitzen, noch hätten wir nebenan eine solche Kirche. Nein, wir würden allenfalls wohl im Haus des Wotan oder im Haus eines ‚Reform-Heidentums’ sitzen.“ – Ich habe aber diesen Pfarrerskollegen als Person an diesem Abend nicht verloren, und wir hatten danach ein sehr gutes Gespräch, bei dem  er mir auch erzählte, daß er in der Gemeinde in Rollen ­gepreßt wird, in denen er sich dann nicht wohlfühlt. Allerdings konnte ich auch verstehen, wenn Gemeindeglieder, denen es um den rechten Glauben in unserer Zeit ging, mit diesem Pfarrer ihre Mühe hatten.

Erzbischof Dr. Josiah Fearon aus Kaduna, Nigeria, der aus einer wirklichen Leidenssituation herauskommt, sagte: „Wir haben als Christen gar keine andere Wahl, als die Muslime zu lieben und ihnen das Evangelium zu verkündigen. Wenn ihr aber diesbezüglich in Deutschland das Evangelium verschweigt und an den Muslimen schuldig werdet, werden sie euch eines Tages zum Gericht werden.“7

Mission ist liebende Zuwendung

Das Evangelium zu verkündigen, ist Grund aller Freude, und daher ist christliche Mission niemals eine verkrampfte Angelegenheit. Auch geht es in der Mission nicht um ein Abrechnen mit Andersgläubigen, nicht um das Freilegen ihrer Schwachstellen, sondern um das Zeugnis Christi gegenüber Menschen, die nach Gottes Bild geschaffen sind. Weil dies aber so ist, darf keinem Menschen das Evange­lium vorenthalten werden. Mission ist das Bemühen, Menschen mit dem Herrn Jesus in Verbindung zu bringen, auf dessen Angesicht die Herrlichkeit und Liebe Gottes leuchtet.

Daher ist „Kommunika­tion des Evangeliums“ immer mehr als Worte. Es ist die liebende Zuwendung in Wort und Tat, damit Menschen sehen und schmecken, wie freundlich der Herr ist. Aber kein einziges noch so heiliges Leben kann die ­Liebe Christi voll und ganz widerspiegeln, es braucht den gelebten Glauben und die Lebensäußerung der Gemeinde, die „Koinonia“ (Gemeinschaft) des Volkes Gottes.

Hier aber wird uns ein ­Dilemma bewußt, nämlich daß wir auch gleichzeitig ein Antizeugnis sein können und so mithelfen, daß das Evangelium verdunkelt wird. Daher ist die große Herausforderung immer die der eigenen Umkehr, nämlich sich der erneuernden, versöhnenden Kraft des Evangeliums immer wieder neu selbst zu stellen. Dabei wird uns deutlich, wie Zeugnis ablegen (griech.: martyrein) und um des Glaubens willen zu leiden (griech.: martyria) nicht nur sprachlich verwandte Begriffe sind.
Die Herrlichkeit Gottes im Angesichte Jesu Christi leuchtet dort besonders durch, wo Menschen und Kirchen bereit sind, um des Glaubens willen auch zu leiden. Hier wird deutlich, daß der christliche Glaube zunächst nicht ein philosophisches Gedankensystem, sondern existentielle Begegnung mit einer Person ist, die von sich sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
Wer diesem Herrn be­gegnet, erkennt in IHM den, der das unbeschreiblich tragische Dilemma menschlicher Existenz und Entfremdung durch ­seinen Tod am Kreuz beantwortet hat. Die Sinn- und ­Ziel­fragen werden bei diesem Herrn für den Einzelnen und für die Geschichte der ganzen Menschheit gelöst. Daher ­haben wir Grund, Menschen der Hoffnung zu sein und zu bleiben. Deshalb plädiere ich für ein uneingeschränktes Ja zur Verkündigung des Evan­­ge­liums unter Muslimen, um Gottes und der Menschen willen.

Von

  • Albrecht Hauser

    Kirchenrat i.R., Fachreferent für Mission im Referat für Mission, Ökumene und Kirchlicher Entwicklungsdienst im Evang. Oberkirchenrat in Stuttgart. Geschäftsführer der Württembergischen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Weltmission (WAW). Von 1962 bis 1972 war er im Missionsdienst in Pakistan, danach Stellvertretender Generalsekretär der International Assistance Mission, einem Konsortium von über 25 evangelischen Missionen und Hilfswerken, die in Afghanistan im Rahmen von Entwicklungsprojekten zusammenarbeiten.

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