Miteinander oder Nebeneinander?

Muslime unter uns. Eine neue Herausforderung für Christen

Einige grundsätzliche Informationen über die verschiedenen Glaubensrichtungen und Lebens­formen der zahlreichen Muslime, die inzwischen zur deutschen Gesellschaft ge­hören und sie ­verändern. Der Autor, Eberhard ­Troeger, ist Pfarrer und Islamkenner.

1. Klärungen

Es ist sinnvoll, am Anfang einige Begiffsbestimmungen vorzunehmen. Ich verstehe unter „Muslime“ alle Menschen islamischer Tradition im weitesten Sinne, also auch die Aleviten aus der Türkei, obwohl sie von vielen Muslimen nicht als solche anerkannt werden. Auch die Anhänger der Ahma­dîja sehe ich als Muslime, obwohl sie durch einen Beschluß der Islamischen Konferenz aus dem Islam ausgeschlossen worden sind1.
Schwieriger ist es zu klären, was der Ausdruck „unter uns“ ­bedeutet. Ist die deutschstämmige ­Bevölkerung gemeint? Das wäre nicht richtig, da es einige Tausend deutschstämmiger Muslime gibt. Oder geht es um die christliche ­Bevölkerung? Auch das wäre nicht richtig, da die deutsche Gesellschaft nie rein christlich war und inzwischen weitgehend entchristlicht ist.
Ich verstehe also das Thema ganz allgemein so, daß zur deutschen Gesellschaft inzwischen zahlreiche Muslime gehören. Dabei können wir nicht mehr pauschal davon ausgehen, daß Muslime generell Ausländer sind, wegen der Muslime deutscher Herkunft und wegen der wachsenden Zahl eingedeutschter Muslime, die bald die Millionengrenze erreichen wird.

2. Der Islam als gesell­schaftliches Phänomen

Es ist bekannt, daß der Islam in Deutschland nicht durch Werbung2, sondern durch Einwanderung so viele Anhänger bekommen hat. Die kleinste Gruppe sind Akademiker aus dem islamischen Ausland, die in Deutschland studiert ­haben und hier ansässig geworden sind.
Eine sehr große Gruppe sind die nach 1960 als Gastarbeiter angeworbenen Türken und Nordafrikaner mit ihren Angehörigen. Aus Gastarbeitern wurden Dauerarbeiter und Bürger. Sie durften ihre Familienangehörigen nachholen, und damit kam es unvorhergesehen zu einer Masseneinwanderung nach Deutschland.
Ebenfalls nicht vorhergesehen war der Ansturm von Asylbewerbern aus islamischen Ländern. Wie weit das Asylbegehren berechtigt war, hatten die Gerichte zu entscheiden. Anfangs war man dabei großzügig, bis der Zustrom unkontrollierbar wurde und gesetzliche Änderungen nötig machte.
Aus der Zufälligkeit der Einwanderung ist nun eine Realität geworden, die unser Jahrhundert maßgeblich mitbestimmen wird.

3. Formen islamischer Organisation3

Da in den islamischen Ländern herkömmlicherweise der Staat die religiösen Ange­legenheiten regelt4, taten sich die Zuwanderer schwer damit, sich zu organisieren und Gebetsstätten zu schaffen. Dabei spielte es eine Rolle, daß zwischen den Akademikern einerseits und den Gastarbeitern andererseits eine große gesellschaftliche Kluft bestand. Den Anfang machten Angehörige islamischer Bruderschaften, die schon immer eine gewisse Selbständigkeit und Unabhängigkeit gegenüber dem offiziellen ­Islam pflegten.
Inzwischen sind unzählige Moscheevereine nach deutschem Vereinsrecht entstanden und daraus eine Vielzahl von Verbänden, die sich wiederum zu konkurrierenden Dachverbänden zusammengeschlossen haben. Ich nenne nur den vom türkischen Religionsminister um gelenk­ten Verband5, den Isamrat der Bundesrepublik Deutschland und den Zentralrat der Muslime in Deutschland. Die beiden letzteren Dachverbände weisen eine große ideologische Spannbreite bei ihren Mitgliedern auf. Ein islamischer Gesamtverband als Ansprechpartner für den deutschen Staat bzw. die Bundesländer ist jedoch auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Der Staat möchte im Grunde nur mit einem oder wenigsten nur einigen mitgliedermäßig organisierten und in ihren Werten und Zielen identifizierbaren islamischen Großverbänden zu tun haben. Um der erwarteten Vorteile willen dürften die meisten Muslime bereit sein, sich den staatlichen Auflagen anzupassen.
Der Islam kennt traditionell – im Gegensatz zu den Großkirchen – keine letztlich verbindliche Lehr- und Rechtsbildung. Er kennt neben dem jeweiligen islamischen Staat keine eigenen konziliaren oder parlamentarischen Instanzen, die ­Lehre und Recht verbindlich beschließen und kodifizieren6. Und tatsächlich sind in aktuellen Fragen die Dinge immer von den jeweiligen Macht­habern entschieden worden. Der Islam gleicht im Grunde einem breiten Strom, in dem vieles im Fluß, aber wenig definitiv festgelegt ist. Deshalb ist „der Islam“ schwer faßbar.
Ich sehe in diesem Tatbestand das größte Problem für eine dauerhafte Integration des Islam in die demokratische deutsche Gesellschaft. Muslime argumentieren heute, daß der Islam keine Kirche sei und sich nicht in kirchenähnliche Strukturen pressen lassen wolle. Unsere Rechts­tradition und das komplizierte Verhältnis zwischen Kirche und Staat beruhen aber eben darauf, daß Recht verbindlich kodifiziert wird und sich Rechtspartner aufeinander ver­lassen können.

4. Weltanschauliches Spektrum der Muslime

Natürlich gibt es bei den zu nennenden Typen von Muslimen viele Übergangs- und Mischformen, die ich – weil wir es mit einem sehr weiten Spektrum zu tun haben, nur plakativ beschreiben kann.

Zunächst sind die säkularisierten Muslime zu nennen, die den Islam nicht praktizieren und sich höchstens als Kultur- und Traditionsmuslime verstehen. Unter den Aleviten sind sie häufig anzutreffen, aber auch unter muslimischen Akademikern. Davon zu unterscheiden sind die ­liberalen Muslime, die den Islam auf gelegentliche religiöse Übungen, vor allem aber auf eine allgemeine Ethik reduzieren.7
Daneben finden sich viele Traditionsmuslime, die sich einem schlichten rituellen Islam und den volksislamischen Praktiken verbunden wissen. Sie haben oft nur losen Kontakt zu einem Moschee­verein. Davon zu unterscheiden sind die konservativen Muslime, die den herkömmlichen religiösen Islam praktizieren, ohne dabei politisch oder fanatisch zu sein. Sie gehen regelmäßig in die Moschee und beten daheim. Zu ihnen können auch die von der islamischen Mystik geprägten Muslime gerechnet werden, die sich in besonderen Gruppen zu ihren religiösen Übungen versammeln.
Schließlich sind die Muslime zu nennen, die einem modernen, ideologisch durch­­­­dachten Islam anhängen, die wir heute Islamisten nennen. Es ist ein Irrtum, Islamisten grundsätzlich als radikal zu apostrophieren. Sie verfolgen ihre Ziele meistens auf friedliche Weise und mit demokratischen Mitteln. Sie streben die Einheit von Glaube und öffentlicher Ordnung an. Über die Mittel und Wege können sie durchaus unterschied­licher Meinung sein. Islamisten sind die in Deut­schland aktiven Muslime, die sich werbemäßig und apologetisch für den Islam einsetzen und seinen Einflußbereich schrittweise vergrößern möchten8.
Innerhalb des islamistischen Spektrums gibt es die Zirkel radikaler Muslime, die auch öffentlich eine bewußt kämpferische Haltung an den Tag legen und in der Wahl ihrer Mittel sehr großzügig sind, so daß sie auf jeden Fall als staatsgefährdend einzustufen sind9. Unter den Radikalen wiederum gibt es die potentiellen Terroristen, denen jedes Mittel zur Erreichung ihrer Ziele recht ist.

5. Was Muslimen Probleme macht

Auch bei diesem Punkt läßt sich ein plakatives Reden schwer vermeiden. Vermutlich leiden nicht ­wenige Muslime unter der ­Liberalität unserer Gesellschaft, dem Sittenverfall, dem offenen ­Sexismus, aber auch unter der offenen Religions­kritik. ­Eine Folge ist der Rückzug in das islamische Getto der Moscheevereine.
Andererseits haben ideo­lo­gisch geprägte Muslime erkannt, daß die Liberalität unserer Gesetz­gebung und Rechtsprechung ihnen viele Möglichkeiten zur Ausbreitung des Islam und zur Schaffung einer muslimischen Parallelgesellschaft bietet. Insofern wird die Liberalität ­bewußt ausgenutzt.
Fromme Muslime empfinden die Glaubenslosigkeit, Diesseitigkeit und den Materialismus der Mehrzahl der Deutschen, mit der Folge, daß sie sich abschotten und in das islamische Getto zurückziehen. Die Konfrontation mit dem Unglauben hat zu einem neuen islamischen Selbstbewußtsein geführt, das oft selbstsicher – etwa durch islamische Kleidung – und manchmal auch überheblich zum Ausdruck gebracht wird.
Nicht zu übersehen sind die enormen Spannungen zwischen der Herkunftskultur und der deutschen Kultur, in denen viele Muslime leben, besonders die Jugendlichen. Schon die Zweisprachigkeit ist für manche ein Problem und führt nicht selten zu ­einer Verweigerung dem Erlernen der deutschen Sprache gegenüber. Vor allem aber ist es die Kluft zwischen dem oft noch patriarchalisch geprägten Elternhaus und der liberalen deutschen Gesellschaft, die Jugendliche in Schule und Beruf erleben.
Manche Muslime sind empört, daß in unseren Medien der Islam teilweise kritisch dargestellt wird oder Orientalisten den Islam wissenschaftlich-sachlich und vielleicht sogar kritisch untersuchen. In den meisten islamischen Ländern sind das absolute Tabus.

Das Gefühl von ­Benachteiligung

Andere Muslime thematisieren die Reste der christlichen Kultur in unserer Gesellschaft bzw. die – wie sie meinen – Sonderbehandlung der christlichen Großkirchen. Es ist für sie schwer zu verstehen, daß in Deutschland der Grundsatz der Trennung von Religion und Staat gilt, daß der Staat sich nicht in kirchliche Angelegenheiten einmischt und umgekehrt, die Kirche nicht in die des Staates. So führt die bisherige staatliche Achtung vor christlichen Kulturgütern (z.B. Einehe, Feiertage, Glockengeläut) bei manchen Muslimen zum Gefühl der Benachteiligung. Das Argument, daß in ihren Herkunftsländern der Islam normalerweise die ­dominante und staatlich geförderte religiöse Kultur ist und Nichtmuslime in vieler Hinsicht benachteiligt werden, wollen sie aber nicht ­gelten lassen.
Schwierig und ganz ungewohnt ist für Muslime die Begegnung mit freier christlicher Verkündigung. Nicht gewöhnt sind sie ferner, daß in unserer Gesellschaft jeder Bürger seine Religion frei wählen darf, ohne dafür diskriminiert zu werden. Konversionen zum Christentum oder zu einer anderen Glaubensweise sind für Muslime schmerzlich, gehen gegen die Familienehre und werden mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern ­gesucht.

6. Ziele der Muslime

Vermutlich wollen die meisten Muslime ganz einfach ein gutes und normales Leben führen, ihre Lebensqualität verbessern und ihren Kindern gute Lebenschancen eröffnen. Viele wollen normale Deutsche werden, ohne die heimatliche Kultur zu verleugnen. Sie wollen sich integrieren, aber nicht assimilieren.
Andere wollen Freiräume für eine islamische Sonderkultur und Lebensweise innerhalb der pluralistischen Gesellschaft erkämpfen.
Manche wissen sich als bewußte Verkündiger des ­Islam und wollen Deutsche für den Islam gewinnen. Sie wollen ­erreichen, daß sie alle öffentlichen Aussagen über den ­Islam (z.B. in Schulbüchern, in den Medien, in den Kirchen) kontrollieren und bestimmen können. Nach ihrer Meinung darf der Islam nur noch nach dem islamischen Selbstverständnis dargestellt werden. Es gibt Juristenorganisationen, die alle öffent­lichen Verlautbarungen beobachten und sofort mit Prozessen zur Hand sind10.
Islamisten wollen langfristig Deutschland in Richtung auf eine islamische Gesellschaft verändern, was allerdings ein genuin islamisches Ziel beschreibt.

Politiker, Juristen und Kirchenführer tun gut daran, diesen Realitäten ins Auge zu sehen und nicht auf einen Wunsch-Islam zu vertrauen. Es ist ein offenes Geheimnis, daß radikale Muslime auf Gelegenheiten warten, unsere freiheitliche – in ihren Augen freilich moralisch dekadente Gesellschaft – mit allen nur möglichen Mitteln zu bekämpfen.

7. Konflikte mit der freiheitlichen Grundordnung

Alle Konflikte ergeben sich daraus, daß der klassische Islam mehr ist als eine Religion im modernen westlichen Verständnis. Er ist – jedenfalls in seinem Grundansatz – vielmehr eine religiös begründete Gesellschaftsordnung, die auf Dominanz aus ist und die deshalb zwangsläufig mit dem freiheitlichen, demokrati­schen Staat kollidieren muß. Konsequente Muslime wollen die Gesellschaft in ihrem Sinne dominieren. In der freiheitlichen Gesellschaft haben ­alle Menschen unabhängig von ihrer Weltanschauung gleiche Rechte und gleiche Freiheiten. Damit aber ein freiheitlicher Rechtsstaat funktionieren kann, muß jeder Bürger gewisse Abstriche von seiner persönlichen Freiheit hinnehmen. Die Freiheit des Einzelnen wird gewissermaßen durch die Freiheit des Mitbürgers begrenzt. Dies erfordert ein erhebliches Maß an Toleranz gegenüber Andersdenkenden und ihrer Freiheit.

Die Grenzen der Freiheit zu akzeptieren, fällt Islamisten schwer. Für sie ist das Gesetz Allahs das absolute Gesetz, das über allen menschlichen Gesetzen stehen muß. Sie ­begreifen nur schwer, daß die Freiheit aller Bürger sowohl eine positive als auch eine negative Religionsfreiheit impliziert. Muslime berufen sich heute bei ihren Forderungen an den Staat auf die positive Religionsfreiheit, übersehen dabei aber gern die negative Religionsfreiheit ihrer nichtmuslimischen Mitbürger. Sie besagt, daß kein Bürger gezwungen werden darf, penetrant der religiösen Werbung oder Symbolik einer ihm fremden Glaubensweise ausgesetzt zu werden. Sie ist der Hintergrund der Rechtsstreitigkeiten um das Kruzifix in öffentlichen Räumen, um das Ausmaß des Glockengeläuts, um das Tragen muslimischer Kleidung im öffent­lichen Dienst und um den laut­sprecherverstärkten Gebetsruf. Die unterschied­lichen Urteile, die bis jetzt in diesen Fragen ergangen sind, machen deutlich, daß es zwischen der Toleranz gegenüber fremdreligiösen Symbolen und der negativen Religionsfreiheit eine umstrittene Zone gibt.

Konkret heißt das:

Islamische Verbände können grundsätzlich Körperschaften des öffentlichen Rechts werden, wenn sie die Voraussetzungen der Dauerhaftigkeit, der einsehbaren Mitgliederzahlen und der Verläßlichkeit erfüllen. In dieser Hinsicht haben die Verbände noch sehr viel Arbeit vor sich, und man kann den deutschen Behörden nur raten, hier keine Kompromisse zu machen.

Einzelne Muslime haben bereits gefordert, in Deutschland für Muslime islamisches Personenstandsrecht (Eherecht, Scheidungsrecht, Erb­recht) zu erlauben und damit die Einehe, die jüdisch-christlicher Tradition entspringt, als für alle verbindlich aufzugeben. Der Grundsatz der Gleichheit aller Bürger würde damit preisgegeben. Leider wird in unserer Gesellschaft die bisher staatlich geschützte Institution der Einehe immer mehr ausgehöhlt, mit der Tendenz, daß die Ehe eine privatrechtliche Einrichtung wird. Diese Tendenz wird von Muslimen schon jetzt für ihre Belange ausgenutzt, indem Hodschas muslimische Ehen am Standesamt vorbei schließen bzw. wieder scheiden. Dabei ist natürlich auch die muslimische Mehrehe möglich, und der Staat hat sich die Möglichkeit genommen, das als Ehebruch zu bestrafen.

Den Anfängen wehren

Wenn in Deutschland islamisches Personenstandsrecht erlaubt würde, könnte der Austritt aus dem Islam grundsätzlich verboten werden. Das Verbot freien Religionswechsels würden den Menschenrechten westlicher Prägung völlig widersprechen, und der Staat tut gut daran, die Religionsfreiheit gegenüber dem Islam zu verteidigen. Schon jetzt läßt der Kampf von Muslimen gegen die christliche Mission unter Muslimen nichts Gutes ahnen. Manche Muslime werden nicht müde zu betonen, daß Mission den Dialog mit dem Islam unmöglich mache.

Kopftuch - ein Menschenrecht?

Beim Kopftuch-Streit geht es sicher um einen Grenz­bereich, da das Kopftuch sowohl ein persönliches Kleidungsstück als auch ein islamisches Symbol für die Unterdrückung der Frauen ist. Die Tatsache, daß in einigen islamischen Ländern Kopftuchzwang für alle Frauen, auch die nichtmuslimischen, besteht, zeigt, daß es hier nicht nur um ein Kleidungsstück geht, sondern um ­eine sehr grundsätzliche Fra­ge des Menschenrechts und der ­negativen Religionsfreiheit. Ich kann unseren Gerichten nur raten, den Anfängen zu wehren. Dabei geht es nicht um Diskriminierung einzelner Personen, sondern um die Zumutbarkeit eines Selbstverzichts aus religiöser Überzeugung. Wenn eine muslimische Frau unbedingt ein Kopftuch tragen will, kann sie eben nicht Beamtin werden. Solcher Selbstverzicht gilt ja auch für andere Menschen, die eine bestimmte Überzeugung vertreten. Wenn ein Jude oder christlicher Adventist den Sabbat streng heiligen will, muß er auf einen Beruf verzichten, in dem er am Samstag arbeiten muß.

Ein umfangreiches Problemfeld ist der islamische Religionsunterricht in öffentlichen Schulen. Welcher Islam soll wem durch wen unterrichtet werden? Welcher ­islamische Verband ist für den Lehrplan dem Staat gegenüber verantwortlich?
Weitere Fragen sind, wer die Religions­­lehrer ausbildet und wie die Professuren an den Universitä­ten besetzt werden. Es ist ­leider zu befürchten, daß der Staat zu viele Kompromisse machen wird.

­Viel diskutiert wird der ­Moscheebau, d.h. konkret die Lage und Größe der Bauten, die Höhe der Minarette und der lautsprecherverstärkte Gebetsruf. Der Zentralrat der Muslime hat in seiner Charta 2002 Moscheebauten in deutschen Innenstädten gefordert. Der religionsneutrale Staat ­respektiert alte Kathedralen und Dome als Ausdruck einer kulturellen Geschichte. Bis jetzt ist es deshalb aus städtebau­lichen Gründen nicht möglich, eine große Moschee neben einen historischen Dom zu setzen. Vermutlich werden die muslimischen Verbände nicht ­müde werden, auch diese Bastion anzugreifen.

8. Herausforderungen

Wir werden in unserem Jahrhundert voraussichtlich ein starkes Anwachsen der muslimischen Bevölkerung erleben. Die deutschstämmige und damit auch die traditionell christliche Bevölkerung wird – nach der jetzigen Sachlage – drastisch abnehmen, während die Migrantenbevölkerung zunehmen wird, und damit auch die Zahl der Muslime.

Es wird zu einem Geschichts- und Kulturabbruch kommen. Für Einwanderer beginnt die Geschichte ihrer neuen Heimat mit dem Tag ihrer Einwanderung oder bestenfalls mit dem Beginn der Einwanderung ihrer Volksgruppe. Das gilt auch für die muslimische Bevölkerung in Deutschland. Sie wird sich kaum mit der deutschen Geschichte und Kultur identifizieren. Das wird weitreichende Folgen für die Gesellschaft haben.
Die Entwicklungen sind insgesamt schwer vorauszusagen. Auf jeden Fall ist der Islam innerhalb kurzer Zeit zu einem gesellschaftlichen und politischen Faktor in Deutschland geworden.

9. Eine christliche Perspektive

Manche Christen wollen das „christliche Abendland“ gegenüber dem Vordringen des Islam verteidigen. Doch ist zu fragen, was eigentlich das christliche Abendland ist bzw. war. War es wirklich so christlich? Auf jeden Fall dürften die Verfechter des christlichen Abendlandes angesichts der demoskopischen, kulturellen und rechtlichen Entwicklung auf verlorenem Posten stehen. Es gibt zur Verteidigung des christlichen Abendlandes nur eine einzige Alternative, die allmählich auch in den Großkirchen erkannt wird: die Neuevangelisierung Europas.
Andere Christen setzen den Schwerpunkt bei der Verteidigung des biblischen Glaubens gegenüber der islamischen Kritik. In der Tat ist der Islam einer der hartnäckigsten Herausforderer nicht nur des christlichen, sondern auch des jüdischen Glaubens. Die heiligen Schriften von Juden und Christen gelten als überholt und pervertiert. Der Islam wird als die letztgültige Willensoffenbarung Gottes propagiert. Hier ist eine intensive theologische Auseinandersetzung nötig, aber es ist m.E. zu wenig, sich damit zu begnügen. Denn es geht nicht nur um den Islam, sondern um die muslimischen Menschen, denen nach christlicher Überzeugung die biblische Botschaft genauso gilt wie allen anderen Menschen auch.

Manche Christen begrüßen die neue Multikulturalität und Multireligiosität unserer Gesellschaft als einen Gewinn und eine Chance zur eigenen Bereicherung. Das Problem ist nur, daß sie häufig einen religiösen Humanismus vertreten, den sie auch im Islam sehen wollen. In ihrem Harmoniebedürfnis übersehen sie, daß der Islam nach seinem eigenen Selbstverständnis etwas anderes ist als religiöser Humanismus, sondern streng vom Gottesrecht her denkt. Ich vermute deshalb, daß die christlichen Verbrüderungsversuche an der Realität des Islam scheitern werden.

Missionarisch denkende Christen sehen in der Präsenz großer muslimischer Gruppen in unserem Land die Möglichkeit, Muslimen frei und ­offen das Evangelium bezeugen zu können. Das ist sicher richtig. Dabei muß ­bedacht werden, daß das sog. Gegenzeugnis unserer noch weitgehend ­namenschristlichen Gesellschaft wesentlich stärker ist als das genuin christliche Zeugnis. Die Widerstände von Muslimen gegenüber dem Evangelium sind bis jetzt enorm groß, und das hängt auch damit zusammen, daß Muslime in unserer ­Gesellschaft meistens nur ein grobes Zerrbild oder gar ­Gegenbild vom Christentum sehen.

Zum Schluß möchte ich noch ­eine alte Deutung des Phänomens Islam ansprechen, die heute wieder zur Sprache gebracht werden muß. Martin ­Luther hat im Vordringen des Islam in Europa eine „Zuchtrute“ in der Hand Gottes für eine Christenheit gesehen, die das Evangelium verloren hat. Luther stand mit dieser Deutung in einer langen Tradition11. Die Mächtigkeit des Islam ist ein Bußruf Gottes an die Christenheit, ihr Pro­prium, die Botschaft vom Heil in Jesus Christus, neu zu entdecken. Insofern ist die starke Präsenz von Muslimen in unserer Gesellschaft ­eine heilsame Krisis des christ­lichen Glaubens und damit die Chance, neu zum Zentrum des biblischen Glaubens zurückzufinden.

Anmerkungen

1 Das war an sich ein unislamischer Vorgang, da der Islam sich nicht als „Kirche“ versteht und keinen Ausschluß aus der „Kirchengemeinschaft“ kennt.

2 Der islamische Fachausdruck ist (arab.) Da‘wa, d.h. Einladung in den Islam.

3 Vgl. dazu Ursula Spuler-Stegemann, Muslime in Deutschland. Nebeneinander oder Miteinander, 1. Aufl. Freiburg 1998, 3. überarb. Aufl. 2002 

4 Das gilt auch für die laizistische Türkei, in der der Staat eine moderate Ausprägung des Islam staatlich dirigiert.

5 Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V., kurz DITIB oder Diyanet

6 Seit dem 20. Jahrhundert versuchen die islamischen Weltverbände hier Abhilfe zu schaffen und durch Beschlüsse und Deklarationen gewisse Festlegungen zu treffen.

7 Am bekanntesten ist in Deutschland der Göttinger Politologe Bassâm Tîbi.

8 Zu nennen sind hier sicher die türkische Islamische Gemeinschaft Milli Görüs und vom arabischen Islam geprägte Vereine und Verbände. Die bekannteste Persönlichkeit ist Dr. Nadîm Eliâs, der Vorsitzende des Zentralrats.

9 Wie z.B. die Kaplan-Gruppe in Köln

10 So geschehen beim Erscheinen von Udo Ulfkotte, Der Krieg in unseren Städten. Wie radikale Islamisten Deutschland unterwandern, Frankfurt 2003.

11 Vgl. Andreas Baumann, Der Islam – Gottes Ruf zur Umkehr? Eine vernachlässigte Deutung aus christlicher Sicht. Basel/Gießen 2003

Von

  • Eberhard Troeger

    Pfr. i.R., 1966 bis 2003 leitender Mitarbeiter der Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten (Wiesbaden) in Ägypten und Deutschland, Vorstandsmitglied des Instituts für Islamfragen der Dt. Ev. Allianz. Er ist verheiratet, hat Kinder und Enkelkinder. Er war mehrmals Referent bei OJC-Tagungen zum Thema Islam auf Schloß Reichenberg.

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