Editorial über Muslime unter uns

Liebe Freunde!

Der Schreck über den Tsunami am zweiten Weihnachtfeiertag steckt uns noch in den Gliedern. Hierzulande vor allem in den Köpfen – als Bilder des Grauens über das Unheil, das in Gestalt eines Seebebens gewaltig und unbemerkt aus dem Meer aufstieg und in wenigen Minuten Hunderttausende aus dem Leben gerissen und Millionen über Nacht ihrer Familien und ihres Lebensraums beraubt hat.
Zu den Wundern dieser Tage zählt, daß durch die notvolle Katastrophe die Völkergemeinschaft enger zueinandergerückt ist, weil Mitempfinden, Solidarität und konkrete Hilfeleistungen Menschen unterschiedlichster Herkunft, Hautfarbe und Religion zusammengestellt hat. So scheint sich das heilsgeschichtliche Paradox zu bestätigen, daß aus Unheil und Hoffnungslosigkeit Heil und neue Hoffnung wachsen.

Offenheit und Grenzen

Die globale Hilfsbereitschaft hat auch Christen und Muslime vor neue Herausforderungen gestellt wie etwa in der Provinz Aceh im Norden der indonesischen Insel Sumatra, wo 99 Prozent der Bevölkerung Muslime sind. Die Hilfe für die Opfer der am schwersten betroffenen Region wird dankbar geduldet, doch bis Ende März sollen alle ausländischen Truppen das Land wieder verlassen haben – es ist ein Miteinander auf Zeit – der islamische Staat will mit militärischer Kontrolle Fremdeinflüsse begrenzen.
Blicken wir nach Europa, so treffen wir in bezug auf das Nebeneinander von moslemischer und abendländischer Kultur auf eine andere Lage. Längst hat sich der Westen geöffnet und moslemische Mitbürger sind in fast allen Ländern ein normaler, nicht zu übersehender Bevölkerungsteil geworden. Viele der Nachbarn in unseren Städten sind friedliche Muslime, einige durch ihre Arbeit, ihr Lebensumfeld und ihr langjähriges Hiersein in die Gesellschaft integriert.
In vielen Fällen aber ist die Integration nicht gelungen und manchmal auch gar nicht erwünscht. Die Gefahr aufziehender Parallelgesellschaften, in denen nach inner-islamischen Werten und Rechten und nicht nach geltendem deutschen Recht gelebt wird, ist im Wachsen begriffen. Auch die Unterwanderung von Kirchen und Universitäten durch agile islamistische Interessenverbände, die für ein besonderes islamisches Rechtsverstehen werben, darf keinesfalls verharmlost werden. (S.76) Hier stellt sich die Frage, inwieweit das Mit- und Nebeneinander von solchen Aktivisten als Vehikel benutzt wird, um unterschwellig ein Gegeneinander zu betreiben. Der ausgewiesene Islamexperte Bassam Tibi bringt es so auf den Punkt: Wir müssen dringend offen darüber reden, „wie bestimmte Kreise bestrebt sind, die islamische Diaspora-Kultur für ihre Logistik zu hijacken. Hierbei mißbrauchen die Islamisten die offene Gesellschaft als Instrument für ihre Bewegungsfreiheit; der Terror richtet sich gegen die liberale Freiheit der Demokratie und gleichzeitig instrumentalisiert er diese für seine Zwecke.“

Dialog und Schlußpunkt

Um das Vorgehen und die Ziele des politischen Islam besser zu verstehen und die Stimmen der Islamisten im eigenen Land besser unterscheiden zu können, ist es wichtig, die historischen und religiösen Hintergründe zu kennen. Erst dann ist der Dialog möglich, der eine Voraussetzung für eine Integration ist.  Der echte Dialog aber hat Voraussetzungen: Er muß die Glaubens- und Denkfreiheit des anderen achten, von der Möglichkeit ausgehen, daß auch der andere mit seiner Position an der Wahrheit Anteil hat, und er muß unter der Bedingung des offenen Ausgangs geführt werden. Jeder Dialog hat allerdings Grenzen – um der eigenen Identität willen.

Eine entscheidende Trennlinie zwischen Islam und Christentum ist, daß Jesus zwar als der vorletzte Prophet gilt, aber eben nur als ­einer von vielen. Mohammed hingegen ist das letztgültige „Siegel der Propheten“ – der Schlußpunkt göttlicher Offenbarung und der Koran das letztgültige Buch, das alle vorausgehenden überschreibt und alle nachfolgenden Offenbarungen Gottes ausschließt. Deshalb bleibt Allah heute stumm. Der sprechende Dreieinige Gott, mit dem wir Christen in eine persönliche Beziehung treten, ist dem Islam unbekannt. Der Islam beansprucht Absolutheit und zielt deutlich auf Vorherrschaft. Das macht den Glaubens-Dialog schwierig.

Bereicherung und Grenzen des Dialogs ­haben wir in den vergangenen Jahren auf Schloß Reichenberg in zahlreichen Tagungen zwischen Christen, Juden, Muslimen und Islamkennern erleben können, zuletzt im ­November 2004. Die Absicht dieses Heftes ist es, weiterzugeben, was uns für dieses Gespräch an Hintergrundwissen und Hoffnungshorizont hilfreich geworden ist.

Worte und Wüste

Die Entstehung des Islam läßt sich nicht unabhängig von Judentum und Christentum verstehen. Die Geburtsstunde des Islam (und der islamischen Zeitrechnung) liegt im Jahr 622 n. Chr. Erst 90 Jahre vorher hatte die christliche Zeitrechnung begonnen. Ebenfalls noch vor Beginn des 7. Jahrhunderts lag der Beginn des jüdischen Kalenders „seit Erschaffung der Welt“. Die Dichte der Ereignisse dieser Zeit läßt die Konkurrenz ahnen, in der Mohammed sich vorfand, als er zunächst in Mekka und später in Medina als charismatischer religiöser Redner auftrat und Anhänger um sich zu sammeln begann. Es war eine Epoche, in der viele der freien arabischen Stämme und Clans in der Wüste und im Bergland durch das Aufkommen der großen Reiche und Städte, geprägt durch Juden und Kirche, Veränderung erfuhren. In diese Zeit hinein kam Mohammed mit seinem Anspruch, der wahre Erbe Abrahams zu sein, und schuf aus den vielen den einen „Stamm aller Stämme“, den er an Abrahams Wüsten-Sohn Ismael festschnürte. Die Wüste wurde die innere Heimat der Araber und verlieh ihnen auch ihren Namen: Arabah bedeutet Wüste.

Von Dakar bis Aden, von Persien bis Pakistan verdanken es die Stämme dem Islam, daß sie während der letzten 1300 Jahre in der alten Welt jenseits von Reformation, Aufklärung und industrieller Revolution zusammengehalten wurden. Das gelang nicht zuletzt durch den Sprachzwang: Gebet und Unterweisung darf nicht in der eigenen Muttersprache, sondern nur in der „Himmelssprache“ des Koran, also in Arabisch erfolgen. Bis heute ist offiziell von orthodoxer Seite keine Übersetzung des Koran in andere Sprachen erlaubt.

Traum und Geist

Von einer erstaunlichen Beobachtung berichten Kenner islamischer Lebensverhältnisse. Immer mehr Menschen – vor allem in der südlichen Hemisphäre – dürfen heute die Erfahrung machen, daß Gott sie nicht nur sucht, sondern in Christus auch findet. Selbst da, wo Menschen von jeglichem christlichen Kontakt oder biblischen Quellen hermetisch abgeschottet sind, begegnet Jesus ihnen auf einzigartige Weise. (S.87) Es ist eine große Stärkung, das zu hören und darin gewiß zu werden,  daß unsere Hoffnung „nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch seinen Geist geschieht“ (Sacharja 4,6).

Neujahrsgrüße aus der OJC-Gemeinschaft

Die Rückmeldungen auf unser blaues Weihnachtsheft (SK 6/04) waren so vielfältig, daß wir den Leserbriefen diesmal doppelten Raum eingeräumt haben, um mehr Stimmen zu Wort kommen zu lassen. (S.92) Ob es an der neuen Farbe lag? Wir werden mit Spannung die Rückmeldungen zu diesem grünen Heft abwarten…
Zum Ende des letzten Jahres war Dankbarkeit aber nicht nur das Salzkorn-Thema, sondern auch das bestimmende innere Thema unserer Gemeinschaft. Wie groß, gütig und bewahrend hat Gott sich in allen Krisen und Erschütterungen, kostbaren Begegnungen und wichtigen Entscheidungen in diesem letzten Jahr erwiesen! In unseren „OJC-Bildern des Jahres“ (S.8) geben wir Ihnen noch einmal einen Einblick von dem, was uns bewegt hat.

Beschämter Rückblick

Unendlich dankbar sind wir auch für das Wunder, daß Sie, unsere Freunde, uns durch ­Ihre Gaben wieder finanziell durchgebracht ­haben. Vielleicht erinnern Sie sich daran, daß die Differenz des Balkendiagramms zwischen unseren Einnahmen und unseren Ausgaben bis in den Herbst hinein immer weiter anstieg. Der Blick auf den vorläufigen Jahresabschluß läßt uns staunen: bis auf 2 % (-27.000 €) haben die Spenden und Opfer unserer Freunde die Aus­gaben unserer laufenden Kosten (Stand 31.1.2004) eingeholt. Halleluja, Halleluja....! Da übertönten Lieder des Dankes die beschämte Erleichterung des Kleingläubigen in uns.
Nicht mit einberechnet in diese Bilanz sind die Investitionen, die wir für den Bau vom „Haus der Hoffnung“ in Greifswald getätigt haben. Hier stehen noch Verbindlichkeiten aus und eine Finanzierungslücke von 180 000.- € ist offen. Daß der Aufbruch in den Osten uns ­etwas kostet, merken wir aber nicht nur finanziell, sondern auch im menschlichen und lebensmäßigen Miteinander.

Bedürftiger Augenblick

Mit brennendem Herzen und nicht ohne Idealismus sind unsere „Pioniere“ vor gut 6 Jahren von Reichelsheim nach Greifswald aufgebrochen. Familie Kittel aus Chemnitz ist hinzugekommen. Was es allerdings bedeutet, an einem neuen Ort die innere Schwerkraft als geistliche Gemeinschaft neu zu finden und auszugestalten, mußten wir erst lernen: es hat sich als ein kraftraubender, demütiger und gottbedürftiger Weg herausgestellt. Aber auch für die große OJC-Gemeinschaft in Reichelsheim hat der Aufbruch von Maria Kaißling und Familie Böhm einen gewaltigen „Aderlaß“ bedeutet: sind doch unsere erfahrensten Seelsorger und geistlichen Begleiter ersatzlos „entschwunden“. So sind auch wir bedürftiger geworden. Nicht nur die bereits teilverwirklichte Vision von „30 Dreißigjährigen“ für die OJC der nächsten Jahre stellt einen erhöhten Bedarf an die geistliche Begleitung der jungen Mitarbeiter... Trotz des schmerzhaften Erlebens dieses Mangels sind wir aber innerlich ganz gewiß, daß die menschliche und materielle Investition für ein „Haus der Hoffnung“ in Pommern richtig und zukunftsweisend ist.

Erneuerter Weitblick

In der Zeit nach Weihnachten haben wir uns als Gemeinschaft die Zeit genommen und einmal auf die Periode der veränderungsreichen letzten vier Jahre zurückgeblickt. Es wurde uns deutlich, daß wir – unabhängig von unseren äußeren Projekten, Ereignissen und Investitionen – beim Innenbau der Gemeinschaft vor allem um drei Erneuerungen miteinander gerungen haben: Zuvorderst jeder einzelne um eine Erneuerung seines Gottes­bildes und seiner Gottesbeziehung, die viele von uns ganz neu der Kindschaft bei Gott dem Vater versichert hat. Die zweite innere Spur der letzten Jahre umfängt den Weg der Erneuerung der ­Gemeinschaft, in der wir miteinander leben: ­eine Gemeinschaft, in der Christus und nichts und niemand anderes in der Mitte stehen darf und in der wir uns in die Ebenbildlichkeit des Dreieinigen Gottes hineingestalten lassen wollen. Dazu gehört, einander in aller Unterschiedlichkeit  zu (er)tragen und uns immer wieder  hörend und zugewandt ­aufeinander einzulassen. Zuletzt waren uns die Fragen um die Erneuerung unseres Auftrags wesentlich. Dazu gehört auch, die wirksame ­Weitergabe der Frohbotschaft an die junge Generation wieder in neue Formen zu fassen. Wir sind dabei, den Urauftrag der OJC von 1968 schöpferisch ins Heute zu übertragen.

Offensiver Ausblick

Das rechte Maß von Beständigkeit und Wandel zu finden, bleibt die große Herausforderung,  die Fingerspitzengefühl und Mut zur Entscheidung verlangt, wie für jeden einzelnen Menschen und in jeder Ehe auch – nur eben etwas komplexer. Ich bin davon überzeugt, daß sich die Frage, wie sich Gesundheit und innere Gestalt in Gruppen (Gemeinden, Gemeinschaften, Hauskreisen, Familien) – also das Verhältnis von Kommunität und Immunität zueinander gestalten – eine der entscheidenden Fragen auf dem Weg unserer Gesellschaft ins 21. Jahrhundert ist: Einerseits akademisch gebildet und technisch hoch entwickelt, stammeln wir andererseits in den menschlichen Fragen des gelingenden Zusammenlebens oft wie Analphabeten. Inwieweit die immunisierenden, also die das geistliche Immunsystem stärkenden und erprobten Kräfte des Klosterlebens in Form verbindlicher Verpflichtung zu einem Leben in Armut, Keuschheit und Gehorsam fürs 21. Jahrhundert neu übertragen und für Laienchristen mitten in der Gesellschaft fruchtbar gemacht werden können, bleibt ein spannendes Thema. Wir freuen uns darüber, daß wir im Experiment unseres gemeinsamen Lebens ­diese Fragen miteinander bedenken und exemplarisch erproben können. Die Gewißheit, daß verbindlichen ­Gemeinschaften in Christus verändernde Licht- und Salzkraft innewohnt, macht den großen Einsatz, den das gemeinsame Leben kostet, lohnend.

Wir werden auch dieses Jahr Ihr Mitbeten, Mittragen und Mittun brauchen, um dem Auftrag gerecht werden zu können, den Gott uns aufs Herz gelegt hat und der nun schon bald 37 Jahre lang viele Menschen inspiriert und gestärkt hat. Danke für Ihre Treue!
Ganz herzlich grüße ich Sie mit der ganzen OJC-Gemeinschaft und wünsche Ihnen die Gewißheit und die Salzkraft des Petrus, dem Jesus in sein Scheitern hinein zuspricht: „Ich habe für Dich gebeten, daß Dein Glaube nicht aufhöre“.

Ihr
Dr. Dominik Klenk
(abgeschlossen am 21.1.2005)

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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