Wenn Gott "Trotzdem" sagt

Das „Haus der Hoffnung“– keine Erfolgs- aber eine Hoffnungsgeschichte

Von Rebekka Havemann / Dominik Klenk

Im höchsten Dom Greifswalds – unter einem strahlend blauen Himmel – feierten wir am 2. Juli die Einweihung des Hauses der Hoffnung. Die folgenden Berichte und Bilder sollen Ihnen Anteil geben an diesem großartigen Dankfest.

Die Nachbarn staunten nicht schlecht: fromme Lieder und fröhliche Musik tönte durch das Viertel, dann eine kernige Predigt „ihres“ Landesbischofs Hans-­Jürgen Abromeit, Gebete und am Schluß die Segnung der OJC-Mitarbeiter und des Hauses – und das öffentlich, unter freiem Himmel. Aber das war noch lange nicht ­alles, was es zu bestaunen gab. Denn nach dem Gottesdienst im geräumigen Innenhof gab es für ­alle die Möglichkeit, einen Rundgang durch das neurenovierte Haus zu machen, sich alles zeigen und die dazugehörigen Geschichten ­erzählen zu lassen. 160 Gäste und ca. 30 Kinder waren der Einladung zum Mitfeiern gefolgt, viele aus der Umgebung, andere von weit her angereist.

Für den Nachmittag hatten die Mitarbeiter der Greifswalder OJC-Zelle Maria Kaißling, Renate und Rudi Böhm und Sabine und Thomas Kittel ein buntes Programm mit Geschichten und Interviews, Tanz und Musik und einem Ausblick auf geplante Ereignisse vorbereitet.

Besonders bewegend waren die originellen Grußworte, mit denen Freunde und Weggefährten aus ­anderen Werken und Einrichtungen in der Region die kleine OJC-Zelle grüßten.

Dominik Klenk, Leiter der OJC, blickt zurück auf die Anfänge, Stolpersteine und Wunder der OJC in Greifswald:

In unserem Land erleben wir zur Zeit bewegte, wenn auch nicht unbedingt ermutigende Tage. Ich weiß nicht, wie es Ihnen in dem politischen Geschehen der letzten Wochen geht. Ich finde es deprimierend zu erleben, was im Moment in Deutschland an Führungslosigkeit sichtbar wird: eine Regierung, die nicht den Mut hat, Verantwortung zu übernehmen für das, was sie gefördert und unterlassen hat, und eine Opposition, die weder Mut noch Kraft hat, die notwendigen Einschnitte und die Hoffnungshorizonte, die dieses Land braucht, beim Namen zu nennen. Gestern war ich in Berlin und habe die Reden der Parteiführungen angesichts der Bitte des Bundeskanzlers um Neuwahlen gehört. Auf der Fahrt nach Greifswald kam mir ein Heinrich-Heine-Zitat in den Sinn – wahrscheinlich kennen Sie es: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.“ Ich glaube, nicht wenige Deutsche sind in diesen Tagen um den Schlaf gebracht. Umso wunderbarer ist es, daß wir heute solch ein Fest feiern können. Und fast wie von selbst hat sich dieser Aphorismus von Heinrich Heine um- und weitergeschrieben: „Schau ich bei euch in Greifswald rein, grüßt mich der Hoffnung heller Schein.“ So empfinde ich es nach diesem wunderbaren Gottesdienst heute morgen.

Stolpersteine

Es gibt im Reich Gottes das Phänomen der Gleichzeitigkeit – Depression und Hoffnung, Scheitern und Anfangen, Stolpern und Weitergehen, Ungewißheit und der Mut zum Wagnis gehen miteinander einher. Ich möchte Ihnen diese Gleichzeitigkeit, die wir als OJC in Greifswald und mit dem „Haus der Hoffnung“ erlebt haben, anhand einiger Stationen näher beschreiben. Denn darin leuchtet immer wieder das Trotzdem Gottes auf.

Mitte der 90ger Jahre war der damalige pommersche Landesbischof Eduard Berger als Referent zum „Tag der Offensive“ bei uns in Reichelsheim. Im Anschluß sagte er: „So etwas wie Ihr hier lebt, offene Familien, ein Ort, an den man kommen kann – das könnten wir in Pommern auch gebrauchen. Könntet ihr euch vorstellen, in den Nordosten Deutschlands zu kommen und so etwas bei uns zu probieren?“ Das war die Anfrage, und bald kam es zu konkreten Überlegungen, ob die OJC sich in Vorpommern engagieren könnte. Gleichzeitig war die Gemeinschaft in Reichelsheim gerade im Aufbau eines großen Projektes, des Europäischen Jugendzentrums, einer internationalen Jugend- und Begegnungsstätte. Das hatte uns schon an den Rand unserer Kräfte und finanziellen Möglichkeiten gebracht. Und es gab unter uns noch weitere ehrgeizige Pläne, nämlich die, in den nächsten Jahren ein christliches Studienkolleg auf den Weg zu bringen. Trotzdem hat die Gemeinschaft bei der Anfrage des Bischofs genau hingehört und den Schritt nach Vorpommern gewagt.

Zuwachs

Maria Kaißling – eine OJC-lerin der ersten Stunde – war 1997 die Erste, die nach Greifswald zog. Die nächsten waren Rudi und Renate Böhm. Mit sechs schulpflichtigen Kindern fiel bei ihnen die spontane Freude über einen Umzug an die Ostsee, gelinde gesagt, etwas verhalten aus. Trotzdem haben sie „ihr Herz an die Angel gehängt“ und sich nach vielen Überlegungen und Gesprächen zuversichtlich nach Greifswald aufgemacht.

Im Jahr 2000 kamen Thomas und Sabine Kittel mit ihrer Familie aus Chemnitz dazu. Ich glaube, auch sie wußten nicht so ganz, auf was sie sich einließen. Hier haben wir als Verantwortliche mit unseren Kräften sicher nicht in guter Weise gehaushaltet und unsere Mitarbeiter nicht so instandgesetzt, wie es richtig gewesen wäre. Trotzdem sind Thomas und Sabine heute noch hier und in der Prüfungszeit für eine langfristige Berufung in die OJC-Gemeinschaft. Wir sind sehr dankbar für unsere mutigen Pioniere!

Kurzsichtigkeit

Aber wir waren nicht nur mutig, sondern auch kurzsichtig. Eine unserer Mitarbeiterinnen war früher eine begnadete Sportlerin und Turmspringerin. Einmal fragte ich sie: „Sag mal, hast du gar keine Angst, wenn du vom Fünf- oder Zehnmeterbrett kopfüber mit doppelter Schraube ins Wasser springst?“ Da sagte sie: „Weißt du, ich bin furchtbar kurzsichtig. Wenn ich springe, nehme ich einfach meine Brille ab, dann erscheint das gar nicht mehr so hoch.“

Auch wir waren in manchem sehr kurzsichtig, aber Gottes Trotzdem half uns durch. Bedenken Sie, unsere Gemeinschaft – als eine verbindliche christliche Lebensgemeinschaft – hat den Sprung an einen neuen Ort gewagt und einen ersten Ableger gebildet, ohne als Kommunität wirklich konsolidiert zu sein. Zwar hatten wir einen gewissen Lebensrhythmus verinnerlicht, aber es gab keine gemeinsame, verbindliche Lebensordnung. Im katholischen Raum würde man sagen: Der Orden hatte noch nicht einmal eine eigene Regel.

Wenn Sie einen Blick in die Kirchengeschichte werfen, werden Sie sehen, daß es keinen einzigen Orden gibt, der einen Ableger gebildet hat, bevor es nicht eine gemeinsame Regel gab. Denn es ist ein gewaltiges Gewicht, das wir nach außen verlagert haben, ohne die nötige Schwerkraft nach innen. Viele Spannungen und ein enormer Kraftaufwand, um weiter vorangehen zu können, waren die Folge. Das war Kurzsichtigkeit – nicht Weitblick – und gehört zur Geschichte unserer Gemeinschaft dazu. Daß Gott ein Weitergehen trotzdem möglich gemacht hat, ist ein Wunder. Und daß wir als Gemeinschaft bis heute beieinander sind und uns nun auf den Weg machen konnten, um diese gemeinsame, verbindliche Ordnung zu ringen, ist ein großes Vorrecht.

Finanzen

Vor genau einem Jahr gab es einige Wochen, in denen es uns im OJC-Vorstand heiß und kalt über den Rücken lief. Wir mußten einer Wirklichkeit ins Auge schauen, die wir lange nicht gesehen hatten. Im Juni letzten Jahres wurde uns bewußt, daß sich die geplanten Kosten für das „Haus der Hoffnung“ bis zum Abschluß des Baus voraussichtlich verdoppeln würden. Es waren verschiedene Schwierigkeiten unglücklich zusammengekommen, die wir vorher nicht absehen konnten, z.B. war die Bausubstanz sehr viel maroder, als es nach den ersten Gutachten einzuschätzen war. Das hat nicht nur das „Haus der Hoffnung“, sondern die gesamte OJC-Gemeinschaft über mehrere Monate nah an die Zahlungsunfähigkeit gebracht und damit die OJC als Ganzes gefährdet. Wieder war es Gottes Trotzdem, das mit uns ging: Es fiel uns eine Erbschaft zu, die manches abfangen konnte, und viele Freunde, auch viele von Ihnen, haben die Kosten mitgetragen. Das ist ein weiteres riesiges Wunder und wir können immer wieder nur Danke sagen. Allerdings hat der Umbau nicht nur Geld, sondern vor allem auch physische Energie und seelische Spannkraft gekostet – manchmal weit über das verträgliche Maß hinaus. Trotzdem ist keiner dabei auf der Strecke geblieben. Gott hat uns durchgebracht!

Gemeinschaftsbau

Aber nicht nur das Haus, sondern auch die Gemeinschaft, die darin wohnen sollte, mußte „gebaut“ werden. Mit Maria Kaißling, Rudi und Renate Böhm und Sabine und Thomas Kittel hat Gott fünf wunderbare Originale zueinander geführt. Sie haben sich auf das Experiment des gemeinsamen Lebens eingelassen. Aber natürlich gibt es Unterschiede in den Temperamenten und Biographien, in Alter und Spiritualität, in Vorstellungen und Gewohnheiten. Es ging nicht ohne Schmerzen und Wege der persönlichen Veränderung, nicht ohne Beicht- und Bußgespräche – aber sie sind beieinander geblieben. Daß Gott diese Truppe trotzdem zusammengehalten gehalten hat, ist für mich von allen das größte Wunder der vergangenen Monate.

Diese kleinen „Trotzdem-Geschichten“ möchte ich Ihnen heute weitergeben, um klar zu machen: Das ist keine Erfolgsgeschichte, auf die wir verweisen, es ist eine einzige Hoffnungsgeschichte. Immer wieder hat sich ein Trotzdem über unsere persönlichen und gemeinschaftlichen Grenzen erbarmt. Vielleicht ist Hoffnung ja nichts anderes als Gottes Trotzdem zu uns und unseren Grenzen.

Vaclav Havel hat es einmal so ausgedrückt: „Hoffnung ist eben nicht Optimismus. Es ist nicht die Gewißheit, daß etwas gut ausgeht. Es ist die Gewißheit, daß etwas Sinn hat, unabhängig davon, wie es ausgeht.“ Trotzdem ist das Zeichen des Erbarmens Gottes in unser Leben hinein.

Auftrag

Getragen von diesem Erbarmen und darum gewiß in der Hoffnung, können wir unseren Auftrag als OJC in Greifswald ausführen: Ermutiger zu sein für die Menschen in dieser Region, vor allem auch für die vollzeitlichen Mitarbeiter in den Gemeinden. Nicht Erfolgsmenschen, sondern Hoffnungsträger, Menschen, die etwas von der erfahrenen Barmherzigkeit Gottes im eigenen Leben weitergeben. Als Brückenbauer mit den Erfahrungen des eigenen Ringens um geschwisterliche Gemeinschaft wollen wir die Gemeinden vor Ort in ihrem Bemühen um ein Miteinander als Christen unterstützen. Und als Horizonterweiterer wollen wir immer wieder auf die lebensverändernde Dimension eines Weges mit Christus hinweisen.

Um auf Heinrich Heine zurückzukommen, würde ich es nun so formulieren: „Denk ich an Greifswald in der Nacht, hat Gott sein Trotzdem wahrgemacht“. Obwohl wir sind, wie wir sind, hat ER uns überschüttet mit Zeichen der Hoffnung, mit Zeichen seiner Liebe und Gegenwart. Es wird auch weiterhin noch viele Trotzdems brauchen, die Gott über unserem unperfekten Leben aufleuchten läßt, damit dieser Ort ein Haus der Hoffnung werden und bleiben kann. Mit diesen Trotzdems – mit diesem Ja Gottes im Rücken – wollen wir Botschafter der Hoffnung sein.

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

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