Dem Leben eine Stimme geben

Warum wir Politik nicht den anderen überlassen

Mechthild Löhr studierte Politik, Philosophie und Staatskunde und engagierte sich viele Jahre im Bundesvorstand des Bundes Katholischer Unternehmer sowie im Ausschuß „Schule“ der Arbeitgeberverbände. Neben ihrer beruflichen Tätigkeit als Personal- und Unternehmensberaterin ist sie Bundesvorsitzende der „Christdemokraten für das Leben“ (CDL), einer Lebensrechtsinitiative innerhalb der CDU/CSU, und Mitglied im „Bundesverband Lebensrecht“ (BVL). Monika Hoffmann hat sie interviewt.

Frau Löhr, was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Mich hat der Verlust des Gemeinsinns und die durch Egoismus individualistisch geprägte Gleichgültigkeit gegenüber sozialen Problemen frühzeitig aufgeschreckt. Besonders in meiner Arbeit als Personal- und Unternehmensberaterin wurde mir immer deutlicher, daß Reden über Wirtschaftsethik allein nicht genügt. Denn es gibt einen Zusammenhang zwischen dem drohenden Zusammenbruch der sozialen Sicherungssysteme, dem demographischen Wandel und dem weitgehenden Verlust einer christlich geprägten Kultur des Lebens.

Die zentralen Zukunftsfragen werden sich durch den demographischen Wandel über kurz oder lang jedem zeigen. Trotzdem besteht weithin eine große Gleichgültigkeit gegenüber der Ablehnung von Kindern und Abtreibungen, also der Tötung von Ungeborenen. Dies ist mir unbegreiflich. Jede Abtreibung, die wir nicht versucht haben zu verhindern, ist eine menschliche Katastrophe und ein gesellschaftspolitisches Versagen. Um es auf den Punkt zu bringen: Es sind die Sorge um die Zukunft unserer Gesellschaft und das Versagen gegenüber der nachfolgenden Generation und speziell gegenüber dem ungeborenen Kind, die mich zum politischen Engagement veranlassen.

Nun ist gerade der Bereich des Lebensrechts und der Bioethik ein umkämpftes politisches Feld, in dem die Lebensschützer oft einen schweren Stand haben. Was hilft Ihnen, die Motivation für ihre politische Arbeit zu behalten?

Mein Glaube gibt mir den notwendigen Optimismus und die Hoffnung, so daß ich meinen Einsatz auch dann für sinnvoll halten kann, wenn greifbare Erfolge ausbleiben. Das Gebet und die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen stärken mich sehr. Und vor allem sind es der tägliche Gottesdienst und die Kommunion, die mir den Willen zum Durchhalten geben. Mein Glaube ist für mich wie ein Kompaß. Ich fühle mich der Wahrheit, daß jedes menschliche Leben kostbar und unantastbar ist, verpflichtet. Das Wahrheitskriterium ist wichtiger als die Frage der Zustimmung durch die Mehrheit. Dieses Wissen macht mich frei und unabhängig. Gleichzeitig weiß ich, daß ich nicht allein bin. Gott ist gegenwärtig und ebenso die Gemeinschaft in der Kirche. Bei Gott beschwere ich mich auch manchmal, wenn es sehr schwierig ist. Außerdem arbeite ich mit wunderbaren, engagierten Menschen zusammen. Das gemeinsame Ziel verbindet uns. Auch das hilft, an den Punkten weiterzumachen, wo andere meinen, daß es keinen Sinn mehr hat.

Hat Ihre Tätigkeit persönliche Opfer von Ihnen gefordert?

Das größte Opfer ist die Zeit und Energie, die ich investiere. Aber meine Tätigkeit macht mich auch froh. Wenn meine Bemühungen dazu beitragen, daß nur ein Leben gerettet wird, hat es sich gelohnt. Auch wenn die Anfahrt zu einem Vortrag einige hundert Kilometer lang ist, hoffe ich, daß ein Mensch dazu bewegt wird, einen Embryo nicht als Zellhaufen zu sehen, sondern als das, was er ist: als einen kleinen Menschen. Ob das gelingt, weiß freilich nur der Himmel.

Welche Qualitäten sind Ihrer Meinung nach Voraussetzung für die politische Arbeit?

Wünschenswert sind sicherlich Selbstlosigkeit, d.h. der Sinn für das Gemeinwohl, ein Bewußtsein für die Würde und den Wert eines jedes einzelnen Menschen und Verantwortungsbewußtsein. Wer die Menschen liebt, bringt eine der grundlegendsten Voraussetzungen für politisches Handeln mit. Darüber hinaus ist eine fundierte berufliche Kompetenz, verbunden mit Berufserfahrung in der Wirtschaft oder anderen gesellschaftlichen Bereichen erforderlich. Einer rein politisch geprägten Karriere fehlt die feste Verankerung im Alltag und der Lebenswirklichkeit der Bürger. Wichtig scheint mir auch eine wirtschaftliche Ungebundenheit, die enge Verflechtungen mit wirtschaftlichen Interessengruppen nach der Mandatsübernahme weitgehend ausschließt. Nicht zu vernachlässigen ist eine hohe physische und psychische Belastbarkeit als Voraussetzung für die oft starke zeitliche Beanspruchung und persönlich herausfordernde Auseinandersetzung mit immer neuen Aufgaben und Themen. Dies alles wären wünschenswerte Merkmale. Die Realität sieht, wie wir alle wissen, meistens ganz anders aus.

Was möchten Sie besonders jüngeren Menschen ans Herz legen, die in der Politik Verantwortung übernehmen möchten?

Jeder soll zuerst die Werte, Überzeugungen und Ziele suchen, für die es sich wirklich lohnt, zu leben und zu arbeiten. Für wen die Antwort lautet „um mich selbst zu verwirklichen“, der sollte das politische Engagement lassen. Wer für andere etwas erreichen will, wird bei seinem Einsatz auch in seiner eigenen Verantwortungsfähigkeit und Persönlichkeit wachsen. Politische Entscheidungen verändern das Leben vieler Menschen, darum ist jeder einzelne, der ehrenwerte Absichten hat, in der Politik unglaublich wichtig. Wenn wir nicht aktiv sind, überlassen wir denen das Feld, die andere Ziele haben. Der Platz, den wir nicht besetzen, bleibt nie leer. Der christliche Einfluß für eine Gestaltung der Welt und des Lebens, die die Würde und Freiheit jedes Menschen im Blick hat, ist darum unersetzlich.

Von

  • Monika Hoffmann

    Juristin, lic. iur.. Von 2000-2007 Öffentlichkeitsreferentin im Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft.

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