Mit Jesus den Gehorsam wählen

Mit Jesus den Gehorsam wählen

Eine neutestamentliche Sicht auf den Umgang mit der Macht

Der Artikel des lateinamerikanischen Theo­logen Dr. René Padilla, Buenos Aires, entstand auf dem Hintergrund des erwachten politischen ­Bewußtseins evangelischer Christen auf dem traditionell katholischen Kontinent. Er plädiert für eine Überwindung der Trennung von Glaube und Politik und für die Notwendigkeit einer politischen Ethik für Nachfolger Jesu und entwickelt Richtlinien für einen evangeliumsge­mäßen Umgang mit der Macht.

Wer sich zu Jesus Chri­stus als Herrn über ­alle Bereiche des mensch­lichen Lebens bekennt, kann die Dringlichkeit ­einer evangeliumsgemäßen poli­tischen Ethik kaum zu hoch veranschlagen.

Es wäre sicherlich vertane Zeit, im Neuen Testament nach einer ausgearbeiteten Staats- oder Machtverteilungstheorie in der Gesellschaft zu suchen. Wir dürfen aber den Christen des ersten Jahrhunderts nicht unterstellen, sie hätten neben der Rettung der Seelen kein Interesse gezeigt an politischen Fragen und der Organisation der mensch­lichen Gesellschaft. Diese traditionelle Einstellung ist unbiblisch und spiegelt die zunehmende Privatisierung des Glaubens im westlichen Chri­stentum.

Jesus – eine politische Frage

Der Ausgangspunkt für die theologische Reflexion über die christ­liche Verantwortung in der Politik ist die Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Er ist der Neue Mensch, der die Politik des Reiches Gottes verkörpert. Welchen Stellenwert hat sein Leben und Dienen für die politische Verantwortung der Christen in der heutigen Welt?

Und nachdem Johannes gefangengesetzt worden war, kam Jesus nach Galiläa, predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist genaht; tut Buße und glaubet an das Evangelium (Mk 1, 14-15).

Wir müssen diese „Manife­station des Reiches“ im Licht der messianischen Erwartungen der Juden im Palästina des ­er­sten Jahrhunderts untersuchen. Ohne Zweifel waren die Erwartungen an das Gottesreich politisch handfest und mit der Hoffnung auf das Wiederer­stehen des davidischen Königtums verbunden. Im Gegensatz dazu zielte die Verkündigung Jesu auf die Herrschaft und Macht Gottes, die sich in der Geschichte auswirkt und sie auf die zukünftige Vollendung hin bewegt: zur Erfüllung des ­Liebes- und Gerechtigkeits­planes – für Israel, für die ganze Menschheit und die gesamte Schöpfung. Nicht die Rettung der Einzelseele ist das Hauptanliegen der Botschaft Jesu, sondern die Sinngebung für die menschliche Geschichte insgesamt.

Die Sehnsüchte der Menschen­menge, die Jesus in den Städten und Dörfern der unterent­wickelten Provinz Galiläa folgt, werden in den vier Evangelien deutlich. Wir erspüren sie in ­einer Bemerkung im vierten Evangelium nach dem Bericht über das Speisewunder: Da nun Jesus merkte, daß sie kommen und ihn gewaltsam wegführen wollten, um ihn zum König zu machen, zog er sich wiederum auf den Berg zurück, er allein. (Joh 6,15)

Später, in Caesarea Philippi, bekannten sich seine Jünger ­offen zu ihm als dem Messias, wie ihn die jüdische Tradition erwartete. (Mt 16,13-20). Offen­bar meinten sie, daß Jesus in Kürze das irdische Reich mit Jerusalem als Zentrum aufrichten würde. Das beweist auch die Bitte zweier Jünger des ­engeren Kreises, Jakobus und Johannes: Verleihe uns, daß wir einer zu deiner Rechten und­ ­einer zu deiner Linken sitzen dürfen in deiner Herrlichkeit. (Mk 10,37)

Ein Mißverständnis

Schon eine oberflächliche Analyse des Lebens und der Lehre Jesu zeigt, warum seine Jünger und viele andere seine Mission als politische Revolution mißverstanden haben: Jesus starb nicht als Verkünder einer Lehre, die den Mitgliedern des Hohen Rates lästig war, sondern als politischer Rebell, ­dessen messianische Behauptungen und öffentliche Tätigkeit als umstürzlerisch galten – als Aufwiegelung, die Rom mit der Kreuzigung ahndete.

Daraus folgen zumindest zwei Dinge: Erstens mußte das Auftreten Jesu eine politische Dimension haben, die seine Feinde als den Beginn einer millenaristischen Volksbewegung1 auslegen konnten. Sie zog die vernachlässigten und unterdrückten Volksschichten an und drohte, das soziale, ­re­ligiöse, politische und ökonomische System des offiziellen Judentums zu destabilisieren. Zweitens müssen seine Nachfolger sich nicht wundern, wenn ihr Gehorsam dem Herrn gegen­über sie mit jenen in Kon­flikt geraten läßt, die in der Gesellschaft an der Macht sind.

Was an dieser Botschaft ist heute noch richtungsweisend für das politische Verhalten der Christen in der Welt?

Das Beispiel Jesu ist für jede Generation aktuell. Es geht nicht darum, Lehrsätze intellektuell zu begreifen, sie akkurat zu aktualisieren und Programme zu entwickeln, mit denen das Gottesreich zu errichten wäre. Jesus geht es darum, eine Haltung und einen Lebensstil aufzuzeigen, die Gott von den Söhnen und Töchtern seines Reiches, d.h. von den Nachfolgern des Messias erwartet. Er wollte den Weg des bedingungs­losen Gehorsams gegenüber Gott dem Vater, den er vorangeht, aufzeigen. Er weist damit jedem Nachfolger den Weg ­gemäß der jeweiligen Berufung, in allen Bereichen des ­Lebens und zu jedem Preis, den es zu zahlen gilt.

Was ist des Kaisers?

Jesus hat die Frage nach der politischen Verantwortung ausdrücklich bejaht. In seiner Tempelrede kurz vor der Kreuzigung sagte er: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! (Mk 12,17) Alle drei synoptischen Evangelien berichten, was ihn zu diesem Ausspruch veranlaßt hatte. (Mk 12,13-17; Mt 22,15-22; Lk 20,20-26). Man wollte ihm mit der Frage „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuern zu geben?“, ­eine Antwort ent­locken, die ihn als aufrührerisch entlarvt. Lukas demaskiert die verdeckte Motivation: Die wollten ihn bei ­einem Ausspruch fassen, so daß sie ihn der Gewalt und der Macht des Statthalters aus­liefern könnten. (Lk 20,20)

Diese Szene können wir nur dann richtig beurteilen, wenn wir sie als Höhepunkt einer Kontroverse zwischen Jesus und jenen verstehen, die ihn mit einer politischen Frage öffentlich in Mißkredit bringen wollten. Seine Erwiderung muß im historischen Kontext verstanden werden. Sie ist eben keine akademische Formulierung für das Verhältnis von Staat und Kirche, das für die nächsten Jahrhunderte normativ sein soll. Indem Jesus anordnet, der Weltmacht, die durch die kaiserliche Prägung auf dem Dinar symbolisiert war, Steuern zu zahlen, relativiert er zugleich die Loyali­tätspflicht dem Kaiser gegenüber und stellt klar, daß sie dem Gehorsam gegenüber Gottes Willen auf keinen Fall im Wege stehen darf: Das Geld, das seinen Namen trägt, sagt er, gehört dem Cäsar, gebt es ihm zurück. Aber nichts darüber ­hinaus, denn das ganze Leben gehört Gott.

Was soll Obrigkeit?

Kaum eine Passage im ­Neu­­en­ Testament hat durch die Kirchengeschichte hindurch die Definition der politischen ­Verantwortung so geprägt wie Römer 13,1-7. Leider ist sie allzu oft als Aufforderung zu einer quietistischen2, ja servilen3 Haltung dem Staat gegenüber mißdeutet worden. In Wahrheit fordert der Apostel Paulus – in Anbetracht der Ermahnungen seines Herrn – seine Leser auf, sich den Obrigkeiten unterzuordnen; jenen Obrigkeiten, die von Gott eingesetzt sind, um diejenigen zu bestrafen, die das Böse tun und jene zu ehren, die das Gute tun. Was ist damit ­gemeint?

Paulus schreibt nicht als ­Politologe sondern als Missionar. Er fügt diesen Abschnitt dem Römerbrief bei, weil mancher Bekehrte das Evangelium wohl so verstanden hatte, daß die christliche Freiheit ihn von jeglicher Unterordnung unter die irdischen Mächte entbindet. Erst recht, weil die Regierenden Feinde des Christentums waren. Da der Zusammenhang zwischen der christlichen Freiheit und der Unterordnung ­unter die öffentlichen Obrigkeiten auch im 1. Petrusbrief 2,13-17 erörtert wird, müssen wir annehmen, daß dieses Problem nicht nur die Christen in Rom, sondern im ganzen römischen Reich beschäftigt hatte.

Paulus beginnt mit der ­Ermahnung: Jedermann sei den vorgesetzten Obrigkeiten untertan und begründet dies sofort: denn es gibt keine Obrigkeit außer von Gott, die bestehenden aber sind von Gott eingesetzt. (Röm 13, 1) Der Apostel will hier nicht das Wesen des Staates definieren. Er liefert vielmehr verunsicherten Christen eine seelsorgerliche Regel über die gebotene Haltung in Bezug auf die Obrigkeit. Nichts im Text weist darauf hin, daß der Staat von allem Anfang an Teil von Gottes „Schöpfungsordnung“ gewesen sei; es wird ­lediglich festgestellt, daß er gemäß des göttlichen Willens zur Ordnung der Gesellschaft besteht. Die Macht des Staates ist folglich weder letztgültig noch absolut. Sie ist ihm von Gott zur vorsorglichen und provisorischen Ordnung, die wegen der mensch­lichen Sünde nötig ist, übertragen.

Aufgabe des Staates

Paulus bejaht also den Wert des Staates und widerspricht der Idee, die Bürger des ­Reiches Gottes seien der irdischen politischen Ordnung enthoben. Staatliche Regierung ist in Übereinstimmung mit der ordnenden Absicht Gottes und damit „Gottes Dienerin“. Folglich ist der Christ aufgefordert, sich der Obrigkeit unterzuordnen, das heißt, sich der von Gott eingesetzten Ordnung zu unterstellen. Für Anarchie ist kein Platz: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der ­Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, werden für sich ein Urteil empfangen (Röm 13,2). Mit anderen Worten: Die Anarchie ist eine Verletzung der Ordnung Gottes und unterliegt deshalb auch seinem Urteil.

Andererseits liefert Paulus ein Kriterium, um die Machtaus­übung seitens der Obrigkeiten zu beurteilen.

Wenn Gott der letzte ­Ursprung aller Autorität ist, steht dem Staat kein absolutes Recht über seine Untergebenen zu; er ist weder die Quelle von Recht und Ordnung, noch kann er über alle Bereiche menschlichen Lebens verfügen.

Die Autorität Gottes setzt der staatlichen Autorität Grenzen. Den totalitären Staat darf es nicht geben. Die einzige Form der Unterordnung, zu der die Bürger des Staates verpflichtet sind, ist die im Bereich seiner Rechtssprechung. Fordert die Obrigkeit mehr, so stellt sie sich anmaßend an Gottes Stelle.

Sowohl Römer 13 als auch ­1. Petrus 2 bestätigen die in der graeco-romanischen Welt über Jahrhunderte bewährte Formel: Die Regierung lobt und ehrt jene, die Gutes tun, aber entehrt und bestraft jene, die ­Böses tun. Diese Formel beschreibt allerdings nicht, was die Obrigkeiten tatsächlich tun, sondern ist bei Paulus und Petrus das Kriterium, an dem die Obrigkeit sich messen lassen muß.

... das Gute fördern

Es besteht eine gewisse Übereinstimmung zwischen „dem Guten“, das die Gesellschaft einfordert und dem Guten, das für Christen gilt, sofern es ­seinen letzten Ursprung in Gott hat.

Auf welches „Gute“ Paulus sich hier konkret bezieht, geht nicht aus dem Text hervor. Sofern er das Gute aber hätte definieren wollen, hätte er sich mit Sicherheit auf die Aussagen des Alten Testaments über Gerechtigkeit bezogen. Denn dort wird mit aller Deutlichkeit formuliert, was Gott von den Regierenden verlangt: Recht und Gerechtigkeit üben, ohne sich von persönlichen und unrechtmäßigen Interessen leiten zu lassen.

... das Böse ahnden

Die zweite Aufgabe des Staates ist die Ahndung des Bösen. Auch darin ist die Obrigkeit „Dienerin Gottes“ (Röm 13,4), die das Gefüge des gesellschaftlichen Lebens vor der Zerstörung und Zerrüttung zu bewahren hat. Die Obrigkeit führt das Schwert, Symbol ihres Gewaltenmonopols4. Zugleich ist ­dieses Symbol der Beweis dafür, daß der Staat nicht der Schöpfungsordnung Gottes entspringt, sondern erst durch den Fall des Menschen aus der göttlichen Ordnung notwendig geworden ist. Er existiert, weil Sünde existiert. Als Notbehelf ist die Obrigkeit Ausdruck der Liebe Gottes zu einer gegen IHN rebellierenden Menschheit.

Kommt der Staat dieser zweifachen Aufgabe nach, entsteht ein günstiges Klima für die Ausbreitung des Evangeliums. Deswegen fordert Paulus auf, für die Obrigkeit zu beten, ­damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in ­aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. Dies ist gut und angenehm vor Gott, unserem Heiland, der will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. (1. Tim 2,2-4)

Unterordnung bei Paulus ist nicht Servilismus5. Sie erfolgt nicht aus Angst vor Bestrafung, (wörtl. „des Zornes“), sondern aus einem Anspruch „des ­Gewissens“ (Vers 5). Wenn der Staat eine Unterordnung fordert, die die Grenzen seiner Rechtsprechung übersteigt, ist Ungehorsam ein Muß.

Die Aufgabe der Christen

Keiner Regierung steht es zu, der Bevölkerung die christliche Moral aufzuzwingen. Wir evangelischen Christen in Latein­amerika haben am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wenn die Maximen einer bestimmten Konfession der ganzen Gesellschaft – bis hin zu Folter und Scheiterhaufen – aufgezwungen werden. Das ist uns Prote­stanten eine Warnung, nicht den Triumph unserer Normen ­erzwingen zu wollen. Wir müssen den Regeln der pluralistischen Gesellschaft Rechnung tragen und darauf vertrauen, daß die Christianisierung der Gesellschaft nicht durch das Schwert, sondern allein durch das Kreuz möglich ist.

Was ist die Alternative zum gutgemeinten Diktat? Sicher nicht Gleichgültigkeit oder Teilnahmslosigkeit gegenüber den politischen Vorgängen. Aus den Worten des Paulus geht deutlich hervor, daß jede Regierung Rechenschaft über ihre ethischen Ziele geben und allen Menschen – ohne Diskriminierung – zum ihrem Recht verhelfen muß.

Auch Christen dürfen sich nicht aus der Pflicht stehlen, ­ihrerseits eine politische Ethik zu formulieren, die mit den ethischen Werten in der biblischen Offenbarung übereinstimmt. Diese Werte sollen das öffentliche Leben durchdringen wie Hefe den Teig.

Die Idee vom ethisch neutralen oder wertfreien Staat ist ein Mythos: Wenn den Gesetzen des Landes das Fundament christlicher Wertvorstellungen genommen wird, werden sie sich unweigerlich nach den Werten anderer Weltanschauungen richten. Das Wesen und das Leben der Menschen sind ­geprägt durch reli­giöse Verbindlichkeiten, die sie entweder an den wahren Gott oder an ­falsche Götter binden. Folglich existiert keine Politik ohne religiöse Dimension.

Das bedeutet nicht, daß wir auf eine Trennung von Kirche und Staat zu verzichten haben. Eher bedeutet es, daß wir auf eine Trennung von Glauben und Politik verzichten. Wir ­erkennen an, daß die Kirche und der Staat verschiedene Verantwortungs- oder Einflußbereiche haben. Wir wissen aber auch, daß sowohl Staat als auch Kirche der Herrschaft des Herrn Jesus Christus unterstehen. Christen sollen keinen konfessionellen oder sektiererischen Staat gründen, sondern die Gesellschaft mit den Werten des Reiches Gottes so durchwirken wollen, daß Gottes Wille geschieht: auf Erden – im persönlichen und öffentlichen Leben – wie im Himmel. In Analogie zum verheißenen Reich Gottes soll bereits hier und jetzt die Spur der Liebe, der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens erkennbar werden. Es soll unser tiefster Wunsch sein, daß diese Werte in die Regeln und politischen Normen der Gesellschaft einfließen und die konkreten gesellschaftlichen und sozioökonomischen Vorhaben beeinflussen.

Liebe in der Politik

Im Zentrum der christlichen Jüngerschaft steht die Liebe. Sie ist das Unterscheidungsmerkmal zur Welt: Daran wird jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. (Joh 13,35) Den meisten Raum, sich zu entwickeln und Frucht zu tragen, hat die Liebe in der christlichen Gemeinde. Sie reicht aber weit über die Kirche hinaus und bezieht den „Näch­sten“, ja selbst den Feind mit ein.

Die zentrale Frage für uns lautet: Kann diese Liebe in ­irgendeiner Weise in der Politik verwirklicht werden?

Das ist möglich im Sinn des Dienens. Das Dienen ist das Gefäß, das die Liebe aus der christlichen Gemeinde auf das Feld der Politik überträgt. In unserer Welt sieht es freilich anders aus: Politik ist Aus­übung von Herrschaft mit den Mitteln der Macht. Mit den Worten ­Jesu: Ihr wißt, daß die, die als Fürsten der Welt gelten, sie knechten und ihre Großen über sie Gewalt üben. (Mk 10,42) Diese Art der Machtausübung zerstört nicht nur den Unterdrückten, sondern auch den ­Unterdrücker.

Wie anders ist der Dienst ­jener, die wissen: Wer unter euch der Erste sein will, sei der Knecht aller. (Mk 10,44) Jesus ist der gekreuzigte Messias, sein Thron ist das Kreuz, seine Krone der Dornenkranz. Seine Jünger wissen, daß sie auf dem Gebiet der Politik die Liebe zur Macht durch die Macht der ­Liebe überwinden können – in Jesu Namen. Das ermöglicht ihnen, innerhalb und auch ­außerhalb der christlichen ­Gemeinde so mit der Macht umzugehen, daß es dem Allgemeinwohl dient und niemanden diskriminiert. Sie verstehen sich als die Jünger dessen, der kam, nicht damit ihm gedient werde, sondern damit er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele. (Mk 10,45) Jeder Dienst, der aus Liebe geleistet wird, verwirklicht zeichenhaft das Reich Gottes im Hier und Jetzt. In einer evangeliums­gemäßen Ethik gebührt dem Liebesdienst im politischen ­Bereich ein ganz besonderer Platz, denn jeder ist dazu berufen, nicht nur zu leben, sondern miteinander zu leben; nicht nur selbst durchzukommen, ­sondern sich mit anderen zu solidari­sieren.

Freiheit in Verantwortung

Mit der Ankunft von Jesus Christus kam eine neue, durch den Geist vermittelte Freiheit in die Welt: Der Herr aber ist der Geist, wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. (2. Kor 3,17) Das Volk Gottes verfügt potentiell über diese Freiheit, sie muß sie aber im praktischen Leben verwirklichen – auch auf dem Gebiet des Ge­setzes, also der Politik. Wo das Normative des Gesetzes nicht akzeptiert wird, degeneriert das Leben und löst sich im Chaos auf.

Weil Gott den Menschen schuf, damit er frei sein soll, darf niemand durch eine vom Staat aufgezwungene Glaubensrichtung oder Ideologie versklavt werden. Es ist eine Vergewaltigung des Gewissens, wenn der Staat verbietet, was der Glaube verlangt, oder wenn er verlangt, was der Glaube verbietet. Von daher gibt es keine Rechtfertigung für blinden ­Gehorsam gegenüber der bestehenden Obrigkeit.

Andererseits gibt es auch keine Rechtfertigung für eine ­Freiheit, die nur auf das Recht des Einzelnen pocht und die Wichtigkeit des Gemeinwohls ignoriert. Unterwürfigkeit und Individualismus sind beide ­keine christlichen Ideale. Deshalb mußte der „real existierende Sozialismus“ scheitern, denn er war unfähig, die Gerechtigkeit zu fördern, ohne die Freiheit zu opfern. Der Mensch hungert nach Brot, aber ebenso nach Freiheit.

Auf der anderen Seite steht der Kapitalismus mit seiner einseitigen Betonung der indivi­duellen Freiheiten und der ­geringen oder gänzlich fehlenden Sorge für die Opfer des Wirtschaftswachstums, das er verficht.

Freiheit und Gerechtigkeit sind untrennbar, weil auch Individuum und Gemeinschaft ­untrennbar sind. Diese Einsicht setzt ein Menschenbild voraus, das im Menschen ein gesellschaftliches Wesen sieht, das zugleich ein Recht auf Freiheit und eine Verantwortung für die Gerechtigkeit hat.

Gerechtigkeit als Norm

Aus dem Alten Testament geht unmißverständlich hervor, daß Gott die Gerechtigkeit als Normativ für die Ausübung der politischen Macht setzt. Theologisch gesehen erschöpft sich die Gerechtigkeit nicht im ­gefügigen Einhalten sämtlicher Regeln der Gesetzgebung. Maßgeblich ist ein Handeln, das auf die Unterstützung der Unterdrückten, das Engagement für die Übervorteilten, auf die Hilfe für die Verlassenen und Mißhandelten zielt. Zahlreiche Bibelpassagen belegen, daß es die Hauptaufgabe der Regierenden ist, im Sinne der Gerechtigkeit Ausgleich zu schaffen zum Wohl der Schwachen (z.B. Jer 22,13-19).

Wer die Schrift mit einem Sinn fürs Soziale liest, kann nicht leugnen, daß Gott den ­Armen den Vorzug gibt. Auch Jesus stellt sich, wenn Reiche und Arme streiten, auf die Seite der Armen. Das hat der Prote­stantismus oft mit einer vereinfachten Deutung der Armut als Folge von Faulheit und Laster verdrängt. Diese christlichen Reflexe der Wohlstandsideo­logie muß die evangelische Ethik überwinden. Sie muß ihre politischen und ökonomische Überlegungen und Entscheidungen auf die soziale Gerechtigkeit ausrichten. Jede Ökonomie, die in ihrem Dienst keine Rücksicht auf die Grundbedürfnisse der Menschen nimmt, ist unmoralisch, ganz gleich, ob sie das Bruttosozialprodukt steigert oder nicht.

Der Schalom

Im biblischen Begriff des Schalom ist alles enthalten, was Gott der Menschheit und der ganze Schöpfung zugedacht hat. Er bedeutet mehr als nur das Fehlen von Konflikten, Waffenstillstand oder Friedhofsruhe. Schalom umfaßt das ganze Leben: er ist Harmonie mit Gott, mit dem Nächsten und mit der Schöpfung ins­gesamt. Er ist das eigentliche Leben, ein Leben aus der Fülle.

Jesus Christus ist gekommen, um ein Friedensreich zu errichten. Friede ist nicht eine mensch­liche Leistung, sondern eine Gnadengabe Gottes. Diesem Friedensbegriff kommen unsere politischen Programme nicht bei, ganz gleich, welcher Ideologie sie jeweils folgen.

Das Friedensreich, das die ­alten Propheten poetisch als eine von aller Gewalt gereinigte Welt beschreiben, geht aus dem souveränen Handeln Gottes hervor – und dies zu Seiner Zeit.

Nichtsdestotrotz können und müssen wir Christen uns für ­eine Welt einsetzen, in der die Erlösungsabsicht Gottes sich auch im sozialökonomischen und politischen Bereich widerspiegelt. Die christliche Vision von der Zukunft steht im Zeichen der „Wiederherstellung des ganzheitlichen Wohles in der ganzen Menschheit. Daher ist jede Handlungsweise, deren Inten­tion auf die Verwirk­lichung dieses ‚Schalom’ abzielt, in ihrem Kern ‚gottesdienstliche Handlung’“.6

Der Auftrag der Kirche

Die Verwirklichung einer ­politischen Ethik, die darauf zielt, Christen für ein verant­wortungsvolles Handeln in der Welt zuzurüsten, muß – will sie redlich sein – in der Kirche ­beginnen. Es geht nicht einfach um das Formulieren von ethischen Richtlinien für ein nationales politisches Programm.

Es geht darum, den Sinn christlicher Jüngerschaft in der Politik auszuloten und der ­Kirche die Richtung zu weisen, in der sie der Vision vom Reich Gottes und seiner Werte treu bleiben kann, unabhängig ­davon, ob ihre Mitglieder sich in der Macht positionieren oder nicht.

Die politische Verantwortung der Kirche hat ihren Kern in der Verkündigung des Reiches Gottes. Darauf muß sie sich immer besinnen.

Zum einen, weil der Glaube, der sich politisch engagiert, stets Gefahr läuft, sich zu „verpolitisieren“ und damit zur re­li­giösen Legitima­tion zu verkommen. Die Verkündigung des Evangeliums richtet den Glauben immer wieder auf den Einen aus, dem der Mensch ­allein absolute Treue schuldet: dem Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat.

Zum anderen, weil zur Schaffung einer gerechteren, geschwisterlichen Gesellschaft eine möglichst große Zahl von kritikfähigen, verantwortungsvollen Bürgern notwendig ist. Diese brauchen eine Verkün­digung des Evangeliums, die erfüllt ist von der biblischen ­Vision des Reiches der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens. Eine Verkündigung, die den Zuspruch der Gerechtigkeit für die Armen ausblendet, ist ­eine Karikatur des Evangeliums. Genau wie jene, die Christen zum Kampf für eine rein säkular verstandene Gerechtigkeit er­mutigt, die sich von der Dimension des verheißenen Gottes­reiches abkoppelt.

Wie kann diese Verbiegung vermieden werden? Wie können Evangelisation und poli­tisches Handeln transparent bleiben für die Werte des Reiches Gottes?

Dazu bedarf es der christ­lichen Disziplinen des Gebets und der Schriftmeditation, des Studiums und der Gemeinschaft im Abendmahl. Sie bereiten den Boden, auf dem eine geistig-geistliche Urteilsfähigkeit wachsen kann. Diese Urteils­fähigkeit erschließt uns theologisch den Sinn der Geschichte und offenbart den Willen Gottes für das öffentliche Wirken. Sie weist uns die Möglichkeiten und Grenzen für unser Tun.

Gebet, Bibelstudium und Gottesdienst helfen uns, unsere menschlichen Projekte richtig einzuordnen. Von der heils­geschichtlichen Warte aus sind sie alle relativ und gehören der Sphäre des Vorletzten an, nicht des Letzten.

Unser Engagement und un­sere Werke in der Geschichte können bestenfalls auf das kommende Reich verweisen – mehr sollen wir nicht von ihnen ­erwarten. Und dennoch hoffen wir, daß unser Herr uns eines Tages aufgrund dieser Taten ­sagen wird: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh ein zum Freudenfest deines Herrn! (Mt 25,21)

Anmerkungen

1 Gruppen in Judäa, die durch religiöse, politische oder militärische Aktionen den Anbruch des tausendjährigen messianischen Friedensreichs einleiten bzw. ausrufen wollten. 

2 Religiöse Haltung der „völligen Seelenruhe”, die in der konsequenten Passivität die Hingabe an Gott anstrebt und sich radikal von gesellschaftlichen Prozessen abwendet. 

3 Unterwürfig, sklavisch 

4 Die drei Gewalten – Gesetzgebung, Rechtsprechung und Exekutive – werden ausschließlich von der Obrigkeit verwaltet. Das Schwert steht für das Monopol der Obrigkeit auf die Ausübung von physischer Gewalt zur Sicherung der inneren Ordnung. 

5 Lebensprinzip der Selbstunterwefung unter den Stärkeren aus Angst 

6 Linder u. Pierard: Twilight of the Saints: Biblical Christianity and Civil Religion in America, IL, 1978, S. 123.

Von

  • René Padilla

    Dr., Theologe und Pastor, lebt in Buenos Aires. Beim Lausanner Kongress 1974 fand sein Appell, die so­ziale Dimension des Evangeliums ernst zu nehmen, starken Widerhall. 1976 gründete er die Comunidad Kairos. In Partnerschaft mit der OJC hat er über 30 Jahre hinweg Hilfsprojekte, Baueinsätze, Bibelwochen und ­Tagungen durchgeführt.

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