Politisches Engagement von Christen: Hoffnung leben und verbreiten

Niemand kann etwas anderes sein als ein Liberal-Konservativer oder als ein progressiver Reaktionär. Dies lehrt die wahre Vernunft. Um dieser Sendung willen wurde das Werkzeug des Gehirns in unseren Körper eingepflanzt.

Eugen Rosenstock-Huessy (1888-1973)

Liebe Freunde!

Christsein beginnt immer persönlich, bleibt aber nie privat. Wer sich von Gott geliebt weiß und selber Menschen liebt und sich für sie einsetzt, der wird zum politischen Akteur. Das können wir am Lebenszeugnis Jesu ablesen und das bezeugen die Biographien vieler seiner Nachfolger.
Ganz im Alltäglichen berührt uns früher oder später die politische Dimension des Glaubens. Ob beim Elternabend in der Schule, im Gespräch unter Arbeitskollegen oder beim Smalltalk am Badesee: Sich als Christ öffentlich erkennbar zu machen, ist ein Wagnis mit politischer Dimension. In Zeiten scheinbarer Gleich-Gültigkeit aller Normen unterliegt eine klare Position schnell dem Fundamentalismusverdacht und löst Befremden aus.

Vom Wertebündel zum Nervenbündel

1991, bald nach dem Fall der Berliner Mauer, als sich das Zusammenwachsen des in Ost und West geteilten Europas ankündigte, mahnte Papst Johannes Paul II, daß Europa sich um seiner Zukunft willen seiner Herkunft erinnern und „seine Muttersprache, das Christentum“ neu erlernen möge. Mit gutem Grund: Der rasante Verlust des jüdisch-christlichen Erbes und seiner Werte läßt einen gemeinsamen Sinn- und Bedeutungshorizont zusammenschrumpfen. Mir scheint, daß der Verlust dieses über Jahrhunderte gewachsenen Wertebündels uns mehr und mehr zu Nervenbündeln werden läßt. Statt über sich selbst hinauszusehen und sich verwurzelt zu wissen in einer gemeinsamen Herkunft, muß sich der unbehauste Europa-Nomade des 21. Jahrhunderts seine Vergangenheit und seine Zukunft selbst inszenieren. Selbstbestimmung ohne übergreifenden Sinnhorizont aber ist unendlich ermüdend und zerrt an den Nerven.

Moral und Migräne

Nervenaufreibend war auch der Kampf um die Regierungsfähigkeit in unserem Land. Nun hat der Bundespräsident das Parlament aufgelöst und Neuwahlen für den 18. September festgesetzt. Damit haben die Sommerwochen des Wahlkampfes begonnen, auch wenn die Verfassungsmäßigkeit dieses Schrittes noch vom obersten Gericht geprüft werden muß. Die Art und Weise wie es dazu kam, hat die Politik einiges an Glaubwürdigkeit gekostet. Daß mit dem Berliner Abgeordneten Werner Schulz (Bündnis 90/ Grüne) wenigstens einer öffentlich aufgestanden ist, die Widersprüche aufgedeckt und das machtpolitische Vorgehen infragegestellt hat, war ein Hoffnungszeichen für die Demokratie und Achtung vor dem Grundgesetz. Denn vordergründige Macht-Inszenierungen tragen nicht nur zur Politikverdrossenheit bei, sie beschädigen auch unseren Staat. In den größeren Linien gelesen, mag die Tatsache, daß einer die Wahrheit ausgesprochen hat, vielleicht sogar wichtiger sein, als daß diese Meinung sich kurzfristig durchsetzt.

Von vielen Menschen habe ich in den vergangenen Tagen gehört, daß sie nicht zur Wahl gehen wollen – es gäbe keine sinnvollen Alternativen. Offensichtlich leidet unser Volk an einer „staatsbürgerlichen Migräne“: Gleichbleibend hohe Dauerarbeitslosigkeit, 1.4 Billionen Euro Staatsverschuldung und die daraus resultierende Zahlung von 41 Milliarden Euro Zinsen jährlich aus dem Bundeshaushalt – das drückt auf das Gemüt. Außerdem scheint mir vor allem das Rechts-Links- bzw. das Progressiv-Konservativ-Schema unserer Parteienlandschaft eine Lösung der gewaltigen Probleme zu blockieren. Das parteiorientierte Kurzzeitdenken verhindert häufig kreative und unkonventionelle Lösungswege. Die können letztlich nur von schöpferischen Einzelnen und Gruppen kommen, die in überparteilichen Kategorien und großen Linien zu denken und zu handeln vermögen. Von jenen, die Inspiration und Ausdauer aus den Quellen der Hoffnung empfangen und die ganz pragmatisch mit dem Eingreifen Gottes rechnen – von Realos der Hoffnung. „Es würde uns tief gefährden, wenn wir dächten, daß all das, wofür unser Herr einsteht – Liebe, Gerechtigkeit, Vergebung und Menschenfreundlichkeit – am Ende nicht siegen wird. Gegen diese Gefährdung richtet sich der Ruf geistlicher Ausdauer“(Eduard Berger).

Realos der Hoffnung I

In diesen Tagen begegnete mir eine alte Geschichte: Ein König malte eine schwarze Linie an die Wand und bat dann seine Weisen zu sich: „Seht ihr eine Möglichkeit, diese Linie zu verkleinern, ohne daß ihr sie berührt?“ Die Weisen waren verwirrt. Sie dachten lange nach, fanden aber keine Lösung. Bis schließlich einer hervortrat, den Pinsel in die Hand nahm und über die Linie des Königs eine zweite, wesentlich längere Linie zeichnete. Ohne daß er die erste Linie berührt hätte, wurde diese sichtbar kleiner.

Die Geschichte weist mit einem einfachen Bild auf den größeren Horizont hin. Wenn wir das, was im Moment vor Augen ist, als das Ganze nehmen, bleiben unsere Augen und unser Herz an Vordergründiges gebunden und das erzeugt in uns oft ein Gefühl von Angst und Ohnmacht. Da hilft nur ein Blick über uns hinaus: Erst die größere Linie, erst der Blick auf die Heilsgeschichte und auf die Verheißungen Gottes stellt die Geschehnisse von heute in den größeren Wirklichkeits-Zusammenhang, der uns Sauerstoff aus der Zukunft zubläst. Das Beste liegt noch vor uns, die Wahrheit wird sich durchsetzen, der Freudenmeister kommt uns entgegen!

Realos der Hoffnung II

Dennoch bleibt hier und heute Wesentliches unperfekt und unerlöst. So auch die Frage nach dem Staat als Ordnung des Zusammenlebens für alle. Freilich hat der Staat weder die Kraft noch die Aufgabe, das Reich Gottes herzustellen. Aber er ist eine tragende Ordnung – und sei es eine Notordnung –, um das Leben der Menschen zu schützen und zu fördern und ein gedeihliches Zusammenleben zu ermöglichen. Von Martin Luther haben wir gelernt, staatliche und geistliche Gewalt sinnvoll zu unterscheiden. Luther anerkannte die weltliche Obrigkeit in ihrem Eigenrecht gegenüber der Kirche, wohl wissend, daß der christliche Glaube nur als Angebot der Freiheit zu einer lebensverändernden und gesellschaftlich wirksamen Kraft werden kann.

Die Bibel hilft uns zur Nüchternheit, wenn Jesus feststellt: „Weil die Ungerechtigkeit (anomia = Gesetzlosigkeit) überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten“ (Mt 24,12). Jesus bindet seine Nachfolger an sein „Gesetz“, an die Werte des Reiches Gottes: Liebe, Gerechtigkeit, Frieden, Versöhnung, Wahrheit. Was das bedeutet, führt der lateinamerikanische Theologe Dr. René Padilla in seinem Artikel über eine evangeliumsgemäße politische Ethik aus (S. 210). Jesus ruft uns in seine Art zu leben und Mensch zu sein. An ihm und seinem Handeln soll sich unser Zusammenleben als Kirche (kyriakae = die mit dem Herrn Lebenden) orientieren. So wirkt die Gemeinschaft der Christusgläubigen seit zwei Jahrtausenden in die Welt hinein und bereitet dem Einzelnen und dem Staat den Boden, in dem er wurzeln und gedeihen kann. Auch die Gesetzesgelehrten unserer Tage wissen noch, „daß der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann“. (E.W. Böckenförde: Recht, Staat, Freiheit. Frankfurt 1992, S. 112)

Realos der Hoffnung III

Warum und wie Liturgie und Gottesdienst die politischen Dynamik des Christentums verwirklichen, zeigt der inspirierte Text unseres Oxforder Freundes und Hochschullehrers Dr. Bernd Wannenwetsch. Eindrucksvoll öffnet er unsere Augen für „die Revolution des Altars“ (S. 224). Am Tisch des Herrn können wir und andere durch Fürbitte, Feindesliebe und Vergebung verwandelt werden. Und das nicht, weil wir handeln, sondern weil Gott es an uns tut. Der Vorrang des Handeln Gottes vor dem Handeln des Menschen ist das durchgängige Lebensprinzip reformatorischer Überzeugung.

Die Tragweite dieser Vorrechts haben wir in den vergangenen Jahren handfest in Greifswald an der Ostsee erlebt. Die Einweihung von unserem „Haus der Hoffnung“ mit vielen Freunden hat uns gezeigt, wie gnädig Gott unser mäßiges Planen und Tun gesegnet hat. Am 2. Juli wurden das Haus und die Mitarbeiter für ihren Dienst in Pommern durch den evangelischen Bischof Abromeit gesegnet. Einen ausführlichen Bericht von dem fröh­lichen Festtag finden Sie auf S. 199f.

t-Punkt der Hoffnung

„Die Geschichte des Christentums fängt gerade erst an“, prophezeite der 1990 ermordete russische Priester Aleksander Men. Es geht dabei nicht um künstlichen Optimismus, sondern um die Gewißheit, daß das Christentum in unserer Zeit einen noch nicht entdeckten Reichtum in sich birgt und in neuer Weise zum Tragen kommen will.

Gerade junge Menschen haben eine große Sehnsucht nach glaubwürdigem Christsein und ein feines Gespür für echten, lebendigen Glauben. Auch die 17 jungen Menschen aus unserem Jahresteam wollen nicht nur Konsumenten von Wegwerfwaren werden und erst recht keine Endverbraucher der Liebe Gottes sein. Ende Juli haben wir sie mit einer geistlichen Feier und einer Dankeschön-Party verabschiedet. Als Zeichen der Zugehörigkeit zur OJC-Familie bekam jeder von ihnen ein Ehemaligenkreuz. Das Kreuz findet ja symbolisch in dem Buchstaben -t- einen Verwandten. Darum haben wir den Abgängern in diesem Jahr eingeprägt: Der t-Punkt deines Lebens ist nicht Magenta, sondern Golgatha. Hier hat sich dein Leben erneuert. Jeder Anruf wird dich neu stärken und dir Antwort geben. Zudem ist er gebührenfrei, aber garantiert nicht umsonst. Zudem soll das Kreuz dich an die drei zentralen t-s erinnern:

1. trau dich – Gott trägt dich

2. tragt einander

3. trag den Auftrag der Kirche mit

Es war auch in diesem Jahr eine sehr wertvolle und ermutigende Erfahrung, unseren Kernauftrag bestätigt zu sehen: unser Leben mit jungen Menschen zu teilen, um sie glauben, leben und denken zu lehren.

Danke, daß Sie diesen Auftrag und unsere Dienste bis heute in großer Treue unterstützen. So können wir getrost weitergehen – auch durchs Sommerloch.

Wenn Sie können, erheben Sie Ihre Stimme bei der kommenden Bundestagswahl und wählen sie beherzt und im Vertrauen, das Gottes „Trotzdem“ auch die neue Regierung begleiten wird.

Ihnen allen wünsche ich Gottes Segen und in diesen Ferientagen Augenblicke, die es Ihnen jenseits politischer Wirrnisse ermöglichen, sich auf das Wesentliche und auf den Wesentlichen zu besinnen.

Ihr

Dr. Dominik Klenk

abgeschlossen am 23. 7. 2005

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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