Aufrecht gehen

Leben mit Psalm 27

Von Ute Paul
 

Der Herr ist mein Licht,

er befreit mich und hilft mir:

darum habe ich keine Angst.

Bei ihm bin ich sicher wie in einer Burg;

darum zittere ich vor niemandem.

Wenn mich meine Feinde bedrängen,

wenn sie mir voller Haß ans Leben wollen,

dann stürzen sie und richten sich zugrunde.

Mag ein ganzes Heer mich umzingeln,

ich habe keine Angst.

Auch wenn es zum Kampf kommt;

ich vertraue auf ihn.

Psalm 27, 1-3
 

Kampfgetümmel? Mir fremd. Ich bin 1962 geboren, Nachkriegskind. Aber seit 1990 lebe ich mit meinem Mann und unseren drei Kindern in Argentinien, in dem von 1976 bis 1983 eine Militärdiktatur die Menschen in Angst und Schrecken versetzte.

Wir begleiten im Norden des Landes unabhängige Indianerkirchen, sind ihre Freunde – „geschwister­liche Mitarbeiter“, wie sie sagen – und Zeugen ihres Glaubens an Jesus. Dieser Glaube hat sich für sie „als wahr in seiner Nährkraft und Heilkraft erwiesen. Das Leben ist es wert, daß wir mit Geringerem nicht zufrieden sind. Nur was aufbaut, hilft weiter, nur was heilt, ist Gewinn, und nur was aufrecht gehen läßt, ist des Menschen würdig.“ (Reinhard Körner)

Würde und Mut

Würde und Mut

Für das Indianervolk der Tobas ist es tägliche mühsame Erfahrung, daß sie in der argentinischen Gesellschaft nichts zählen. Sie werden respektlos behandelt, als dumm und faul angesehen, von den Politikern ausgenutzt. Die Unterdrückung ist spürbar. In ­ihren eigenen Kirchen unter der ­Leitung ihrer eigenen Laienpastoren aber erleben und feiern sie, daß Gottes Liebe und Anerkennung sie zu neuer Würde und zu neuem Mut ­befähigt.

Unser guter Tobafreund und Pa­stor Alfredo Arce erzählte uns, daß selbst in der Zeit der Militärdiktatur diese Lebensgrundlage ihn getragen hat: In seiner Funktion als Gemeinde­pastor wurde er eines Tages vor die örtliche Polizeidienststelle zitiert. Es lastete der Vorwurf auf ihm, einen Mann in den Gemeindereihen zu ­haben, der „subversiv“ tätig sei. Sich der realen Gefahr bewußt zog Alfredo mit der Liste der tatsächlichen Gemeindemitglieder los. Bei der Polizei stand er alleine in einem Raum vier uniformierten Schlägertypen gegenüber, die ihre Fragen an ihn nur brüllend stellten. Ruhig antwortete Don Alfredo, bis sie sich ausgetobt hatten.

Als sie ihn ohne Ergebnis wieder nach Hause schicken wollten, stand er im Bewußtsein der Kraft Gottes auf, stellte sich aufrecht vor die vier Polizisten hin und verkündete ihnen: „Sie haben jetzt alle Ihre Fragen gestellt, jetzt möchte ich ­Ihnen auch etwas sagen, und zwar als Pastor, als Gesandter Gottes. Vergessen Sie nicht: Die Uniform, die Sie tragen, verleiht Ihnen zwar Macht und Autorität, aber Ihr Amt ist Ihnen von Gott verliehen und Sie müssen sich an die Gesetze halten. Wenn Sie das nicht tun, wenn Sie nicht verantwortlich handeln, wird Gott Sie absetzen und Sie werden eine niedere Arbeit tun müssen!“

Kraft aus Gott

Kraft aus Gott
Die Toba-Gemeinde beim Gebet.

Sichtlich erstaunt ließen die Polizisten ihn gehen. Don Alfredo erzählte uns weiter, er habe Jahre ­später eines Tages einen Mann dabei beobachtet, wie er eine Klärgrube aushob. Innerlich aufmerksam geworden trat er näher und erkannte in ihm ­einen der ehemaligen Militärs, vor denen er hatte aussagen müssen. Freundlich, ohne Rachegefühle sprach er ihn an und ermutigte ihn dazu, sich auf einen Neuanfang mit Gott einzulassen.

An dieser Stelle seiner Erzählung hielt Don ­Alfredo inne und dachte eine Weile nach. Damals, sagte er nach dem Schweigen, sei er voller Kraft gewesen, denn er habe sich jeden Tag mit den Brüdern und Schwestern zum Singen und Beten getroffen. So denken Tobas: Gottes Kraft füllt uns, wenn wir als Christen zusammen sind. Wenn wir Hilfe brauchen, wenn wir krank sind, wenn wir mutlos sind, dann gehen wir singen. Das Tobawort für zum Gottesdienst gehen ‚qai´onataxan’ bedeutet deshalb genau das: zum Singen gehen.

Der Psalmbeter hat wohl auch so etwas ­gemeint, als er ausrief:
 

Nur eine Bitte habe ich an den Herrn,

das ist mein Herzenswunsch:

mein ganzes Leben lang

möchte ich in seinem Haus bleiben.

Wenn schlimme Tage kommen,

nimmt der Herr mich bei sich auf,

er gibt mir Schutz unter seinem Dach.

Dann triumphiere ich über die Feinde,

die mich von allen Seiten umringen.

Im Tempel bringe ich ihm meine Opfer,

mit lautem Jubel danke ich dem Herrn,

mit Singen und Spielen preise ich ihn.“

Psalm 27, 4a, 5-6
 

Über Jahrhunderte wurden die Psalmen in den Gottesdiensten immer wieder gesungen. Man sang sich sozusagen gegenseitig zu, was im Leben wirklich trägt. Für Tobachristen selbstverständlich! ­Außer Raum für viele Lieder, gibt es in ihren Gottesdiensten reichlich Gelegenheit für die Anwesenden, von ihren Erfahrungen mit Gott erzählen.

Don Alfredo wird das nach seiner Erfahrung auf der Polizeistation auch getan haben. Und ­seine Brüder und Schwestern werden dann genickt, vor Anteilnahme geweint haben und, nachdem er seinen Beitrag beendet hatte, aufgestanden sein, um ihm zur Bestätigung die Hand zu reichen. „Der Herr ist mein Licht, er befreit mich und hilft mir: darum ­habe ich keine Angst. Bei ihm bin ich sicher wie in einer Burg; darum zittere ich vor niemandem.“

Von

  • Ute Paul

    Pädagogin und pädagogische Leiterin des ­Erfahrungsfeldes „Wege zum Leben“ auf Schloss Reichenberg.

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