Mit ganzem Herzen, ganzer Seele und vollem Risiko

William Wilberforce und der lange Atem im Kampf um die Sklavenbefreiung

von Rebekka Havemann

Als junger Mann war William Wilberforce – Sohn eines wohlhabenden englischen Kaufmanns – für seinen flotten Lebenswandel bekannt. Der zeichnete sich hauptsächlich durch Geselligkeit, Glücksspiel, Theater und andere Vergnügungen aus. Religion spielte für ihn keine prägende Rolle. Als 20jähriger entschied er sich, in die Politik zu gehen und kandidierte als Parteiunabhängiger für einen Sitz im Unterhaus. Körperlich schwach, verfügte er doch über einen starken Geist und einen weiten Horizont. Bald glänzte er als einer der besten Redner des Parlaments.

Als Wilberforce 26 Jahre alt war, kam er mit Gott und dem christlichen Glauben in einer Tiefe in Berührung, die ihm bisher fremd war. Das änderte nicht nur sein Denken und Glauben, sondern auch seinen Lebensstil. Er las geistliche Schriften, begann, täglich einige Stunden der Meditation und dem Gebet zu widmen und führte von nun an ein geistliches ­Tagebuch, um sich selbst besser kennenlernen und prüfen zu können.

Der große anglikanische Theologe und Schriftsteller John Newton, der – bevor er sich bekehrte – als Kapitän eines Sklavenschiffes ein abenteuerliches Leben geführt hatte, wurde sein Seelenführer.

Die Wende

Freunde, denen Wilberforce seine ­inneren Veränderungen mitteilte, reagierten spöttisch oder wütend. Sie fürchteten, auf die Unterstützung dieses begabten Politikers fortan verzichten zu müssen.

Aber Wilberforce dachte gar nicht ­daran, seine politische Tätigkeit aufzugeben, im Gegenteil: Er war sich bewußt, daß Gott selbst ihm seine Stellung in der Welt gegeben hatte und sah seinen Auftrag ganz klar in der politischen Arbeit. In sein Tagebuch schrieb er: „Wahres Christentum besteht nicht in Gefühlen, sondern darin, daß wir fleißig Gottes Werk tun.“ So vielseitig die politische und soziale Aktivität Wilberforce‘ war, sah er sich von Gott vor zwei besondere Aufgaben gestellt: „die Reform der ­Sitten in meinem Land und die Abschaffung des Sklavenhandels.“

Täglich lang und innig zu beten, war für Wilberforce bald selbstverständlich. Dieser ungemein aktive Politiker nahm sich immer die Zeit, Gott im Gebet zu begegnen. Hier war sein Lebensgrund, die Quelle seiner Kraft. Seine lautere ­Gesinnung und Integrität sicherten ihm in der Öffentlichkeit und im Parlament Respekt und Einfluß. Er war für seine Unparteilichkeit und innere Unabhängigkeit bekannt und schien keinerlei Angst um sein eigenes Schicksal zu haben. Ein Zeitgenosse rühmte an Wilberforce „die enge Verbindung zwischen den strengsten Grundsätzen und der fröhlichsten, ungezwungensten Wesensart“. Und Madame de Staël erklärte: „Wilberforce ist der beste Gesprächspartner, den ich in diesem Lande getroffen habe. Ich habe immer gehört, er sei der frömm­ste, nun finde ich, er ist der witzigste, geistreichste Mann in England.“

Der Menschenhandel

Die neu entstandenen Kolonien in Amerika verlangten laufend nach neuen Arbeitskräften. Da sich die einheimischen Indios für die schwere Arbeit auf den Plantagen als zu schwach erwiesen, exportierten die Kolonialherren ab 1480 „Menschenmaterial“ aus Afrika. Im Innern des schwarzen Kontinents überfiel man ganze Dörfer, jagte die Einwohner wie wilde Tiere und fing alle Arbeitsfähigen ein. Man trieb sie zu Tausenden an die Westküste und verfrach­tete sie auf Schiffe (die man sich wie schwimmende Konzentrationslager vorstellen kann), um sie in Amerika zu verkaufen. In 350 Jahren wurden dreißig Millionen Afrikaner nach Amerika verschleppt, ebensoviele gingen auf den Sklavenjagden und Transporten zugrunde. Seit 1562 ­beteiligte sich auch England am Sklavenhandel.

Der Reichtum zahlloser Familien und Staaten in Europa, die sich christlich nannten, beruhte auf diesem ungeheuren Verbrechen. Zwar kämpften Quäker, Methodisten und andere dagegen an, doch sie scheiterten an der überwältigenden Gegnerschaft derer, die davon profitierten.

Die Not

Wilberforce wurde 1787 auf den Sklavenhandel aufmerksam gemacht. Die Sache war ihm nicht neu, doch hörte er jetzt von einem Missionar erschütternde Erlebnisberichte über das Los der Sklaven in den Kolonien und John Newton erzählte ihm von seinen Erfahrung auf dem Sklavenschiff. Wilberforce ging zunächst ­daran, sich ausführlich zu informieren und war nach anfänglichem Zögern bereit, die Bewegung der Abolition (Bewegung zur Abschaffung des Sklavenhandels) vor dem Parlament und der Öffentlichkeit zu vertreten. Er schrieb: „die Welt ist so beschaffen, daß weder Nationen noch Individuen mehrere verschiedene Moralen haben können, zwischen denen sie nach Belieben wechseln dürfen: für das Privatleben altruistische Grundsätze, für Politik und Handel aber egoistische.“

Sofort formierte sich eine starke Opposition, denn der Abschaffung des Sklavenhandels standen massive kommerzielle Interessen entgegen. Doch unerschrocken und leidenschaftlich stürzte Wilberforce sich jetzt in den Kampf. Schon beglückwünschten sich seine politischen Freunde, gerade ihn als Wortführer gewonnen zu haben, als er plötzlich todkrank wurde. Die Ärzte hatten ihn schon aufgegeben, als er wie durch ein Wunder wieder auf die Beine kam. Fortan blieb er ­jedoch kränklich und körperlich schwach. Ihm war klar, daß er die „Sklavenfrage“ nur bewältigen würde, wenn er seine Kräfte konzentrierte. Deshalb begann er, sich selbst eine strenge Askese aufzuerlegen.

Der Kampf

Am 12. Mai 1789 sollte Wilberforce seine Rede über den Sklavenhandel im Unterhaus halten. Ein Freund schrieb ihm vorher: „Ich werde wohl in den Zeitungen lesen, daß Du von westindischen Plantagenbesitzern verhackstückt, von afrika­nischen Händlern am Spieß gebraten und von Kapitänen aus Guinea ­gefressen wurdest. Aber hab keine Furcht, denn – ich will Dein Epitaph [Gedenktafel] schreiben.“

Seinem Tagebuch ist zu entnehmen, daß Wilberforce sich körperlich schwach und „jämmerlich unfähig“ erlebte; die verbürgte Tatsache ist, daß die Wirkung seiner Rede – die immerhin 3 ½ Stunden dauerte – ­gewaltig war. Schonungslos stellte Wilberforce vor den Parlamentariern den Sklavenhandel als nationale Schande dar, nannte Zahlen, Fakten und die zerstörerischen Folgen. Die Rede war ein voller Erfolg – doch damit begann der eigentliche Kampf.

In den folgenden Jahren widmete Wilberforce den größten Teil seiner Kraft und seines Engagements dem Ziel einer größeren Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Er arbeitete sich durch Tausende von Aktenseiten, führte zahllose Gespräche und schrieb Briefe in dem Versuch, Kontakte zu knüpfen und Verbündete zu gewinnen. Mündlich und schriftlich bestritt er öffentlich und entschieden die Behauptung der Sklavenhändler, „Neger seien eine minderwertige Rasse, unfähig zu Bildung und behaftet mit geistigen und sittlichen Mängeln“. Seiner gewissenhaften Art gemäß sammelte er planmäßig Tatsachenmaterial, um die Parlamentarier und die Öffentlichkeit aufzuklären.

Eine Ermutigung

1791 sollte Wilberforce den Gesetzesantrag zur Abschaffung des Sklavenhandels einbringen. Die Opposition war gewachsen, denn die Verteidiger des Sklavenhandels hatten in Flugschriften einen Teil der öffent­lichen Meinungen für sich gewonnen. Der Erfolg vierjähriger Mühen stand jetzt auf dem Spiel.

Da erhielt Wilberforce einen Brief des von ihm hochverehrten John Wesley: „Wenn nicht Gott Sie für genau diese Sache erhoben hat, werden Sie durch den Widerstand von Menschen und Teufeln zermürbt werden. Aber wenn Gott für Sie ist, wer kann dann gegen Sie sein? Seien Sie nicht müde, das Rechte zu tun! Gehen Sie vorwärts im Namen Gottes!“ Wenige Tage darauf starb Wesley.

Die Rede, mit der Wilberforce die Debatte im Unterhaus eröffnete, ­bewies unwiderleglich, daß der Sklavenhandel ebenso grausam wie politisch unklug war. Sie schloß mit den Worten: „In jeder Hinsicht ziemt es Großbritannien, bei diesem Werk ­voranzugehen. Da wir groß im Verbrechen waren, laßt uns beizeiten Buße tun. Es kommt ein Tag, an dem wir Rechenschaft ablegen müssen über alle Talente, Fähigkeiten und Gelegenheiten, die uns anvertraut wurden. Möge es sich dann nicht ­erweisen, daß unsere überlegende Kraft dazu verwendet wurde, unsere Mitgeschöpfe zu unterdrücken.“

Es fand sich nur eine kleine Minderheit für die Vorlage, die aller­mei­sten stimmten gegen sie.

Mit langem Atem

Die Unruhen in St. Domingo und der Ausbruch des Terrors in Frankreich (1792) gaben den Gegnern der Abolition Auftrieb. Selbst sein langjähriger Freund Premierminister William Pitt, der bisher die Sache unterstützt hatte, bekam Bedenken. Wilberforce wurde beschimpft und ­beleidigt. Zeitweise war sogar sein Leben bedroht, so daß er nicht ohne bewaffnete Begleitung reisen konnte. Doch unbeirrt mobilisierte Wilberforce die öffentliche Meinung mit Versammlungen und Resolutionen. Von 1793 bis 1799 brachte er jedes Jahr einen neuen Antrag in das ­Unterhaus ein – und wurde jedes Jahr von der Opposition besiegt. Er war überzeugt, daß seine Sache mehr und mehr Anhänger finden würde, doch nicht jeder seiner Mitstreiter hatte seinen langen Atem: Als zum Beispiel 1796 sein Antrag mit ­knapper Mehrheit abgelehnt wurde, klagte er darüber, daß „viele seiner Anhänger statt im Unterhaus in der Oper waren, um einer Premiere ­beizuwohnen“.

Die Versuchung

1802, nach 18 Jahren Parlamentsarbeit, fragte sich Wilberforce, ob er nicht besser die politische Arena verlassen sollte. Er fühlte sich müde und ausgelaugt, sehnte sich nach ­Ruhe und Zurückgezogenheit. Würde er nicht auch als Schriftsteller viel Gutes tun können? Erneut im Wahlkampf um seinen Sitz im Unterhaus zu kämpfen, erschien ihm „wie ein Ringen um die Erlaubnis, weiter als Galeerensklave das Ruder zu bewegen, mit Fesseln an den Füßen und Peitschenschlägen auf den Rücken.“ Aber er gab dem Drang nach Ruhe nicht nach – es wäre Verrat an der Sache gewesen, der er sich verschrieben hatte. Wiedergewählt kehrte der kleine, schwache Mann auf die „Galeere“ zurück, um andere endgültig von den Galeeren zu befreien.

Der Erfolg

1807 – nach 20jährigem Kampf – wurde Wilberforce‘ Zähigkeit endlich belohnt: Mit 283 gegen 16 Stimmen kam der Gesetzentwurf, der den britischen Sklavenhandel ab 1808 verbot, im Unterhaus durch. Wilberforce wurde mit Ovationen überschüttet. Er sah aber keinen Anlaß, sich auf diesem Erfolg auszuruhen: Was nützte es, wenn die Engländer das Sklavengeschäft aufgaben, die anderen Nationen es aber fort­setzten? Außerdem ging es ja nicht nur um den Handel, sondern um eine generelle Abschaffung der Sklaverei und die Emanzipation der Sklaven. ­Wilberforce versuchte, das Kabinett zum Einschreiten gegen den Menschenhandel anderer Staaten zu ­bewegen. Tatsächlich bemühte sich die britische Regierung und ent­schädigte 1822 sowohl Spanien als auch Portugal großzügig für deren Verzicht.

Das Ziel

Auf Drängen des Arztes schied Wilberforce 1825 aus dem Parlament aus. Er engagierte sich jedoch weiterhin mit ganzer Person für die „Sklavenfrage“ und verlor auch sein anderes Ziel nicht aus den Augen: „die ­Reform der Sitten in meinem Land“.

Dann traf Wilberforce ein persönlicher Schicksalsschlag: Einer seiner Söhne verlor in der Landwirtschaft sein dort investiertes Geld, so daß Wilberforce plötzlich verarmte. Er mußte sein eigenes Haus aufgeben und abwechselnd bei einem seiner Söhne wohnen. Trotzdem blieb er heiter und dankbar und meinte lakonisch: „Ich kann kaum verstehen, warum ich noch so lange leben darf. Es muß wohl deshalb sein, damit man sieht, daß ein Mensch ohne Vermögen ebenso glücklich sein kann wie mit Vermögen.“

Noch wenige Monate vor seinem Tod sprach sich Wilberforce auf ­einer Versammlung zugunsten der Sklavenbefreiung aus. Die letzte Nachricht, die der Sterbende erhielt, war ein positiver Bescheid – die Frucht von 44 Jahren unermüdlichen Einsatzes: „Gott sei Dank“, sagte er, „daß ich diesen Tag noch erlebt ­habe, an dem England bereit ist, 20 Millionen Pfund für die Abschaffung der Sklaverei zu zahlen.“

1833 starb Wilberforce und wurde in der Westminster-Abbey neben den größten Männern seines Landes ­bestattet. Am 31. Juli 1834 wurde ­offiziell im gesamten Britischen ­Empire die Sklaverei abgeschafft und 800.000 Menschen die Freiheit geschenkt.

Quelle: Gisbert Kranz: Sie lebten das Christentum. 28 Biographien. Regensburg 1983.

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

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