Stehvermögen im Alltag

Mission heißt die wirksame Weitergabe der Frohbotschaft in den der Zeit ent­sprechenden Formen. Der Gläubige muß umdenken um seiner Brüder willen.

Eugen Rosenstock-Huessy (1888-1973)

Liebe Freunde!

Hey Papa, ihr wart ja im Fernsehen.“ Tatsächlich. Nicht nur unsere Kinder haben es mitbekommen. Unser Auftritt während des Evangelischen Kirchentages in Hannover wurde mit großer Aufmerksamkeit von den Medien zur Kenntnis genommen und in viele deutsche Wohnzimmer getragen. Allein im Fernsehen berichteten die Tagesthemen, die Tagesschau, der Bayerische Rundfunk und N24 über unser Engagement mit dem ­Bibelparcours. Das war ebenso überraschend wie ermutigend für uns. Gemeinsam mit unseren Freunden vom Christus-Treff Marburg haben wir mit über 100 Mitarbeitern an drei Tagen rund dreitausend Menschen Erfahrungen mit der Bibel ermöglichen können. Anhand des Leitfadens „Identität“ konnten sie sich mit biblischen Geschichten und der ­Geschichte Jesu tiefer vertraut machen und ihren ­eigenen Fragen begegnen. Es war einer der größten Kirchentagseinsätze, in den die OJC je investiert hat. Der finanzielle und personelle Aufwand hat sich voll gelohnt.

Lange anstehen

Die Resonanz und das Stehvermögen bei den Teilnehmern war enorm: Viele Besucher nahmen mehr als zwei Stunden Wartezeit in Kauf, um dann im ­Parcours weitere zwei Stunden in den Schuhen des Mose zu gehen, dem Leidensweg Jesu zu folgen oder einen „Blick in den Himmel“ zu wagen (S. 178). In der ARD-Tagesschau am 28. Mai wurden Besucher nach ihrem Highlight des Kirchentags gefragt. Das begeisterte Fazit eines jungen Mannes: „Ich habe viel Neues über die Bibel gelernt durch den Bibelparcours, den ich mitgemacht habe.“ Wir sind dankbar, daß wir die frohe Botschaft ansteckend und missionarisch weitergeben und so die christuszentrierte Stimme in der Evangelischen Kirche verstärken konnten.

Mission verstehen

Neu bestärkt wurden wir in unserer Überzeugung, daß die christliche Botschaft – verbunden mit Erfahrung – nicht nur bei jungen Menschen auf besonderes Interesse stößt und „Haftfläche“ findet. Eine solche „gehende Theologie“, die auf den Weg zum Leben mitnimmt, bringt Menschen ganz anders in Bewegung als jede „sitzende Theologie“, wie sie in den letzten 150 Jahren weithin vorherrschte und sich allzu oft in bizarre akademische Höhen schraubte und dabei die Bodenhaftung verlor.

„Mission heißt die wirksame Weitergabe der Frohbotschaft in den der Zeit entsprechenden Formen“, hat Eugen Rosenstock-Huessy formuliert. Die Kirche muß um ihrer Zukunft willen umlernen und ihre Haltung ändern.

Eine „Theologie auf Knien“ mit einer ungeheuren Strahlkraft hat jüngst der Heidelberger Theologe Prof. Klaus ­Berger mit seinem Jesus-Buch vorgelegt. In wunderbarer Weise legt er dar, daß das Christentum eben keine Buch-­Religion und auch keine „Sache“ ist, sondern die lebendige Geschichte des lebendigen Gottes mit lebendigen Menschen. Es ist eine inspirierende Auslegung, gerade weil sie keinem wissenschaftlichen Rudelverhalten verpflichtet ist. Obwohl Berger ein brillanter Theologe und Bibelkenner mit lexikalischem Wissen ist, hat das Buch keine einzige Fußnote und ist durchweg verständlich geschrieben!

Sowohl die Resonanz auf die „Weg-Erfahrung“ des Bibelparcours als auch Bergers „Theologie auf Knien“ zeigen mir, daß ein „wind of change“ (Wind der Veränderung) zu spüren ist. Wort Gottes und Erfahrung waren schon für Martin ­Luther die prägenden Kräfte des Glaubens. Es liegt ein großes Zukunftspotential der Kirche darin, diese Kräfte heute neu zu stärken und den Glauben fruchtbar zu machen für das Leben.

Im Kampf verbünden

Wo Menschen klar in Christus stehen und konfessionelle Eigenheiten in den Hintergrund treten, da ist Ökumene heute schon lebendig, in der Christen in Bündnissen und Allianzen für eine Kultur des Lebens und für das Leben und Denken der nächsten Generation einstehen. Gemeinsames Steh­vermögen tut not, denn ein Rückfall in heidnische Gewohnheiten schreitet in der westlichen Kultur voran: Abtreibung, Euthanasie, Entgrenzung der Geschlechter und sexuelle Beliebigkeit zeigen das deutlich. Für deren Protagonisten sind die zehn Gebote und das gesamte Fundament jüdisch-christ­licher Ethik inakzeptabel. Dieses Fundament zu zerstören, ist oberstes Ziel eines in unserer Kultur voranschreitenden Neuheidentums (= Neopaganismus). Es ist die bislang radikalste Art des Aufbäumens der Postmoderne gegen jede Art von absoluten Werten. Die Denkfigur dieses aufkommenden Totalitarismus ist ebenso skurril wie verbreitet: Sie geht davon aus, daß jeder Mensch das Recht hat, in völliger Selbstbestimmung zu leben und im Sinne eines gleich-gültigen Toleranzverständnisses alles auszuprobieren, was seiner Lust zuträglich ist. Entscheidendes Merkmal: Bloß nie ein Opfer (Verzicht, Begrenzung) bringen und dadurch nie zum „armen Opfer“ werden, „das nicht bekommt, was es doch will“. Die Radikalisierung dieses Gedankens (= Viktimologie*) stigmatisiert jeden absoluten Wert – z.B. die Gebote Gottes oder das jüdisch-christliche Menschenbild – zum Unterdrücker. Theologisch könnte man sagen: Satan bedient sich der Opfersprache, um den Kern des Christentums als untragbar darzustellen. Unterdrücker aber müssen in einer ­modernen und toleranten Welt beseitigt werden. Die hier vorgenommene Umdeutung des Opfer­gedankens verheißt ein schmerzfreies und selbstbestimmtes Leben. Die kulturelle Aushöhlung und Zerstörungskraft solchen Unterfangens baut an ­einer Kultur mit, die dem Tod geweiht ist. Denn in einer solchen Welt gibt es keine Orientierung ­außerhalb des Einzelnen, nur noch ein grenzenloses Kreisen um sich selbst: der verabsolutierte Narzißmus.

Füreinander einstehen

Jesus hat seine Jüngergemeinde ganz bewußt als eine Gegenkultur in die Welt gestellt. Er weiß um die Attacken der Zerstörung. Es braucht uns nicht bange zu sein, solange wir wissen, daß wir zu Ihm gehören, unter Seinem Schutz stehen und in Seiner Kraft leben dürfen. Aber wachsam müssen wir bleiben und Stehvermögen zeigen. In Römer 12,2 ruft uns Paulus zu: „Laßt euch nicht schematisieren, paßt euch nicht den Schemata dieses Äons an.“ „Schließt euch nicht dem organisierten ­Opportunismus und der politischen Correctness eurer Tage an“, könnten wir auch sagen. Sondern, so fährt der Apostel fort, „laßt euch umwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes“, „ändert euren Denksinn, damit ihr Gottes Willen erkennen könnt“.

Es mag unterschiedliche Wege geben, wie wir uns in ein solches christusgemäßes Leben und Denken einüben können. Im Rahmen eines Einblicks in unseren Auftrag als OJC habe ich versucht, diese Einübung in drei Grundworte zu fassen und auszuführen: aufhorchen, querdenken, rund leben (S. 162).

Gemeinsam mit allen Christen sind wir gerufen, wie es einst Nehemia war, der den Auftrag von Gott erhielt, die zerstörte Mauer und die zerstörten Fundamente von Jerusalem wieder aufzubauen. Die Schutzlosigkeit seines Volkes, in die Feinde leicht eindringen können, ist ein gutes Bild für den inneren Zustand und die Kämpfe, die wir heute ­erleben. Welche Taktik der Feind dabei anwendet und wie wir mit Nehemia im Kampf bestehen lernen, zeigt unsere Freundin Astrid Eichler. Sie hat uns im Rahmen des OJC-Festivals (TdO) rund um den Himmelfahrtstag mit über 800 Besuchern die Festtagspredigt gehalten (S. 152).

Mit Freunden bestehen

Von Anfang an war die OJC ein Glaubenswerk. Zu diesem Glauben gehört auch, daß wir unseren Auftrag und unseren Dienst in Kirche und Gesellschaft solange tun wollen, wie er gebraucht wird. Ein wichtiger Anhaltspunkt dafür ist für uns die Frage, ob das, was wir tun, genügend Freunde findet, die unser Engagement teilen und uns in unserem Stellvertreterdienst unterstützen. Es ist ein immer neues Wunder für uns, daß wir seit 37 Jahren fast ausschließlich von den Spenden und persön­lichen Opfern unserer Freunde leben. In diesem Salzkorn wollen wir Ihnen Rechenschaft geben über die Finanzen und haben – neben Einnahmen und Ausgaben – versucht darzustellen, was wir als Gemeinschaft mit verschiedenen Zweigen an Sichtbarem tun und bewegen. Vielleicht gibt Ihnen unser Versuch einer „Aktionsbilanz“ (S. 170) eine Ahnung unseres umfangreichen Dienstes. Durch Ihr Teilen sind Sie ja Teilhaber unseres Auftrages.

Mehrfach wurde ich gefragt, „ob es nicht endlich an der Zeit wäre, unser Auskommen als OJC selber zu verdienen“. Nun – es bleibt eine Frage, die immer wieder ernsthaft bedacht werden muß. Sicher könnten wir dann nicht mehr tun, was wir heute tun. Nach meiner Einschätzung birgt der Weg in die Ökonomisierung und Professionalisierung eines Werkes die Gefahr, das gemeinschaftshaltige Moment und den Raum für die heilende Gemeinschaft austrocknen zu lassen. Es gilt, den schmalen Grat zu halten ­zwischen lebendiger Gemeinschaft und frommer Institution: Die innere Hingabe darf nicht durch Dienstpläne ersetzt werden – obgleich Dienstpläne sehr hilfreiche Instrumente sind. Wir sind sehr dankbar, daß wir bis heute die Erfahrung der Güte Gottes machen durften, der uns versichert: Sorget nicht, sondern kümmert euch zuerst um das Reich Gottes und seine ­Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere zufallen (Mt 6,33).

Ohne Sorge, aber ganz offen sage ich Ihnen, daß wir über die Sommermonate wieder ein Liquiditätsproblem haben werden, das sich zum Jahresende hin wahrscheinlich wieder auflösen wird. Zinslose Darlehen wären uns eine große Hilfe zur Überbrückung (weitere Infos von Jochen Hammer 06164/9309 311; /9309 314 oder hammer@ojc.de).

Zuletzt

Am 2. Juli wird unser „Haus der Hoffnung“ in Greifswald eingeweiht. Der evangelische Bischof Hans-Jürgen Abromeit wird die Festtagspredigt halten. Wir freuen uns sehr darauf.

Ihnen allen wünschen wir jede Menge Stehvermögen in Ihrem Alltag und an dem Platz, an den Sie gestellt sind, aber auch die Aussicht, daß Ihnen eine Urlaubszeit möglich ist, in der Sie die Beine für ein paar Tage hochlegen und die Seele baumeln lassen können. In dieser Hinsicht Ihnen ein gut gepolstertes „Sommerloch“ und den Zuruf des Nehemia ins Ohr: „Seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.“

Mit der ganzen OJC-Gemeinschaft grüße ich Sie herzlich aus Reichelsheim und Greifswald,

Ihr

Dr. Dominik Klenk

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

    Alle Artikel von Dominik Klenk

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal