Nicht gesucht - aber gefunden

Nicht gesucht - aber gefunden

Ein Weg in die OJC-Gemeinschaft

Írisz Sipos gehört zu unseren neun Assoziierten 1. Sie ist seit März 2004 Mitarbeiterin im Redaktionsteam. Geboren in Ungarn, lebt sie seit ihrem 8. Lebensjahr in Deutschland. Zuletzt hat sie als Literaturwissenschaft­lerin an der Uni Mainz gearbeitet. Angela Ludwig fragte sie nach ihrem Woher und Wohin.

Írisz, Du kommst aus der Welt der Wissenschaft. Obwohl die OJC 1968 als Studentenbewegung begonnen hat, dürfte ihr Bekanntheitsgrad dort nicht allzu groß sein. Wie bist Du überhaupt auf uns gestoßen? 

Das lief etwas ungewöhnlich. Nach fünf Jahren an der Universität hatte ich die Entscheidung zu treffen, ob ich in der wissenschaftlichen Laufbahn bleibe oder mein Leben anders orientiere. Ich habe mich dann gegen die wissenschaftliche Laufbahn entschieden und mich nach einer Tätigkeit umgesehen. Eine der Breschen, die ich in den ­Arbeitsmarkt schlug, war die Jugendarbeit. In 20 Jahren Pfadfinderei habe ich viel mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet – später auch mit Jugendleitern. Christliche Jugendarbeit, dachte ich, könnte ich vielleicht wagen. Eine solche war die offene Jugendarbeit im JIG, ausgeschrieben von einer gewissen „Ökumenischen Kommunität ­Offensive Junger Christen“ – was immer das sein mochte. Man suchte ­einen „JIG-Wirt“ – ein rätselhaftes Wort – und ich dachte, das könnte ich wagen. Prompt bekam ich Antwort, aber anders, als ich gedacht hatte. Eine Stimme am Telefon stellte sich als „Petra Hepperle“ vor. Name und Idiom klangen schwäbisch, da dachte ich bei mir: „Aha, fromme Leut’“. Sie teilte mir charmant aber bestimmt mit, daß sie ­eigentlich einen anderen Typ suchten, „den Typ bekehrter Rocker – und der sind Sie wohl eher nicht?!“  Das also war mein Erstkontakt mit der OJC.

Es grenzt wirklich an ein Wunder, daß man sich nicht abschrecken ließ und mich einlud, mir die Offensive näher anzusehen. Nach einem halben Jahr des Zögerns und Zagens meinerseits hat sich dann herauskristallisiert, daß es womöglich eine Einstiegsmöglichkeit gibt – in der Redaktion. 

Du hast dann außer Arbeit etwas ­gefunden, was Du gar nicht suchtest: „verbindliches Leben in Gemeinschaft“. Warum hast Du Dich trotzdem darauf eingelassen?

Ich habe alles mögliche gesucht, aber ganz sicher keine christliche ­Gemeinschaft! In dieser Hinsicht hatte ich große Vorbehalte. Es kann doch nicht sein, daß Menschen auf so ­engem Raum, in so enger Form miteinander arbeiten, wohnen, ihre Freizeit gestalten und sich nach all dem auch noch lieb haben sollen. Das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich bin eigentlich hineingeschlittert in diese Geschichte. Ehe ich mich versah, war ich nicht nur in der Redaktion, sondern auch gleich in der Gemeinschaft mit drin, noch dazu in einer Wohnsituation, die ganz ­anders war als meine vormalige, nämlich mit vier weiteren jungen Frauen in ­einer WG. Ich merkte aber bald: da gibt es etwas, dem mußt du auf den Grund ­gehen. Es ist etwas dran an dieser Form zu leben, sich zu verbinden, zu verbünden, was du so noch nicht kennst, was es eigentlich außerhalb dieser exotischen Gemeinschaft gar nicht gibt; und ich dachte, das muß ich erst einmal – ganz wissenschaftlich – ergründen.

Írisz, wie geht es Dir jetzt nach einem Jahr damit?

Ich habe es wissenschaftlich noch nicht ergründet. Ich habe aber Dinge gelernt, von denen ich gar nicht wußte, daß ich sie nicht weiß. Zuvor dachte ich immer: ich diene Gott am besten mit dem, worüber ich „verfüge“, das, was ich gewissermaßen unter Kontrolle habe: Wissen, Talente, Kraft. Auf einmal galt das nicht mehr. Klar gibt es eine Berufung, in die mich Gott hineingestellt, in die mich Christus hineingeführt hat. Und diese Berufung, diese Aufgabe ist sehr schön, paßt auch zu mir – aber: Ich bin überhaupt nicht in der Lage, ihr nachzukommen! Ich bin dazu nur in der Lage, wenn ich es mit anderen tue. Das heißt, ich diene jetzt mit meiner Schwäche und Ergänzungsbedürftigkeit!

Die eigene Berufung, das eigene Leben ist etwas, was andere genauso mitformen wie ich, ob sie es merken oder nicht. Das Formen meines Lebens ist eine Sache von vielen! Oder anders: Gott möchte mein Leben durch die Hände vieler Mitstreiter formen. Das ist etwas ganz Neues und Ungeheuer­liches, was ich so gar nicht gesucht habe, aber was ich als eine wichtige Erkenntnis aus diesem ersten Jahr mitnehme.

Du hast zwei Kulturen erlebt, verschiedene Kirchen und bist kein OJC-Insider, sondern hast noch den unbefangenen Blick von außen. Was siehst Du, was eine verbindliche Gemeinschaft für unsere Zeit, in der Unverbindlichkeit und Selbstbestimmung die Norm sind, bedeuten kann?

Ich sehe zwei große Werte: einen quantitativen und einen qualitativen. Ich habe hier sehr intensiv erlebt, daß die Kräfte, die gebündelt werden, sich nicht addieren, sondern exponentiell steigern. Das heißt, daß der Ertrag, die Effizienz der Arbeit sich vermehrt. Auch der Segen ist unvergleichbar ­reicher, weil der „geistliche Rückenwind“ einen enormen Auftrieb gibt, wenn Menschen zueinander finden und etwas gemeinschaftlich beschließen. Die Dienste der OJC, an tausend Baustellen gleichzeitig, kreuz und quer, mit einer großen Ausstrahlung auch nach außen, wären gar nicht zu leisten ohne diese tiefe Verbindlichkeit. Wenn ich es theologisch formulieren soll: Die Kraft des Heiligen Geistes hat einen besonderen Weg in der Gemeinschaft. Er kann sicher auch durch Einzelkämpfer viel tun – durch den Wissenschaftler in seinem ­stillen Kämmerlein, der ich einmal werden wollte. In der heutigen Zeit sind aber ganz andere Kraftbündelungen notwendig, um all dem zu begegnen, was uns in der Welt umgibt und bedrängt. Es kann ungleich mehr entstehen, wenn Einzelpotentiale zusammengelegt werden.

Das andere ist eine Sache der Qualität, und die kann ich nur grob skizzieren, weil ich – wie gesagt – noch beim Ergründen von diesem Geheimnis bin. Ich glaube, in der Zeit, in der wir leben, und in der die „Ecclesia“ Gestalt gewinnen muß, soll nun ein ganz bestimmter Wesenszug Christi offenbar werden. Die Liebe Gottes hat ja viele Wesenszüge – sie ist barmherzig, sie ist wahrhaftig, sie ist gerecht und unendlich. Unterschiedliche Gemeinschaften können unterschiedliche Aspekte dieser Liebe zum Aufleuchten bringen. In einer Andacht vor wenigen Wochen ist mir ein weiterer Wesenszug Gottes klargeworden, als es jemand so formuliert hat: „Die Liebe Gottes hat die Qualität der Treue.“ In einer Welt, in der Verbindlichkeit als bedrohlich empfunden wird und der Begriff der Treue für viele ein ­rotes Tuch ist oder ein romantischer Wunschtraum, muß gerade dieser Wesenszug der Liebe Christi in ganz neuer Form sichtbar gemacht werden. Gottes Liebe ist eine treue Liebe, und ein Leben in erklärter Verbindlichkeit kann etwas von dieser Qualität transportieren. Wenn wir die Treue Gottes sichtbar machen wollen für die Welt, dann müssen wir ihr eine Gestalt geben, dann müssen wir uns in diese Treue hineinwagen. Nicht nur uns verbünden, sondern in diesem Bündnis auch verbindlich und treu werden. Wie gesagt – ich stehe noch ganz am Anfang und bin sehr gespannt, was mir da noch aufgehen wird.

Fußnoten

1 Assoziierte nennen wir diejenigen, die sich im Sinne eines Noviziats mit uns auf den Weg gemacht haben zu prüfen, ob die OJC-Berufung auf Dauer auch die ihre werden soll.

Von

  • Angela Ludwig

    Germanistin und Romanistin, Mitglied des OJC-Redaktionsteams und geistliche Begleiterin für viele innerhalb und außerhalb der OJC-Gemeinschaft.

    Alle Artikel von Angela Ludwig

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal