Im Wandel lebendig bleiben

Als Protestant in der eigenen Kirche

Dr. Christoph Bergner ist Sprecher des synodalen Gesprächskreises „Lebendige Kirche“ (gegr. 1992) und Mitglied im Geschäftsführenden Ausschuß des „Forums lebendige Kirche“, das sich im Februar 2003 formierte. Dort setzt er sich kritisch mit den Kirchenreformen der letzten Jahre auseinander und tritt für die Stärkung der Gemeindearbeit ein. Im Workshop „Als Protestant in der eigenen Kirche“ plädierte er am OJC-Festival für ein engagiertes Christentum und für den Mut, den „protestantischen“ Geist in der eigenen Kirche wachzuhalten.

Protestari ist der lateinische Begriff für bezeugen, beteuern. Protestieren bedeutet also in erster Linie das Eintreten für, erst in zweiter Linie das Auftreten gegen etwas. Wer als Protestant protestiert, sollte dafür gute Gründe haben. Ich möchte die Ermutigung zum Protest theologisch zweifach begründen:

1. Die Kirche ist durch die Freude an Gott und aneinander als Gemeinschaft konstituiert. Weil sie sich freut, ist sie zugleich für die eigenen wie auch die Leiden anderer sensibilisiert. Der Protest des Protestanten gründet in der Freude an Gott und seiner Gemeinde und sensibilisiert gerade dadurch für die Leiden dieser Kirche.

2. Die Freude an Gott ist immer auch die Freude an der Wahrheit. Die christliche Wahrheit erschließt sich in der Begegnung mit Jesus Christus. Sie ist eine Beziehungswahrheit. In ihr wird der Mensch frei. Die Wahrheit, die freimacht, ruft zugleich in die Verantwortung. Wer protestiert, setzt seine Freiheit ein, um Verantwortung zu übernehmen.

Unsere Fragen

Im „Forum lebendige Kirche“ vertraten und vertreten wir in diesem Sinne Anliegen, die in unserer Kirche nicht mehr so selbstverständlich formuliert werden, wie man meinen sollte: Wir möchten den geistlichen Fragestellungen, der Weitergabe des Glaubens, der Entwicklung von Gemeinden und der Förderung geistlichen Lebens wieder einen wichtigen Stellenwert in der kirchlichen Arbeit geben. Die Spannungen, die bei uns im Forum zu den Protesten geführt haben, sind auf eine allgemeine Verunsicherung zurückzuführen, die ich in vier Punkten beschreiben möchte:

Die Kirche in Deutschland erlebt eine institutionelle Schwäche: Mitgliedschaft, Kirchensteuerpflicht und gesellschaftliche Anerkennung sind keine Selbstverständlichkeit mehr.

Persönliche Frömmigkeit und das Grundwissen über Lebensvollzüge des Glaubens nehmen ab: Gebet, Kirchgang und die Teilnahme an kirchlichen Veranstaltungen ist nicht mehr üblich.

Traditionen, Überlieferungen der Kirche werden nicht einfach übernommen und weitergegeben. Vielmehr stellt die Individualisierung den kirchlichen Konsens in Frage.

Theologische Leitbilder und große Schulen, die Kirchen und Pfarrer geprägt haben, verschwinden aus dem kirchlichen Diskurs.

Unsere Armut

Die Antworten auf diese Krisenphänomene sind unterschiedlich: Der institutionellen Schwäche begegnet man mit der Betonung von neuen Strukturen und Hierarchien; persönliche Frömmigkeit wird durch psychologische und pädagogische Aktivitäten ersetzt; gesellschaftliche Relevanz versucht die Kirche durch eine Fülle von Stellungnahmen, politischen, wirtschaftlichen und ethischen zu gewinnen. Zudem zeigt sich neuerdings eine zunehmende Begeisterung für die Ökonomisierung 1 der wichtigen kirchlichen Fragen, die fast so etwas wie der Ersatz für die theologischen Fragestellungen geworden ist. Das Forum hat gegen die damit einhergehende schleichende Entmündigung der Gemeinden protestiert, die u.a. auch durch die Schaffung der sog. Mittleren Ebene in der Verwaltung betrieben wird.

Alle die beschriebenen Maßnahmen tragen dazu bei, daß die Kirche sich allmählich selbst säkularisiert – und schließlich banalisiert. Ihre hektischen Reaktionen auf Sachzwänge zeigen, daß sie sich selbst vom Defizit her wahrnimmt und das Defizit mit ihren Lösungsversuche noch verstärkt: als Wirtschaftunternehmen ist sie nicht konkurrenzfähig, als politische Kraft nicht durchsetzungsfähig, als pädagogische und psychologische Einrichtung nicht qualifiziert genug, als hierarchischer, durchstrukturierter Apparat verkrustet und menschenfern.

Unser Reichtum

Unser Reichtum

Um aus dieser Defizitärstruktur herauszukommen, muß die Kirche sich neu auf das besinnen, was ihr ureigener Grund, ihr Auftrag und ihr Reichtum ist. In diesem Sinne und in der Tradition von Luthers Thesenanschlag zu Wittenberg hat das „Forum Lebendige Kirche“ am 9. Oktober 2004 ihren pro-test – ihr Zeugnis und ihren Widerspruch – in 9,5 Thesen zusammengefaßt.

Die Kirche – Gemeinschaft derer, die Freude an Gott haben – ist reicher als wir denken!

Sören Kierkegaard hat den Glaubenden mit einem Ruderer verglichen: „Wer ein Boot rudert, kehrt seinem Ziel den Rücken zu. So auch mit dem morgigen Tage. Wenn ein Mensch mit des Ewigen Hilfe als ein in den Tag Vertiefter lebt, so kehrt er dem morgigen Tag den Rücken zu. Wendet er sich um, so verwirrt sich seinem Auge das Ewige.“ Wir dürfen uns als Christen ganz dem Heute zukehren. Die Gewißheit, daß wir Gott entgegengehen, hält uns den Rücken frei für unsere tägliche Arbeit. Unsere Auseinandersetzungen, Diskussionen und manchmal auch die Streitigkeiten betreffen vorletzte Fragen, die letzten Fragen sind entschieden. Das gibt Gelassenheit und gewährt Freiheit. Unser Protest speist sich aus dieser letzten Gewißheit: Er zeugt (pro-testatur) für die Gnade und Wahrheit, die in Jesus Christus erschienen ist. Deshalb darf und soll er auch ganz entschieden, klar und deutlich vorgetragen werden.

Unser Pro-test

1. Jesus Christus allein ist der Herr. Deshalb hat Kirche Zukunft. Die Freude am Herrn ist ihre Stärke.

2. Die Gemeinde ist der Ort, an dem diese Freude gefeiert und gelebt wird. Statt den Gemeinden Mängel und Defizite vorzuhalten, sollen Synode und Kirchenleitung sie ermutigen und tatkräftig unterstützen.

3. Gemeinden haben die besten Chancen, Menschen mit dem Evangelium zu erreichen. Es ist daher geradezu grotesk, ausgerechnet sie der Selbstgenügsamkeit und Selbstabschließung zu verdächtigen. Nicht die Gemeinden sind das Problem unserer Kirche – im Gegenteil: aus ihnen erneuert sie sich.

4. Die Kirche braucht Strukturen, die ihrem Auftrag dienen und wandelbar sein müssen. Wer aber von der Veränderung der Strukturen die Erneuerung der Kirche erwartet, täuscht sich und andere.

5. Ziel aller strukturellen Veränderungen müssen klare Perspektiven und verläßliche Vereinbarungen sein. Sich ständig selbst überholende Reformbemühungen schaffen auf Dauer Desorientierung und Entmutigung.

6. Die Kirche Jesu Christi lebt und wächst durch die Kraft des Heiligen Geistes. Der gegenwärtige Reformprozeß verführt zu dem Irrglauben, der Bestand der Kirche sei strategisch planbar und menschlich machbar.

7. „Weitergabe des Glaubens und Wachstum der Gemeinden sind unsere vordringliche Aufgabe, an dieser Stelle müssen die Kräfte konzentriert werden.“ (Kundgebung der EKD-Synode 1999). Unsere Kirche aber bindet seit vielen Jahren wichtige Kräfte in der Beschäftigung mit sich selbst.

8. Das Geld in der Kirche gehört dahin, wo es herkommt: an die Basis. Es ist unerläßlich, die derzeitige Undurchsichtigkeit der Geldströme transparent zu machen.

9. Bei notwendigen Sparprozessen hat die finanzielle Ausstattung der Gemeinden oberste Priorität. Es ist untragbar, wenn sie zur Erfüllung ihrer notwendigen Aufgaben Geld von der Kirchenverwaltung erbetteln müssen.

9,5. Wer das Kreuz Christi vor Augen hat, braucht nicht wegzusehen, wenn es schwierig wird. Wir beten um die Erneuerung unserer Kirche durch das Wirken des Heiligen Geistes. Veni creator spiritus.

Anmerkungen

1 Mit Ökonomisierung ist hier der Trend gemeint, den Auftrag der Kirche in der Gesellschaft vom Marktwert ihrer Erzeugnisse und Dienstleistungen ausgehend zu formulieren und den Herausforderungen der Zeit durch höhere Wirtschaftlichkeit zu begegnen.

Von

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