Bewegendes aus dem Baucamptagebuch Kroatien 2005

Bewegendes aus dem Baucamptagebuch Kroatien 2005

Ralf Fischer ist Abiturient und macht zur Zeit ein Freiwilliges Soziales Jahr (statt Zivildienst) in der OJC. Er arbeitet an der Seite von Thomas Wagner (Zimmerermeister) in Reichelsheim und miteinander waren sie – zusammen mit 23 Freiwilligen und OJC-Mitarbeitern - im Baueinsatz in Kroatien. Sie haben in vierzehn Tagen viel gearbeitet und erlebt.

Freitag, 11. Februar 2005

Nach Wochen der Vorbereitung startete der Kroatieneinsatz in aller Frühe mit starken Regengüssen. Nach einer reibungslosen Fahrt durch die Alpen und durch den neuen EU-Mitgliedstaat Slowenien passierten wir auch die kroatische Grenze ohne Kontrolle. Nach elf Stunden Fahrt, als sich die Nacht über das Land legte, erreichten wir unser Ziel, das kleine Dorf Poleve. Poleve bedeutet so viel wie „auf der linken Seite“. Keine politische Gesinnung, sondern bloße Beschreibung der Tatsache, daß fast alle Häuser auf einer Straßenseite stehen.

Samstag, 12. 2. 2005

Der Samstag gehörte noch nicht der Arbeit. Wir starteten Richtung Cakovec, um unsere Wirkungsstätte zu besichtigen. Das baptistische Pastoralzentrum verwirklicht die Vision eines Gebäudes, das nicht nur Gotteshaus, sondern zugleich Café, Gästehaus und Bibelschule sein soll. Der Gottesdienstsaal faßt 800 Besucher. Hinter der Kanzel „thront“ die größte Leinwand Nordkroatiens. Neben dem Präsidenten des Baptistenbundes begrüßte uns auch tonnenweise Glaswolle. Danach fuhren wir für eine kurze Bummeltour in die Innenstadt von Cakovec und waren einigermaßen frustriert, anstatt eines typisch kroatischen Supermarktes ein „Kaufland“ zu finden, indem es 1000 km fern der Heimat deutsche Niveacreme zu kaufen gab.

Sonntag, 13. 2. 2005

Ein „Offtag“ im Tourjargon, der mit einem späten Frühstück begann. Danach folgte geistliche Nahrung mit Lobpreis und anschließender Stille. Es gibt nichts Schöneres, als von Gott gesagt zu bekommen, wie sehr er uns liebt und daß er in dieser Zeit bei uns sein wird.

Unser erster baptistischer Gottesdienst war der Abendgottesdienste des Baptisten-Bundes. Bei Gerhards Grußwort hätte man eine Nadel fallen hören können. Mir kamen die Kroaten sehr distanziert vor. Das Eis schmolz, als unser Männerquartett die Stimme zum Smashhit „Since tha luvin’ Saviour“ erhob. Nach dem Gottesdienst die Kontaktaufnahme. Wir waren noch genauso schüchtern wie die Kroaten, aber wenn ein Deutscher mit einem Kroaten ins Gespräch kam, war er bald von einer Traube umringt, die froh über seinen Pioniergeist in das Gespräch einfiel. Höhepunkt des Abends war die Begegnung mit Johannes Neudeck, der uns über Kroatien erzählte. Die Kroaten fühlen sich als Europäer und hissen an ihren Regierungsgebäuden selbstbewußt die EU-Flagge. Sie sind katholisch geprägt und waren Teil der Österreichisch-Ungarischem Krone. Noch ist es aber ein langer Weg in die EU, sie blicken sehnsüchtig auf die slowenischen Nachbarn, die schon angekommen sind.

Montag, 14.2. 2005

Endlich in die Arbeitskluft schlüpfen und die Sicherheitsschuhe zuschnüren! Zunächst galt es, die Steinwolle – an die 200 Pakete – zwei Stockwerke höher an den Ort ihrer Verarbeitung zu schleppen. Als „Außerirdische“, „Teletubbies“, „Kernkraftwerktechniker“ bewegten wir uns in den weißen Schutzanzügen auf Gerüsten und in den Gängen. Das einzige Problem waren die Nägel. Ich schaffte es, einen Nagel sensationell gerade ins Holz zu bekommen. Sicher waren die Nägel zu weich und das Holz zu hart, meinten manche. Thomas raubte uns die Illusion und rammte fünf der krummen Nägel mit dem Kommentar ins Holz: Er habe auch mal gelernt. Wahrscheinlich werde ich das einst auch meinen Kindern sagen und an diesen Tag denken.

Toma Magda, Präsident des Baptisten-Bundes, versicherte uns am Abend, daß unser Aufenthalt hier mehr bedeutet als einen Pluspunkt an der Uni und im Lebenslauf. Für viele sind wir eine Ermutigung, der Beweis, daß es voran geht und ein Zeichen echter Anteilnahme. „Ich will keinen Krieg mehr“ sagte Magda in einem Tonfall, der mir Schauer über den Rücken jagte. Wir lernen auch Frenky kennen, der erzählt, wie Johannes Neudeck in Vukovar an einem Soldatenfriedhof über die Gefallenen weinte. Ein Deutscher, der über kroatische Tote trauert, bringt die Augen des 19 Jährigen zum Leuchten.

Dienstag, 15.2.2005

Raus aus den Federn, hinein in die Steinwolle! Die drei kroatischen Mädchen, die uns gestern geholfen haben, kamen heute wieder, zu ihnen stießen zwei weitere Jungs.

Mittwoch, 16.2. 2005

Höhepunkt war der zweite Hammertreffer auf die nicht mehr so schmerzende Stelle. Seitdem tat sie wieder weh.

Donnerstag, 17.2. 2005

Die 600 km nach Vukovar legten wir über Landstraßen zurück. Zu unserem „Neidwesen“ hatten die Kroaten den besseren Bus mit Navigationssystem und Komfort.

Vukovar – das Kreuz gen Osten, Martyrium des kroatischen Volkes, Blutopfer, Schlachthaus.

Auf dem Weg sahen wir Heldendenkmäler und riesige Friedhöfe. Auf roten Dreiecken mit weißem Totenkopf stand "MINES". Das Land begann seine Narben zu zeigen. Manche Häuser hatten hunderte dunkle Putzflecken, andere deutliche Einschußlöcher. In Vukovar war jedes zehnte Haus nur noch eine Grundmauer, die Dachbalken lagen im Wohnraum. Fast 15 Jahre lagen sie schon dort, verkohlt von den Flammen, die sie zum Einsturz brachten. Je weiter wir uns dem Zentrum näherten, desto mehr Häuser lagen in Schutt und Asche. Wir fotografierten, aber bald fragte einer: Was tun wir eigentlich? Sind wir Kriegstouristen?

Der Bahnhof war ebenfalls zerstört. Das unleserliche Schild mit dem Namen der Stadt hing schief. Diese Bahnhofsruine soll als Mahnmal stehen bleiben.

Wir fuhren zum Friedhof mit dem Heldendenkmal außerhalb der Stadt, er liegt direkt vor einem Minenfeld. In einer Sektion lagen nur Kriegsopfer unter schwarzen Grabsteinen oder weißen Holzkreuzen. Alle trugen die Daten von September bis November 1991, den Monaten der Belagerung. Viele trugen auch die Bilder der Toten, die meisten zwischen 20 und 30 Jahre alt. Neben ihrem Namen, ihrem Geburts- und Todestag die Worte: HRVATSKI BRANITELJ. Toma Magda übersetzte in seinem gebrochenen Englisch: Defender – Verteidiger. Viele sind am 18.11.1991 gefallen, als die Serben in die Stadt einrückten. Hinter den Gräbern, vorbei am großen Gedenkstein, stehen Tausende namenloser weißer Kreuze. Niemand weiß, wer die Toten waren. Toma Magda erklärte uns, daß viele nach der Eroberung Vukovars aus dem Krankenhaus geschleppt und in den Wäldern umgebracht worden waren. Jedes Jahr findet hier am 18.11. ein Gedenkmarsch statt, der von Krankenhaus zum Friedhof führt.

Ein anderes Symbol des kroatischem Widerstandes: der Wasserturm. Erschreckend die riesigen Löcher in der Wand, aus denen die Eisenstreben der Bewehrung in alle Richtungen in den Himmel ragen. Hier war wochenlang Widerstand geleistet worden. Auf der Ruine, am höchsten Punkt der Stadt, wehte die kroatische Flagge.

Nur wenige Meter entfernt liegt das kroatische Donauufer. Wir folgten unserem Führer durch den Tiefschnee und konnten einem Blick auf das nahe serbische Ufer werfen. Keine Grenzpatrouillen, keine Markierung. Was ist in dem Land los? Ich mußte daran denken, wie die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg um die Gunst und Vergebung der Franzosen kämpfen mußten – das hier schien mir fast zu einfach zu sein. In der Innenstadt haben die Kroaten zum Gedenken an ihre Opfer, aber auch als Anklage ein Kreuz direkt am Donauufer errichtet.

Frenky begleitete mich ein Stück. „Eine sehr depressive Stadt“ meinte er. Alles, was Beine hat, versuche, sie schnell zu verlassen. Es lebten noch viele Serben hier und es herrsche ein Scheinfriede. Die Angst vor einem neuen Krieg verhindere jede Aussprache und Versöhnung. Haß und Wut schwelten unter der Asche der Häuser. Die Stadt sei regelrecht zweigeteilt: es gibt Schulen, Kneipen und Läden für jeweils eine Volksgruppe. Jedes Jahr gibt es Racheakte. Kroaten töten Serben und Serben wieder Kroaten.

Die letzte Station: unsere 30 Mann starke Gruppe wurde beim dortigen Pastorenehepaar zum Kaffee eingeladen. Im kleinen Heizungskeller erzählte eine Frau ihre Geschichte: Mit 14 wurde sie von ihrer Mutter für eine Flasche Schnaps und ein Kilo Kaffee an einen Mann verkauft. Kurz nach der Hochzeit wurde sie schwanger und brachte einen Sohn zur Welt. Sie verließ ihren Mann und floh zu ihrer Mutter, die sie wütend zurückstieß. Eine Frau nahm sie und ihren kleinen Sohn auf. In Vukovar fand sie zu Jesus. Ihre Augen strahlten – Jesus, der Einzige, der sie wirklich liebt.

Ich fragte mich: Wie kann ich den Menschen hier zeigen, daß ich mehr will, als ihre Wunden sehen und angeben, daß ich mal in einem Kriegsgebiet war? Ich erinnerte mich, was Frank am morgen sagte: Wir können nicht durch viele große Spenden glänzen; wir haben ein anderes Kapital. Wir können unsere Armut teilen, unsere Menschlichkeit investieren. Investieren und darum beten, daß diese zwei Wochen nicht umsonst waren. Hoffen, daß Gott – während wir mit der Steinwolle kämpfen – mit unsichtbaren Bausteinen sein Reich, seine Hilfe und seine Herrlichkeit errichtet.

Freitag, 20. 2. 2005

Eine riesige Lieferung von Paneelen erreichte uns. Kleiner Schock: alle Deckenbretter müssen noch gestrichen werden! Das Pastoralzentrum liegt direkt neben dem Stadion eines aufsteigenden Fußballclubs. Die Kamerateams versuchen, das Zentrum aus dem Fernsehbild auszublenden. Es ist für manche wirklich ein Dorn im Auge.

Samstag, 19. 2. 2005

Unsere Beziehung zu den kroatischen Jugendlichen hat sich seit Vukovar sehr verändert. Sie lächeln, alles ist viel entspannter. Mit einem Mädchen sprach ich lange über die kroatische Hardcore-Szene, wir spielten Uno und erzählten Witze. An diesem Abend wurden die ersten Adressen ausgetauscht.

Sonntag, 20.2.2005

Nach dem fröhlichen Lobpreis-Gottesdienst mit der kroatisch-deutsche Mini-Bigband in der Gemeinde von Puscine erzählte uns Bratko Horvath seinen Traum vom Aufbau der zerstörten Gebiete. Leider verlassen die jungen Leute die Gegend auf der Suche nach dem „Land, in dem die Rosen blühen“. Im Haus der Horvaths lebten bis zu 13 Flüchtlinge mit, die sie ermutiget haben, ihr Land wieder aufzubauen. Horvath selbst hat durch seine finanzielle Opferbereitschaft seinen Betrieb in den Ruin gehen lassen. Wer zahlt? Er lächelte: Gott wird einen Weg weisen, er läßt uns nicht im Stich. „Wo bleiben die Menschen, die bezahlen, egal wie viel es kosten mag, damit andere zu essen haben und gesund werden?“ Bratko Horvath ist sicher kein heldenhafter Typ, aber in wenigen Minuten ist er mir zum Vorbild geworden, einfach weil er handelte. Er betet und handelt und erzählt seine bitteren Erfahrungen mit riesigem Lächeln. Hier lernt man, sich von Gott versorgen zu lassen und – auch wenn man wenig hat –genug zu haben. Diese Lebensfreude und Entspanntheit würde ich gerne im Herzen behalten.

Montag, 21.2.2005

Die Arbeit des Wollestopfens wurde durch Folie antackern und Dachlatten aufschrauben ergänzt. Im Juli soll der Stock für den Einzug der Jugendlichen fertig sein. Unser Einsatz war für sie eine große Motivation. Bei der abendlichen Revanche für die Viertelfinalniederlage gegen Kroatien im Sommer 1998 mußten wir uns diesmal mit 6:4 geschlagen geben.

Dienstag, 22.2.2005

Nur noch wenige Tage..., wird die Gemeinschaft so intensiv bleiben? Werden Freundschaften mit den Kroaten entstehen? Was werden wir aus den Eindrücken machen? Und: Hat uns der Einsatz wirklich verändert? – Der erste Tag mit Abschiedsstimmung.

Mittwoch, 23.2.2005

Auf dem Tagesplan stand ein Besuch in Zagreb. Eine Stadt mit vielen Heldenplätzen: hier ein bedeutender kroatischer Dichter, dort ein Nationalheld, hoch zu Roß der erste kroatische König. Im atemberaubend schönen Stephansdom ruht in einer Gruft der einzige Nationalheilige Kroatiens. Ich habe noch nie gesehen, daß so viele Menschen in einer Kirche waren, nur um zu beten. Selbst junge Menschen betraten das Gotteshaus und schlugen ein Kreuz, während sie ehrfürchtig auf das Kreuz am Ende des Kirchenschiffes schauten. Zagreb ist eine sehr schöne Stadt, doch wenn ich die Augen schließe, sehe ich die Ruinen von Vukovar.

Donnerstag 24.2. 2005

Letzter Arbeitstag, 70% der Zimmer sind fertig. Das bedeutet: die Steinwolle ist zwischen die Sparren gestopft, die Sparren sind mit Holz ausgefüttert, die Folie aufgetackert und Dachlatten über Sparren und Folie geschraubt. Mit viel Kraft und Geduld schafften wir heute alles bis auf die letzten zwei Zimmer, in denen aber schließlich mit Unterstützung einiger Schlachtenbummler auch die letzte Schraube im Holz versenkt werden konnte. Stolz wie heimkehrende Astronauten gingen wir die Treppe hinunter und tauchten ein in die Mittagssonne von Cakovec – es war geschafft!

Beim festlichen, unglaublich schönen Abschluß erlebten wir, daß Freundschaften entstanden sind. Die Freude, die Herzlichkeit und das Gefühl der Zusammengehörigkeit waren ein richtiger Vorgeschmack des Himmels. Ein Schluck aus dem Becher der Freude, eine Verbindung zwischen Christen, die ich nur als gottgewirkt bezeichnen kann. Die kroatischen Jugendlichen blieben bis spät in die Nacht, und nach viel Lachen und Freude versanken wir zum letzten Mal in unseren Betten.

Freitag, 25.2.2005

Ein Resümee? Wie unterschiedlich sind die Eindrücke, die Gott uns geschenkt hat! Wir dürfen sie mitnehmen. Toma Magda hatte in seiner Predigt am letzten Sonntag in Cakovec gefragt: Wie verändert sich die Welt? Zuerst bei mir selber, daß mein Zeugnis ein Vorbild für meine Familie wird, daß das Zeugnis unserer Familien ein Zeugnis für unser Land wird und das Zeugnis unseres Landes ein Vorbild für die ganze Welt.

Von

andere Artikel

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal