Offener Brief an gute Freunde

Reichelsheim, im Juni 2005

Liebe Michaela, lieber Frank!

Danke für die lieben Zeilen und für Eure Freundschaft zur OJC, der Ihr immer wieder kreativ, konstruktiv und kritisch Ausdruck gebt. Wir schätzen die Unterstützung durch Euer Gebet und finanzielles Teilen sehr und wissen uns beschenkt durch Euch und das ganze Netzwerk unserer Freunde, ohne das es keine OJC geben würde. Ihr seid die Rückendeckung für unseren Dienst in Kirche und Gesellschaft.

In Eurem Brief bringt Ihr nicht nur Dank, sondern auch ein paar wesentliche Fragen zum Thema Finanzen zur Sprache, auf die ich Euch heute gerne antworten möchte. Ihr fragt, wie wir es uns leisten könnten, unser Finanzbarometer (jeweils im Salzkorn-Editorial) zeitweise auf ein Defizit von über 200.000,–€ ansteigen zu lassen; ob es nicht an der Zeit wäre, unsere Finanzierung langsam auf eigene Erwirtschaftung umzustellen, und ob es denn geistlich verantwortlich sei, dauerhaft von den Spenden anderer zu leben?

Ich will versuchen, Euch einen etwas tieferen Einblick zu geben in mein Verständnis von unserem Auftrag, unserem Leben und der Frage unserer Finanzen.

Von Anfang an verstand sich die OJC ja als ein Experiment. Es war schon Ende der 60er Jahre ein bißchen verrückt, mitten in einer abgesicherten und stark geldwertorientierten Welt alle Kraft in das Leben und die Zukunft der jungen Generation zu stecken und ganz von den Opfern des damals noch kleinen Freundeskreises zu leben. Aber auch um der Glaubwürdigkeit willen war es wichtig, nicht nur in der Botschaft klar, sondern auch im Finanziellen unabhängig zu bleiben von Staat, Kirche und wirtschaftlichen Interessengruppen. Wir haben uns diese Freiheit bis heute bewahrt und in mehr als 37 Jahren Gottes übergroße Treue erfahren. Sicher ist nicht jeder auf einen solchen Weg gerufen, aber wir haben dankbar erlebt, wie Gott nicht nur die Aufgaben und die Mitarbeiterschaft vermehrt hat, sondern auch die Freundesschar mitwachsen ließ, die uns Tag für Tag trägt. Das ist alles andere als selbstverständlich für uns!

Daß wir als Glaubenswerk auch ein Zeichen für die Fürsorge Gottes sein dürfen, das Menschen ins Fragen bringt, hat uns auf diesem Weg ermutigt – wo Er führt, da sorgt Er auch. Tatsächlich haben wir ja bis heute keinerlei Rücklagen, um die Gehälter unserer Mitarbeiter, die alle auf Minimalniveau sind, für Monate im voraus parat zu haben.

Der Auftrag an der jungen Generation und das offensive Sich-Einmischen in kirchliche und gesellschaftliche Fragen erfordert aber nicht nur eine besondere Freiheit von uns, sondern auch eine besondere Verfügbarkeit. Wenn wir unseren Lebensunterhalt außerhalb verdienen würden, könnten wir den Diensten, die wir alle tun und dem Auftrag, der uns gegeben ist, nicht mehr in dieser Eindeutigkeit und Entschiedenheit nachkommen. In den Salzkörnern geben wir Euch ja immer wieder Anteil an unseren Projekten, internationalen Begegnungen, missionarischen Impulsen und politischen Auseinandersetzungen, in denen wir uns engagieren: vor allem, um ein schöpferisches und christuszentriertes Leben und Denken der nächsten Generation zu fördern. (Siehe auch S. 170-171)

Daß wir es mit unseren Diensten unter ökonomischen Gesichtspunkten nicht besonders weit bringen würden, liegt daran, daß unsere „Hauptprodukte“ zwar unendlich kostbar, aber schwer verkäuflich sind. Glaube, Liebe und vor allem Hoffnung wollen wir durch unser Leben hindurchscheinen lassen und weitergeben. Und die Anschauung dazu lernt man nur im alltäglichen Miteinander. Wir wollen jungen Menschen helfen, ihren geistlichen und geistigen Horizont zu erweitern, damit sie ihren eigenen Glauben, ihre Lebenswurzeln und ihren Weg der Nachfolge finden. Wir wollen Familien stärken und Gemeinschaft leben im Kleinen, aber auch als eine weltweite in Christus verbundene solidarische Geschwisterschaft. Dazu bedarf es unserer Präsenz.

Natürlich könnte man jetzt überlegen, wie man kleine Projekte so umsetzt, daß sie rentabel werden, aber vermutlich bliebe dann nicht viel von dem übrig, was unser Dasein und unseren Dienst so wertvoll macht: unsere intensive Zeit des gemeinsamen Lebens, Arbeitens, Betens, Redens, Feierns.

Ein befreundeter Hochschullehrer hat uns einmal geholfen, uns selber besser zu verstehen: „Was ihr tut, ist ein unentbehrlicher Dienst am Leib Christi. Ein Stellvertreterdienst: Vor allem seid ihr zuallererst einfach da. Bei euch findet Gemeinschaft statt. Kaum jemand hat heute die Zeit, geschweige denn das Potential, sich bestimmten Menschen und Fragen so zuzuwenden, wie ihr das tut. Es ist aber wichtig, daß es getan wird und es verlangt eine große Beweglichkeit. Das alles kann ich nicht leisten, aber ihr könnt das tun. Darum unterstütze ich euren Stellvertreterdienst und euer Wächteramt.“

Ein anderes Beispiel: Wenn wir mit der Aufklärungsarbeit unseres Instituts von öffentlichen Forschungsmitteln abhängig wären, könnten wir die heißen Eisen kaum so anpacken, wie wir das tun. Und wenn wir nur vorfinanzierte Auftragsforschung betreiben würden, kämen wir nicht zu den Themen, die wir geistlich für vordringlich halten. Wenn wir unsere Tagungen wirklich rentabel finanzieren wollten, wären sie für die meisten Teilnehmer nicht mehr bezahlbar, schon gar nicht für unsere Geschwister aus den neuen Bundesländern. Weil wir aber glauben, daß es wichtig ist, Seminare anzubieten, die Ehen und Familien und das biblische Menschenbild stärken, tun wir es dennoch und vertrauen, daß unsere Freunde das finanzielle Defizit durch ihr Opfer mittragen. Ebenso sieht es in der Jugendarbeit aus und auf dem großen Feld der Seelsorge.

In den vergangenen Monaten haben wir besonders deutliche Signale dafür erfahren, daß der Himmel mit der OJC wohl noch einiges vorhat. Daß der Ruf in den Osten, nach Greifswald zu gehen und dort eine Zelle der Hoffnung aufzubauen, von den Freunden so aufgenommen und möglich gemacht wurde, ist uns – auch eine geistliche – Bestätigung dieses Weges. Dennoch kann die Zeit der OJC-Gemeinschaft in dieser Form auch irgendwann zu Ende sein. Wir sind uns unserer Zeitlichkeit durchaus bewußt und leben in der Gewißheit, daß Gott die OJC im Moment als sein Werkzeug in Gebrauch hat.

Ich hoffe, ich konnte etwas deutlich machen von unserer speziellen Berufung als Lebens- und Dienstgemeinschaft, die in ihrem Kern ökonomisch nicht rentabel gemacht werden kann, ohne ihren pädagogischen Begegnungs- und Zeugnischarakter zu verlieren. Wir wollen ein Stück Gegenkultur, eine Kultur des Lebens in Christus umsetzen, andere damit anstecken und herauslocken. Das lassen wir uns viel Schweiß und Herzblut kosten. Umso mehr brauchen wir die Freunde, die ihrerseits im Beruf Herz, Schweiß und Kraft einsetzen und uns beherzt unterstützen, wenn es richtig ist und sie die Mittel dafür haben. Gottes Treue und das Teilen von Euch und vielen, vielen Freunden haben uns bis heute durchgebracht, und das Schwinden manches Schuldenberges, der über die Monate hinweg angelaufen war, hat unseren Kleinglauben am Jahresende noch immer beschämt. Gott sei Dank! Daß wir den Löwenanteil der Jahresspenden immer erst im Dezember bekommen, hängt wohl mit der nahenden Jahressteuererklärung unserer Freunde, mit unserer Weihnachtsaktion und dem Humor Gottes zusammen. Daß wir in den Monaten Juni bis November traditionell ein Liquiditätsproblem haben und unseren laufenden Haushalt immer wieder mal durch einen Kredit zwischenfinanzieren müssen, ist eine mittelgute Lösung. (Vielleicht wird sich ja auch hier noch etwas ändern.) Was sich übrigens gewaltig verändert hat, ist der Abbau unserer Schulden und damit zusammenhängend die zu zahlenden Zinsen: Ende der 90er Jahre hatte die OJC bis zu 250 000,- DM Zinsen pro Jahr zu zahlen. Im vergangenen Jahr waren es gerade noch 22 000,- €. Das entspricht nur noch 1,5 Prozent unseres Gesamtetats und zeigt, daß es uns gelungen ist, in den vergangenen Jahren mit den Spenden sparsam und zielgerichtet zu wirtschaften.

Seid gewiß, daß unsere Ohren hörfähig bleiben wollen. Darum sind uns Eure
Rückfragen wichtig, auch weil sie uns helfen, die eigene Position und das eigene Selbstverständnis immer wieder zu überdenken und zu läutern. 

Euch von Herzen dankbar und bereit, im Vertrauen weiterzuwachsen und
vorwärts zu gehen,

Euer Dominik

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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