Geschenkte Jahreszeiten

Rückblick - Augenblick - Ausblick: Kleiner Rechenschaftsbericht für die Freunde

In vino veritas – im Wein liegt Wahrheit“, heißt ein geflügeltes Wort der Alltagsphilosophen. Wir denken dabei spontan an die gelockerte Zunge der Genießer guter Tropfen.

Wenn schon im Wein viel Wahrheit ist, wieviel mehr muß der Weinstock in der Wahrheit wurzeln – ist er es doch, der die süßen Trauben trägt und hervorbringt! Jesus hat das Bild vom Weinstock und den Reben gern benutzt, um deutlich zu ­machen, welche wunderbare Verheißung über einem Leben liegt, das in enger Verbindung mit ihm steht: „…wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringt reiche Frucht“ (Joh. 15,5).

I. Im Rückblick

Vor fünf Jahren, im Mai 2000, noch bevor ich mit meiner Familie nach Reichelsheim kam, habe ich beim „Tag der Offensive“ den Werdegang der OJC-Gemeinschaft mit dem Bild der Jahreszeiten beschrieben. Gemeinschaft ist ein lebendiger Organismus, und alles Lebendige durchläuft bestimmte Jahreszeiten und Lebensalter. Sinngemäß sagte ich damals: „Es gab einen Frühling unserer Gemeinschaft, den Aufbruch 1968, als in den Zeiten der teilweise destruktiven und aggressiven Studentenbewegung das Ehepaar Hofmann den Impuls aufnahm, das Evangelium offensiv der jungen ­Generation weiterzusagen und sie zu einem verbindlichen Leben im Geist der ersten Christen der Apostel­geschichte einlud. Nach vollen Sommer- und reichen Erntezeiten in den 80er und 90er Jahren, in denen die Gemeinschaft und ihr Freundeskreis kontinuierlich wuchsen, ging es durch eine Periode des Spätherbstes langsam in den Winter. Hier scheint die Gemeinschaft jetzt angekommen.“ Vielleicht erinnert sich mancher von Ihnen noch daran. Diese Sätze haben damals viel Wirbel ­ausgelöst, manches in Bewegung ­gebracht und einen spannenden ­Prozeß eingeleitet.

Ziel der Rede war damals nicht, das Ende der Gemeinschaft zu prognostizieren oder frostige Zeiten einzuläuten, sondern auf den notwendigen Gang hinzuweisen, dem lebendige Organismen natürlicherweise unterworfen sind. Es ist ungesund, immer in Hochphasen zu leben und Erntezeit zu haben. Der Winter ist nicht das Ende eines Weinstocks, sondern eine notwendige Phase der Sammlung, um sich innerlich auf den nächsten Frühling vorzubereiten. Freilich: Er muß sein Blattwerk fallen lassen – er wird beschnitten. Aber er darf auch ruhen, neue Kräfte sammeln und sich seiner Wurzeln vergewissern.

Diesen Erneuerungsprozeß hat die OJC in den vergangenen 5 Jahren durchgemacht – und durchmachen müssen. Und viele von unseren Freunden haben uns dabei sehr unterstützt. Daß wir heute noch beieinander sind, daß es die OJC-Kerngemeinschaft weiter gibt, daß wir den ­Leiterwechsel überstanden haben, ist das Gegenteil von selbstverständlich. Wir durften den ­Segen der vergangenen Jahre sichten und hatten viel Grund, unserer Freude über das Gewordene in Dank- und Lobliedern Ausdruck zu geben. Aber auch das Schwere der gemeinsamen Geschichte wollte zugelassen werden und mußte wahr sein dürfen. Unfruchtbare Wassertriebe und überflüssiges thematisches Blattwerk mußten ­zurückgeschnitten, Strukturen geklärt, Leitung neu geordnet und entlastet werden, um uns mit unseren Kräften auf unseren Kernauftrag zu konzentrieren. Jean Vanier, der erfahrene Leiter der Arche-Gemeinschaften, hat in großer Weitsicht gesagt: „Um Zukunftspläne zu schmieden, muß eine Gemeinschaft ihre Vergangenheit gut ver­arbeitet haben und einen Sinn für die eigenen ­Traditionen entwickeln.“

Dauerhaft Stehvermögen zeigen heißt eben nicht, wie uns das moderne Effizienzdenken glauben machen will, jedes Jahr weiter zu ­wachsen, das Tempo weiter zu erhöhen und zu schauen, daß man dabei noch aufrecht stehen kann. Stehvermögen im Sinne eines Lebens mit ­Christus bedeutet, maßvoll leben zu lernen, d.h. an Ihm Maß zu nehmen und von Ihm mehr zu ­erwarten als vom eigenen Einsatz, denn nur so bleibt unser Tun fruchtbar für das Reich Gottes.

II. Im Augenblick

Der Sprung in die nächste Leitergeneration 2002 war der Anfang eines Generationswechsels in der OJC. Wir sind von Herzen dankbar, daß sich in den vergangenen Jahren neue junge ­Mitarbeiter in die Gemeinschaft rufen ließen und wir jetzt gemeinsam prüfen, ob sie nach einer Zeit als assoziierte Mitglieder dauerhaft den Weg der Gemeinschaft mitgehen werden.

Die Tatsache, daß es den ersten Jahrgang von „Assoziierten“ gibt, ist ebenso neu wie kostbar für uns und bringt eine große Herausforderung: die Arbeit an einer verbindlichen Lebensordnung. Die Realität einer ständig gewachsenen Kommunität, älter werdender Mitarbeiter und die Frage der Neuen „Wo hinein werde ich ­eigentlich gerufen?“, machen einen geklärteren Rahmen unseres gemeinsamen Lebens notwendig, damit die Erwartungen aneinander weder zu groß noch zu klein werden.

Unser Grundauftrag

Ohne Zweifel hat Gott in den 60er Jahren zu Menschen gesprochen, die aufmerksam auf ihn und auf die Zeichen der Zeit hören konnten, und sich die Offensive Junger Christen berufen. Mit menschlicher Planungskraft allein wäre dieses Experiment nie gelungen. Dazu bedurfte es ­vieler großer und kleiner Wunder. Zu den Wundern der vergangenen Monate gehört, daß wir trotz unseres Schwerpunkts auf dem Innenbau der ­Gemeinschaft („Winterzeit“) dem offensiven Grundauftrag weiter wirkungsvoll nachkommen konnten. In der Grundberufung der OJC von 1968 heißt es: „Schafft und schult eine geeinte revolutionäre Mannschaft, eine Streitmacht, die Menschen von Gott abhängig macht und in unserer Welt die brennenden Probleme wirksam anpackt… die zu Regierungen des Staates, der Kirche und der Wirtschaft sprechen will, um für die Modernisierung und Rettung unserer Welt einzutreten.“

Was sich heute etwas großspurig liest – ganz im kämpferischen Pathos jener Tage –, hat sich in den vergangenen Wochen neu bestätigt und zeigt, wie nah wir an diesem Grundauftrag dran sind: In ­unserem politischen Engagement – durch die Möglichkeit unseres Instituts, als Gutachter vor dem Rechtsausschuß des Deutschen Bundestages in Berlin zur Frage des Adoptionsrechts homo­sexueller Paare Stellung zu nehmen. In der Wirtschaft – durch die Möglichkeit, im Rahmen der Preisverleihung des BMW-Award für unsere ­Jugendarbeit zu Managern aus der Automobilbranche über interkulturelle Begegnung als urchrist­liches Phänomen zu sprechen. Nicht zuletzt auch in der Kirche – durch unsere Mitarbeit in der EKD-Kommission zur Klärung des Verhältnisses der Kommunitäten und der Evangelischen Kirche. ­Sicher auch durch die intensiven Impulse des ­Bibelparcours auf dem Kirchentag, der ein begeistertes Publikum und ein großes Medieninteresse fand.

Das Zentrum unseres Auftrags aber liegt weiter darin, unser alltägliches Leben mit dem lebendigen Christus zu gestalten und ihn jungen Menschen in und außerhalb der OJC offensiv zu ­bezeugen – nicht defensiv in falscher Scham oder aggressiv in falscher Gegnerschaft, sondern als von Jesus Christus autorisierte Zeugen, die sich des Evangeliums nicht zu schämen brauchen, die im eigenen Leben seine Barmherzigkeit erfahren haben und deshalb Hoffnung weitergeben können. Von dieser Mitte her ergeben sich Wege der Tat in Kirche, Gesellschaft und weltweiten Partnerschaften.

III. Im Ausblick

In den Feldern Seelsorge und Kirche, Pädagogik und Familie, Ökologie und Eine-Welt-Arbeit sind die OJC-Zweige in den vergangenen drei Jahrzehnten gewachsen. Vor etwa zwei Jahren haben wir unsere Dienstausrichtung in vier Schlagworten zusammengefaßt: Wir wollen helfen, neue Horizonte zu öffnen, die eigenen Lebenswurzeln zu ­finden, Familie zu stärken, Gemeinschaft zu leben in weltweiter Geschwisterschaft.

Wie aber geschieht das?

Ich will versuchen, dieses „Wie“ in drei Bewegungen zu fassen, die wir im Kleinen einüben und aus denen heraus sich unser Leben und unser Dienst gestaltet.
 

1. Aufhorchen

Als Aufhorchende zu leben, bedeutet anzuerkennen, daß wir das Entscheidende nicht in uns selber tragen, sondern daß wir zuerst und immer wieder neu Empfangende sind. Gott sucht den Menschen und er will jeden einzelnen finden und sein Leben reich und fruchtbar machen. Er spricht mit uns. Doch die Stimme Gottes ist nicht unbedingt die lauteste Stimme in uns. Darum wollen wir uns in eine Feinhörigkeit einüben, die die Stimmen unterscheiden lernt. Im täglichen Hören in der Stille können wir die eigene Bestimmung immer besser herausfinden. Je klarer die eigene Bestimmung durch Christus in uns zum Klingen kommt, desto kraftvoller können wir der Macht der Fremdbestimmung einer immer schrilleren Welt widerstehen.

Es gehört zur Geschichte der Christenheit und ist auch OJC-Erfahrung, daß entscheidende Impulse ihre Dynamik in der Stille bekamen. Unsere Gründer Horst-Klaus und Irmela Hofmann haben dieses Aufhorchen auf Gott von Beginn an in der Gemeinschaft praktiziert und gelehrt. Wir müssen einander helfen, daß das nicht zur Routine oder frommen Pflichtübung verkommt, sondern Sauerstoff fürs tägliche Weitergehen bleibt. „Celebrate the presence of the Lord – feiere die Gegenwart Gottes“, hat unsere Freundin Leanne Payne das genannt, was ich mit Aufhorchen meine.

2.Querdenken

Wir leben in einer Zeit gewaltiger Versuchungen und Verirrungen. Es ist bei weitem nicht alles wahr, was gesagt und gedruckt wird. Die Medien produzieren heute einen schier endlosen Ausstoß halbleerer und leerer Worte. Das ebnet die Unterschiede von Ja und Nein, von Wahr und Falsch zunehmend ein. In dieser wachsenden Gleichgültigkeit ist folgerichtig alles gleich gültig; erlaubt ist, was Spaß macht, lehrt uns der Geist der ­Belanglosigkeit.

Der Geist Gottes, der Heilige Geist lehrt uns ­etwas ganz anderes. Er lehrt uns glauben, hoffen und lieben und den Geist der leeren Worte im Licht der heiligen Schrift zu unterscheiden. Er lehrt uns, ein relatives Verhältnis zu relativen ­Dingen und ein absolutes Verhältnis zu absoluten Dingen zu entwickeln, und in die Freude und die Freiheit des Evangeliums hineinzufinden. Denn das Leben wächst bei Ja und Nein – zum rechten Zeitpunkt.

Querdenken lernen bedeutet auch, gegen die ­politische Correctness und gegen das scheinbar so Plausible skeptisch zu bleiben und immer wieder die Zeitphänomene auf dem Hintergrund der größeren heilsgeschichtlichen Linien zu sehen. In diesem größeren Horizont geht es um ein Sein und ein Denken, das dem Leben dient. Querdenken heißt auch sprachfähig werden und sich eine innere Wachsamkeit und heilige Unruhe zu bewahren, um – wenn es Zeit ist – den Widerspruch zu üben und bereit zu sein, jeden Meter Boden gegen die schleichenden Mächte der Zerstörung zu verteidigen. Wohl wissend, daß nicht die eigene Kraft, sondern die des Heiligen Geistes zu diesem Kampf befähigt.

3. Rund leben

Rund leben ist gewissermaßen das Bewährungsfeld von Aufhorchen und Querdenken. Das Leben mit Christus ist ein Leben in Gemeinschaft. ­Dietrich Bonhoeffer sagt es noch radikaler: „Der neue Mensch ist die Gemeinschaft.“ Rund leben meint ein Leben in Geschwisterschaft, denn man kann sich alleine nicht im Kreis aufstellen. Jesus sagt: „Wo aber zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“: Christus im Bruder und in der Schwester, die mir zur Seite gestellt sind, und die ich mir vielleicht gar nicht ausgesucht habe. In der geistlichen Gemeinschaft geht es im Kern nie um Sympathie, sondern „es ist das Blut Christi, das uns reinigt und zusammenklebt“ (Martin Luther). Daß ­Gemeinschaft heute noch gewagt wird, ob in Ehe, Freundschaft oder Bruderschaft, ist ein Zeichen der Hoffnung gegen die Mächte der Zerstörung in dieser Welt. Gott selbst ist Gemeinschaft.

„Geschaffen zu seinem Bilde“ sind wir und somit zum Leben in Gemeinschaft berufen. Gottes Ebenbildlichkeit in all unserer Zerbrechlichkeit und Begrenzung in die Welt zu tragen, hierin liegt unsere Würde und Sendung.

Rund leben bedeutet für mich auch, um den Zusammenhang und das Gleichgewicht des globalen Horizontes und des persönlichen Lebensstils zu ringen. Es genügt heute nicht mehr, die richtige Theorie zu haben, sondern es geht um das richtige Leben. Im aufrichtigen versöhnten Miteinander liegt die stärkste Botschaft unseres Lebens: „Wir sind ein Brief Gottes, gesendet in die Welt – vielleicht ist das die einzige Botschaft, die heute noch verstanden wird“, sagt Teresa von Ávila. Der Kampf der Ideologien im letzten Jahrhundert ist gescheitert. Viel lauter als die richtige Theorie spricht die Wahrheit unserer Biographien. Darum muß heute die gelebte Wahrheit geteilt und gelehrt werden.

Aufhorchen, querdenken, rund leben – zielen nicht auf Erfolg. Aber wenn wir mit dem Einüben in diese drei Bewegungen ernstmachen, werden wir immer klarer und ausdauernder auf die Hoffnung hinweisen, die uns von Christus her bewegt. Wenn wir damit aufrichtig umgehen, wird unser Leben aufrecht sein und wir tun, wozu Gott seine Gemeinde berufen hat. Vor allem gilt uns dann der Zuruf und die Verheißung Jesu: „Wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringt reiche Frucht.“ Im Weinstock selbst liegt die Quelle des Lebens und der Wahrheit. Möge der nächste Frühling kommen.

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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