Immerzu Winter und niemals Weihnachten

Ein kleines Märchen im großen und warum Weihnachten gefeiert werden muß

Stellen Sie sich vor, es gäbe kein Weihnachten - was würde Ihnen fehlen? Dem Land Narnia ist es so ergangen, und welche verheerenden Folgen das hatte, lesen Sie in ­folgender Geschichte, die sehr frei den Gestalten und Ereignissen des zauberhaften Märchens "Der König von Narnia" von ­ C. S. Lewis folgt. Die Straßenlaterne - allen großen und kleinen Narnia-Liebhabern bestens bekannt - erzählt:

Ich gehöre zu Narnia seit dem Tag, an dem es geboren wurde. Ich war dabei als Aslan, der Sohn des größten Königs, die Welt mit seinem Gesang erschuf und sah, wie durch die Kraft seiner Worte die Berge und das Meer, die Bäume, Blumen und Tiere ins Leben kamen. Übrigens sehr wundersame Tiere - Aslan gab ihnen die Fähigkeit zu sprechen, so wie in unserer Welt nur die Menschen sprechen können. Auch andere Bewohner Narnias sind für unsere Begriffe höchst seltsam: Nymphen, Dryaden, Zentauren, Zwerge, Riesen und Faune haben hier ihr Zuhause.

Apropos "unsere Welt": Ursprünglich komme ich aus London. Ich war eine ganz normale Straßenlaterne in einer Londoner Vorstadt bis zu dem Tag, als die Hexe Jadis, die aus Versehen in unserer Welt gelandet war, ein Stück von mir abbrach und damit einige Londoner Polizeibeamte k.o. schlug. Als wir uns kurze Zeit später hier, in Narnia, wiederfanden, wurde ich auf den Boden geworfen und - es muß daran gelegen haben, daß die Erde hier noch so jung und äußerst fruchtbar war - jedenfalls wuchs ich innerhalb kürzester Zeit zu einer vollstän digen Straßenlaterne heran und stehe seitdem im "westlichen Laternendickicht" in Narnia. Natürlich kann ich jetzt nicht die ganze spannende Geschichte von der Erschaffung dieser zauberhaften Welt und ihrer Bewohner und vom großen Aslan erzählen, denn das, was im Augenblick hier passiert, ist mindestens ebenso spannend und bedeutungsvoll.
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Um es vorwegzunehmen: Narnia hat sich sehr verändert. Es ist nicht mehr das freie, blühende und fruchtbare Land, das Aslan erschaffen hatte. Die weiße Hexe - keiner weiß, woher sie kam - riß die Macht in Narnia an sich. Sie haßt alles Warme, Lebendige und Fröhliche und überzog das blühende Land mit ihrer eisigen Kälte. Seitdem ist Winter. Verstehen Sie: immerzu Winter. Alles Leben liegt erstarrt unter einer dicken Decke von Eis und Schnee. Jeden, der es wagt, sich gegen sie aufzulehnen, versteinert sie mit ihrem Zauberstab. Unzählige Steinfiguren schmücken schon ihr düsteres Schloß Feeneden. Einige der Geschöpfe Narnias sind zu Verrätern geworden und zur weißen Hexe übergelaufen. Niemandem kann man mehr trauen. Kaum einer hat noch eine Erinnerung an ein warmes, blühendes Leben - sie kennen nichts anderes mehr als Kälte. Die Hoffnung, daß es jemals anders werden könnte, ist längst erfroren. Das ist das Schlimmste: immerzu Winter und niemals Weihnachten.

Doch nun ist das Gerücht im Umlauf, Aslan werde kommen; manche sagen sogar, er sei schon da. Seit Generationen ist Aslan nicht in Narnia gesehen worden und kaum jemand hat mehr eine rechte Vorstellung von ihm. Aslan - der Löwe, der Sohn des großen Königs jenseits der Meere.

Und noch etwas ist passiert: Menschenkinder sind aufgetaucht. Die vier - zwei Mädchen und zwei Jungen - behaupteten, sie seien in ihrer Welt in einen alten Wandschrank geklettert und in Narnia wieder herausgekommen. Das ist höchst bedeutsam für uns, denn es gibt einen uralten Wahrspruch in Narnia, der sagt: "Sitzen zwei Adamssöhne und zwei Evastöchter auf den vier Thronen von Feeneden, dem alten Schloß am Meer, dann ist die Herrschaft der weißen Hexe zu Ende und ihr Leben verwirkt."

Im Augenblick sind drei von ihnen, nämlich Peter, Suse und Lucy, mit den guten Bibern unterwegs. Sie müssen so schnell wie möglich den Steintisch erreichen. Dort, so lautete die geheimnisvolle Botschaft, würde Aslan auf sie warten.
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Doch - einer fehlt. Edmund, ihr Bruder, ist der weißen Hexe auf den Leim gegangen. Er war ihr vorher schon einmal begegnet und bekam von ihr so viel türkischen Honig, wie er nur wollte. Zudem versprach sie ihm schmeich lerisch, ihn zum künftigen König von Narnia zu machen, wenn er seine Geschwister an sie verriete. Natürlich wollte sie alle vier Kinder in ihre Gewalt bringen, um ihre Macht zu sichern, denn auch sie kennt den alten Spruch. Aber davon hatte Edmund keine Ahnung. Er konnte an gar nichts anderes mehr denken als an türkischen Honig und wurde tatsächlich zum Verräter - so geht es jedem, der einmal von den Speisen der Hexe gekostet hat.

Schauen wir, wie es den anderen ergangen ist:

Als die Biber und die drei Kinder endlich merkten, daß Edmund davongeschlichen war, um der Hexe ihre Pläne zu verraten, brachen sie sofort auf, um vor ihr den großen Steintisch zu erreichen.

Es war keine vergnügliche Schneewanderung, die sie in dieser Nacht hinter sich brachten. Der Biber führte sie über den Biberdamm, am Fluß entlang auf geheimen, schmalen Pfaden. Gehetzt stolperten sie durch den Wald und versanken immer wieder tief in den Schneewehen. Lucy war so müde, daß sie fast im Laufen einschlief, als der Biber ganz plötzlich haltmachte. Sie hatten das Bibergeheimversteck erreicht. In dieser kleinen Höhle ruhten sie sich einige Stunden aus, um neue Kräfte zu sammeln.
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Kaum waren sie am Morgen erwacht, hörten sie das Geräusch, vor dem sie sich auf ihrer ganzen nächtlichen Wanderung gefürchtet hatten: "Kling, klang - kling, klang" ertönte es. Der Schlitten der Hexe! Für einen Augenblick saßen sie wie erstarrt, dann fuhr der Biber wie ein Blitz aus der Höhle. Im Schutz der Büsche kletterte er höher hinauf, um zu sehen, welchen Weg der Hexenschlitten nehmen würde. Die anderen warteten angespannt. Plötzlich rief er fröhlich: "Alles in Ordnung, kommt nur heraus!" Biberin und Kinder buddelten sich aus der Höhle hervor und blinzelten ins Tageslicht. Der Biber tanzte vor Vergnügen "Das ist ein schwerer Schlag für die Hexe. Ihre Macht scheint bereits gebrochen!"

Was sahen sie? Einen Schlitten und Rentiere mit Glocken am Zaumzeug. Und im Schlitten saß einer, den jeder auf den ersten Blick erkennt: ein riesenhafter Mann in leuchtend rotem Rock mit einer Pelzmütze, sein großer weißer Bart fiel wie ein Wasserfall über seine Brust. Selbst wenn man ihn nur bei uns in Narnia wirklich sehen kann, hat man doch sicher auch auf der anderen Seite der Wandschranktür schon von ihm gehört. Der Weihnachtsmann war kein bißchen drollig oder kitschig, sondern hoheitsvoll, zugleich freudestrahlend und sehr feierlich. "Endlich kann ich kommen.", sagte er "Sie hat mich lange Zeit ferngehalten, aber nun bin ich wieder da. Erinnert euch: Aslan ist unterwegs, er wird die Hexe besiegen. Und hier sind eure Geschenke - es sind Werkzeuge, keine Spielsachen."
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Mit diesen Worten übergab er Peter ein Schwert und einen Schild, Suse einen Bogen, einen Köcher mit Pfeilen und ein kleines Elfenbeinhorn, mit dem sie um Hilfe rufen konnte, wenn sie in Not war. Und Lucy bekam ein Fläschchen mit Lebenswasser, das aus der Feuer blume kommt. Wenige Tropfen davon reichen, um auch die tödlichsten Wunden zu heilen. "Und nun gebe ich euch das, was ihr jetzt gerade nötig habt", sagte der Weihnachtsmann und holte ein großes Tablett mit Tassen und Untertassen hervor, dazu ein Krüglein Sahne und eine große Kanne mit siedendheißem Tee. Dann rief er "Fröhliche Weihnachten! Lang lebe der wahre  König!", knallte mit der Peitsche und war davon, ehe sie wußten, wie ihnen geschah.

Vergnügt und sorglos feierten die Freunde; so, als befänden sie sich im gemütlichen Biberbau und nicht auf einer gefahrvollen Reise durch das verschneite Narnia. Dann brachen sie auf. Trotz des beschwerlichen Weges und der ungewissen Zukunft war ihnen seltsam leicht zumute. Einer hinter dem anderen liefen sie Stunde um Stunde durch den Wald. Lucy war nachdenklich geworden. Sie mußte an die traurigen Worte des freundlichen Fauns denken, dem sie gleich zu Beginn ihres Narnia-Abenteuers begegnet war: "Immerzu Winter und niemals Weihnachten." Nun waren sie dem Weihnachtsmann begegnet und hatten gefeiert. Und sie spürte: irgend etwas war anders geworden. So anders, daß sie es gar nicht mit vorher vergleichen mochte. Aber was war es? Doch nicht nur die Geschenke und der leckere Tee, oder?

Sie lief ein wenig schneller, um Seite an Seite mit dem Biber gehen zu können und fragte: "Warum gerade Weihnachten? Warum war‘s für den Faun und für ganz Narnia so schlimm: Immerzu Winter und niemals Weihnachten?"
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Der Biber schwieg lange und Lucy fürchtete schon, er habe ihre Frage gar nicht gehört, dann sagte er gedankenvoll: "Es ist das Zeichen."

"Das Zeichen? Wofür?"

 "Dafür, daß Aslan zu uns kommt." Und nach einer Weile fügte er hinzu: "Weiß du, daß er kommt, kann die weiße Hexe nicht verhindern, denn Aslans Macht ist tausendmal größer als ihre und das weiß sie sehr genau. Aber sie kann etwas anderes: Sie kann uns daran hindern, auf ihn zu warten und uns an seine Zeichen zu erinnern und nach ihm Ausschau zu halten, so daß wir ihn womöglich verpassen."

"Aber wie kann sie euch denn daran hindern?"

"Indem sie Weihnachten und überhaupt das Feiern verboten hat. Denn siehst du, diese Zeichen, die einen an die verheißene Rettung erinnern sollen, die kann man nicht selber machen. Die bekommt man geschenkt und um sie nicht wieder zu verlieren, muß man von ihnen reden und sie feiern und sich an ihnen wärmen."

"Ist es deshalb, daß Narnia so durch und durch kalt geworden ist?"

"Ja, mein Kind" seufzte der Biber "weil wir vergessen und die Hoffnung nicht gefeiert haben." Aber dann schüttelte er energisch seinen pelzigen Kopf und sagte: "Aber warum traurig sein, es ist ja vorbei! Jetzt haben wir Weihnachten gefeiert und Aslan wird kommen und die Hexe besiegen und dann, dann wird es endlich Frühling."

Unterdessen erlebte Edmund viele Enttäuschungen. Es sah gar nicht mehr so aus, als wollte die Hexe ihn zum König machen. Sie war aufgebracht und sehr unfreundlich, als sie erfuhr, daß seine Geschwister unter Führung der Biber auf dem Weg zum Steintisch waren. Sie zwang Edmund, in ihrem weißen Schlitten Platz zu nehmen. Der Kutscher (ein Zwerg, der auf die Seite der Zauberin übergelaufen war) hieb auf die Rentiere ein, und sie glitten in die Dunkelheit und Kälte hinaus. Edmund hatte keinen Mantel und war schon nach kurzer Zeit völlig durchnäßt. Ach, wie müde und unglücklich fühlte er sich. Er hätte viel darum gegeben, jetzt bei den anderen zu sein.

Ohne Halt fuhren sie weiter. Aber bald merkte Edmund, daß der Schnee viel nasser war, als in der vergangenen Nacht. Der Schlitten schwankte und holperte, als führen sie über Steine. Die Fahrt wurde langsamer und langsamer. Als er genauer hinhörte, bemerkte er ein Geräusch, das er in Narnia noch nicht gehört hatte: "tropf, tropf, tropf" - der Klang von fließendem Wasser. Der Schnee schmolz immer rascher dahin. Frisches, grünes Gras kam zum Vorschein. Und als der Nebel sich verzog und die Sonnenstrahlen über den Waldboden glitten, hoben Schneeglöckchen und kleine Sternblumen ihre Köpfchen, wagten sich Krokusse und Narzissen hervor. Dann trillerte ein Vogel, ein zweiter antwortete und bald war der ganze Wald erfüllt vom Piepsen und Pfeifen, Zwitschern und Jubilieren.
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"Schneller, schneller!", schrie die Hexe. Längst hatten sie den Schlitten stehen gelassen und eilten zu Fuß weiter. Die Bäume waren gerade zu vollem Leben erwacht und eine Biene summte quer über ihren Pfad, als plötzlich der Zwerg stehen blieb und rief: "Das ist kein Tauwetter mehr - das ist der Frühling! Mit eurem Winter ist es aus, Zauberin. Aslan ist da!"

Tatsächlich: Aslan war gekommen. Die Wärme war zurückgekehrt. Doch die weiße Hexe gab sich noch nicht geschlagen und für einen kurzen Moment sah es so aus, als sollte sie doch noch die Oberhand behalten. Die vier Kinder und alle Narnianen, die auf Aslans Seite standen, kämpften in schweren Gefechten mit den Waffen, die sie vom Weihnachtsmann erhalten hatten, tapfer um ihre Freiheit. Doch auch das brachte noch nicht den endgültigen Sieg. Es war Aslan, der die Entscheidung herbeiführte. Aber nicht durch Kampf, sondern dadurch, daß er sich anstelle der treulosen und verräterischen Narnianen (in diesem Fall zählte auch Edmund dazu), die ihr gutes Land leichtfertig dem Bösen preisgegeben hatten, bestrafen ließ. Das brach die Zaubermacht der bösen Hexe und es gab keinen Zweifel mehr: Aslan hatte gesiegt, Narnia war frei!
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Inmitten der Festlichkeiten, mit denen sie diesen Sieg fröhlich feierten, verschwand Aslan unbemerkt. Die Biber hatten es den Kindern vorhergesagt: "Er wird kommen und gehen. Niemals läßt er sich halten. Das ist ganz recht so. Es gibt auch noch andere Länder, die auf ihn warten. Er wird wiederkommen, das hat er versprochen, aber ihr dürft ihn nicht drängeln. Er ist wild, wißt ihr, er ist kein zahmer Löwe."

Peter, Suse, Edmund und Lucy erlebten noch viele spannende Abenteuer bei uns, bevor sie durch den Wandschrank in ihre eigene Welt zurückkehrten.

Narnia ist jetzt wieder ein freies, blühendes Land. Natürlich gibt es auch jetzt noch Winter bei uns, so wie es in den Lauf des Jahres hineingehört. Und natürlich erinnern Schnee und Kälte uns in jedem Jahr an die trostlose Zeit unter der schrecklichen Herrschaft der weißen Hexe, als immerzu Winter und niemals Weihnachten war.

Aber gerade deshalb feiern wir jetzt jedes Jahr die Zeichen Aslans mit großer Freude und tiefem Ernst, damit wir uns selbst und alle Kinder in Narnia daran erinnern: Er kam, um uns zu befreien und er wird wiederkommen, wie er es versprochen hat.

Die Chroniken von Narnia von C.S. Lewis sind neu aufgelegt:

Brendow Verlag Moers, November 2005 und C. Ueberreuter Verlag Wien, September 2005

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

    Alle Artikel von Rebekka Havemann

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