Immanuel - Gott rückt uns auf den Leib

..ein Licht, zu erleuchten die Völker. Rembrandt: Christus im Kreise seiner Jünger - Niederlande
..ein Licht, zu erleuchten die Völker. Rembrandt: Christus im Kreise seiner Jünger.

Vom höchsten Einsatz, der je gewagt wurde.

Ein theologischer Wegweiser zur Weihnacht

Roland de Pury

„Weihnachten - Jesus wird geboren“: diese Botschaft ist uns vertraut. Vielleicht zu vertraut, als daß sie unser Bild von Gott und von uns selbst noch berühren könnte? In achtsamer und doch eindringlicher Schlichtheit öffnen die folgenden Worte des Schweizer Pfarrers und Widerstandskämpfers Roland de Pury (1907-1979) die Tür, die weltverändernde Bedeutung des Weihnachtswunders neu zu erfassen, zu bestaunen und daran gesund zu werden.

Wenn wir doch wüßten, ob Gott existiert! Wenn er doch einmal sein Dasein aufweisen oder es doch wenigstens erraten lassen wollte! Aber immerfort dieses Schweigen, dies Geheimnis, diese Ferne! Immerfort unsere Ungewißheit, unsere Armut, immerfort häuft sich das Unheil in der Welt, immer dichter wird die Finsternis. Oder wenn man doch ganz sicher wissen könnte, daß Gott nicht ist und daß man nicht mehr darauf zurückzukommen braucht! Aber unser Unglaube hat ebensowenig sicheren Boden ­unter den Füßen wie unser Glaube.

„Ach, daß ich wüßte, wie ich ihn finden möchte“, klagt Hiob (23,3). Ach, wenn ich doch ganz sicher wüßte, daß ich ihm nicht begegnen muß, denkt der Ungläubige. Könnte man doch wirklich wissen, wie er ist! Könnten wir doch Ruhe finden - wenn nicht im Glauben, so doch wenigstens in unserer Indifferenz! Aber es fehlt uns jede Gewißheit, sei sie nun positiv oder ­negativ. Was ist denn das für ein Gott, von dem wir weder wissen können, daß er da ist, noch, daß er nicht da ist? Was sollen wir da tun, ausdenken, erfinden?

Nichts!

Aber nun hat dieser unbekannte Gott selber etwas „erfunden“! Und die Männer der Bibel sind Zeugen dafür. Wir können nur eines tun: sie anhören. Drei von ihnen wollen wir heraus­greifen, um uns verständlich zu machen, was Gott an Weihnachten tut: Mose, Philippus und Simeon.

Mose

„LASS MICH DEINE HERRLICHKEIT SEHEN.“

Die Bibel berichtet uns erstaunliche und unwahrscheinliche Dinge. So geschieht es insbesondere in Kapitel 33 des Exodus. Da erreicht der Widerspruch geradezu seinen Gipfel. Gott antwortet dem Mose: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht“ (2. Mose 33,20). Und das hören wir, nachdem uns unmittelbar zuvor erzählt worden ist: „Der Herr redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet“ (2. Mose 33,11). Ist nun der Verfasser des Buches Exodus von Sinnen, oder will er sich geradezu über uns lustig machen? Nehmen wir jede dieser beiden Äußerungen für sich allein, so scheinen sie uns allemal schon übertrieben und ungreifbar. Wir können nicht glauben, daß bereits das Schauen Gottes uns den Tod einbrächte, daß Er für uns so sehr der Fremde wäre, daß allein seine Gegenwart uns ins Nichts stieße. Aber noch weniger können wir an einen Gott glauben, der mit uns „von Angesicht zu Angesicht“ spräche, „wie ein Mann mit seinem Freunde redet“. Von uns aus möchten wir wünschen, daß der Gegensatz weniger hart und die Ähnlichkeit weniger unmittelbar wäre. Wir möchten wohl, daß Er weniger fern, aber auch weniger nahe wäre. Es paßt uns nicht zu hören, daß wir sterben müßten, wenn wir Ihn sähen; aber es will uns auch nicht einleuchten, daß wir in Ihm einen „Freund“ finden wie unsere anderen Freunde, der uns grüßt und uns die Hand gibt, der mit uns das Mahl hält und als unser Nächster unsere Sorgen teilt. Wir können uns nicht denken, daß Er uns begegnet wie ein Mensch unter Menschen, und daß man dann noch sagt, dies sei Er, der Gott, den wir suchen. Am liebsten wäre es uns, Er wäre auf der einen Seite ein wenig weniger Gott, auf der anderen Seite ein wenig mehr Gott, als Er uns hier begegnet. Wir möchten sozusagen den mittleren Weg einhalten. Hier aber wird nun beides von dem gleichen Gott gesagt! Es heißt, daß ich sein Angesicht nicht sehen kann, ohne zu sterben, und es heißt zugleich, daß Er einer meiner Freunde ist, der mit mir redet von Angesicht zu Angesicht! Ist es nicht widersinnig, dies beides auf einmal zu sagen?

Der leichte Ausweg

Es ist ein Glück, daß es noch andere Götter gibt als den des Mose, Götter, die uns besser passen und die wir besser verstehen. Und obendrein kann man natürlich diese biblischen ­Erzählungen nicht wörtlich nehmen, man kann in ihnen sozusagen Symbole sehen, Redeweisen, die uns die Freiheit lassen, die Gottheit auf ­unsere eigene Weise anzuschauen, und Gottes Gegenwart und Ferne, Gottes Leben und unser Leben so gegeneinander abzuwägen, wie es uns auskommt. Man kann sehr wohl aus Weihnachten den legendären Glorienschein machen, der die Geburtsgeschichten der Helden umgibt. Man kann allenfalls in dem Gott des Mose eine ­primitive Auffassung der Gottheit erblicken, wie sie bei Menschen aufkam, die noch keinen Sinn für den Widerspruch hatten. Man kann sich dies alles einbilden und noch vieles andere mehr, um der Botschaft der Bibel aus dem Wege zu gehen, um gegen die Offenbarung abgesichert zu sein und der Gefahr zu entlaufen, die eine große Entdeckung zu machen.

Die älteste Versuchung

Weil es aber nun so ist, so müssen wir uns wohl fügen, so müssen wir wohl versuchen zu verstehen und uns unter Zittern zu freuen. Was hier not tut, ist nicht dies, daß wir abermals ans Debattieren gehen, sondern es ist die Anbetung und das Beugen der Knie vor dem Gott, der nicht der Gott unserer Weisheit und unseres Denkens, sondern der Gott des Mose ist, der ­lebendige Gott, der einige Gott.

Nun, es ist wahr: wir können Gott nicht sehen, ohne zu sterben. Es ist wahr: Gott ist so sehr ­anders als wir, so sehr von uns verschieden, daß alles Schauen seiner Herrlichkeit, alle unmittelbare Erkenntnis seiner Gottheit für uns unerträglich, keine Wohltat, sondern ein Fluch ist. Konfrontiert mit der Existenz Gottes versinkt unsere Existenz im Nichts. Gott ist ja nicht ein Gegenstand oder ein Wert in dieser Welt, den wir prüfend betrachten oder um den wir herumgehen könnten. Wenn wir Gott zu schauen verlangen, dann läuft das im Grunde darauf hinaus, daß wir um Ihn herumgehen möchten. Wir ­suchen aber diese Erkenntnis - eine Erkenntnis, die uns zu Herren des Gegenstandes macht, den wir erkannt haben. Aber man kann um Gott nicht herumgehen; denn Gott selber umrundet sein Geschöpf. ER ist ja unser Herr und unser Schöpfer. Wollen wir also den Herrn unmittelbar erkennen und wollen wir ihn umschreiben, so ist dies ein dämonisches Wollen, und vielleicht war eben dies die Versuchung damals im Sündenfall. Wollten wir mehr als das Wort Gottes, wollten wir hinter das Wort schauen, um in Gottes ­Geheimnis zu dringen, so wäre dies nur dann möglich, wenn wir selbst Gott wären.

Auf alle Fälle bezeugt dieses Wollen unser ­tatsächliches Begehren, „zu sein wie Gott“, statt daß wir uns demütig an das Wort halten. Ist nicht dieses unmittelbare Schauen Gottes gerade die Frucht des verbotenen Baumes, den Adam nicht berühren kann, ohne zu sterben?

Der entscheidende Unterschied

Fast scheint es, als wolle Gott dem Mose die gleiche barmherzige Warnung geben, wie sie der erste Mensch empfangen hatte: „Um mich zu schauen, wie du es verlangst, um mich so unmittelbar zu erkennen, wie du möchtest, müßtest du schon Ich sein. Aber anders kannst du nicht sein als mein Geschöpf, das Wesen, das ich aus dem Nichts ins Dasein gerufen habe. Und anders kann ich nicht sein als dein Schöpfer, der in Ewigkeit der gleiche ist, der weder Vergangenheit noch Gegenwart noch Zukunft hat und über alle Dinge regiert. Du kannst diesen Unterschied nicht aufheben, du kannst ihn nicht einmal ­sehen. Du kannst nur mein Wort hören und ewiglich leben. Jenseits davon gibt es für dich nur die Todesgefahr, den Abgrund der Verlorenheit, der sich da auftut, und alles, was du da ­begehrst, ist nur der Beginn des Wahns.“ Der nicht zu sein, den Gott aus uns gemacht hat, dieses Ich-selber nicht zu sein, das ist der Tod. Und so ist es wohl wahr: Wir können mit Gott nicht unmittelbar in Berührung kommen, und wir können ihn nicht schauen, ohne daß unser Menschsein scheitert, weil wir aus dem heraustreten, was dieses Menschsein ausmacht. Und eben dies heißt sterben. Denn wir und die ganze Welt sterben nicht auf Grund dieser oder jener von außen erkennbaren sozialen oder psychischen Verhältnisse, sondern weil die ganze Welt mitsamt uns selbst von dem großen dämo­nischen Drang beseelt ist, Gott zu schauen, das heißt, das zu sein, was Gott ist, und damit den Platz des Schöpfers in Anspruch zu nehmen.

Die rettende Grenze

Wenn Gott sich nun nicht schauen läßt, wenn er sich gegen unsere Zudringlichkeit selbst in Schutz nimmt, wenn er unzugänglich verborgen bleibt, so kommt dies gerade daher, daß er uns nicht zugrunde richten will, ohne zuvor alles versucht zu haben, ohne das große Wagnis getan zu haben, ohne der geworden zu sein, den wir anschauen können, ohne zu sterben; der, dessen Antlitz für uns nicht den Tod, sondern das Heil bringt; der, den wir erkennen können, ohne ­damit das Menschsein von uns abzuwerfen. Denn unser Heil ist nie und nimmer von der Art, wie unsere Sünde es will: Sie will uns verführen, aus unseren Grenzen herauszutreten und ­unser geschöpfliches Dasein hinter uns zu lassen. Unser Heil aber besteht im Gegenteil darin, daß wir das Leben innerhalb der menschlichen Verfaßtheit finden, die Gott uns bereitet hat, ­innerhalb der Grenzen, die Er uns gesetzt hat. Begegnet uns Gott zum Leben und nicht zum Tode, so geschieht dies innerhalb dieser Schranken unseres Menschseins. Wir können aus unserer geschöpflichen Verfaßtheit nicht heraus­treten, um uns in die Stellung des Schöpfers zu ­begeben. Wir würden darüber zu Tode kommen. Gott aber kann es und hat es getan. Dazu bedurfte es keines anderen Geschehens als eben dessen, was sich Weihnachten ereignet hat.

Das Wunder von Weihnachten

Eben dies hat Gott in seiner Freiheit ersehen. Er hat sich in dieses sinnwidrige Wagnis gestürzt; damit wir ihn sehen und doch am Leben bleiben könnten, hat Er selbst die Grenze unseres Menschseins überschritten, ist Er aus seiner Gottheit hervorgetreten und hat sich eines guten Tages dort mitten unter uns befunden, mitten in unserer Welt. Als wir noch immer dabei waren, aus unserem Menschsein herauszutreten, um zu Ihm zu dringen, ist Er durch eine offene Tür zu uns gekommen. Er hat uns gerufen und zu uns gesagt: Da bin ich! Da haben wir uns umgewandt und wahrhaftig, da war Er. Tatsächlich, uns ähnlich, wie ein Freund. Er, der ohnegleichen ist, dennoch so sehr uns gleich, daß wir nicht glauben konnten, Er sei es selbst, der Unsterbliche, in unserem sterblichen Leib, Er, der Heilige, in unserem sündhaften Leib, Er, den wir nicht schauen können, ohne zu sterben - uns ­gegenüber, von Angesicht zu Angesicht, Imma­nuel! All dies ist nicht eine sinnverwirrende Phantasie oder eine paradoxe Theorie, es ist das Wunder von Weihnachten. Es ist das Kommen des einigen Sohnes Gottes in die Welt, es ist das Angesicht, das Gott uns zugewandt hat: das ­Angesicht seines Sohnes.

Gott wird uns zum Freund

Denn der lebendige Gott hat zweierlei Antlitz: das Antlitz des Vaters, den man nicht schauen kann, ohne damit aufzuhören, ein Mensch zu sein, und das Antlitz des Sohnes, den man nur schauen kann, indem man wahrhaft Mensch wird, nämlich eben der, der Er für uns geworden ist. Das ist Weihnachten: das Antlitz des Sohnes, das Gott uns zukehrt.

Da waren jene zwei Stellen aus dem Exodus, die uns so lächerlich widerspruchsvoll erschienen. Aber sie sind in Wahrheit untrennbar und umschließen in ihrem Widerspruch die Wahrheit Gottes und die Tiefe der Weihnachtsbotschaft. Wenn wir Gott sehen könnten, ohne zu sterben, so wäre Weihnachten nicht mehr die frohe Botschaft und nicht mehr unsere einzige Hoffnung, am Leben zu bleiben. Aber die ganze Macht und die schier erschreckende Freude der Weihnachtsbotschaft ist eben die, daß wir ohne Den, der heute kommt, ohne dies Kind, das uns geboren ist, Gott nimmermehr hätten erkennen können, ohne in seinem Licht zunichte und von seiner Ewigkeit verschlungen zu werden. Dies ver­stehen wir gerade dann, wenn Gott zu uns spricht von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet, und wenn uns das Leben gegeben wird durch diese seine ­Gegenwart als die eines Bruders und Freundes. Wenn uns dies widerfährt, so verstehen wir, daß jegliche andere Gegenwart und daß jegliches ­andere Antlitz Gottes als das Jesu Christi für uns nur die Verzweiflung brächten.

Philippus

„HERR, ZEIGE UNS DEN VATER.“

Wir finden in den Evangelien einen Mann, der angesichts des Weihnachtsgeheimnisses die gleiche Frage stellt wie Mose: Philippus. Auch ihn hat der Herr gerufen, und ihm ist er Schritt für Schritt nachgegangen. Auch mit ihm hat der Herr von Angesicht zu Angesicht geredet, wie ein Mann mit seinem Freunde redet, aber eines Abends, als alles eine böse Wendung zu nehmen droht, als der Aufruhr des Volkes seinem Gipfel zustrebt, als das Goldene Kalb zur Anbetung erhoben wird und das Kreuz schon bereit ist, sein Opfer zu empfangen, da wagt es Philippus in seiner äußersten Angst, die Frage des Mose zu wiederholen: Zeige mir dein Antlitz! Philippus drückt es so aus: „Herr, zeige uns den Vater!“ (Joh 14,8). Und Jesus antwortet traurig mit ­einem Satz, dem man das ganze Gewicht des ­Inkognito abspürt: „So lange bin ich bei euch, und du kennst mich nicht, Philippus?“ (Joh 14,9).

Philippus ist, wie wir alle, wie all das fromme Eigendenken, das in den Kirchen und in der Welt umgeht, der Meinung, Jesus sei gekommen, um uns den Vater zu zeigen, um in einer Reihe mit all den Männern des Alten Bundes Zeuge des Vaters zu sein, gewiß als der größte unter ihnen, überhaupt als der größte unter allen Menschen, die ihn uns zeigen. Aber eben weil er so denkt, darum kennt auch er, Philippus, Jesus Christus noch nicht, und uns geht es gewiß nicht anders; seine Frage ist durchaus auch unsere Frage. Denn Jesus Christus ist nicht Einer, der „zeigt“. Er ist Der, der uns gezeigt wird. Er hat uns nichts zu zeigen als sich selbst. „Wie sprichst du denn: Zeige uns den Vater? Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist?“ (Joh 14,9.10). Verstehst du nicht, ­Philippus, daß Gott nicht hinter mir steht, sondern in mir ist? Als Philippus den Vater hinter Jesus vermu­tete und nicht in Jesus suchte, als er über ihn hinausgreifen wollte, da hatte er noch nichts begriffen. Hinter Jesus – da steht der Tod, da ist das unzugängliche und unertragbare Angesicht Gottes! Da ist all das, was uns nicht gezeigt werden kann, was für uns keine Existenz haben darf! Da sind die Abgötter, da ist der Gott der Philosophen, der Gott unseres Unglaubens und unserer Begehrlichkeit – da ist das ewige Feuer des Zornes Gottes! Das ist alles da, so wahr in Jesus Gottes väterliches Angesicht uns zugekehrt ist, alle seine Gegenwart und alle seine Liebe!

Nicht an Jesus vorbei!

Nicht an Jesus vorbei!
...ein Licht zu erleuchten die Völker.
Rembrandt: Mose am Sinai

Was uns in der Weihnacht begegnet und in diesem Kinde widerfährt, ist nicht ein beliebiges Mittel, irgend etwas zu erlangen, sondern das Ende aller Dinge, das ewige Ziel der Geschichte, das Äußerste alles Betrachtbaren, und abgesehen von diesem Geschehen ist es nun nie mehr möglich, irgend etwas zu denken, zu sehen oder zu erleben. Wer über Jesus hinaus irgend etwas sucht, der setzt sich ewiger Qual aus, der gibt sich der Hölle preis, ja er ist schon darin. Nicht als ob Gott ihn quälen und sterben lassen wollte - er hat ja seinen Sohn gerade zu seinem Frieden und zu seinem Leben gegeben -, sondern es kann eben keinen Frieden und kein Leben geben außer dem, das uns in Jesus Christus dargeboten ist: nie kann es darüber hinaus eine andere Gegenwärtigkeit und eine andere freundliche Zuwendung Gottes zu uns geben. Gäbe es hinter Jesus Christus noch irgend etwas, so wäre eben Gott nicht ganz, nicht selber in Jesus Christus, so hätte er uns nicht seine eigene Person zu eigen gegeben, ja, so hätte er uns überhaupt nichts gewährt!

Wer über Jesus hinaus noch etwas sucht, der hat Gottes Liebe nicht begriffen, nicht erkannt. Er weiß nicht, daß uns Gott in diesem Kinde sein eigenes Leben, sein eigenes Herz schenkt. Er mag wohl auch meinen, Gottes Liebe könnte etwas anderes einsetzen als das Leben. Wer so denkt, der lebt noch im Rechnen und Kalku lieren, im Addieren und Subtrahieren, im Mehr und im Weniger, in Gewinn und Verlust. Die Ewigkeit wandelt sich für ihn in eine unendliche Reihe von Ziffern, zu denen immerfort neue ­treten. Wo soll er noch haltmachen, wenn nicht bei Jesus Christus? Ein solcher Mensch weiß nichts von der Liebe, von Erfüllung oder Gegenwart. Er mag die ganze Welt gewinnen, so ist er doch ärmer als der Ärmste unter uns. Denn er weiß nichts von dem Einen, das not ist, vom Wesentlichen des Lebens.

Was soll Gott unternehmen, um einen Menschen zu überzeugen, der an seinem Sohn vorbeischaut?

Das Wagnis der Liebe

Wahrlich, Lieben ist ein unsagbares Wagnis. Aber Gott ist es in der Weihnacht eingegangen. Er hat für uns das Wagnis der Liebe auf sich ­genommen. Das heißt: er hat uns sein eigenes Leben dargegeben; denn die Liebe kennt keinen anderen Einsatz als den des eigenen Lebens. Aber wenn er uns wirklich geliebt und sich uns selber dargegeben hat, so bedeutet dies, daß er uns nichts anderes, nichts mehr geben kann, und daß er für den, der jetzt noch nicht überzeugt ist, nichts mehr zu tun vermag. "Ich will meinen lieben Sohn senden; vielleicht, wenn sie den sehen, werden sie sich scheuen", sagt der Herr im Gleichnis von den bösen Weingärtnern (Luk 20,13). Das ist das Wagnis! Es besteht in der Möglichkeit, daß uns Gottes Liebe, seine in Jesus Christus uns gewährte Gabe, verloren gehen läßt, statt uns zu retten, daß sie uns zur bösen Botschaft statt zur guten wird. Wenn ich das so sage, so bedeutet das nicht eine Verkleinerung, sondern vielmehr den höchsten Lobpreis der Liebe Gottes. Denn entweder hat uns Gott in Jesus Christus nicht sein eigenes Leben, sein eigenes Angesicht zugewandt und können wir also mit Philippus über ihn hinaus noch fragen und nach anderen Offenbarungen suchen (dann sollten wir allerdings nicht von Liebe reden), oder aber Jesus ist wahrhaft die Gabe der Liebe Gottes, d.h. die Gabe, in der sich uns Gott selber schenkt, sein Leben gewährt; in diesem Sinne war das letzte Wort von vornherein gemeint. Hat uns Gott wirklich so geliebt, so kann er weiter nichts mehr sagen oder tun. Zweimal kann niemand sein Leben verschenken.

Ein einmaliges Geschenk

Es kann auch niemand mehr hingeben als sein Leben. Denn das Leben ist - nach seinem Begriff - das, was man nicht zweimal geben kann und über das hinaus man nichts mehr zu geben hat. Das ist unendlich einfach, viel zu einfach für unseren Rechner-, Historiker- oder Psychologen-Sinn, der sogleich allerlei Entwicklungen, Neuanfänge und zusätzliche Elemente wittert. Aber alle, die mit Philippus nach anderen Offenbarungen oder nach Ergänzungen der Offenbarung verlangen, haben Jesus Christus noch nicht "erkannt" und noch nicht darauf geachtet, daß der lebendige Gott nicht mehr als sich selber und sich selber auch nicht zum zweitenmal verschenken kann. Wie Er der einzige Gott ist, so ist sein Sohn der Einige und seine Liebe die Einige. Wer bei ihm nicht haltmacht, ist verloren, und wer bei ihm haltmacht, der ist gerettet. Wie soll es auch anders sein, wenn das Kind, das uns geboren ist, Gott selber ist, der sich uns darin schenkt? Wir müssen dabei schon stehenbleiben - oder einen anderen Gott suchen. Da müssen wir schon leben - oder sonst sterben! Darum schwebt angstvolle Sorge über der Antwort Jesu an Philippus: Weißt du denn nicht, daß der Vater in mir ist? Weißt du nicht, daß dir Gott mit mir alles geschenkt hat, was er zu verschenken hatte? Weißt du nicht, daß ich dir gar nichts anderes zu "zeigen" vermag? Wenn du mich erkenntest, so würdest du meinen Vater erkennen!

Das ersehnte Ziel

Mitten in der endlosen Wüste der Geschichte ist Jesus die einzige Wasserstelle, der alle Karawanen der Erde zustreben. Das Problem besteht für die Karawanen nicht darin, zur Oase zu gelangen; denn darauf sind ihre Pläne ohnehin gerichtet, und jede einzelne ist damit beschäftigt, sich entsprechend zu verhalten. Das Problem besteht einzig darin, die Wasserstelle nicht zu verfehlen, nicht an ihr vorbeizuziehen, so daß sie fortan mit allen Anstrengungen nur noch weiter von ihr abkommt und nur noch tiefer in die Irre gerät, so daß ihr nun keine Erwartung mehr bleibt, als in der Sandwüste zu verschmachten. Auch für uns besteht die Frage nicht darin, zu Jesus zu kommen; denn das können wir sehr wohl, und er ist von jedem einzelnen nur einen Schritt entfernt. Es geht einzig darum, daß wir bei ihm haltmachen, daß wir nicht über ihn hinausgehen, daß wir weiter nichts suchen. Und das Haltmachen müßte derart geschehen, daß nun kein Blick und kein Gedanke mehr an ihm vorüberginge. Denn was ihn verfehlt, über ihn hinausdrängt, neben ihm hergeht, das ist nichtig: "Es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen; und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm" (Kol 1,15.16). Das wird uns zu Weihnachten in diesem Kinde geschenkt! Es ist nicht schwer, bis nach Bethlehem zu kommen, und zudem können wir nicht sagen, daß darin der Glaube bestünde. Aber schwer ist es, dort haltzumachen, zu verharren und für alle Zeit die Knie zu beugen - und dabei zu wissen, was Philippus noch nicht wußte, was Mose erst lernen mußte: nämlich daß, wer den Sohn ge sehen hat, auch den Vater schaute, weil ja der Vater in Jesus Christus wohnt und "in ihm die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig" uns begegnet. Das will gewußt sein, was Simeon wußte.

Simeon

"MEINE AUGEN HABEN DEIN HEIL GESEHEN."

Neben Mose und Philippus ist der alte Simeon die dritte Gestalt, die wir Jesus begegnen sehen. Er aber kommt sogleich weiter, als sonst ein Mensch auf Erden kommen kann: er bleibt bei ihm stehen und sucht weiter nichts. "Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren nach deinem Wort; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen" (Luk 2,29.30). Indem er dies Kind sieht, schaut er das Heil. Damit hat er gesehen, was je ein Menschenauge zu seinem Heil von Gott sehen kann. Und dabei ist er eine sehr viel unbekanntere Erscheinung als Mose oder Philippus. Wir wissen von ihm nichts, als daß er "auf den Trost Israels wartete" (Luk 2,25). Nichts wird uns von ihm berichtet als diese Begegnung und dieses Friedenslied von Christus, dem Kind. Er wartete auf den Trost Israels und kehrt nun in Frieden heim. Angst und Hoffnung hatten sein Leben erfüllt; jetzt aber ist es lauter Friede; denn er hat das Heil Gottes geschaut. Er hat im ersten Anlauf ergriffen, was die anderen noch suchten. Er ist weiter als Mose oder Philippus, als die eifrigsten reli giösen Sucher der Erde, als die größten Gottesmänner. Er ist am Ziel; denn für ihn ist Gott da, in diesem Kinde. Er wartet nun nicht mehr, er macht sich auch keine Vorstellungen, hat keine Träume oder Begehrungen mehr: er schaut, er sagt, was ist, und nimmt das Kind in seine Arme. Und was er nun in den Armen trägt, das ist das Ende aller seiner Qual, das Ziel all seines Wartens, die Erhörung all seiner Gebete. Weiter hat er jetzt nichts mehr zu wünschen. Freilich, er war nur der alte Simeon, irgendein Glied des Volkes Israel, kein Prophet oder Apostel. So steht er denn auch da als der Repräsentant für jeden einzelnen Menschen, gerade für den belanglosesten und unbekanntesten, dem die Weihnachtsbotschaft verkündigt und der Friede Gottes zum Greifen nahegebracht wird.

Mit blinden Augen sehen

Wir sind dem Heil nicht ferner gerückt als Simeon. Wie das Kind diesem alten Manne gegenübertrat, so begegnet uns heute Gottes Heil in der Weihnachtsbotschaft und in jedem Bibelwort. Wie Simeon, so können auch wir mit Frieden heimkehren; jeder von uns kann einer werden, der nicht mehr auf wirren Wegen nach dem Heil sucht, sondern es in seinen Armen trägt, der nicht mehr bei allen möglichen Dingen, Institutionen oder Menschen nach dem Frieden fragt, sondern heute "in Frieden" heimkehrt "nach dem Worte Gottes", d.h. auf Grund der Tatsache, daß ihm das Kind, der Herr, gegeben ist und der Retter geboren wurde. Freilich, dazu bedarf es mehr als unserer verstopften Ohren, so wie auch Simeon andere als seine Blinden-Augen nötig hatte, um aus diesem Kind einer armen Frau das Heil Gottes herauszu erkennen. Wahrlich, da muß schon der Heilige Geist, wie er in Simeon war (Luk 2,25), auch auf uns ruhen und uns die Ohren zum Hören schenken! Da muß schon zum Wunder der Weihnacht das Wunder der Pfing sten kommen! Aber das ist hier noch nicht unser Thema.

Das Wesentliche, das wir uns hier sagen lassen müssen, ist das ungeheuerliche "Halt", wie es die drei Zeugen der Weihnacht, Mose, Philippus und Simeon, uns zurufen. Gottes Angesicht, das uns den Tod bringt, wird in Jesus Gottes Angesicht, das uns das Leben gewährt. Nichts mehr zu suchen als dies Angesicht, nichts mehr zu betrachten als dies Bild Gottes, nichts weiter zu erwarten als den, der uns heute zu Bethlehem ­geboren ist, das ist das Geheimnis des christlichen Lebens, das ist die Antwort all derer, die die Botschaft wirklich verstanden haben. Sie sind gekommen, und ihre Blicke haften nun für alle Zeit an diesem Kind. Ihr Unglaube ist wie ein Nebel verflossen, ihr Widerstand wie ein Alpdruck gewichen. Gott war da, er war dies Kind, er gab sich ihnen mit diesem Kinde zu eigen!

Mensch werden am Jesuskind

Mit diesem Kinde aber war ihnen auch ihr menschliches Leben geschenkt; es nahm mit ihm seinen Anfang. Werfen wir uns vor der Krippe nieder und schauen wir Jesus von Angesicht zu Angesicht, so werden wir darüber keine Engel, keine Götter, auch keine kleinen Heiligen. Im Gegenteil: dies alles können wir jetzt nicht mehr sein, sondern wir werden jetzt erst recht Menschen, jetzt erst wir-selbst. Das geschieht, wohlgemerkt, einzig und allein an dem Tage, an dem Gott geworden ist, was nun wir sind! Wir fangen an, unser Leben zu leben, um darin Gott zu schauen. Wir finden unseren Platz wieder, um zu sehen, wie Gott ihn einnimmt. Wenn ich die Weihnachtsbotschaft empfange und in Bethlehem haltmache, so ist da Gott an meinem Platz - und ich bin an meinem Platz! Das ist der "Friede". Was sollten wir sonst auch als "Frieden" erkennen, ehe wir an unserem Platze wären? Wie aber können wir an unserem Platze sein, ehe Gott es ist, ehe er ihn einnimmt? So schenkt Gott in diesem Kinde nicht allein sich selber, sondern zugleich uns selber, unser wahres Ich, im Gegensatz zu jenem falschen Ich, das wir von Gnaden der falschen Götter sind. Wir können gar nicht vor der Krippe stillstehen, ohne wir-selbst zu werden und jetzt erst mit dem Leben zu beginnen. Eben in dem Augenblick fangen wir an zu existieren, wo Gott in dieser Krippe für uns zu existieren beginnt. Daher ist jenes Anhalten ein wundersames In-Bewegung-Geraten, der Schmelztiegel unserer Personalität, das Aufbrechen unseres Gehorsams. Jetzt kann ich mich bewegen, jetzt kann ich "in Frieden" hingehen!

Gott lebt für mich ...

Dazu ist nur eins nötig; daß wir jene lächer liche und doch absolut entscheidende Tatsache ernst nehmen, nämlich zu begreifen versuchen, daß in der Weihnacht Gott einer von uns geworden, daß uns da ein Kind gegeben ist, das Gottes eigenen Namen trägt, ja, "König der Gerechtigkeit" und "Friedefürst" heißt. Da sind wir mit unserem armen Leben und versuchen, es in jeder Richtung zu drehen und zu wenden, versuchen, es zu leben, versuchen, wir-selbst zu sein, und erreichen es doch nicht. Und nun sagt Gott zu uns: Findest du dich nicht aus, bist du außerstande, dein Leben zu leben, nun, so gib es mir - ich will es leben! Und das ist geschehen. Jesus ist zu Bethlehem geboren. Gott hat unser Leben an sich genommen, um es zu leben - und zwar derart, wie wir es nicht zu leben vermochten: in Gerechtigkeit und Frieden. Unfaßliches Wunder! Ein Kind, das Gottes Namen trägt, ist uns gegeben! Das bedeutet: an diesem Tage gibt uns Gott sein Leben, das er für uns zu leben gekommen ist, und wiederum wird uns unser Leben als Geschenk dargeboten, schon völlig gelebt in Gerechtigkeit und Frieden!

Laß mich handeln, spricht Gott. Und der Glaubende antwortet: Ja, Herr, ich lasse dich handeln, ich glaube an den Sohn, den du mir gibst. Und nun kann er alle Morgen und in jeg lichen Verhältnissen, gegenüber allen drückenden Sorgen, allem überwältigenden Glück und allem einschleichenden Überdruß, mit Frieden sagen: Gott hat heute für mich und mit mir gelebt. Er hat alle Lasten dieses Tages getragen; er kennt alle wirren Wege, ja, gerade sie sind sein Gebiet, über sie spannt er den Bogen seines Reiches, und über ihnen hat er schon seine Gerechtigkeit gewirkt!

... und mit mir

Wer an den Sohn Gottes glaubt, der nimmt es hin, daß Gott gekommen ist, um unser Leben zu leben, daß er dies Kind, daß er dieser Mensch ist, der ich bin, und daß ich nichts anderes zu sein brauche, als was er für mich gewesen ist.

Wer Weihnachten von sich weist, der will selber handeln und sein eigenes Leben haben. Wer aber zu Weihnachten ja sagt, der läßt Gott dies Leben gestalten und führen, ihn ganz allein, und folgt ihm nach. "Nun aber lebe nicht ich, sondern Christus lebt ..." (Gal 2,20). Wie merkwürdig sind wir damit an Einen Ort gebannt, wie unerhört zieht sich alles in Eins ­zusammen! Hier schenkt uns Gott also seine eigene Existenz und die unsrige! In diesem Kinde finde ich Gott und mich selbst. Hier finde ich alles, was Gott je für mich sein kann - und was ich je für ihn sein kann. Gott hat seinen einge borenen Sohn gesandt, damit wir schauen und leben können: Ihn selbst, den einigen, wahren Gott schauen wir, und wir selbst leben unser einzig wahres Leben! "Gott war in Christus!" "Christus ist mein Leben" (2. Kor 5,19; Phil 1,21).

Von

  • Roland de Pury

    (1907-1979), Schweizer Pfarrer, der sich im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Juden zur Flucht verhalf und sich geistig-geistlich der Rassenideologie des Nationalsozialismus widersetzte.

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