Mit Gott in der Wüste

...ein Licht, zu erleuchten die Völker. © He Qi - Flucht nach Ägypten
...ein Licht, zu erleuchten die Völker. © He Qi - Flucht nach Ägypten

Was bleibt, wenn Weihnachten vorbei ist.

Eine alte Legende neu erzählt von Andreas Geister

Vor vielen, vielen Jahren wuchs in der Wüste im Morgenland eine Palme. Sie war unglaublich alt und sehr, sehr hoch. Alle, die durch die Wüste zogen und sie erblickten, mußten stehen bleiben und staunen, so majestätisch war sie.

Man ­erzählte sich, sie sei zu ­König Salomos Zeiten gepflanzt worden und fast so alt wie die ­Pyramiden.

Die mächtige Palme stand da in ihrer Einsamkeit und schaute hinaus in die Wüste. Da sah sie eines Tages etwas, was sie dazu brachte, vor lauter Entsetzen ihre gewaltige Blätterkrone hin- und herzuwiegen. Dort am Wüstenrand kamen zwei einsame Menschen herangewandert. Sie waren noch weit weg, so daß sie klein wie Ameisen aussahen. Aber die Palme war sich gewiß: es waren Menschen. Sicher zwei, denen die Wüste fremd war. Denn die Palme kannte das Wüstenvolk.
 

Es war ein Mann und eine Frau ohne Wegführer, ohne Lasttier, ohne Zelt, noch nicht einmal Wassersäcke hatten sie mitgenommen. Die ­Palme schüttelte die Krone. „Die müssen hergekommen sein, um zu sterben,“ dachte sie bei sich und wunderte sich, daß nicht schon längst die Löwen die beiden gefressen oder Räuber, von denen es in der Wüste reichlich gab, sie überfallen und ausgeraubt hatten.
 

Die Palme seufzte: „Hier in der Wüste wartet auf euch ein siebenfältiger Tod: Löwen können euch erjagen oder Schlangen euch stechen, der Durst wird euch austrocknen oder ein Sandsturm euch begraben, ihr könnt unter die Räuber ­fallen, ein Sonnenstich wird euch verwirren oder Todesfurcht euch lähmen.“ Der Palme wurde ganz wehmütig zumute, wenn sie an das Schicksal dachte, daß auf diese armen Menschenkinder hier draußen in der Wüste wartete.
 

Als sie noch einmal genau hinsah, stockte ihr der Atem: Die Frau trug ein Bündel im Arm. Es war ein Kind! „Großer Gott,“ dachte die Palme, „wie kann man nur das Leben eines Kindes so aufs Spiel setzen. Diese Toren!“
 

Dann sah die Palme, daß das Kind nur spärlich bekleidet war. Überhaupt, die ganze Sache sah aus nach Menschen, die sich hastig auf die Flucht gemacht hatten und schon seit Tagen ­ohne Rast unterwegs waren. „Das sind Flüchtlinge," murmelte sie. "Und wenn kein Engel sie beschützt, werden sie die Flucht nicht über­leben. Die Wüste ist so gnadenlos - wie die Feinde.“
 

Die Frau setzte sich mit dem Kind in den Schatten der Palme. Als sie sich sanft an deren Stamm lehnte, ging ein unbeschreibliches Gefühl durch die Palme hindurch - von der Wurzel bis zur Krone.

Plötzlich standen Bilder aus der Erinnerung vor ihren Augen, Erinnerungen an das Wunderbarste, was sie jemals erlebt hatte. Vor sehr langer Zeit waren zwei strahlend verliebte Menschen Gäste dieser Oase gewesen: die Königin von Saba in Begleitung von König ­Salomo. Sie hatte sich auf den Heimweg machen müssen und König Salomo hatte sie bis hierher begleitet. Und nun sollten sie sich trennen.
 

„Zur Erinnerung an unsere Liebe pflanze ich diesen Dattelkern in die Erde,“ sagte die Königin von Saba. Dabei hatte sie Tränen in den ­Augen. „Daraus soll eine mächtige Palme werden, die so lange wachsen und leben soll, bis einmal ein größerer König in Juda geboren wird als du, mein werter Salomo.“ Die Palme lächelte und wunderte sich, daß sie gerade heute wieder daran denken mußte.
 

Zu ihren Füßen lag erschöpft die junge Frau mit dem Kind im Arm. Neben ihr der Mann, müde und verzweifelt.
 

Sie hörte die beiden miteinander reden. Über Herodes sprachen sie, der alle Knaben im Alter bis zwei Jahre hatte töten lassen aus Furcht, daß der große, vielerwartete König der Juden geboren sein könnte. Die Palme vernahm auch, daß die beiden die Wüstenstrecke fürchteten. Der Mann sagte: „Vielleicht wäre es besser gewesen zu kämpfen statt zu fliehen. Hier sind wir aus­geliefert und haben weder Speise noch Trank.“
 

„Gott wird uns beistehen“, sagte die Frau und blickte nach oben. Ganz oben in der Krone der Palme hingen Datteln, unglaublich viele, wundersüße Datteln, genug um hier Monate oder ­sogar ein Jahr zu überleben. Nur, daß die Datteln in schwindelerregender Höhe hingen, die keine Menschenhand erreichen konnte.

Die Frau seufzte und schloß die Augen: „Nicht alle unsre Wünsche gehen in Erfüllung", dachte sie. "Aber Gott weiß, was Not ist.“
 

Und dann geschah etwas Wundersames. Das Kind blickte hinauf in die Baumkrone und streckte die Hand aus - als wolle es die Palme zu sich herwinken. Diese spürte die Kraft, die von dem Kind ausging, wie die Kraft des Weltenschöpfers am ersten Schöpfungstag. Sie neigte sich tief und tiefer, so als müsse sie sich verneigen vor einem ganz großen König. In ­einem gewaltigen Bogen beugte sie sich hinunter zur Erde, bis ihre große Krone den Boden berührte. Das Kind schien weder erschrocken noch verwundert zu sein, so als ob es bei aller Niedrigkeit eine unendliche Größe in sich ­trage.
 

Dann spürte die Palme, wie der Mann und die Frau die Datteln pflückten, sorgfältig, eine um die andere, bis sie genug zu haben schienen. Das Kind berührte die Palme, als wolle es sich bedanken oder sie segnen. Die Palme richtete sich wieder auf und spürte in sich eine nie ­gekannte Freude. Und diese Freude war noch größer als damals, als die Königin von Saba ihr das Leben schenkte.
 

Noch viele viele Jahre später erzählten die Wüstenmenschen einander nachts am Lager­feuer von jener mächtigen Palme, die einst hier bei der Oase stand und der die Königin von ­Saba prophezeit hatte, sie werde so lange leben, bis sie einen König gesehen hätte, der noch viel größer als Salomo sei.

Herr Jesus,
wenn du uns begegnest
und wir dich sehen dürfen
in deiner Armut und Hilflosigkeit,
deinem Ausgeliefertsein,
deiner Ohnmacht,
dann zeigst du uns, daß der Engel,
der dich begleitet und behütet hat,
auch uns begleitet und behütet.
Hab Dank dafür.

Herr Jesus,
wenn du uns ansprichst,
und uns versorgst
mit dem, was wir brauchen,
dann werden wir aufgerichtet -
und erfüllt von der Freude,
die alle Schwierigkeiten überstrahlt.
Denn du bist die Quelle ewiger Freude.
Hab Dank dafür.

Herr Jesus,
dein Wort ist verläßlich und gültig
und erfüllt sich gegen alle
Widerstände.
Kleinglauben und Zweifel,
Ungeduld und Versagen
können dich nicht aufhalten.
Du bist es, der gekommen ist,
unsere Welt zu heilen,
und der wiederkommen wird,
sie zu vollenden.
Hab Dank dafür.

Von

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal