Liebe Freunde!

Wenn Sie so weitermachen, werden Sie dem lieben Gott nichts als die entkräfteten Reste eines Herzens darbringen, das sich für Interessen verbraucht hat, die nicht die seinen sind.
Jean-Marie Vianney (1786-1859)

Gäbe es ein Unwort des Jahrzehnts zu wählen - "evangelikal" hätte gute Chancen, auf einem der vorderen Plätze zu landen. Kaum ein Wort christlicher Herkunft wird mehr mißverstanden, umgedeutet und als Projektionsfläche benutzt. Gerade in den vergangenen Monaten haben große deutsche Zeitungen und Fernsehsender mehrfach versucht, evangelikale Christen zu charakterisieren. Mit mäßigem Gespür fürs Wesentliche. Zusammenfassend kann man festhalten: liberale Medienprofis in unserem Land halten "Evangelikale" vor allem für eine deutsche Kopie des rechten Politchristentums à la George W. Bush (moral majority). Das sind die, "die auf die Schöpfung schwören und die Evolution leugnen", meinte kürzlich ein ARD-Journalist in den Tagesthemen.

Kultureller Kontext

Tatsächlich firmiert unter der Bezeichnung "evangelikal"  inzwischen allerlei Schillerndes. Dabei werden nicht selten Evangelikale in England und Deutschland, in Lateinamerika und den USA jenseits jedes kulturellen Kontextes in einen Topf gerührt - zu einem ziemlich  schwer genießbaren Klischee-Menue. Aber nicht nur eine zunehmend entkirchlichte und nachchristliche Gesellschaft und ihre Sprecher verstehen darunter Anstößiges. Auch innerhalb der Kirche, ja sogar unter jenen, die sich selbst evangelikal nennen, besteht oft wenig Ahnung über die historischen Wurzeln der "Evangelicals", die im 18. Jahrhundert als segensreiche Bewegung Geschichte geschrieben und uns auch heute noch etwas zu sagen haben. Darum wirft unser Freund, der Marburger Theologe und Kirchenhistoriker Roland Werner, einen erhellenden Blick auf die spannende historische Entwicklung der evangelikalen Bewegung, die als ausstrahlende Erneuerungsbewegung begonnen hat. Er schlägt einen Bogen von ihren Anfängen in England bis zu ihrem weltweiten Horizont heute. Dabei stellt er fest, dass das englische Lehnwort evangelical am treffendsten als "evangeliumsgemäß" oder "zielgerichtet evangelisch" oder schlicht als "evangelisch" zu übersetzen wäre (S. 14). Schnell wird deutlich, dass das vermeintliche Unwort ein Lebenswort ist: Es kennzeichnet die Haltung von Menschen, die mit der lebendigen Quelle Jesus Christus verbunden leben wollen.

Himmlische Herzerweiterung

Die Wirklichkeit evangelikalen Christseins bringt Verschiedenes zum Klingen: Moll- und Dur-Akkorde, Schönes und Schwieriges. Wenig vom Geist der Freiheit ihrer englischen Gründerväter haben jene Christen, die sich vor allem in Abgrenzung zu anderen definieren und ihr einseitiges Selbstverständnis absolut setzen. Diese Untugend deutscher und bisweilen evangelikaler Frömmigkeit hängt noch fest im Bild von der Knechtschaft eines Christenmenschen: der eigene Platz wird dadurch gefestigt, dass man andere abwertet und ihr Christsein verurteilt. Tragisch vor allem, wo dieses angstbestimmte falsche Selbst- und Gottesbild an die nächste Generation weitergegeben wird. Christen, die der Frohbotschaft des Evangeliums glauben, dürfen aus der Grundhaltung leben, dass sie zuallererst von Gott geliebte und gewürdigte Menschenkinder sind: Berufene ins Vaterhaus Gottes und Botschafter seines anbrechenden Reiches.

Potente Provokation

Christen, die das Evangelium ernst genommen und gelebt haben, waren immer Träger der guten Nachricht, dass Gott in Jesus gekommen ist, "um die Werke des Teufels zu zerstören" (1. Joh 3,8b) und der Welt Rettung und Heil zu bringen. Zu ihnen zählt der katholische Priester Don Bosco, der in Turin im 19. Jahrhundert die erste Straßenkinderarbeit der Welt gründete - anfangs gegen den erbitterten Widerstand seiner Kirche -, ebenso wie der englische Methodist William Wilberforce, der in jahrzehntelangem politischen Kampf die Geißel der Sklaverei überwinden half und Bahnbrechendes für die Menschenrechte erwirkt hat. Oder der noch wenig bekannte protestantische Pastor Friedrich Oberlin (1740-1826), der im Elsaß eine ganze Region reformierte und sozial und ökonomisch entwickelte. (S. 33) Seit Jahren pilgern wir mit jungen Menschen ins elsässische Waldersbach, um ihnen die Geschichte dieses evangelikalen Pioniers nahezubringen. Spannend, dass sich Oberlin selbst einen "evangelisch-katholischen Pfarrer" nannte und damit einen wichtigen Zug evangelikalen Christseins, nämlich das Leben in ökumenischer Gesinnung ausdrückte.

Kirche in der Krise

Bischof Wolfgang Huber diagnostizierte als Ratsvorsitzender der EKD auf der Synode im November, Kirchengemeinden stünden in der Gefahr, im eigenen Saft zu schmoren und ihre Arbeit nur an den aktiven Mitgliedern zu orientieren. Dabei erinnerte er an die Aussage des Barmer Bekenntnisses von 1934, wonach die Kirche ihre Botschaft "an alles Volk" auszurichten habe. Der Heidelberger Theologe Klaus Berger formulierte es noch etwas mutiger und sprach jüngst von der "Selbst-Säkularisierung und religiösen Selbst-Banalisierung" der beiden großen deutschen Kirchen. Dabei sind schrumpfende Finanzmittel, der Verkauf hunderter Gotteshäuser und mangelnder Theologennachwuchs nur die Spitze eines Substanzverlustes, der viel tiefer reicht und von dem schon der Theologe Klaus Harms (1778-1855) sagte: "Die herrschende Kirchenleere kommt von der herrschenden Kirchenlehre."

Kirche des Kyrios

Pater Reinhard Körner, Prior des Karmelitenklosters bei Berlin, sieht den zentralen Krankheitsherd im weit verbreiteten Mangel an gelebter Beziehung zu Gott - gerade auch unter kirchlich Engagierten. Ich gebe ihm recht. Darum werden Strukturreformen und Perspektivkommissionen der Kirche nicht aus der Krise helfen können, es sei denn, es ginge den Strategen mit der gleichen Leidenschaft um das Wesentliche: um Umkehr und die Erneuerung der persönlichen Christusbeziehung und die ihrer ganzen Kirche.
Die Kirche ist eben kein Unternehmen auf dem Markt der Möglichkeiten, sondern eine von Gottes Geist gestiftete Wirklichkeit. Das deutsche Wort "Kirche" leitet sich vom griechischen kyriaké ab, das wiederum aus dem Wort kyrios, "der Herr", gebildet wurde. Es bedeutet "die Gemeinschaft der zum Herrn Gehörenden". Wo seine Liebe erwidert wird, treten wir in Verbindung mit einer Wirklichkeit, die weit über das Planbare hinausreicht. Wenn ich aus der Kraft Jesu Christi leben will, "muss ich ihn anschauen, mich ihm zuwenden, zu ihm sprechen, ihm zuhören, mit ihm zusammensein", so Pater Körner (S. 37). Im Anschauen seines Bildes,  werde ich verwandelt in sein Bild - darauf kommt es an, dann findet Erneuerung der Kirche im Wesenskern statt. Aber glauben wir noch, dass uns das erwartungsvolle und empfangsbereite Sein vor Gott berühren und verwandeln kann? Von unserer Antwort hängt viel ab.

Lokal denken, global handeln

Ein zielgerichtetes Leben aus dem Evangelium beinhaltet immer auch konfessionsübergreifende Gemeinschaft und Verantwortung im Sinne einer weltweiten Geschwisterschaft. Letzteres ist für Christen evangelischer Prägung vor allem durch den Beschluss der Lausanner Verpflichtung von 1974, insbes. von Artikel 5, ins Bewusstsein gerufen worden. Die Verpflichtung, für das "ganze Evangelium" einzutreten, d.h. für Gerechtigkeit, Versöhnung und soziale Verantwortung, hat für uns zu der bald 30-jährigen Freundschaft zum lateinamerikanischen Theologen René Padilla (einem der Initiatoren der Verpflichtung) geführt und viele Initiativen angeregt. Der OJC-Slogan "Glaube beginnt immer persönlich, bleibt aber nie privat", trägt etwas von dem Lausanner Geist. Wie soziale Verantwortung im Welthorizont bis heute Ausdruck findet, zeigt der bewegende Bericht unserer jungen Mitarbeiter von den Straßenkindern in St. Petersburg (S. 42) und der Notruf unserer Partner aus dem Kongo (S. 48), wo über die Weihnachtstage im neu aufflammenden Bürgerkrieg Hunderte Menschen jenseits der öffentlichen Wahrnehmung hingemetzelt wurden und Zehntausende von der Cholera bedroht sind. Da bleibt uns zuvorderst das Gebet: Ach Jesus, erbarme Dich über die Opfer dieses Völkermordes und der Ausbeutung, in die auch wir verwickelt sind.

Mit Pfeil und Bogen

Sehr dankbar blicken wir als OJC-Gemeinschaft auf das vergangene Jahr zurück. Der bunte Eindruck in Wort und Bild soll Sie mitnehmen zu den "Highlights" der ereignisreichen Monate. (S. 6) Unser Weg von der Lebensgemeinschaft zur Kommunität gewinnt weiter Kontur und wir freuen uns an dem zielgerichteten, vertrauensvollen und offenen Gespräch unter uns.

Überwältigt sind wir von der Entwicklung unseres Finanzbarometers, das noch im letzten Salzkorn zum Stichtag 31. Oktober ein Defizit von 116 000 € ausgewiesen hatte. Im Rückblick stellen wir staunend fest, dass zum 31. Dezember die Spenden an die OJC die laufenden Ausgaben aufs ganze Jahr 2005 gesehen um 75 000 € überstiegen, die wir so für notwendige Investitionen und Darlehenstilgung nutzen konnten. Gott sei Dank! Diese Entwicklung stärkt unser Vertrauen fürs Weitergehen und ist eine Ermutigung für kommende Aufgaben.

Einen echt starken Anfang haben wir mit einem wunderschönen, musikalisch reichen Neujahrsgottesdienst (S. 10) in Reichelsheim gemacht.

Zum neuen Jahr ein neues Kleid trägt das Salzkorn, das Sie in Händen halten. Wir hoffen, es trifft Ihren Geschmack und erweist sich als ein anregender Träger der Botschaft, die wir weiterhin sechs Mal im Jahr mit Ihnen teilen wollen.

Was also bedeutet es, in einer umkämpften Zeit als Christ zielgerichtet evangelisch zu leben? In der Bergpredigt spricht uns Jesus Christus zu: "Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer himmlischer Vater vollkommen ist!" (Matth 5, 48). Das griechische Wort für vollkommen ist von telos = "Ziel" abgeleitet. Darin schwingt noch die Bedeutung "ins Ziel kommend" oder "auf das Ziel gerichtet" mit.

Bleiben Sie mit uns unterwegs als zielgerichtete Wegmenschen, als "Bogenschützen der Liebe Gottes". Dazu möge Gott uns und Sie bevollmächtigen!

In herzlicher Verbundenheit grüße ich Sie mit der ganzen OJC zum Neuen Jahr,

Ihr

Dr. Dominik Klenk

(abgeschlossen am 20.1.06)

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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