Echt stark!

Mit Josua über den Jordan: Berufung und Verheißung ergreifen.

Predigt zur Jahreslosung Josua 1,5

von Klaus Sperr

"Gemeinsam sind wir stärker!" - in meinen Händen liegt ein offener Brief unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel, abgedruckt in den großen Tageszeitungen des Landes. Der Text enthält einen gutgemeinten und wichtigen Appell fürs neue Jahr. Aber - ob ein Appell reichen wird? Wenige Seiten später begegnet mir im Wirtschaftsteil die ernüchternde Überschrift: "Die Kluft zwischen Hummer und Eintopf wird größer - Manager verkünden Stellenabbau und Rekordgewinne zugleich."

Wie auch immer - eine Kernfrage wird hier allemal berührt: Was macht mich stark im Jahr 2006? Woher nehme ich meine Zuversicht? Was gibt mir die so dringend benötigte Stärke, um meinen Alltag bewältigen zu können?

Unter den zahllosen Ratschlägen und Wünschen für ein gutes neues Jahr kommt mir auch der Satz Gottes aus Josua 1,5 als Jahreslosung 2006 entgegen. Er lautet: Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.

Kann dieser Satz die Lösung sein? Reicht dieser Zuspruch aus, um mich stark zu machen?

Da ist zunächst einmal die Rahmenhandlung, in die hinein das Leitmotiv fürs neue Jahr gesprochen wurde.

Eine Generation zuvor war das Volk Israel aus Ägypten, von der Sklaverei in die Freiheit ausgezogen. Die 40-jährige Wüstenwanderung liegt hinter ihnen und vor ihnen das Land der Verheißung; aber noch stehen sie diesseits des Jordan. Mose, der charismatische Führer und alte Wüstenfuchs ist in den Ruhestand versetzt, der neue, junge Leiter Josua steht vor einer gewaltigen Herausforderung. Er soll in die riesigen Fußstapfen des Altvorderen treten und das Land Kanaan, dessen Bewohner durchaus feindlich gestimmt sind, einnehmen. Die Verantwortung für ein ganzes Volk lastet auf seinen Schultern. Fast ein bisschen viel für so einen Jungspund!

"Fast ein bisschen viel," mag auch mancher über das neue Jahr denken - in einer Vorahnung dessen, was so kommen könnte oder auch nur mit bangem Blick auf die eigene ungewisse Zukunft, "fast ein bisschen zu viel für mich."

Wo liegt mein gelobtes Land?

In dieser Situation hört Josua die Zusage Gottes: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht! Er wird ermutigt: folge deiner Berufung! Ihm soll deutlich werden: Art und Größe der Herausforderung sind nicht so wichtig. Viel wichtiger ist: Was ist seine Bestimmung - seine Berufung? Josua soll den Jordan überschreiten - den Schritt aus der Wüste ins Land der Verheißung tun! Er soll diese Gabe Gottes in Empfang nehmen.

Wie Josua vor einem neuen und fremden Land stand, so stehen wir vor einem neuen und fremden Jahr. Auch für uns gilt: Es kommt nicht auf die Art und Größe der Herausforderung an; letztlich kommt es im Leben nie auf die Rahmenbedingungen an. Viel wichtiger ist: was ist meine Bestimmung - meine Berufung?

Jeder von uns könnte sich an der Schwelle zum neuen Jahr fragen: Welches Land will und soll ich im neuen Jahr einnehmen? Jeder hat sein Land, seine Berufung - wie ist meine beschaffen? Was denkt sich Gott mit meinem Leben? Und allemal gilt auch für mich: das Land ist vorbereitet, auch wenn mancher Jordan zu durchqueren ist. In meinem Land der Verheißung werde ich erwartet, Gott hat mir für meinen Lebensweg einen Segen anvertraut - für mich und für andere. Das Jahr 2006 kann ein Jahr sein, in dem ich einen Schritt auf dem Weg ins Land meiner Verheißung tue. Ganz gleich, wie die Rahmenbedingungen deines Lebens sein mögen: Folge deiner Berufung - und Gott geht mit dir! Blicke nicht auf die Größe der Herausforderung, die Schwierigkeiten, blicke nur auf ihn und auf seinen Weg der Berufung mit dir. Das will dich stark machen!

Was braucht Josua, um seiner Berufung folgen zu können? Er braucht ein gültiges Versprechen! Eines, das so stark ist, dass es ihn stark macht und zu wagemutigem Vertrauen berechtigt. Dieses Versprechen lautet: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.

Wie kommt der Knick in die Optik?

Nun sah Israel das Land der Verheißung ja nicht zum ersten Mal. Allerdings hatten sie bislang einen erheblichen Knick in der Optik. Als damals, vor vielen Jahren die Kundschafter aus jenem Land zurückkamen, sahen sie den Segen, die Schönheit und die Fruchtbarkeit des Landes. Zugleich sahen sie aber auch die riesige Herausforderung, die Hindernisse und die Feinde, und mit ihrem Knick in der Optik - Angst und Misstrauen - sahen sie den Segen klein und die Hindernisse ganz, ganz groß. Sie hatten die Hosen voll und ihre Herzen waren voller Angst.

Nur zwei dachten anders - nur zwei aus dem ganzen Volk, das doch schon so viel Gutes mit Gott erfahren hatte! Nur zwei - aber immerhin zwei! - hatten Vertrauen. Ihr Bericht lautete: "Das Land, das wir erkundet haben, ist sehr gut." Natürlich sahen auch sie die mächtigen Gegner und die menschlich kaum lösbaren Probleme; aber sie sahen die Hindernisse kleiner als die Verheißung und den Segen! Josua und sein Freund Kaleb hatten Vertrauen. Sie hatten keinen Knick in der Optik, sie sahen die Dinge wie sie wirklich sind: Ja, da gibt es Hindernisse - aber Gottes Versprechen ist allemal größer, gültiger und vertrauenswürdiger!

Vor welchem Jordan stehe ich?

Ob das fürs neue Jahr auch unseren Blick schärfen wird?

Bei der Frage nach dem, was mich stark macht, gilt es, die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind. Die Frage nach der Stärke ist nicht die Frage nach den Rahmenbedingungen, sondern die Frage nach dem Versprechen Gottes - das allein kann mein Leben tragen und stark machen!

Eben dieses Versprechen lautet: Ich lasse dich nicht fallen. Das lädt ein zu wagemutigem Vertrauen: Ich darf mich fallen lassen, weil Gott niemanden fallen lässt. Sicher werde ich in die eine oder andere Falle laufen, vielleicht sogar zu Fall kommen, aber auf alle Fälle lässt Gott nicht zu, dass ich endgültig gefällt werde. Er wird mich nicht fallen lassen! Martin Buber übersetzt diese Stelle mit: Ich sage dir nicht ab. Das neue Jahr könnte auch Absagen bringen, aber auch darüber wird stehen: Gott schreibt keinen ab!

Der junge Josua ist von einem solchen Versprechen ermutigt, er weiß, er braucht keinen Übervater Mose, er darf sich auf die eigene Berufung verlassen. Wir dürfen uns auf unsere Berufung verlassen, auf das Eigene und auf Gott und sein Versprechen, das konkret uns in unserem Alltag gilt. Gott ermutigt uns zu unserem eigenen Weg - mit ihm.

Wofür brauche ich seine Ermutigung?

Vor welchem Jordan stehe ich?

Wie sehen meine furchteinflößenden Riesen aus?

Es mag sein, dass mir der Ausblick auf das neue Jahr Angst einflößt, dass die nächsten Schritte wehtun oder gar Wunden bringen. Mag sein, dass sich Hindernisse auftürmen. Aber es sei wie es will, über allem gilt: Wer sich auf Gott verlässt, ist nie verlassen!

Woher weiß ich aber, dass es nicht nur ein Trick ist, der Griff talentierter Motivatoren in die Psychokiste, der ewig gleiche Appell: Sei stark! Hier liegt das Geheimnis, ohne das unser Leitsatz für das neue Jahr leer bleibt.

Das Geheimnis liegt in dem Gott spricht.

Wer ist auf dem Kommandostand?

An dieser Frage wird sich 2006 alles entscheiden. Nicht an der Frage nach den Umständen und noch nicht einmal an der Frage nach der Verheißung, sondern daran: Wer spricht zu mir? Wen lasse ich zu mir sprechen, wer wird 2006 mein Ohr gewinnen - und damit mein Herz, die Schaltzentrale, den Kommandostand meines Lebens?

Die Frage aller Fragen ist, wessen Stimme ich vertrauen werde. Wird es die zarte aber klare Stimme Gottes sein? Des Gottes, der sich Jahwe - der Ich-bin-für-dich-da - nennt? Welche Stimme bestimmt mich: mein augenscheinliches Ergehen oder die Verheißung Gottes? Mein Alltag oder seine Gegenwart?

Wer seiner Berufung folgen will, muss diese Frage klären und sich dem Geheimnis eines starken Alltags öffnen: selbst still werden und Gott zu Wort kommen lassen! Wenn ich mein Ohr für die Stimme dessen öffne, der auch 2006 ganz und leidenschaftlich für mich da sein will, werde ich die Sorgen nicht höher einschätzen als die Verheißungen, werde ich trotz aller Verzagtheit und Scheu mutig in die Zukunft sehen und gehen. "Glaubensheiterkeit" nannte Karl Barth diese Haltung.

Weil es Gott selbst ist, der spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht!, kann ich stark sein. Wo ich darauf mein Leben wage, gilt auch mir, was einst Josua galt: Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen. - Das wäre doch echt stark!


Predigt zum Neujahrsgottesdienst in der Evang. Michaelskirche, Reichelsheim

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

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