Was ist eigentlich evangelikal?

Geschichte, Gesinnung und Gestaltungskraft der evangelikalen Bewegung

von Roland Werner

Was bedeutet für mich "evangelikal"? Und warum bin ich mit Überzeugung Teil der Bewegung, die sich diesen Namen gefallen lässt?

Evangelikale Spurensuche

Es geht nicht leicht über die Zunge, das Wort "evangelikal". Man merkt ihm an, dass es ein Fremdwort ist, genauer gesagt, ein Lehnwort, das Produkt einer Übersetzung des englischen Wortes "evangelical". Auf deutsch sollte es eigentlich als "evangeliumsgemäß" wiedergegeben werden, oder einfach als "evangelisch".

Und doch haben Verantwortliche innerhalb der sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts stärker formierenden "evangelikalen" Bewegung entschieden, dieses Lehnwort als Kennzeichen ihrer Gemeinsamkeit zu prägen. Möglicherweise war ihnen der Begriff "evangelisch" nicht klar genug, denn auch dieser hatte eine Bedeutungsveränderung erfahren. Die ursprüngliche Bedeutung, nämlich "dem Evangelium entsprechend" ist häufig nicht mehr die erste gedankliche Assoziation bei diesem Wort. Für viele Zeitgenossen heißt "evangelisch" eher "nicht-katholisch" oder auch "nicht so dogmatisch" oder auch "aufgeklärt, liberal und dennoch kirchlich". Begrifflichkeiten sind nicht immer leicht und eindeutig, sind aber wichtig und wirkmächtig, können prägen, können verbinden, aber auch Trennlinien aufzeigen und auseinander führen.

Entstanden ist die evangelikale Bewegung in England innerhalb der anglikanischen Staatskirche. Dort gab es in der Folge der das ganze Vereinigte Königreich umfassenden methodistischen Erweckung auch eine innere Erneuerung der "Church of England". Die, die zurück zu den Wurzeln des Evangeliums wollten und eine Betonung auf den Glauben und die innere Erweckung des Einzelnen legten, wurden "evangelicals" genannt, im Gegensatz zu den einige Jahrzehnte später aufkommenden Rekatholisierungstendenzen der "High Church". Dabei meinte "evangelical" ein direkt am Neuen Testament orientiertes Christentum, das sich nicht nur in der persönlichen Nachfolge Christi auswirkte, sondern auch konkrete und praktische Konsequenzen nach sich zog, und zwar in zwei Hinsichten:

Die eine war die Hinwendung zum Nächsten - gerade zum sozial Benachteiligten, dem aktive Hilfe zukommen sollte. Das ging mit dem Kampf um gesellschaftliche Veränderung und gerechtere Verhältnisse einher, um die Würde, Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit des Einzelnen zu gewährleisten. So nimmt es nicht wunder, dass die Kampagne zur Abschaffung der Sklaverei im britischen Reich von führenden "Evangelicals" wie Wilberforce und Lord Shaftesbury initiiert und durchgehalten wurde.

Die zweite Zielrichtung dieser Bewegung war das Bestreben, dem biblischen Missionsauftrag Folge zu leisten, "alle Völker zu Jüngern zu machen" (Mt 28, 18-20). Dieser Impuls wurde sowohl in Großbritannien als auch im weltweiten Horizont umgesetzt und führte im Lauf der Zeit zum Entstehen der "jungen Kirchen", vor allem in Afrika und Asien. Die "evangelikalen" Christen innerhalb und außerhalb der anglikanischen Kirche, zusammen mit sinnesverwandten Christen in anderen Ländern - z.B. den weltoffenen Pietisten Süd- und Westdeutschlands, den Missionsbemühungen der Freikirchen und nicht zuletzt dem "American Board"* der Presbyterianer -, prägten so das Gesicht des evangelischen Zweigs der Weltkirche.

Vernetzungen

Die Dynamik der "Evangelicals" war an der Entstehung vieler internationaler Zusammenschlüsse maßgeblich beteiligt. Nicht zuletzt wurde der internationale Bund des YMCA (Christlicher Verein Junger Menschen) aus diesem Impuls 1855 in Paris gegründet, die Weltweite Evangelische Allianz 1846 in London, beides Vorläufer und Paten des erst 1948 gegründeten Ökumenischen Rats der Kirchen, der sich in einer direkten Linie der Weltmissionskonferenz von Edinburgh 1910 sieht, die auch wiederum von evangelikalen Missionaren, Pastoren und Theologen unter der Leitung von John R. Mott einberufen und gestaltet wurden.
Die "ältere" evangelikale Bewegung, die ich bis in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ansetzen würde, hatte somit eine ungeheure Auswirkung auf die Gestalt der evangelischen Christenheit bis auf den heutigen Tag.

Begriff und Definition von evangelical

Dabei ist klar, dass der Begriff "evangelical", als Definition für einzelne Christen und eine ganze Bewegung, von Anfang an auch eine gewisse Kritik an anderen Lagern und Bewegungen in der Kirche beinhaltete.
Geschichtlich war es zunächst der Gegensatz zu den katholisierenden Tendenzen innerhalb der anglikanischen Kirche. Hier waren es die "Evangelicals", die nun für den Erhalt der reformatorischen Lehre in der Kirche Englands kämpften.

Eine zweite Front war die Frage nach der Stellung der "Laien", also der Christen ohne besondere Ordination. Auch hier setzten sie sich für die refomatorische Wiederentdeckung des "Priestertums aller Gläubigen" und der daraus folgenden Beauftragung zum Zeugnis und Dienst aller Christen ein. Gemeinsam mit den Christen der Freikirchen drängte man auf eine Demokratisierung der Kirche und betonte das urchristliche Ideal von einmütiger Geschwisterlichkeit gegenüber einer weltförmigen, politisch mit dem Staat verflochtenen kirchlichen Hierarchie. Die "Evangelicals" verkörperten - nicht nur in der methodistischen Bewegung - neben der Stimme des "einfachen Evangeliums" auch die Stimme des "einfachen Mannes" auf der Straße.

Konfessionsübergreifend

Folgerichtig ergab sich eine weitere Frontstellung für die "evangelikalen" Christen auch auf dem europäischen Festland: Da sie das Wesen der Gemeinde nicht in den kirchlichen Strukturen, sondern in den glaubenden Menschen sahen, arbeiteten sie naturgemäß konfessionsübergreifend. In einer Zeit, in der vielerorts noch nicht einmal zwischen "reformierten" und "lutherischen" Kirchen Abendmahlsgemeinschaft bestand und in der Freikirchen teilweise verboten oder zumindest häufig stark behindert wurden, trafen sich die "Evangelikalen" aus verschiedenen kirchlichen Hintergründen "brüderlich" und einmütig zu gemeinsamem Gebet, gemeinsamer Bibelauslegung und nicht zuletzt zu gemeinsamer Aktion. Damit wurden sie zu Vorreitern ökumenischen Bewusstseins.
Angesichts des Erstarkens der sogenannten "liberalen" Theologie des 20. Jahrhunderts, die als eine Spätfolge der "Aufklärung" angesehen werden kann, besannen sich die, "die mit Ernst Christen sein wollten", auf die Basis des Glaubens. In den USA bekannten sich führende Persönlichkeiten der evangelikalen Bewegung zu den sogenannten "fundamentals", den Grundlagen des christlichen Glaubens, und versuchten damit, aufklärerische, "liberale" Einflüsse abzuwehren. Das brachte ihnen den Namen "fundamentalists" ein. Innerhalb der evangelikalen Bewegung jedoch führte dies zu einer gewissen Ausdifferenzierung. Manchen war das Anliegen der Einheit und der Evangelisation bzw. Weltmission wichtiger als das der "Rechtgläubigkeit", ja, sie fürchteten eine erneute konfessionelle und damit neo-orthodoxe Verengung. So entwickelten sich zwei Flügel: der mehr "dogmatische" und der eher "pragmatische", wobei diese Unterscheidungen manchmal nur Nuancen der Betonung ausdrückten.

Die Autorität der Schrift

Damit hatte sich die evangelikale Bewegung ein weiteres Anliegen auf die Fahnen geschrieben: den Kampf um die Autorität der Bibel als Maßstab für Glauben und Leben. In dem Maße, in dem Teile der Kirchen vom bisherigen evangelisch-reformatorischen Konsens abwichen, sahen sich die "evangelikalen" Evangelischen "genötigt", sich auch dieser wichtigen Frage anzunehmen. Durch den Versuch, den bisherigen gesamt-evangelischen Konsens, der die "Schrift allein" und die "ganze Schrift" unterstrich, zu wahren, rückte die gesamte evangelikale Bewegung nolens-volens doch ein bisschen in die eher "konservative" Ecke, zumindest in der Bibelfrage. Waren die Evangelikalen bisher eher die "Progressiven", die für soziale Gerechtigkeit, Weltevangelisation und Einheit aller Christen eintraten, wurden sie jetzt zumindest in Glaubensfragen eher "konservativ". Im angelsächsischen Raum gelang es vielerorts, diese Unterscheidung in "sozial-progressiv" und "werte-konservativ" durchzuhalten. In Deutschland hingegen, das etwas "system-konservativer" und "grundsätzlicher" war als die eher pragmatischen Angelsachsen, äußerte sich eine Wendung zu einem grundlegenden Konservativismus - auch in politischen Fragen.

Verstärkt wurde diese Festlegung noch durch die inner-evangelikale Auseinandersetzung mit der sogenannten "Pfingstbewegung". 1909 führte sie in Deutschland mit der "Berliner Erklärung" zur Aufspaltung in "pro-pfingstliche" und "anti-pfingstliche" Evangelikale. Mit Hilfe der Erklärung wurden auch charismatische Aufbrüche in den Kirchen immer wieder bekämpft. Diese damals vollzogene Trennung wirkt noch heute nach, so dass die Begriffe "evangelikal" und "charismatisch" zumindest in Deutschland häufig als direkte Gegensätze verstanden werden. Im angelsächsischen Raum hingegen werden sie, wenn auch nicht deckungsgleich, so doch inklusiv verwendet und beizeichnen zueinander gehörige und ineinander übergehende Gruppierungen.

Evangelistisch

Hinzu kommt seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein weiteres Gegensatzpaar, nämlich "evangelikal" und "ökumenisch". Dies hängt mit der Integration der Missionsgesellschaften und vieler "jungen Kirchen" in den Ökumenischen Rat der Kirchen zusammen, sowie mit dessen theologischer und politischer Entwicklung. In dem Maß, in dem dieser ein "Moratorium" gegen Mission ausrief und sich in politische, meist sozialistisch inspirierte Projekte investierte, kam es zu evangelikalen Protesten und der Gründung von Parallelstrukturen. Während die klassischen Missionsgesellschaften ihre auf Bekehrung und Gemeindebildung zielende Arbeitsweise aufgaben, entstanden neue "evangelikale" Missionsgesellschaften, die inzwischen die "klassischen" in jeder Hinsicht überrundet haben.
Ähnliches spielte sich beim Thema "Volksmission" bzw. "Inland-Mission" ab: überall entstanden neue evangelistische, aber auch diakonische Initiativen im evangelikalen Raum. Dieser "Aufbruch der Evangelikalen" scheint unvermindert weiterzugehen, ja, es gibt Anzeichen dafür, dass er vielerorts längst schon andere Bereiche der Großkirchen prägend mitbeeinflusst.

Doch die oben beschriebenen Gegensätze, so plakativ und außenwirksam sie häufig aufgefasst und dargestellt werden, bestimmen nicht das Zentrum des evangelikalen Anliegens. Der historische Abriss kann uns helfen, das ins Blickfeld zu nehmen, was der evangelikalen Bewegung auch in Zukunft Daseinsberechtigung und Hoffnungsperspektiven verleihen kann. Dabei wird sie gerade dann ihre Stärke entfalten, wenn sie sich als "Bewegung" versteht, als Impuls, der einen dynamischen Konsens beschreibt, und aus diesem Selbstverständnis heraus die Kirche insgesamt und auch die Weltgesellschaft zu verändern sucht.
Der "evangelikale Konsens", also das, was den Kern dieses kirchengeschichtlich wirksamen Impulses ausmacht, möchte ich in ein paar Kernthesen zusammenfassen.

Evangelikal sein heißt, ...

... "orthodox" an Jesus Christus glauben
Evangelikale Christen nehmen den historischen Kern des christlichen Glaubens ernst und nehmen ihn zum Maßstab für Glauben und Leben. Insofern möchte die evangelikale Bewegung zu den Wurzeln des Christentums durchstoßen und zielt auf eine Erneuerung von den Wurzeln her. Dies ist ihre eigentliche Stärke: biblisch sein im Sinne einer direkten Bezugnahme auf die Heilige Schrift. Damit eröffnet sie die Möglichkeit zum fruchtbaren Dialog mit den historischen Kirchen aller Konfessionen. So wie die Reformatoren in ihrer Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen katholischen Kirche nichts "Neues" bringen wollten, sondern angesichts der geschichtlich entstandenen Zusätze und Neuerungen, besonders des römischen Papsttums, auf die allgemeinen anerkannten, biblischen und frühchristlichen Glaubensüberzeugungen und Praktiken zurückgreifen wollten, so will die evangelikale Bewegung im Kern nichts anderes als das: Evangeliumsgemäß und damit im besten Sinne "orthodox" (=rechtgläubig, der herkömmlichen Lehre gemäß) sein. Gegenüber zeitgeistigen oder kirchlich-tradierten Verschiebungen der christlichen Lehre will sie das allen Christen Gemeinsame in den Vordergrund stellen.

... persönlich Christus nachfolgen wollen

Durch den direkten Bezug auf die Bibel nehmen evangelikale Christen den Ruf zur Umkehr, wie er im Zentrum der Verkündigung Jesu stand: "Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,15) ganz persönlich ernst. Für sie kann Glauben an Christus immer nur zur bewusst gewählten Nachfolge Christi führen. Persönlicher Glaube, persönliche Nachfolge, persönliches Zeugnis sind Begriffe, die häufig erscheinen. Dabei meint "persönlich" nicht "privat" oder "individualistisch", sondern "die ganze, eigene Person umfassend". Sicherlich liegt in dieser Betonung des Individuums die Gefahr, Glaube individualistisch, also losgelöst von einer Gemeinschaft der Glaubenden, misszuverstehen. Doch in der Praxis ist das Gegenteil der Fall: Der "persönliche" Glaube führt in die Gemeinde derer, die ebenfalls Christus nachfolgen, egal in welcher Kirche oder Konfession sie verwurzelt sind.

... Einheit suchen in gemeinsamem Gebet und Zeugnis

Das ist von Anfang an ein Kennzeichen der evangelikalen Bewegung gewesen. Dadurch entwickelt sie ein Potenzial, kirchenübergreifend zu wirken. So nimmt es nicht Wunder, dass es z.B. in den USA die Bewegung der "Evangelical Catholics" gibt, und dass der "charismatische" Zweig der Evangelikalen bis in die orthodoxen Kirchen hineinwirkt.
Damit ist die evangelikale Bewegung basis-ökumenisch im besten Sinn des Wortes, da sie das Gemeinsame in der Orientierung an Jesus Christus und der Hingabe an ihn sucht. Natürlich ist darin auch schon eine Kritik an bestimmten Sonderentwicklungen sowohl im Dogma als auch der in Praxis innerhalb historischer und auch neuer Kirchen mit beinhaltet. So werden "Evangelikale" sicher marianische Verehrung oder die Anerkennung von erst in den letzten Jahrhunderten entstandenen Dogmen wie der sogenannten unbefleckten Empfängnis und leiblichen Himmelfahrt Marias nicht mittragen können. Das bedeutet, dass die Konzentration auf das "Gemeinsame" Grenzen nicht ausschließt, sondern sie auch definiert.

... etwas in dieser Welt bewegen wollen

Die Dynamik des evangelikalen Teils der Christenheit hängt mit der Überzeugung zusammen, dass der Missionsauftrag als Vermächtnis Jesu ernstzunehmen ist. Ebenso sehen sich Evangelikale als "in der Welt", aber nicht "von der Welt" (Joh 17), als "Mitarbeiter Gottes" (1. Kor 3, 9), also als aktive Mitgestalter der guten und heilsamen Pläne Gottes.

Besonders der Impuls der Lausanner Verpflichtung (1974)** hat mitgeholfen, dass die ursprüngliche ganzheitliche Sicht des christlichen Auftrags wieder weite Teile der evangelikalen Bewegung prägen konnte. So ist der Dreiklang von Wort, Werk und Kraft des Geistes (Römer 15, 18-19), also von missionarischer Bemühung (Wort), sozialem, diakonischem und politischem Einsatz (Werk) und charismatischer Erfahrung und Bevollmächtigung (Kraft) neu entdeckt worden. Das, was mancherorts auseinanderdriftet, kann so zusammengesehen und -gehalten werden als eine aus der Erfahrung der Liebe Gottes geborene persönliche Beziehung zu Christus in der Dynamik des Heiligen Geistes, die zu einem die Welt bewegenden Handeln führt und in der Heiligen Schrift Inspiration und Maßstab findet.

Meine Hoffnung

Ich lebe in der Hoffnung, dass das hier Entfaltete einen grundlegenden "evangelikalen Konsens" beschreibt, der uns vor nutzlosen Grabenkämpfen bewahrt und auf die Spur setzt, auf der wir die Zukunft gewinnen können.
Die evangelikale Bewegung ist noch lange nicht am Ende ihrer Geschichte. Viele Voraussagen über die Zukunft der christlichen Kirche im 21. Jahrhundert besagen, dass sie im Wesentlichen drei Gestalten haben wird: die "orthodoxe" Kirchengestalt, die römisch-katholische Kirche und die evangelikal-charismatische Christenheit, einschließlich der am schnellsten von allen wachsenden Bewegung der Pfingstkirchen, während der "liberale Protestantismus" zur Bedeutungslosigkeit herabsinken werde.

Dabei liegt die Stärke der evangelikalen Bewegung gerade darin, dass sie nicht an eine bestimmte Kirchengestalt gebunden ist, sondern einen inneren Impuls ausmacht, der sich sowohl in landeskirchlichen wie in freikirchlichen Strukturen entfalten kann. Stark wird sie gerade dann sein, wenn sie diese Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit bewahrt und sich zielgerichtet auf ihre zentralen Themen konzentriert: Einheit der an Christus Glaubenden, Autorität der Bibel, Weltmission und Evangelisation, Einsatz in der Welt im Auftrag Jesu und auf ihn ausgerichtete Glaubenserfahrung, die sich im Gebet und im Hören auf die Leitung des Heiligen Geistes ausdrückt.

Die evangelikale Bewegung tut gut daran, den Satz zu beherzigen, der dem Kirchenvater Augustinus zugeschrieben ist: "In necessariis unitas, in dubiis libertas, in ommibus caritas" - "In den notwendigen Dingen Einheit, in den zweifelhaften Freiheit, in allen Dingen Liebe". So könnte sie sich vor inneren Selbstzerfleischungstendenzen bewahren und zu der Kraft heranreifen, auch in einer postmodernen und teilweise gegen-christlichen Gesellschaft Gehör zu finden und positiv Orientierung zu geben. Aktion und spirituelles Fundament, Sendung und Sammlung sind gleichermaßen notwendig, um ihr eine Stimme und Gestalt zu geben.

Orthodox, katholisch und evangelisch zugleich

Die evangelikale Bewegung gehört ins Zentrum der Christenheit. Mit ihrer Betonung der Autorität der Bibel ist sie im eigentlichen Wortsinn "orthodox" - Rechtgläubigkeit ist für sie ein hohes Gut. Evangelikale Christen sehen sich gerufen, für den "Glauben zu kämpfen, der ein für alle Mal den Heiligen gegeben ist" (Judasbrief 3).
Mit ihrer Betonung der Herzenseinheit aller an Christus Glaubenden, über alle konfessionellen Grenzen hinweg, ist sie wahrhaft "katholisch", also alle umfassend. Mit ihrer missionarischen und diakonischen Weltberufung ist sie länder- und zeitübergreifend. Und mit ihrer starken Verwurzelung in der reformatorischen Tradition und in der Bibel ist sie zutiefst evangelisch.

Evangelikal zu sein bedeutet für mich nicht mehr und nicht weniger als "eigentlich" evangelisch zu sein: aus dem Evangelium zu leben und darin immer neu die Quelle lebendigen Wassers zu finden, die niemand anderes ist als Jesus selbst.    

Die evangelikale Bewegung sollte...

1. ... den Mut haben zu sein, was sie ist.

Das ist ihr unaufgebbares Pfund, ein Geschenk Gottes an die ganze Kirche und Sauerteig auch der historischen Kirchen. Sie muss sich immer wieder ihrer Wurzeln und ihres Auftrags erinnern und diesen in der sich verändernden Zeit immer neu auszuführen suchen.

2. ... ihre Stimme wiederfinden.

Sie muss Mut haben, eindeutig und verständlich ihre Botschaft zu sagen: den an den ganzen Menschen in der ganzen Welt gerichteten Ruf des ganzen Christus, ihm vorbehaltlos und von ganzem Herzen nachzufolgen. Sie darf sich nicht in eine Ecke der Seligen zurückziehen, sondern muss sich einmischen, damit der Name Christi geehrt wird.

3. ... ihre innere Einheit wiedergewinnen.

Die Zerwürfnisse der Vergangenheit müssen überwunden werden, damit Ressourcen freiwerden für den eigentlichen Auftrag. Evangelikale Christen müssen sich durch Wahrheit und Liebe zugleich auszeichnen. In der Wiedergewinnung ihrer inneren Einheit können sie die Gesamtkirche segnen, prägen und dadurch die Welt erreichen.

4. ... den Reichtum Gottes in der Geschichte entdecken.

Weil Gott zu allen Zeiten Menschen gerufen, geprägt und gesandt hat, müssen, können und dürfen evangelikale Christen verschüttete Quellen wiederentdecken und fruchtbar machen für das geistliche Leben. Nur so werden sie vor politischen oder zeitgeistigen Einseitigkeiten, vor ideologischen Verengungen und sektiererischen Abgrenzungen bewahrt werden.

5. ... sich der jungen Generation zuwenden.

Die Glaubensfragen und Lebensnöte der jungen Generation rufen nach ganzheitlicher, heilsamer und christusbezogener Beantwortung. Es gilt, die Köpfe und Herzen der Jungen zu gewinnen für die Sache Jesu und des Reiches Gottes. Hier sind Väter und Mütter gefragt, die sich als Vorbilder, Mentoren und Gesprächspartner zur Verfügung stellen. Hier sind durchdachte und durchlebte Antworten gefragt, die zukunftsweisende Perspektiven und lebbare Alternativen aufzeigen.

6. ... unerschrocken in den missionarischen Dialog eintreten.

Die großen Herausforderungen in der Welt sind alle mit ideologischen und religiösen Neuaufbrüchen verbunden. Der erstarkende Islam, der nationalistisch zugespitzte Hinduismus, der diffus-attraktive Buddhismus, die nach-christliche postmoderne Populärreligion und politische Ideologien haben einen den ganzen Menschen erfassenden Absolutheitsanspruch. Dem gegenüber hat die evangelikale Christenheit den Auftrag, Jesus Christus als Erlöser und Herrn aller Menschen zu bezeugen. Der missionarische Dialog mit anderen Weltentwürfen schließt das entschlossene Eintreten für verfolgte Christen und den Einsatz für Menschenrechte und Religionsfreiheit in allen Kulturkreisen mit ein.

7. ... die heilsame Herrschaft des historischen, gegenwärtigen und kommenden Christus glauben und bezeugen.

Evangelikale Christen leben in der Überzeugung, dass Jesus von Gott zum Weltenrichter und Herrn der ganzen Welt eingesetzt wurde. Seine Herrschaft ist nicht nur eine erhoffte Größe der Zukunft, sondern breitet sich hier und jetzt schon aus. Sie können deshalb nicht ruhen, bis alle Menschen die Möglichkeit haben, in ihrer eigenen Sprache und Kultur das Wort Gottes zu hören und lebendige Gemeinde zu erleben. Evangelikale Christen stehen gegen Unfreiheit, Ungerechtigkeit, Gewalt, Hunger, Krieg, Korruption auf, verkündigen die Herrschaft Jesu Christi und arbeiten in der Kraft des Heiligen Geistes an der Erneuerung der Welt als ein Zeugnis für das kommende Reich Gottes.

Von

  • Roland Werner

    Dr. phil., ist Sprachwissenschaftler und evang. Theologe. Er leitet mit seiner Frau Elke die ökum. Gemeinschaft Christus-Treff in Marburg, ist Autor vieler Bücher und war bis Anfang 2010 Vorsitzender des Christival.

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