Neue Wege durchs Steintal

Wie geistlicher Aufbruch eine Region verändern kann.

Aus dem Leben des Pfarrer Oberlin

Johann Friedrich Oberlin (1740 - 1826) war Pfarrer einer kleinen elsässischen Gemeinde und doch ein Mann, der seine Zeit und Umgebung nachhaltig geprägt hat.
Am Leben dieses begnadeten Pädagogen und bahnbrechenden Sozialreformers wird deutlich, wie eng geistliche und soziale Verantwortung im Auftrag der Nächstenliebe miteinander verknüpft sind und was Gott aus einem Menschenleben machen kann, das sich ihm ganz überlässt.

von Rebekka Havemann

Das Steintal, ein abgeschiedenes Hochtal in den nördlichen Vogesen, hatte keinen guten Ruf: sechs Monate eisiger Winter, keine Straßen, keine festen Häuser, keine Verdienstmöglichkeiten. Die Menschen waren bitterarm, ohne jede Bildung und zudem durch ihren Dialekt, den schon die allernächsten Nachbarn nicht mehr verstanden, völlig isoliert. Vor allem aber waren sie ohne Hoffnung, diesem jahrhundertealten Teufelskreis aus Armut, Unwissenheit und Resignation jemals zu entkommen.

Johann Friedrich Oberlin war 27 Jahre alt, als er sich auf diese unbeliebte Pfarrstelle bewarb. Fast sechzig Jahre diente er dem Tal der Armen, und als er starb, war es kaum wiederzuerkennen.

Kindheit und Jugend

Oberlin wuchs in Straßburg auf, wohin seine Vorfahren zu Beginn des 30jährigen Krieges aus Glaubensgründen geflohen waren. In seinem Elternhaus lernte er einen klaren, nüchternen evangelischen Glauben kennen. Schon als Kind weckte die ungerechte Behandlung von Armen und Benachteiligten sein tiefes Mitgefühl. Einmal zum Beispiel schenkte er einer Bauersfrau, der Buben auf dem Markt mutwillig ihren Korb mit Eiern umgestoßen hatten, seine Sparbüchse, um sie zu trösten.

Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts war die Zeit des sich ausbreitenden Pietismus. Oberlin beschrieb später, wie Gott das Herz des damals 16-jährigen "heilsam ergriff" und ihn zu sich bekehrte.

Er selbst bezeichnet sich als "soldatische Natur mit einer Leidenschaft für Regel und Ordnung" und nennt Reizbarkeit und Ungeduld als seine großen Schwächen. Seine Fähigkeit zur Selbstdisziplin und Sparsamkeit, sein schlagfertiger Humor und nicht zuletzt seine eiserne Gesundheit waren gute Voraussetzungen für den späteren Dienst.

Als er 20 war, verfaßte Oberlin - einem pietistischem Brauch folgend - eine "Erneuerung des Taufbundes", in dem es unter anderem hieß: "Heiliger Gott! Ich übergebe mich Dir jetzt auf das Feierlichste. Dir widme ich alles, was ich bin und habe. Die Kräfte meiner Seele, die Glieder meines Leibes, meine Zeit und zeitlichen Güter. ... Trägst du mir in diesem Leben die Aufsicht und Sorge über andere Menschen auf, o so schenke mir auch Mut und Stärke, frei und offen Dich zu bekennen..."

Diese aufrichtige Hingabe hat Gott nicht unbeantwortet gelassen!

Im Steintal

12 Pfarrer in 50 Jahren hatte das Steintal "verbraucht". Niemand schien es dort lange auszuhalten. So wundert es nicht, daß die Bewohner ihren neuen Pfarrer mit Skepsis und Ablehnung empfingen.

Doch davon ließ sich Oberlin nicht abschrecken. Sein Vorgänger hatte ihm ein kleines Pferd hinterlassen mit dem passenden Namen "Content" - "Genügsam". Und obwohl das Wetter miserabel und die Wege nur schwer passierbar waren, machte er sich sogleich auf, jedes Gemeindemitglied zu besuchen und persönlich kennenzulernen.

Schulprojekte

Seine große Liebe galt den Kindern. "Ich konnte mich der Tränen nicht enthalten, da ich einerseits die zarte Jugend und andererseits die üble Auferziehung, die sie hatten, betrachtete, an einem Orte, wo fluchen, schelten und schlagen häufiger als Brot sind", notiert er erschüttert nach einer Besuchstour.

Sein Erziehungsgrundsatz war: "Vier Dinge sind wir den Kindern schuldig: Disziplin, Unterricht, gutes Spiel und Beten." Mit der Zeit erarbeitete Oberlin ein Schulsystem, in dem Kinder von drei bis sechzehn Jahren unterrichtet wurden. Das war einmalig zu einer Zeit, als an eine allgemeine Schulpflicht noch lange nicht zu denken war!

Die Drei- bis Siebenjährigen sammelte er in Ofen-Strick-Schulen, wo man mit ihnen spielte, sang, betete und wo Geschichten erzählt wurden. Auf spielerische Weise lernten die Kinder dort nicht nur stricken, sondern auch rechnen, Pflanzen-, Tier- und Erdkunde. So fiel ihnen der Einstieg in die Grundschule nicht mehr schwer, wo es neben Lesen und Schreiben auch Unterricht in gutem Benehmen gab. Danach kam die "Mittelschule" mit vielen allgemeinbildenden Fächern und nach der Konfirmation die "Schule für Erwachsene", in der es um Land- und Hauswirtschaft, Gesundheitspflege und Hygiene, Staatsbürgerkunde, Lohn- und Eigentumsfragen, Briefe und Rechnungen ging.

Selbstverständlich gehörte die Christenlehre in jede Art des Unterrichts mit hinein. Alle Lehrpläne und viele anschauliche Unterrichtsmaterialien fertigte Oberlin selbst an und richtete eine gut funktionierende Schülerselbstverwaltung ein. Lehrer und Lehrerinnen ließ er auf eigene Kosten ausbilden.

Trotz allem war es nicht leicht, die Kinder zu einem regelmäßigen Schulbesuch zu bewegen, auch deshalb, weil sie zuhause als Arbeitskräfte unentbehrlich waren. Da kam der erfinderische Oberlin auf die Idee, jedem Kind, das keine Schulstunde versäumte, im Winter zwei und im Sommer vier Pfennig pro Monat zu spendieren. Das zog.

Weil es im Steintal keine ausgebildeten Handwerker gab, schickte Oberlin einige der großen Jungen auf eigene Kosten in die umliegenden Städte, um bei angesehenen Handwerksmeistern in die Lehre zu gehen. Nach wenigen Jahren waren dann auch im Steintal Fachleute jeden Handwerks zu finden.

Bauprojekte

Das Misstrauen der Steintalbewohner zeigte sich am stärksten, als Oberlin plante, ein Schulhaus zu bauen. Der Pfarrer hatte so etwas erwartet und erstaunte die Leute mit dem Versprechen, dass sie der Schulneubau nichts kosten würde: Er selbst und Pfarrer Stuber, der als Oberlins Amtsvorgänger dem Steintal eng verbunden geblieben war und Oberlin als Freund und Ratgeber zur Seite stand, wollten alle Kosten tragen. Ein treuer Freundeskreis in Straßburg unterstützte sie - und es gelang. Nun schien der Bann gebrochen, und für weitere Bauten kamen Spenden und aktive Mithilfe auch aus der eigenen Gemeinde.

Als Oberlin der Gemeinde dann jedoch seine Pläne für den Bau einer Straße unterbreitete, stieß er zunächst wieder auf eisige Ablehnung; dieses Projekt war wohl doch zu gewagt. In seinen Predigten warb er um das Vertrauen der Menschen, indem er ihnen klarzumachen suchte, daß auch eine Straße ein Werk der Liebe sei, weil es die einzelnen und das ganze Tal aus der Isolation führen würde. Nachdem er ihnen in dieser Weise den Vers "Bereitet dem Herrn den Weg!" ausgelegt hatte, zog er seinen Arbeitsanzug an und machte sich ganz allein mit Hacke und Spaten an die Arbeit.

Das wirkte - nach und nach fanden sich andere Arbeiter ein. Zwei Jahre dauerte diese harte und gefahrvolle Arbeit. Dann standen sie vor einem scheinbar unüberwindlichen Hindernis: die Breusch, ein reißender und gefährlicher Gebirgsbach. Bisher nutzten Fahrzeuge eine seichte Furt, um hinüber zu gelangen und Fußgänger einen glitschigen Balken. Immer wieder gab es tragische Unfälle. Schon mehrmals hatte Oberlin bei den zuständigen Behörden um Abhilfe gebeten, ohne Erfolg. Als bald darauf ein Mädchen vor den Augen ihres hilflosen Vaters ertrank, entwarf Oberlin kurzentschlossen die Pläne für den Bau einer Brücke, sammelte Geld und brachte es fertig, seine Gemeindeglieder zu überzeugen. So entstand jene Brücke, die heute noch "Brücke der Barmherzigkeit" heißt.  

Landwirtschaft

Unentwegt war Oberlin auch damit beschäftigt, die Landwirtschaft zu verbessern. Ein unbebautes oder schlecht bestelltes Feld schien ihm wie eine persönliche Beleidigung Gottes. Doch der Ackerboden des Steintales war mit Steinen übersät, und das Schmelzwasser spülte jedes Jahr die dünne Ackerkrume weg. Die Folge war, daß es im Winter oft nur gekochtes Gras und trockenes Roggenbrot als Nahrungsmittel gab. Trotzdem beäugten die Einheimischen auch hier misstrauisch den Städter, der ihnen etwas Neues beibringen wollte.

Darum begann Oberlin in seinem eigenen Garten: Er fing an, den Stalldung, der im Steintal bisher nicht genutzt wurde, unter die Erde zu bringen und durch Kompostierung die Humusschicht zu verbessern. Als daraufhin die Erträge des Pfarrgartens sprunghaft anstiegen, fand er bald Nachahmer. Dann besorgte er sich frostresistente Obstbäume und zeigte den Leuten, wie man sie veredelt. Die jungen Setzlinge vergab er als Prämien an den Schulen oder bei Wettbewerben. Bei Kindstaufen und Hochzeiten verlangte er von den Beteiligten, vorher einen Baum zu pflanzen.

Der Pfarrer half Felsen sprengen und entwässerte Wiesen, um neues Ackerland zu gewinnen, besorgte Düngemittel, neues Saatgut und Zuchtvieh und beschäftigte sich mit Tierheilkunde.

Um den Bauern neue Anschaffungen zu ermöglichen, richtete er eine Leih- und Kreditanstalt ein. Zum landwirtschaftlichen Verein, in dem Fragen um Land und Landwirtschaft gemeinschaftlich gelöst wurden, war es dann nur noch ein kleiner Schritt.

Verwandlung

59 Jahre war Oberlin Pfarrer im Steintal. Die oben aufgeführten Initiativen sind nur ein Teil dessen, was Oberlin in dieser Zeit geleistet hat. In allem aber blieb er Hirte und Vater der ihm anvertrauten Menschen, deren Schicksal er so eng mit dem seinen verknüpft hatte.

Neben aller äußerer Fürsorge und Aktivität war es ihm ungemein wichtig, täglich für seine Leute zu beten. Die Namen derer, die besondere Fürbitte und Fürsorge brauchten, pflegte er an seine Stubentür zu schreiben, um sie vor Augen zu haben. Manchmal jedoch schien er angesichts des harten Kampfes und der auf ihm liegenden Lasten am Ende zu sein, oft genug "ging es nur noch auf den Knien vorwärts". Und doch tat sich etwas, ganz leise und versteckt zuerst: Viele der kleinen Strick-Stuben-Besucher berichteten zu Hause unbefangen von den biblischen Geschichten, dem Singen, Beten und den Ermahnungen, die sie bei ihm gehört hatten. Das blieb in den Dörfern nicht ohne Wirkung - auch die Atmosphäre unter den Erwachsenen änderte sich: Streitigkeiten wurden begraben, Schulden bezahlt, der Umgangston freundlicher. Mit seinen Predigten, die in schlichter und verständlicher Sprache die alltäglichsten Probleme der Steintäler aufgriffen, berührte Oberlin die Herzen. Und noch mehr durch das unermüdliche Beispiel seiner tätigen Liebe, die nichts für sich selber suchte. Langsam wuchs in seiner Gemeinde einen Kreis treuer Mitarbeiter und Beter, die diesem Beispiel auf ihre Art folgten und damit das Zusammenleben im Steintal prägten.

Durchs dunkle Tal

Oberlin schrieb einmal "...ich bin meist mit Arbeit übermenschlich überhäuft."

Dazu kamen persönliche Schicksalsschläge.Fünf seiner neun Kinder hat Oberlin beerdigen müssen. Am härtesten aber traf ihn wohl der frühe Tod seiner Frau, mit der er 15 Jahre innig verbunden war. Ohne sie und ihre selbstlose Hingabe wäre der Dienst Oberlins gar nicht denkbar gewesen.

Darüber hinaus belasteten ihn hinterhältige Anfeindungen und schmutzige Verleumdungen. Bis zum Kirchenkonvent nach Straßburg drangen die Gerüchte, Oberlin lebe mit verschiedenen Frauen zusammen und bereichere sich an dem gesammelten Geld. Es brauchte viel Gebet und Standfestigkeit, bis diese Angriffe, geeignet, jeden geistlichen Aufbruch zu zerstören, nachließen.

Bei all den Belastungen blieb Oberlin nicht nur bis ins hohe Alter geistig und körperlich gesund, sondern zudem auch voller Fröhlichkeit und Humor, Freundlichkeit und Zugewandtheit.


Woher nahm er die Kraft, so ausdauernd und tatkräftig und im besten Sinne des Wortes selbst-los zu lieben?

Mit 20 Jahren hatte Oberlin die Sorge um sich und sein Ergehen aus der Hand gegeben. In jeder Herausforderung und jedem Schmerz der folgenden Jahre setzte er alles auf diese Karte: "... Ich habe den Ruf angenommen. Das Sorgen kommt jenem zu, der mich in seine Dienste berufen hat. Er wird mich nicht enttäuschen."

In den letzten Jahren seines Lebens erhielt Johann Friedrich Oberlin viele Ehrungen von allerhöchsten (staatlichen) Stellen. Den ehrenvollsten Titel jedoch hatten ihm schon die Kinder und Erwachsenen "seines" Steintals verliehen; er ist auch heute noch auf seinem schlichten Grabkreuz zu lesen: Papa Oberlin.

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

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