Mit der Kraft von drei Herzen

Was den Leib Christi in Bewegung bringt

von Dominik Klenk

Meine Erfahrungen mit Evangelikalen sind durchwachsen - und bis heute ist mir unklar geblieben, wer oder was ein Evangelikaler eigentlich ist. Dazu die Schilderung zweier Begegnungen:
Ein Artikel von mir sollte in einer christlichen Jugendzeitschrift nachgedruckt werden. Der Redakteur war vom Inhalt begeistert, wollte sich in einem Telefongespräch jedoch meiner Rechtgläubigkeit versichern und fragte, ob ich denn auch wirklich ein Evangelikaler sei. Ich fragte zurück, ob er mir denn sagen könne, was einen Evangelikalen ausmache. Das brachte mein Gegenüber in Erklärungsnot. Er stammelte etwas hilflos von "bibeltreu", "Evangelischer Allianz", "antiliberal" und überhaupt wisse ich ja, was er meine. Leider wusste ich es nicht. Unser Gespräch brachte auch noch ans Licht, dass ich an einer katholischen Universität studiert hatte und soeben mein Buch über den jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber erschienen war. Der Artikel ist nie in jenem evangelikalen Jugendmagazin gedruckt worden.

Die andere Begegnung war die mit dem Theologen und Baptistenpastor Dr. René Padilla in Buenos Aires, dem jahrzehntelang amtierenden Generalsekretär der Evangelikalen Lateinamerikanischen Bruderschaft. Er hatte mich zur praktischen Mitarbeit in einem Armenviertel eingeladen - eine für mich bahnbrechende Erfahrung. Mir, dem damals 20jährigen, der mit sozialistischen Weltveränderungsidealen sympathisierte, sagte er liebevoll gelassen, aber in großer Autorität: "Weißt du, Dominik, wenn du jung bist und kein Kommunist, dann hast du kein Herz. Wenn du aber älter wirst und bist immer noch Kommunist, dann hast du kein Hirn." Padillas theologischer Tiefgang und seine Weltoffenheit - gepaart mit praktischem Engagement, der Liebe zu den Menschen und einer immerwährenden Hoffnung für sein hoch verschuldetes und von Korruption zerfressenes Land - haben sich tief in mein Herz geprägt. Ebenso die Demut, mit der er im Joch der Schwierigkeiten vor Ort ausharrt. Er hat mir nachhaltig den Weg in die Freiheit eines Lebens mit Jesus Christus gewiesen.

Evangelium, das quer liegt

Das Schlagwort "evangelikal" weckt in mir also unterschiedliche Assoziationen, positive und negative, ermutigende und abstoßende, lebendige und tote. Hinzu kommt, dass der aus dem englischen "evangelical" nachgebildete Begriff im Deutschen einen eigenen Beigeschmack hat. Liberale Intellektuelle verbinden damit zuvorderst eine deutsche Kopie des neo-protestantischen Politchristentums à la George W. Bush (moral majority). Evangelikale seien die, "die auf die Schöpfung schwören und die Evolution leugnen", wie sie jüngst ein Journalist in den ARD-Tagesthemen charakterisierte. Dennoch ist es notwendig, sich jenseits der diffusen Begriffsverwendung anzuschauen, um was es den "Evangelikalen" eigentlich geht: nämlich um das Engagement für den Auftrag der Kirche von Jesus Christus. Dieser Auftrag sollte uns beunruhigen - mehr als der Ge- und Missbrauch von Schlagworten.
Die einzige Legitimation der Kirche ist Jesus Christus selbst. Der Leib Christi, die wachsende Kirche, die in ihm wurzelt und ihm zugleich entgegenwächst, ist der Fokus, um den es uns "Evangelikalen", dem Evangelium verpflichteten Menschen, gehen muss. Wir dürfen nicht vergessen: Evangelikale sind nicht der eigentliche "Leib Christi", sondern Teil des Leibes, zu dem Christen unterschiedlicher Prägung und Denomination gehören.
Was aber ist ihr - unser - spezieller Dienst am Leib Christi? Welche Stimme muss heute hörbar und welches Leben sichtbar gemacht werden von denen, die sich in eine Reihe geistiger Ahnen wie Anselm von Canterbury, Martin Luther und Dietrich Bonhoeffer stellen? Diese drei Männer waren Christen, die sich mit dem Evangelium quer zum Denken ihrer Zeit gestellt haben. Querliegen um der Verwirklichung des Evangeliums willen - vielleicht ist das eine mögliche Beschreibung der Evangelikalen? Querliegen zu dem, was "trendy" ist, das kann unangenehm sein. Querliegen zu dem, was die herrschenden sichtbaren und die unsichtbaren Mächte in unserer Gesellschaft als Losung ausgeben, das kann tief ins eigene Fleisch schneiden, das kann Leiden bedeuten. Es kann aber auch genau das Salz sein, was eine von Fäulnisprozessen gezeichnete Welt zu ihrer Rettung braucht.

Navigationskrisen

Zu den Symptomen unserer Zeit gehört auch, dass geistige Standortbestimmung trotz des großen Angebots moderner Navigationssysteme schwierig geworden ist. Gerade die Finsternisse dieser Welt kommen zunehmend im lichten Gewand des Guten und Schönen daher: verführerisch und verharmlosend wollen sie unser Wohlgefühl steigern. Gleichzeitig ist das Böse und die Zerrissenheit vieler Menschen so offensichtlich wie nie: Völkermorde in der Zweidrittelwelt, Massenabtreibungen in Europa, Familientragödien in Deutschland, das Zerbrechen von Beziehungen in unserem persönlichen Umfeld. Weil der Teufel uns glauben macht, es gäbe ihn nicht, werden Kriege ausschließlich politisch, Katastrophen nur natürlich und Seelenleid nur psychologisch erklärt. Der biblische Horizont der unsichtbaren Wirklichkeit, eines Kampfes zwischen Gut und Böse, Gott und Satan, ist seit Beginn des 19. Jahrhunderts wegrationalisiert worden. Über den christlichen Wahrheitsanspruch zu reden, gilt als Todsünde, das Diktat des Relativismus als postmodernes Freiheitsideal.

Mit dem Verzicht auf die eine Wahrheit, um die die Aufklärung noch rang, feierte der Mensch der Moderne die Entdeckung der vielen Wahrheiten. Der "Zerrklang" der Postmoderne dröhnt nun, es gebe gar keine Wahrheit, oder, wie der österreichische Philosoph Paul Feyerabend (1924 -1994) ausgerufen hat: everything goes. Gut ist, was sich gut anfühlt; erlaubt ist, was Spaß macht. Die Rede von der Sünde ist zum Unwort geworden. Der evangelische Theologe Paul Schütz (1891-1985) stellt zu Recht fest: "Gott ist einsam geworden, es gibt keine Sünder mehr."

Wozu braucht der "entsündigte" Mensch Gott? Er muss das Kreuz Jesu zur überflüssigsten Sache der Welt erklären. Eine brisante Entwicklung, zumal die Sünde nun ihr zerstörerisches Werk vor unseren Augen vollbringt, ohne dass wir sie erkennen. Wo sie aber nicht mehr aufgedeckt und benannt wird, wo wir uns allmählich an ihr Gift gewöhnen, stellen sich Wirklichkeitsblindheit und Gewissenstaubheit unter uns zwangsläufig als Folgeerkrankungen ein. Menschliches Leben gedeiht nicht durch Beschönigen oder Umdeuten der Wirklichkeit. Im Hebräerbrief werden wir aufgefordert, mit unseren "durch Gebrauch geübten Sinnen Gutes und Böses zu unterscheiden" (5,14). Das wird in einer Zeit der Gleich-Gültigkeiten nicht einfacher. Der Widersacher heißt nicht umsonst diabolos - Durcheinanderbringer.

Orientierungshilfen

Das Evangelium ist die Botschaft vom Leben und Sterben Jesu Christi und von der Überwindung des Todes durch ihn. Hier finden wir die Medizin: lebbare Ordnung, tragende Orientierung und heilbringende Erlösung angesichts des zunehmenden Durcheinanders. Drei Grundhaltungen können uns helfen, das Evangelium vom Kopf auf die Füße zu stellen und ins Leben zu ziehen, d. h. evangeliumsgemäß radikal - kurz: evangelikal - zu leben.

1. Aufhorchen - aus der Quelle schöpfen

Als Aufhorchende zu leben, bedeutet anzuerkennen, dass wir das Entscheidende nicht in uns selber tragen, sondern zuerst und immer wieder Empfangende sind. Gott sucht den Menschen und will jeden einzelnen finden, sein Leben reich und fruchtbar machen. Er redet zu uns. Doch die Stimme Gottes ist nicht unbedingt die lauteste in uns. Darum wollen wir uns in eine Feinhörigkeit einüben, die die Stimmen unterscheiden lernt. Im täglichen Hören in der Stille zeichnet sich uns die eigene Bestimmung zunehmend deutlicher ab. Je klarer sie durch Christus in uns zum Klingen kommt, desto kraftvoller können wir der Macht der Fremdbestimmung durch die immer schrillere Welt widerstehen.

Beten heißt also, die leise Stimme Gottes herauszuhören und ernstzunehmen. Das Wort Gehorsam leitet sich vom Lateinischen "obaudire" ab, was soviel wie mit großer Aufmerksamkeit hören bedeutet. Gehorsam weist buchstäblich auf ein ge-horch-sames Leben und Handeln. Ohne dieses feine Hinhören werden gerade Berufschristen für die Stimme Gottes im Alltag taub. Der oft beklagte schweigende Gott ist in Wahrheit der gehörlose Mensch. Das lateinische Wort für taub heißt "surdus". Gänzlich taub sein heißt "absurdus". Henri Nouwen (1932-1996) bringt es auf den Punkt: "Wenn wir nicht mehr beten, nicht mehr auf die Stimme der Liebe hören, die in diesem Augenblick zu uns spricht, wird unser Leben zu einem absurden Leben, in dem wir zwischen Vergangenheit und Zukunft hin- und hergeworfen werden." Ohne die lebendige Verbindung mit dem lebendigen Christus werden wir die Kraft, Ausdauer, Lebendigkeit und Inspiration nicht haben, aus der heraus Berge zu versetzen sind.
Wir können einander helfen, das persönliche Gebet im Sinne einer bleibenden Verbindung mit Jesus Christus nicht zu verlieren oder zur Gebets-Routine und frommen Pflichtübung verkommen zu lassen, sondern es als Sauerstoff fürs tägliche Weitergehen zu bewahren!

2. Quer denken - die Geister unterscheiden

Wir leben in einer Zeit gewaltiger Versuchungen, Verirrungen und wachsender Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, was wahr und was falsch ist. Folgerichtig wird alles gleich gültig, der Geist der Belanglosigkeit hat Hochkonjunktur und Banalitäten werden zum Maßstab. Politiker und das Volk, Meister und ihre Jünger - alle scheinen umherzutreiben wie Schiffe ohne Kompass. Das aber produziert Spießbürger und Cheesebürger: Die einen leben hektisch freudlos, weil sie stets das Relative absolut nehmen. Die anderen leben lächelnd treulos, weil sie stets das Absolute relativ nehmen.
Angesichts dieser Situation ist das intelligenteste und tragfähigste Mittel zur Orientierung, sich und andere mit der Bibel und dem Leben von Jesus Christus vertraut zu machen. Denn der Geist Gottes, der Heilige Geist, lehrt uns glauben, hoffen und lieben und den (Un-)Geist der leeren Worte im Licht der Heiligen Schrift zu unterscheiden. Er lehrt uns, ein relatives Verhältnis zu relativen Dingen und ein absolutes Verhältnis zu absoluten Dingen zu entwickeln und in die Freude und die Freiheit des Evangeliums hineinzufinden. Denn das Leben wächst bei Ja und Nein zum rechten Zeitpunkt.

Jesus hat seine Jüngergemeinde an die Werte des Reiches Gottes verwiesen und damit die Gegenkultur zu den Zerstörungsmächten in der Welt begründet. Solange wir wissen, dass wir zu Ihm gehören, unter Seinem Schutz stehen und in Seiner Kraft leben dürfen, brauchen wir keine Angst zu haben. Nur wachsam müssen wir bleiben und Stehvermögen zeigen. In Römer 12,2 fordert uns Paulus auf: "Passt euch nicht den Schemata dieses Äons an." "Schließt euch nicht dem organisierten Opportunismus und der ‚political correctness’ eurer Tage an", könnten wir auch sagen. Sondern, so fährt der Apostel fort, "lasst euch umwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes", "ändert euren Denksinn, damit ihr Gottes Willen erkennen könnt, denkt quer zum Geist dieser Zeit". Und an anderer Stelle: "zerstört die Denkgebäude, sprich: Ideologien, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erheben, um sie in Christus gefangen zu nehmen" (2. Kor 10,5). Das gilt auch für das heimliche Dogma von der wegweisenden Gültigkeit wissenschaftlicher "Wahrheit". Gesicherte Erkenntnisse sind wertvoll und hilfreich, Orientierung können sie allein aber auch nicht geben. Im Gegenteil: Wissenschaft setzt Orientierung und einen größeren ethischen Rahmen voraus. Gäbe es den nicht, dürfte sie alles ausprobieren, von der Züchtung des Menschen bis zur Tötung auf Verlangen. Christen ist es also geboten, sich einzumischen. Martin Luther King spitzte diesen Auftrag so zu: "Die Kirche muss sich daran erinnern, dass sie das Gewissen des Staates ist. Wenn die Kirche ihren prophetischen Eifer nicht wiedererlangt, wird sie zum unbedeutenden sozialen Klub ohne moralische und geistliche Autorität."

Kultur des Lebens

Querdenken in diesem Sinne bedeutet, für eine Kultur des Lebens und für das Leben und Denken der nächsten Generation einzustehen. Und dieses Stehvermögen tut not, denn ein Rückfall in heidnische Gewohnheiten schreitet in der westlichen Kultur voran: Abtreibung, Euthanasie, Entgrenzung der Geschlechter und sexuelle Beliebigkeit zeigen das deutlich. Für deren Protagonisten sind die Zehn Gebote und das gesamte Fundament jüdisch-christlicher Ethik inakzeptabel. Das radikale Aufbäumen der Postmoderne gegen jede Art von absoluten Werten ist totalitär, genießt aber weithin Akzeptanz, denn sie pocht darauf, dass jeder Mensch das Recht hat, in völliger Selbstbestimmung zu leben und - im Sinne eines gleich-gültigen Toleranzverständnisses - fast alles auszuprobieren, was seiner Lust zuträglich ist. Wichtig ist nur, dass er bloß nie ein Opfer (Verzicht, Begrenzung) bringt und dadurch zum "armen Opfer" wird, "das nicht bekommt, was es doch will". Die Radikalisierung dieses Postulats brandmarkt jeden, der sich an absoluten Werten - wie den biblischen Geboten oder dem jüdisch-christlichen Menschenbild - orientiert, als Unterdrücker.
Theologisch könnte man formulieren: Satan bedient sich der Opfersprache, um den Kern des Christentums als unterdrückerisch zu denunzieren; Unterdrücker aber müssen in einer modernen und toleranten Welt beseitigt werden. Die darauf pochende Verheißung eines schmerzfreien und selbstbestimmten Lebens ist eine Lüge, denn eine Kultur, die fundamentale Werte zerstört, ist dem Tod geweiht. Indem sie jede Orientierung außerhalb der subjektiven Wahrnehmung des Einzelnen leugnet, stürzt sie ihn in ein ewiges Kreisen um sich selbst: in den verabsolutierten Narzissmus.
Es ist daher nicht optional, sondern über lebenswichtig, das Querdenken zu lernen: skeptisch zu bleiben gegenüber einer "political correctness" und dem scheinbar so Plausiblen und die Zeitphänomene immer wieder vor dem Hintergrund der größeren heilsgeschichtlichen Linien zu prüfen. Quer denken heißt auch sprachfähig werden und sich die innere Wachsamkeit und heilige Unruhe zu bewahren, um zur rechten Zeit Widerspruch zu erheben und jeden Meter Boden gegen die schleichenden Prozesse der Zerstörung zu verteidigen - wohl wissend, dass nicht die eigene Kraft, sondern die des Heiligen Geistes zu diesem Kampf befähigt. "Apologetische Mission" nannten das die evangelikalen Kirchenväter.

3. Rund leben - die Gemeinschaft in Christus bewähren

Rund leben ist gewissermaßen das Bewährungsfeld von Aufhorchen und Querdenken. Das Leben mit Christus ist ein Leben in Gemeinschaft. Dietrich Bonhoeffer sagt es noch radikaler: "Der neue Mensch ist die Gemeinschaft." Rund leben meint immer ein Leben in Geschwisterschaft, denn allein kann man sich nicht im Kreis aufstellen. Jesus bindet seine Gegenwart an die Zwei oder Drei, die in seinem Namen versammelt sind: Christus im Bruder und in der Schwester, die mir zur Seite gestellt sind und die ich mir vielleicht gar nicht ausgesucht hätte. Dass Gemeinschaft heute noch gewagt wird, ob in Ehe, Freundschaft oder Bruderschaft, ist ein göttliches Zeichen der Hoffnung gegen die Mächte der Zerstörung in dieser Welt. Gottes Ebenbildlichkeit in die Welt zu tragen, in all unserer Zerbrechlichkeit und Begrenztheit - hierin liegt unsere Würde und Sendung.
Rund leben bedeutet auch, um den Zusammenhang und das Gleichgewicht des globalen Horizontes einerseits und des persönlichen Lebensstils andererseits zu ringen. Es genügt nicht mehr, die richtige Theorie zu haben; es geht um das richtige Leben. Im aufrichtigen, versöhnten Miteinander liegt die stärkste Botschaft: "Wir sind ein Brief Gottes, gesendet in die Welt - vielleicht ist das die einzige Botschaft, die heute noch verstanden wird", sagt Teresa von Ávila. Viel lauter als die richtige Theorie spricht die Wahrheit unserer Biographien. Darum muss heute die gelebte Wahrheit geteilt und gelehrt werden.

Oikos - Bollwerk der Wahrheit

In einem bizarren Gemisch wirken heute Kräfte kommerzieller Uniformität und persönlicher Vereinzelung auf den modernen Menschen. Was hat die Gemeinde Gottes damit zu schaffen? Sie wurde an Pfingsten als Bollwerk der Wahrheit (1. Tim 3, 15) und Behausung Gottes im Geist (Eph 2,19-22) autorisiert. In diesen beiden Textstellen wird jeweils der griechische Begriff "Oikos" für Gemeinde verwendet. Hier und an vielen anderen Stellen im Neuen Testament weist Oikos auf eine vom Geist Gottes erfüllte Wirklichkeit hin. Christen bilden die Gemeinschaft der Geistgesalbten, von denen ein lebendiger Hoffnungsstrom fließen soll - mitten in die Nöte der Menschen-Gemeinschaft hinein.

Gemeinsam feiern - Bollwerk der Freude

Genährt wird dieser Strom von einem Schatz der reichen Tradition unserer Kirche: der Feier- und Festtagskultur. Durch die Jahrhunderte haben die Hoch-Zeiten des Kirchenjahres dem Leben einen ordnenden Rhythmus gegeben. Auch wenn die Ägypter den Kalender erfunden haben - beseelt worden ist er durch die "Sabbate Gottes", die Feiertage zum Gedenken an sein Eingreifen in die Geschichte. In ihnen verdichten sich die Erfahrungen der Menschheit mit Gott zur Heilsgeschichte: wir erinnern uns an seine großen Taten, an seine Treue, Güte und Zuwendung.

Auch wenn gerade versucht wird, den Sonntag, das Herz unserer Feierkultur, dem Moloch "Wirtschaftszwänge" zu opfern, bleiben diese Gottes-Geschichten der "Blasebalg", der unsere Glaubens- und Hoffnungsglut immer wieder neu anschürt. Die Herausforderung liegt darin, die alten Geschichten der Heilstaten Gottes in neuer Weise zu erzählen. Theologische Begriffe allein vermögen die Wahrheit nicht zu fassen; es ist eine Sprache des Herzens, der dialogischen Bilder, Metaphern, Symbole, Poesie, derer wir bedürfen. Und wir sollten, sooft es nur geht, singen! Das Geschenk des Lebens muss gefeiert werden! Jeder Sonntag trägt die Würde eines Auferstehungsfestes, und jeder Feiertag ist ein Wegzeichen, das dem Leben Richtung gibt. Eu-angelion bedeutet freudige Botschaft, die Botschaft, die froh macht. Evangelikal kann eben auch bedeuten: freudig und dankbar zu sein im Gedenken an Gottes Wege mit seinem Volk - mit uns.

Gemeinsam arbeiten - Bollwerk der Verbundenheit

Was "rund leben" als gemeinschaftliches Ereignis in Bewegung bringen kann, zeigt das Beispiel der drei Pferde, deren Kräfte gebündelt sind. In den USA werden Pferdestärken im Wettkampf gelegentlich noch herkömmlich getestet: die Pferde sollen eine größtmögliche Last ziehen. Ein starkes Pferd bewegt etwa 200 Kilo. Zwei Pferde im Gespann schaffen 600 Kilo. Drei Pferde können sogar eine Last von zwei Tonnen wegziehen! Ein Pferd - das ist das Bild für den natürlichen Menschen. Zwei Pferde - hier zeigt sich die Tragkraft der Gemeinschaft einer Ehe, die mehr tragen kann als zwei mal eins. Drei Pferde, die das Zehnfache des einzelnen bewegen können, sind Sinn-Bild für die Gemeinschaft im Heiligen Geist: Hier sind sich drei einig geworden und ziehen beherzt auf ein gemeinsames Ziel zu.

Die Gemeinde als Behausung Gottes im Geist ist eine Gemeinschaft, die um lebendige Beziehungen ringt und sich im Wissen um die eigene Begrenztheit vom Heiligen Geist verwandeln lässt. Dieses Ringen miteinander kann zu sehr demütigen Lösungen führen. Im geduldigen Tragen und Ertragen des Bruders und der Schwester entsteht aber der tragfähige Boden für eine Welt von morgen: versöhnte Beziehungen zwischen Menschen, die im Wesentlichen eins sind und im Zweitrangigen einander Freiheit zugestehen. Natürlich werden wir das immer nur unvollkommen bewerkstelligen können. Aber es geht nicht um ein harmonisches Ideal. Es geht darum, als Gemeinschaft derer, die aus der Vergebung leben, ein Zeichen zu setzen: Die Liebestat Christi und der Versöhnungsgeist von Pfingsten sind stärker als die Trennungs- und Zerstörungsgeister dieser Welt. Wenn der neue Mensch die Gemeinde ist, wie wir von Dietrich Bonhoeffer gehört haben, dürfen wir gewiss sein: erneuerte Beziehungen untereinander bleiben die stärkste und glaubwürdigste Hoffnungsbotschaft der Christen in einer Welt wachsender Einsamkeiten.

Zentraler Träger des Lebens aus dem Evangelium wird die Gemeinde bleiben. Hier liegt das größte Potenzial, aber auch die größte Herausforderung der "irdenen Gefäße" zur Veränderung der Gesellschaft, denn sie braucht Transparenz (Leben im Licht) und offensive Dynamik (Eph 6,16-17), um kraftvoll nach außen wirken zu können.

Gemeinde ist Ort der Entscheidung: Wachstum in eine fröhliche Ernsthaftigkeit.

Martin Luther unterschied in seiner Vorrede zur Deutschen Messe (1526) drei Arten des Gottesdienstes: die Lateinische Messe für den Klerus, die Deutsche Messe für das Volk und die Gemeinschaft derjenigen, "... die mit Ernst Christen sein wollen und das Evangelium mit Hand und Mund bekennen". Diese sollten sich verbünden, sich in den Häusern treffen und die Sakramente miteinander halten. Luther ahnte und ersehnte, was auch heute gebraucht wird: kein Klüngel, sondern kleine geistliche Gemeinschaften mit verbindlichem Charakter im Kern der Gemeinde.

Gemeinde ist Ort der Hingabe: Wachstum in eine nüchterne Vertrautheit.

Es gibt nur drei Daseinsweisen einer Gemeinde: Vertrauen, Misstrauen oder Gleichgültigkeit. Nur vertraute Beziehungen schaffen geistliches und zahlenmäßiges Wachstum. Sie entstehen, wenn wir voreinander wahrhaftig werden. Wenn wir beginnen, die glatten Masken abzulegen und uns einander in unserer Unterschiedlichkeit zuzumuten. Wenn wir endlich sagen, was wir denken und tun, was wir sagen. Das alles ist nur in einem geschützten, ja heiligen Raum des Vertrauens möglich, in dem wir einander wie die Bögen eines gotischen Gewölbes zugeordnet sind - auf den Schlussstein Christus hin. Die Verbindung zu Christus ist für alle gleich kurz, wir müssen uns der "kurzen Hierarchie" in Christus sicher sein. Und von Christus her ist jeder gehalten.

Gemeinde ist Ort der Hingabe - vor allem der Hingabe unserer Ideale und unseres Richtgeistes, der auseinandersprengt. Statt des Redens übereinander braucht es einen Geist des Gesprächs miteinander. Hör- und Sprachfähigkeit entwickeln sich im Raum gegenseitiger Achtung und Achtsamkeit. Das kostet vor allem die Hingabe unserer kostbaren Zeit, schafft aber jene nüchterne Vertrautheit, die die Eintrittsschwelle für Außenstehende niedrig hält.

Gemeinde ist Ort der Leidenschaft: Wachstum in eine liebende Begeisterung.

Es bleibt zukunftslos, die Asche von gestern zu bewahren. Die Glut für das Feuer von morgen trägt nur die leidenschaftliche Liebe zu Jesus Christus. Diese Leidenschaft kann man nicht herstellen, man kann ihr Aufkommen aber zielsicher verhindern. Der Boden unseres Lebens besteht aus den beiden Schichten der Kenntnis des Wortes Gottes und der Erfahrung. Wer sich aus Angst vor Fehlern nicht bewegt oder immer nur bedeckt hält, der erfährt nichts. Er bleibt auf Dauer ein freudloser Lebens- und Glaubenstheoretiker. Wem aber viel vergeben ist, der liebt viel. Leidenschaftliche Liebe zu Jesus Christus wächst nicht auf dem Weg der Fehlervermeidung, sondern im Erfahren seiner Gnade und im Wissen, dass er nur Sünder als seine Mitarbeiter ruft. Daraus wächst missionarischer Elan: wir wollen weitersagen, was unser Herz berührt und verändert hat. Es geht nicht um Erfolgsberichte - es geht um Früchte; es geht auch nicht um einen ständigen Leistungsnachweis, sondern um den Durchfluss von Leben. Wer die Freude der Gastfreundschaft erlebt hat, öffnet sein Herz und sein Haus auch für andere.

Gemeinde ist Ort der Reife: Wachstum in eine verbundene Selbständigkeit.

Einer der lohnendsten Prozesse geistlicher Aufforstung in der Gemeinde liegt in der Reifung der Umgangsformen. So problematisch eine strikte Hierarchie von "oben nach unten" ist, so verheerend ist die Weigerung, sich überhaupt noch etwas sagen zu lassen. Darum brauchen wir Zweier- und Dreierschaften, in denen wir uns verpflichten, einander liebevoll aber klar zu hinterfragen und uns Kritik zuzumuten. Gegenseitige Rechenschaft beschleunigt das Wachstum der inneren Reife. Das gilt natürlich auch für die Gemeindeleiter, die im Kreis der Geschwister in derselben kurzen Hierarchie zu Christus stehen. Der Segen einer verbundenen Eigenständigkeit zeigt sich in gelingenden Beziehungen zwischen den Generationen dann, wenn sich "die Herzen der Väter zu den Söhnen und die Herzen der Söhne wieder zu den Vätern kehren" (Mal 3,24).

Jesus hat uns in Gemeinschaft mit sich gerufen und uns die Wirkkraft von Salz und Licht zugesprochen. Dietrich Bonhoeffer hat diese hohe Berufung einmal so beschrieben: "Allein dadurch, dass die Gemeinschaft der Nachfolger die reinigende, würzende Kraft des Salzes bewahrt, wird die Erde erhalten werden können.

Um der Erde willen muss Salz Salz bleiben, muss die Gemeinde der Jünger bleiben, was sie durch Christi Ruf ist. Die Fürbitte ist der verheißungsvollste Weg zum andern und das gemeinsame Gebet im Namen Jesu die echteste Gemeinschaft." Das ist allen Einsatz wert!

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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