...wie ein nach Hause kommen

Junge Deutsche engagieren sich für Straßenkinder. Petersburger Tagebuch

von Katharina und Tobias Jersak

Seit 12 Jahren unterstützt die OJC mit ihrer Weihnachtsaktion die Straßenkinderarbeit von Eleonora Muschnikova in St. Petersburg. Fünf Kinderheime gibt es inzwischen in der Stadt, eines liegt in Voejkovo (15 km nördlich) und eines bei Melnitza (ca. 200 km südlich). Die Not der Kinder ist erst einmal behoben, wenn sie von der Straße in ein Heim kommen, zur Schule gehen können und viele zum ersten Mal erfahren, dass sie geliebt werden und Menschen für sie sorgen. Allerdings - mit 16 Jahren müssen sie, so will es das Gesetz, dieses Zuhause verlassen. Damit sie nicht wieder auf der Straße landen, haben wir mit dem russischen Träger Kinderheim GmbH, gegründet von Eleonora Muschnikova, ein Jugendzentrum geplant, in dem die Jugendlichen Ausbildung und Wohnraum finden.

Im Herbst 2005 sind Katharina und Tobias Jersak und Antje Gusowski im Auftrag der OJC nach St. Petersburg gezogen, um Eleonora zu unterstützen. Hier ein Einblick in ihr Tagebuch:

29. September 2005

Mit mulmigem Gefühl sitzen wir im Flugzeug nach St. Petersburg - jetzt beginnt unser neues Leben. Wir bergen uns in der Hand unseres himmlischen Vaters, von dem wir uns hierher gesandt wissen. Eleonora Muschnikova holt uns am Flughafen ab und erzählt uns noch auf der Fahrt zu ihrer Wohnung, dass der Anfang nicht leicht werden wird: In ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung hat sie noch einer deutschen Lehrerin Unterschlupf gewährt, und sie selbst muss am Folgetag dienstlich für zwei Wochen nach Moskau. Bei Registrierung, Wohnungssuche und Erstkontakt mit unseren unbekannten Arbeitgebern sind wir plötzlich auf uns gestellt - und ganz auf unseren Herrn angewiesen.

30. September

Heute feiert die Peterschule ihr 15-jähriges Bestehen - Eleonora hat sie wiedergegründet und war bis 2000 ihre erste Direktorin. Sie hält zwei sehr bewegende Reden, in denen sie vor allem an die Wurzeln der Wiedergründung erinnert: den über allen Konfessionen stehenden Glauben an Jesus Christus. Am Rande der großen Feier treffen wir auch Jessica Kumbier, die für ein Jahr in St. Petersburg studiert und 2002/03 bei der OJC war.

7. Oktober

In Voejkovo, auf dem Land, hat Eleonora mit Hilfe der OJC ein Kinderheim gebaut, in dem auch eine Grundschule der Peterschule untergebracht ist. Wir sind zu Besuch beim "Tag des Lehrers" und erkennen unter den Grundschülern auch ehemalige Straßenkinder wieder.

10. Oktober

Seit heute hospitiert Katharina im Gymnasium der Peterschule, wo sie bis zum Mutterschutz Deutsch unterrichten wird. Das Bild, das die neuen Schulbücher den russischen Schülern von Deutschland vermitteln, ist erschreckend. Die ersten Worte sind "geil" und "cool", viele Geschichten spielen Eltern und Kinder gegeneinander aus, und Familien in Deutschland werden durchgehend als problembeladen oder kaputt dargestellt.
In dieser Woche beginnt Tobias seinen Unterricht an der Peterschule (Englisch und Deutsch) und am Institut für Wirtschaft und Finanzen (Wirtschaftsenglisch). Seit Donnerstag haben wir eine eigene kleine Wohnung, die ein echtes Geschenk Gottes ist: in Laufweite zur Peterschule gelegen und mit kaum mehr als 10 Euro pro Quadratmeter gerade noch erschwinglich - für Petersburger Verhältnisse ein Wunderpreis!

3. November

Heute ist Antje aus Magdeburg nach vielen Umwegen und fast unglaublichen Schwierigkeiten (die auf die Bedeutung ihres Aufenthalts hier hindeuten) endlich in St. Petersburg eingetroffen. Sie ist studierte Fachübersetzerin für Russisch und Englisch und soll hier tatkräftig mithelfen, vor allem bei Übersetzungsfragen. Wir freuen uns, dass Gott uns zusammen hierher gestellt hat!

9. November

Antje und Jessica geben eine Einweihungsparty in ihrer gemeinsamen Wohnung, zu der wir uns trotz großer Müdigkeit und einer Stunde Metrofahrt abends noch aufmachen - nicht ohne Grund: Mitten in die Mischung aus russischen und deutschen (Austausch-)Studenten hat Gott eine junge russische Christin gesetzt, die ein Herz für die Arbeit mit Straßenkindern hat, Kontakte zu anderen christlichen Kinderheimen in St. Petersburg pflegt, Menschen kennt, die Straßenkindern in Moskau helfen, fließend russisch und deutsch spricht - und die uns mit vielen Fragen zu Eleonoras Projekt löchert. Was wir schon lange vermutet haben, wird zur Gewissheit: Überall in Russland werden 16-jährige aus den Heimen auf die Straße gesetzt, alle suchen fieberhaft nach einer Lösung, und Eleonora scheint die einzige zu sein, die nicht nur eine Idee hat, sondern längst an der Konkretion arbeitet.

1. Dezember

Tobias geht ins Kinderheim "Schisn" ("Leben"), das wir bereits im letzten Oktober besucht haben: es war wie ein nach Hause kommen! Die Kinder erkennen ihn nach über einem Jahr wieder, die Betreuerinnen und die Direktorin freuen sich sehr. Das äußerlich fragile Leben im Kinderheim "Schisn" besitzt eine innere Stabilität, die sich mancher für sein Leben wünscht. Mit großem Freimut erzählt die Direktorin, dass das Kinderheim keine Miete bezahlen müsse und deshalb auch von einem Tag auf den anderen geschlossen werden könne - was andere als "Damoklesschwert" ängstlich beäugen würden, steht hier ganz dem Herrscher des Himmels und der Erde anheim. Es war im selben Kinderheim, dass die Fernwärme mehrere Tage nicht funktionierte - und als die Mechaniker endlich anrückten, waren sie erstaunt über die Freude und Friedlichkeit, die ihnen entgegenkam Die Direktorin tritt völlig ohne Menschenfurcht auf. Aus ihren Erzählungen wird deutlich: Entweder Gott sitzt im Regiment oder nicht! Das macht uns ungeheuer viel Mut.

7. Dezember

Antje und Katharina sind heute am späten Nachmittag im Kinderheim, um mit den Kindern Weihnachtsgeschenke zu basteln. Nach dem anstrengenden Unterricht an der Schule und den vielen anderen Aufgaben ist es nicht immer einfach, noch Kraft, Liebe und Besonnenheit (2. Tim 1,7) für die ehemaligen Straßenkinder aufzubringen - doch mit dieser Zusage sind wir nach St. Petersburg ausgesandt worden.

12. Dezember

Der Advent bietet uns Gelegenheit, mit Schülern und Studenten über "Christmas" ins Gespräch zu kommen. Die wenigsten wissen, woher die Bezeichnung kommt, geschweige denn, dass sie etwas mit der Geburt Jesu zu tun hat - obwohl das russische Wort "raschdjestwó" das Wort "Geburt" beinhaltet.

17. Dezember

Semesterferien - Tobias muss samstags nicht mehr an der Universität unterrichten und verbringt viel Zeit im Kinderheim. Heute hat er mit den "Kleinen" (5-11 Jahre) eine Schneeballschlacht gemacht. Äußerlich sind sie wie andere Kinder: verspielt, abenteuerlustig und manchmal herausfordernd. Aber innerlich sind sie sehr verletzlich. Schneebälle auf Tobias zu werfen und ihn möglichst scharf zu treffen, macht ihnen nichts aus - aber wenn nur etwas Schnee auf ihre Kleidung fällt, wälzen sie sich weinend auf dem Boden und der ganze Schmerz ihres Lebens bricht aus ihren wunden Seelen heraus. Tobias bemüht sich, möglichst gut vorbei zu treffen. Die Kinder haben ihn ins Herz geschlossen.

23. Dezember

Die letzten Wochen waren bewegt und bewegend. Nach dem Gottesdienst lernen wir in unserer Gemeinde nicht nur die Reisesekretärin von IFES (Internationale Studentenarbeit) kennen, sondern auch einen langjährigen Mitarbeiter von OM (Operation Mobilisation) und den Teamleiter der Jugendgefangenenarbeit der WEC! Die erste OM-Konferenz in St. Petersburg hatte 1995 - man höre und staune - in der Peterschule statt¬gefunden!

26. Dezember

Eleonora trifft zwei Mitarbeiterinnen aus anderen Straßenkinderprojekten. Ausführlich berichtet sie über ihre fünfzehnjährige Tätigkeit und lässt sich auf das unermüdliche Nachfragen der beiden ein. Ihr Auftreten ist kompetent und umsichtig. Uns wird immer deutlicher: die ungewöhnliche Kraft dieser ungewöhnlichen Frau kommt aus ihrem Leben mit Jesus, aus dem Gebet und aus der Liebe zu jenen, die keiner sonst liebt.

10. Januar 2006

Altes endet mit Schrecken - und Neues beginnt: Die Stadtregierung von St. Petersburg hat zum Jahresende alle privaten Essensausgaben und Schlafplätze für Straßenkinder geschlossen, weil sie glaubt, es selbst besser machen zu können. Auch Eleonora musste zwei Essensausgaben und eine Schlafhalle schließen - jetzt sind ihre Kinderheime umso wichtiger als Anlaufstellen.* Dafür hat Gott ein Wunder beim geplanten Jugendzentrum gewirkt: große bürokratische Hürden sind überwunden. Das Bewegliche, Erschaffene wird verändert, damit das Unbewegliche bleibe. (Hebr 12, 27)

Inzwischen treffen wir uns mit Antje und Jessica jede Woche zum gemeinsamen Essen, Austauschen, Singen, Loben, Danken und Bitten, um unser Tun und Lassen vor Gott zu bringen und von Ihm immer neu Führung und Leitung zu erbitten. Das stärkt nicht nur unsere Gemeinschaft und Freundschaft, sondern vor allem unsere Einheit hier!

Wir danken allen, die uns treu begleitet und unterstützt haben in Gebet, Anteilnahme und vielerlei Gaben und freuen uns über alle Verbundenheit.    


*Aktuelle Meldung: Die Stadt erlebt eine Rekordkältewelle. Es ist Eleonora gelungen, einen Schlafsaal für 97 Kinder offenzuhalten.

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