An einen, der vorausging

An einen, der vorausging

Im April 2006

Lieber Bas,

ungezählt und kostbar sind mir die Stunden, die wir in den vergangenen 15 Jahren miteinander verbracht haben. Die bewegtesten Zeiten hatten wir nachmittags, wenn gewöhnlich die Essensmüdigkeit einsetzt. Es müssen Teunas Kaffee, schwarz wie die Ursuppe vor Entstehung der Welt, und ihre selbstgebackenen Haferflockenplätzchen gewesen sein, die unsere Lebensgeister stets in eine erwartungsvolle und schöpferische Spannung versetzten.

Was dann geschah, habe ich nur mit Dir in solch ausgeprägter Weise erlebt: Wir tranken Kaffee und warteten. Wir warteten auf das Wort, auf den ersten Satz, auf ein Stammeln aus der Tiefe der Seele, das sich zur Mitteilung auf den Weg machte. Meist wartete ich auf Dich. War erst der Satz geboren, dann öffnete sich oft wie von selbst ein ganzer Himmel voller guter Worte, der nur darauf zu warten schien, dem Anfangssatz zur Seite zu springen.

"Im Anfang war das Wort - und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort." Wer mit Dir zusammentraf, der erfuhr wie selbstverständlich, dass der von Dir geliebte Schöpfungshymnus im Johannesprolog auch heute noch volle Gültigkeit hat. Denn Worte haben Schöpferkraft. "Geschaffen zu seinem Bilde", sind auch in uns Spuren davon, die heute das Morgen herbeizurufen vermögen und mit der Prägekraft der Sprache dem Leben Richtung geben können.

In meinem Leben hast Du einen tiefen Eindruck hinterlassen - oder soll ich besser sagen - mich auf manche gedankliche Hochebene mitgenommen und mir neue Horizonte eröffnet.

Eine dieser Hochebenen gewährte mir immer wieder neue Einblicke in die Geheimnisse der Sprache. Ein anderer - für mich neuer - Horizont war, Geschichte immer auch als Heilsgeschichte sehen zu lernen. "Aus dem Unheil wächst das Heil", konntest Du hochgemut und unermüdlich verkünden. Die globale Kraft des Ostergeschehens im Blick war es Dir nicht schwer, darauf zu vertrauen, dass das Geheimnis des Weizenkorns das Geheimnis des Lebens überhaupt in sich trägt. Nie habe ich Dich fragen hören, warum dies oder jenes - auch schweres - geschehen ist. Immer aber hast Du das Wozu im Blick gehabt. Dein Glaube an die Zukunft - nicht von der Art idealistischer Modernisierer - sondern gegründet in der Gewissheit, dass Jesus Christus uns vom Ende der Zeiten her mit offenen Armen entgegenläuft, hat nicht nur mir jenen dritten Horizont geöffnet, der durch Dein Leben so fruchtbar weitergegeben wurde: Die Hochebene der Zeit. Gegen die wissenschaftliche Ideologie allgemeiner und zeitloser Richtigkeiten hast Du immer auf die Zeitgebundenheit alles Lebendigen verwiesen. "Denn das richtige Wort zur falschen Zeit ist das falsche Wort." Einen Zeitsinn zu entwickeln, dazu hast Du stets ermutigt, "denn wer die Zeit lesen kann und weiß, was die Stunde geschlagen hat, der kann Menschen wirklich zum Leben verhelfen".

Du warst betrübt darüber, dass es heute so wenige Köpfe in Kirche und Wissenschaft gibt, die sich einen lebendigen Zeitsinn bewahrt haben. Leblose Traditionen und marketingwirksame Scheinwelten waren Dir ebenso ein Greuel wie das Quiz-Wissen der Talkshow-Gesellschaft. "Hast Du über dieser Frage schon einmal eine ganze Nacht lang wachgelegen?", konntest Du einem scharf entgegenhalten, wenn man mit leichtfertigen Fragen zu Dir kam.

Holland, die USA, wieder Holland, Deutschland und wieder Holland waren die geographischen Stützpunkte Deines Lebens mit Teuna und Deiner Familie, zu der auch Klazina gehört. Sieben Berufe hast Du in den 86 Jahren Deines Lebens ausgeübt, "jeweils so lange bis etwas Neues dran war". Auch hier war es Dir immer ernst mit dem Gespür für den rechten Zeitpunkt, den Kairos der Entscheidung. Wie ernst es Dir damit war, zeigen die Jahre 1992 - 1997: Bereits über 70jährig seid Ihr in die OJC-Großfamilie nach Reichelsheim gekommen, um die Gemeinschaft auf einem wichtigen Stück ihres Weges mit großer Sympathie zu begleiten. Ihr wart die ersten OJC-Großeltern. Wie wertvoll die "Vollzahl der Generationen" für eine Gemeinschaft ist, haben wir erst durch Euch erlebt. Ob Du Dir selber darüber im klaren warst, welche wesentlichen Weichen Du für die OJC in den Jahren des Leiter- und Generationswechsels gestellt hast? Im erneuten Lesen der kostbaren Briefe, die zwischen uns hin- und hergingen, ist mir noch einmal sehr deutlich geworden, dass Christine und ich ohne Dich den Schritt nach Reichelsheim nicht gewagt hätten. Du hast den Boden für die Reformation der OJC bereitet und geglaubt, dass werden kann, was noch nicht ist. Du hast in mir gesehen, was ich noch nicht war und mir zugesprochen, was werden wird. Das konntest Du, weil Du ganz in Deiner Würde als Gotteskind gelebt hast und darum hochgemut sein konntest: Du hast Gott in Dir vertraut und auch Gott im Anderen gesucht. Und manchmal hatte ich das Gefühl, Du seiest unglücklich, wenn man sich selbst weniger zutraute als Dir. Ach, gäbe es einen Nobelpreis für Hochgemutheit - Du müsstest ihn erhalten!

Am 2. April bist Du von unserem himmlischen Vater nach Hause gerufen worden. Ich weiß, wie sehr Du Dich gefreut hast auf das Wiedersehen mit den vielen großen und guten Namen und Freunden, die Dein Leben reich gemacht haben. Ich kann mir vorstellen, wie fröhlich Ihr jetzt bei einer guten Tasse Kaffee in Ewigkeit zusammen seid und wie Ihr Euch die Heilsgeschichte der Menschheit erzählt. Nur auf Teunas Haferflockenplätzchen müsst ihr noch ein Weilchen warten. "Von immer mehr gestorbenen Geschwistern geht heute heiliger Geist aus", hast Du mir einmal gesagt. Ja, Sebastian, so ist es.    

Dein Dominik

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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