Liebe Freunde!

Tiere werfen Junge,
Menschen hingegen sind gerufen,
in ihren Jungen Söhne und Töchter hervorzurufen
und bloßen Nachwuchs
in Generationen zu verwandeln.

(Bas Leenman, 1920-2006)

Gestern abend saßen wir mit einer Gruppe junger Israelis zusammen. Fröhlich waren sie, tanzten ausgiebig und lachten viel. Für zwei Wochen haben wir sie in den deutschen Frühling und in eine "bleifreie Zeit" - ohne Angst vor Schüssen - zu uns nach Reichelsheim eingeladen. Was sie eint, ist ihre Geschichte. Sie alle sind Opfer von Terrorattentaten: manche von ihnen saßen im Bus neben einem Selbstmordattentäter, andere gerieten in einen Schusswechsel oder wurden im Grenzgebiet ihres Landes in einen schweren Autounfall verwickelt. Einige haben in diesem Zusammenhang ihre Kameraden verloren. Zwei von ihnen sogar ihre Geschwister. Sie selbst haben geradeso überlebt - das ist Grund, dankbar zu sein.

Fluß der Generationen

Aber es ist auch schwer und manchmal eine Bürde, mit dem Leben davongekommen zu sein. Sie kennen das schon von ihren Großeltern. Viele von ihnen kamen vor 60 Jahren aus Europa nach Israel, oft als die einzigen Überlebenden ihrer Familien im Holocaust. Kaum einer von ihnen ist je wieder hier in Deutschland gewesen. Und viele haben bis heute kein deutsches Wort mehr gesprochen. Ich bin sehr dankbar, dass wir mit diesen jungen Israelis Freundschaft schließen und ein Stück neue Geschichte miteinander schreiben können. Ein Stück Versöhnungsgeschichte. Vielleicht darf sich der Segen und die Freundschaft, die wir in diesen Tagen erfahren, sogar in die nächste Generation fortsetzen. Vielleicht werden sie ihren eigenen Kindern einmal andere Erfahrungen mit Deutschland und den Menschen, denen sie begegnet sind, erzählen können, als es ihre Eltern konnten.

Rohstoff des Lebens

Wir Menschen sind in die Geschichte verstrickt. Vieles von dem, was unser Leben reich oder auch schwer macht, hat mit diesen Verstrickungen zu tun. Geschichte ist immer auch Geschichte der Generationen. Wo Tieren der Instinkt zum Überleben und Reagieren hilft, helfen uns die eigene Erfahrung und das, was uns Eltern, Großeltern oder Freunde mit auf den Weg gegeben und in uns hineingesprochen haben.

Sichtbare und unsichtbare Bande verbinden uns mit denen, die vor uns lebten. "Ganz der Vater", oder "wie ihre Mutter" sagen wir, wenn Kinder in ihrer Art etwas vom inneren oder äußeren Wesen ihrer Eltern widerspiegeln. Es gehört zum größten Schatz und zur schwersten Last, dass wir mit unseren Genen, vor allem aber auch mit dem geistigen und emotionalen Klima, das wir als Eltern schaffen, die Rohstoffe des Lebens für die nächste Generation bereitstellen.

Kraft der Namen

Der Strom des Lebens fließt durch die Generationen der Ewigkeit entgegen. Die Bibel weiß um diesen tragenden Wert der lebendigen Beziehungen zwischen den verschiedenen Lebensaltern. Die Geschlechtsregister im Alten und Neuen Testament geben beredtes Zeugnis davon. Auch heute gilt: wer die Wurzeln und die Namen seines Stammbaums kennt, der gewinnt Stehvermögen für das eigene Leben. Hier können wir viel von den Juden lernen, die von Beginn an in Generationen gelebt und gedacht haben. "Als wir noch in Ägypten waren", beginnt der jüdische Hausvater auch in unseren Tagen seine Erzählung. So, als wäre er selbst dabeigewesen! Er steht im Geschichtsstrom seines Volkes, das Gott einst mahnte: Bewahre deine Seele gut, dass du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben ... und tue es kund deinen Kindern und Kindeskindern. (5. Mose 4,9) Auch Goethe dachte an diese Gestaltungs- und Verbindungskraft der Generationen, als er schrieb: "Wer nicht von 3000 Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleibt im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben."

Wer von uns kennt noch die Namen seiner Urgroßeltern? In Namen bergen sich konzentrierte Biographien. Wer die Namen und Geschichten derer kennt, die vor ihm glaubten, hofften und liebten, der verfügt über Ressourcen, die ihm in Krisensituationen den Weg weisen und seinen Schritt sicher machen. Einer dieser Namen, die mir und uns in der OJC in besonderer Weise den Rücken gestärkt haben, lautet Bas Leenman. 85jährig ist er im April in Holland verstorben. Gern teilen wir mit Ihnen, was er uns bedeutet hat, und lassen ihn auch selbst noch einmal zu Wort kommen (S.136f.)

Geheimnis der Kultur

Wann beginnt die Erziehung eines Kindes?

60 Jahre vor seiner Geburt!

Was Eltern und Großeltern erleben und an Emotionen in sich tragen, wird sich auf das Werden des Kindes auswirken. Schon daran lässt sich ablesen, dass Kultur nie nur von einer Generation geschaffen wird. Auch im genialsten Künstler und in der revolutionärsten Gruppe unserer Tage gestalten die Stimmen ihrer Vorfahren kräftig mit. Kultur ist das Ergebnis eines dynamischen Prozesses - sie entsteht und entfaltet sich in der Generationenfolge. Der Wertekanon, an dem sich eine Generation orientiert, prägt umfassend die gesellschaftlichen Realitäten der nächsten. Wie existentiell sich der Wandel von moralischen Normen auf die Festigung bzw. den Verfall einer Kultur auswirkt, beschreibt der Anthropologe Joseph D. Unwin in seiner klassisch gewordenen Großstudie über die kulturprägende Kraft der Sexualethik (S.124). In ihr wird eindrücklich erkennbar: die Verantwortung für die nächsten Generationen lässt sich nicht trennen von dem verantwortlichem Umgang der Geschlechter miteinander.

Dialog der Generationen

Die Frage des fruchtbaren Miteinanders von Jung und Alt ist weder altbacken noch sentimental, sondern Voraussetzung für den Erhalt und die Gestalt unserer Kultur. Der Dialog mehrerer Generationen miteinander gehört zu einer lebendigen Grammatik des Lebens. Ohne ihn werden wir vermehrt ernten, was wir jetzt schon im Ansatz haben: eine infantile Erwachsenenkultur. Weil Altwerden ein Stigma geworden ist, gibt es keine Großmütter mehr, und wir haben zuhauf Männer, die sich weigern, über die Reifestufe eines 18jährigen hinauszuwachsen.

Wie wir die Wachstumsstufen unseres Lebensbogens fruchtbar gestalten können, beschreibt Romano Guardini in einer berühmt gewordenen Vorlesung, die man getrost ein Vermächtnis an die nächste Generation nennen darf. Gerade die Lebenskrisen entdeckt er jeweils als Springsteine in ein neues und gottgeschenktes Lebensalter. (S.110)

Kinder sind klasse!

Diesem Salzkorn beigelegt ist der Flyer "Kinder sind klasse". Wir haben ihn in den vergangenen zwei Jahren zusammen mit Mechthild Löhr, Bundesvorsitzende der Christdemokraten für das Leben, entwickelt und sind seither in dieser Aktion mit vielen anderen Werken und Institutionen verbunden. Wir wollen damit zuallererst Eltern für ihren wertvollen Dienst an der Gesellschaft danken. Außerdem wollen wir potentielle Eltern ermutigen, indem wir den Wert und die Würde von Familie und Kindern in der Gesellschaft einmal prägnant zusammenfassen. Und nicht zuletzt gibt das Bündnis Ehe und Familie, das die Aktion trägt, damit dem gemeinsamen Anliegen eine Stimme in der Öffentlichkeit. Für ein zukunftsfähiges Generationengefüge in Europa brauchen wir dringend eine kinderfreundlichere Gesellschaft und Menschen, die Kinder nicht nur als Kostenfaktor betrachten, sondern mit Freude und Selbstbewusstsein die Verantwortung der Elternschaft übernehmen. Wenn Sie weitere Flyer zum Weitergeben an Freunde, Gemeinden oder Gruppen bestellen wollen, fragen Sie uns an (versand@ojc.de).

Wahlverwandtschaften

Zweifelsohne hat unsere Kultur an Kraft eingebüßt - die Singlehaushalte sind oft überfordert, ebenso die Kleinfamilie. Beides sind im Grunde Notformen einer Gesellschaft, die die Großfamilie als Beziehungsnetzwerk entbehrlich machen wollte. Sicherlich - Automatisierung und Supermärkte brachten mehr persönliche Unabhängigkeit; aber "um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf".

Da die Blutsverwandtschaft heute oft zerstreut lebt, werden wir in Zukunft Wahlverwandtschaften brauchen, verbindliche Gruppen und Gemeinschaften, um eine "Dorfatmosphäre" zu schaffen, in der die menschliche Seele wieder atmen kann.

Dörfer des Wachstums

Echte Versöhnung zwischen den Generationen hat ihre Quelle in Christus. Nur die im Abendmahl gestiftete und erfahrene "Blutsverwandtschaft" in Ihm hat die Tragkraft, solche Gemeinschaften und "Dörfer" zusammenzuhalten. Ich denke, darin liegt Nachholbedarf und eine gewaltige Chance für die Zukunft. In diesem Kontext hält das jüdisch-christliche Erbe die besten Erfahrungen und Antworten bereit, von denen wir heute wieder lernen können. Die Bedeutung des vierten Gebotes (S.102), die Geschichte von Naomi und Ruth (S.118) oder der Bericht über ein fruchtbares Leben ohne eigene Kinder (S.122) laden zum Zuhören und Aufnehmen ein.

OJC-Festival

Wir freuen uns über die Gespräche, die dieses Heft bei Ihnen und unter uns auslösen wird und laden Sie herzlich ein, uns am 25. Mai mit Ihrer Familie und Ihren Freunden zum OJC-Festival (S.143) zu besuchen und das Gespräch fortzusetzen. Markus Spieker, Journalist bei der ARD-Tagesschau in Berlin, und Roland Werner vom ChristusTreff Marburg werden diesen Tag mit uns feiern.

Ganz herzlich und mit den drei Generationen der OJC-Kommunität grüße ich Sie in der Gewissheit, dass Gott mit Seiner Heilsgeschichte ans Ziel kommt - mit uns und durch uns und trotz uns.

Ihr

Dr. Dominik Klenk

(abgeschlossen am 6.5.2006)

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

    Alle Artikel von Dominik Klenk

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