Großvater und ich

Großvater und ich

Wie mir Albrecht Goes die Welt eröffnete

von Tanja Jeschke

Dass mein Großvater, der Schriftsteller Albrecht Goes, ein besonderer Mensch war, habe ich als kleines Mädchen daran gemerkt, dass er einfach so vom Mittagstisch aufstehen durfte, wann er wollte, ohne dass ein Wort fiel. Nicht dass etwa das Essen bereits beendet gewesen wäre! Nein, wir löffelten alle noch vor uns hin. Aber er stand plötzlich auf und ging weg. Von uns weg, dorthin, wo ihn seine Gedanken hinführten, an einen Ort mit Tisch, Papier und Stift.

Oben unter dem Dach war sein Arbeitszimmer. Dort schrieb er. Man ließ ihn allein. Und dieses Alleinsein war ein geheimnisvoller Raum.

Die Arbeit, in die er schwer versunken war, konnte man nicht sehen. Sie war um ihn herum und kam aus ihm heraus. Mittags durfte einer von uns Enkelkindern ihn zum Essen holen. Mit der Glocke läuten oder die Treppen hinaufsteigen, anklopfen und dann vielleicht sogar eintreten. Es roch hier anders, sehr gut, und es war still. Durch das Dachfenster fiel Licht auf sein Papier. Und wie er da gebeugt saß und seinen Stift und seine Brille nicht gleich fortlegte, sondern einen winzigen Moment lang gar nicht hörte, dass jemand ihn rief - das hat mir gefallen. Wenn wir dann zusammen die Treppe herunterstiegen, kam er Stufe für Stufe heraus aus dieser unsichtbaren Arbeit, plauderte herzlich mit mir und wollte alles wissen, was ich zu erzählen hatte. Seine eigene Welt blieb oben im Dachzimmer liegen.

Es gab also zwei Welten. Nicht nur die eine, die ich sah, in der ich spielte, aß, stritt und lachte, in der gekocht, geputzt, eingekauft und geredet wurde. Es gab auch eine andere, seine Welt.

Weil wir in meinen ersten Lebensjahren in Südafrika gelebt hatten, fiel die Zeit, als ich meinen Großvater kennenlernte, in die Zeit, in der ich lesen lernte. Und so kam zum Begreifen von Wörtern in Büchern rasch das Wissen darüber hinzu, dass es jemanden gab, der Bücher selber schrieb.

Und weil das doch das Allerbeste war, habe ich mir gern vorgestellt, später auch einmal Schriftstellerin zu werden. Ich wollte auch so einen geheimnisvollen Raum für mich ganz allein haben. Von einem kleinen Dachkämmerchen zum Schreiben habe ich dann jahrelang geträumt, mit Dachschrägen und einem Fenster, auf das während des Schreibens der Regen wild und traulich zugleich trommelt. Später, wenn ich groß bin, dachte ich, werde ich auch in dieser besonderen Welt wohnen. War sie nicht wichtiger als die andere, normale?

Warum sonst wurde meinem Großvater so zugehört wie keinem anderen? Abends saß er in seinem roten Polsterstuhl mit der Kipplehne. Kein Sessel! Ein Sessel hätte nie zu ihm gepasst: viel zu bequem, viel zu groß die Gefahr, in dumpfer Gemütlichkeit zu versinken! Er saß da, die Bücher um sich, die Zeitungen, und mischte sich nicht ein in das allgemeine Geplauder. Es schien ihm aber nicht zu missfallen, er hörte womöglich ganz gern zu, vielleicht hörte er aber auch nicht zu, wer weiß. Wenn er dann aber etwas sagte, wurde ihm auf jeden Fall zugehört. Und wenn ich auch als Kind kaum verstand, worum es ging, begriff ich doch, dass galt, was er sagte. Und dass es überhaupt etwas gab, das etwas galt. Und dass man dem, was galt, zuzuhören hatte.

Zuhören, genau hinhören, auf die Worte achten, das habe ich gelernt, weil mein Großvater so gesprochen hat, wie er gesprochen hat.

Als Vierzehn-, Fünfzehnjährige begann ich, abends im Wohnzimmer dabei zu bleiben, wenn er etwas erzählte. Ich saß ganz still da, strickte und hörte zu. Auf einmal wurde mir bewusst, wie sehr ich das genoss: von Kopf bis Fuß "ganz Ohr" zu sein. Sich da einmischen oder dazwischenreden - unmöglich! Gähnen, unaufmerksam sein - unmöglich! Ihm eine patzige Meinung an den Kopf knallen - undenkbar! Diskutieren - ein hoffnungsloses Unterfangen! Kommentieren, analysieren -  nicht der Rede wert!

Zuhören und Erzählen - das waren seine Weisen, wie man mit ihm im Gespräch sein konnte.

Während des Studiums habe ich einmal ein Verlagspraktikum in Stuttgart gemacht und bei meinen Großeltern gewohnt. Vier Wochen lang hat mein Großvater mich früh am Morgen zur Bushaltestelle gebracht und wenn ich abends wieder zurückkam, stand er schon dort voller Erwartung, was ich denn zu erzählen hatte. Dann hakte er mich unter und ich musste möglichst detailliert beschreiben, was mir an diesem Tag im Verlag widerfahren war. Es war vollkommen unmöglich, etwa zu meinen, "nix Besonderes" sei gewesen oder alles "genau wie gestern". Nein, mindestens eine kleine Begebenheit musste her und genau erzählt werden. Und in der Gegenwart solcher gespitzter Ohren schienen die erzähltauglichen Geschehnisse wie von selbst aufzutauchen. Denn es kam dabei gar nicht so sehr darauf an, was passiert war oder wieso oder was man vielleicht Schlaues gelernt hatte, es kam nicht darauf an, etwas vorzuzeigen. Die Ohren meines Großvaters wollten Worte hören, die etwas umspielten und färbten und besangen. Es gefiel ihm, sich ein genaues Bild zu machen von dem, was seine Enkelin gesehen oder erlebt hatte. Er war ein Augenmensch und legte großen Wert darauf, am Sonntag Okuli (lateinisch: Augen) geboren zu sein. Und so lernte ich, beim Erzählen ein Bild für seine Augen zu malen, mit Wörtern für diese Ohren, die so genau hinhörten. Dann war er zufrieden, schloss die Haustür auf und stellte etwas besonders Gutes auf den Abendbrottisch. "Da!", sagte er und packte ein Cassis-Eis aus, als sei es der Inbegriff des Wunderbaren. Und schaute uns an mit blitzenden Augen wie ein Kind, dem eine Überraschung gelungen ist.

Als ich während dieser Zeit Geburtstag hatte, war er bei einer Feier seines Verlages und brachte mir einen Gedichtband mit von Reiner Kunze, neben dem er am Tisch gesessen hatte. Vorne hatte Reiner Kunze eine große schwungvolle Blume neben seine persönliche Widmung für mich gemalt. Ich fühlte mich sehr geehrt, dass mein Großvater und Herr Kunze zusammen meiner gedacht hatten - so kam es mir vor.

Und eigentlich kam es mir im Haus meines Großvaters immer ein bisschen so vor, als würde das Leben aus lauter beinahe feierlichen Besonderheiten bestehen. Was redete die gewöhnliche Menschheit eigentlich immer vom grauen, spärlich belichteten Dasein? Hier saßen wir bei Kerzen und Cassis-Eis und hatten Leuchtendes zu erzählen!  

Das Literaturarchiv in Marbach! Die große Gottfried-Benn-Ausstellung! Der Dichter Christian Wagner aus Warmbronn! Hölderlin in Tübingen! Nichts wie hin! Und all die tausend Bücher, die man wunderbarerweise noch nicht kannte! Aber mein Großvater kannte sie, er hatte seine Bücher um sich wie alte Freunde. Und sie standen ihm zur Verfügung wie dienstbare Boten. Mitten im Gespräch fiel ihm die Zeile eines Buches ein, er zitierte sie auswendig, stand auf, holte das Buch und fand gleich die Stelle.

Ich war zwanzig und wenn ein Leben vor mir lag, dann bitte so eines, das ich hier witterte!

Und dann seine Bücher, die ich erst jetzt wirklich entdeckte. Es war eine Zeitlang so, als würde ich darin all das finden, was zu meinem Leben gehören sollte, als hätte mein Großvater alles in seinen Büchern beschrieben, was wichtig war. Mir gefiel seine Unabhängigkeit vom Zeitgeist sehr, sein Mut zur Einsamkeit, sein Blick auf die Gebrochenheiten des Lebens und seine Art und Weise, den christlichen Glauben mit viel Freiheit und Weltliebe zu verbinden.

Mit meinem damaligen Freund und jetzigen Mann Mathias bin ich während des Studiums oft übers Wochenende zu Besuch bei meinen Großeltern gewesen. Wir haben in den Büchern gestöbert und immer wieder Schätze ausgegraben: Original-Briefe von Thomas Mann, Martin Buber, Zeichnungen von Hesse... Bis spät in die Nacht saßen wir draußen auf dem Efeubalkon beim Trollinger, erzählten und hörten zu. Mein Großvater hatte so viele Menschen persönlich gekannt, von denen wir nur aus der Literaturgeschichte wussten. Und weder er noch meine Oma noch wir wurden je müde, die Anekdoten von Max Picard und den Karlsbader Obladen zum siebten Mal zu hören oder die von Annette Kolb und ihrem Führerschein oder die vom ersten Brief an Martin Buber 1934. Sie saßen alle um uns herum: Fontane vor allem und Mörike, Hesse und Goethe. Handke hießen sie nicht und nicht Wallraff, Kronauer oder Virginia Woolf. Sie hießen Rilke, Lessing, Benn und Hölderlin, all die "großen alten Vollkommenen".

Aber es gab auch unsere unvollkommenen Texte, die wir mutig mitgebracht hatten und vorstellten.

Als kleines Mädchen hatte ich damit angefangen, kleine Geschichten zu schreiben und meinem Großvater zu schenken. Er hat sie sehr aufmerksam gelesen und ich war seither seine "Kollegin". Und dabei ist es geblieben. Wir schrieben uns Briefe als "richtige" Kollegen, und neben der ganz ernsthaften Seite gab es vor allem eine heitere. Nur fing ich jetzt auch an, Kurzgeschichten zu schreiben, die nicht immer "gut" ausgingen, die andere, offenere Formen ausprobierten und der Lesart seiner Augen nicht unbedingt entsprachen. Er sagte nicht viel, aber an der Art und Weise, wie er nicht viel sagte, merkte man immer genau, ob er "einverstanden" war.

Und da war es dann auch - manchmal - nötig, auf sein Einverständnis zu verzichten und dem eigenen unvertrauten Weg mehr zu folgen als seinem vertrauten. Ich konnte nicht in seiner "Welt" wohnen. Sie umfasste nicht mehr alles, was zu mir gehörte. Sie war nicht die wichtigere.

Was ihm fremd war und unzugänglich schien, das konnte er sehr gut beiseite legen und übersehen. Ein Abenteurer war er nicht. Fremde Kontinente hat er nie besucht, fremde Kulturen haben ihn kaum beschäftigt. Er blieb in jeder Hinsicht am liebsten zuhause und vertiefte sein Leben lang, was ihm lieb und wert war.

Als ich nach dem Examen einige Monate durch Afrika reisen wollte, hat ihn das mehr beunruhigt als begeistert. Er konnte nicht recht verstehen, was ich dort wollte, obwohl es ja immerhin mein Herkunftsland war. Und als ich den unsicheren Beruf des Schreibens wählte, anstatt in den Schuldienst zu gehen, war er, gelinde gesagt, entsetzt.

Aber er ist in meiner Nähe geblieben und unser Briefwechsel hat nie aufgehört.

In seinen letzten Lebensjahren wurde mein Großvater immer stiller. Schließlich ging er auch nicht mehr hinauf in sein Dachzimmer. Er saß auf seinem roten Stuhl mit der Kipplehne hinter seiner Zeitung, hinter seinen Büchern, vielleicht las er gar nicht mehr, er teilte mit ihnen sein Schweigen.

Ein Jahr vor seinem Tod hat es sich gefügt, dass mein Mann und ich in seine Nachbarschaft zogen. Ich übernahm zeitweise die Betreuung des großelterlichen Haushalts und war dann auch in der Zeit des Sterbens täglich bei meinem Großvater.

Der geheimnisvolle Raum hat ihn umgeben, wie immer und ganz vertraut. Ich habe ihn dort getrost allein lassen können.

Von

  • Tanja Jeschke

    1964 in Pretoria geboren, war 1984/85 in der OJC-Jahresmannschaft. Studium der Germanistik und Theologie. Sie arbeitet als freie Autorin und hat u.a. einen Erzählband und mehrere Kinderbücher veröffentlicht.

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