Prägen und sich prägen lassen

Vom fruchtbaren Leben – auch ohne eigene Kinder

von Astrid Eichler

...wir sind unter euch mütterlich gewesen: Wie eine Mutter ihre Kinder pflegt, so hatten wir Herzenslust an euch und waren bereit, euch nicht allein am Evangelium Gottes teilzugeben, sondern auch an unserm Leben; denn wir hatten euch liebgewonnen.  (1. Thess 2,7b-8)

Vor kurzem sah ich mir Fotos aus meinem früheren Dienst in Prignitzer Kirchgemeinden an. 16 Jahre ländliches Pfarramt. Da standen wir zu viert in einer der Dorfkirchen, ein Vikar, ein Praktikant, eine junge Frau, die nach dem Abitur ein Jahr in unserer Gemeinde verbrachte, um Klarheit für ihren zukünftigen Weg zu erlangen.

Drei junge Leute – und ich mitten drin. Das gehört für mich zum schönsten, was ich in meinem Dienst erlebt habe. Schon als Krankenschwester war es das, was ich besonders gern tat. Den Jüngeren, den nach mir Kommenden, etwas weiterzugeben, was ich auf meinem Weg empfangen hatte. Was mir geholfen hatte, wollte ich ihnen, aber auch den Patienten gern mitteilen. Dabei ging es nie nur um das Fachliche, um das richtige Wissen, sondern darum, richtig zu leben, gut zu arbeiten, zu helfen, und die Menschen besser zu verstehen. Diesen Satz hatte ich von einer älteren Schwester gelernt: "Stellen Sie sich vor, Sie selbst sind in der Situation des Patienten, oder der, den sie pflegen, ist einer Ihrer engsten Angehörigen." Das wurde für mich zu einem Lebens- und Handelsgrundsatz, auch später als Pfarrerin. Mich in die Lage des anderen hineinversetzen, das gilt auch für die geistige Auseinandersetzung. Vielleicht etwas zutiefst Mütterliches? - Nicht nur die Argumente hören, sondern die Geschichte in den Blick nehmen, die Not des anderen, seine Bedürfnisse und Bedürftigkeit sehen. Nicht nur kämpfen, sondern für ihn sorgen.

Sie dürfen besser werden als ich

Ich habe es versäumt zu zählen, wieviele Praktikanten und Praktikantinnen durch das Pfarramt gingen. Es waren viele und sie kamen aus ganz verschiedenen Ecken Deutschlands, aus verschiedenen Kirchen und Bewegungen, von verschiedenen Ausbildungsstätten. Und jeder hörte von mir vor allem eins: "Beobachten Sie genau und fragen Sie nach. Wenn Sie etwas erleben, was Sie nicht verstehen, was Ihnen fremd ist, komisch vorkommt, fragen Sie. Fragen Sie, warum wir etwas so machen, wie wir es machen. Und wenn ich Ihnen keine Antwort geben kann, dann haben Sie gewonnen." Was ich tat, was wir in der Gemeinde lebten, musste nachvollziehbar sein, musste dem kritischen Denken und Fragen junger Leute standhalten können.

Für mich war das Miteinander mit den jungen Leuten die große Chance, das eigene Tun, das, was so selbstverständlich geworden war, zu hinterfragen. War das, was wir lebten und taten, noch gut, noch dran, noch angemessen? Oder war es an der Zeit, Neues dazuzulernen, neue Schritte auf neuen Wegen zu tun?

Mir war es wichtig, mir Zeit zu nehmen. Es durfte nicht bei gefüllten Dienstbesprechungen bleiben. Es ging um mehr, es ging ums Leben! Das brauchte Zeit und ein Reden und Hören in geschützter Atmosphäre. Ich weiß, dass ich da vieles schuldig geblieben bin. Das würde ich jetzt gern noch anders machen.

Den anderen - gerade den Jüngeren - Raum geben, Raum zum Sein, zum Fragen, zum Experimentieren. So kreativ wie sie war ich nach einigen Jahren Pfarramt nicht mehr. Die Gemeinde hat es genossen, ihre Ideen, ihre ganz anderen Gaben, manchmal auch ihre Spleenigkeit zu erleben und zu empfangen.

Wir haben einander bereichert. Ich konnte nicht so bleiben wie ich war und nicht einfach so weitermachen.

"Herr, sie dürfen besser werden als ich, ja ich wünsche mir, dass sie es besser machen als ich" – ein aufregendes Gebet... Das schreibt sich hier so einfach hin. Aber ich habe es durchbuchstabiert und erlebt, dass es etwas kosten kann. Das Ende der Konkurrenz, der Beschränkung, der Selbstdarstellung als die, die es kann, die weiß, die recht hat. Sie dürfen es besser machen. Diese Grundentscheidung in meinem Herzen hat mir viel Freiheit gegeben.

Loslassen und Vertrauen

Ich durfte schon früh anfangen, das zu lernen. Während meiner Studienzeit hatte ich mit einem Kollegen begonnen, eine Arbeit für und mit Theologiestudierenden aufzubauen. "Kopf und Herz vereint zusammen" war später das Motto dieser Arbeit innerhalb der Geistlichen Gemeindeerneuerung. Ich war 13 Jahre lang in Mitverantwortung für diese Arbeit und konnte einüben, Verantwortung, Gestaltungsräume und -möglichkeiten abzugeben, von der ersten über die zweite in die dritte Reihe zu gehen und dann das Ganze den jungen Leuten, den nach uns Kommenden, zu übergeben. Für mich war das mit ca. 32 Jahren eine Erfahrung, die andere vielleicht erst mit 60 machen. Loslassen und überlassen, Liebgewordenes übergeben, Macht abgeben, zutrauen und vertrauen. Eines war ich mir gewiss: Wie ich jetzt den jungen Leute begegne, so werden sie mir eines Tages begegnen. Ich glaube, dass gerade in der Beziehung zwischen den Generationen das Prinzip von Saat und Ernte gilt.

Segnen, Fördern, Beschenken, Ermutigen, Zutrauen, Vertrauen - mich hat es total froh gemacht, das zu leben. Auch wenn ich dabei immer Übende geblieben bin.

Jetzt, wo ich nicht mehr im Gemeindedienst bin, vermisse ich dieses Feld des Lebens und Dienstes. Ich wünsche mir, eines Tages wieder den Raum zu haben, mit jüngeren Leuten gemeinsam auf dem Weg zu sein und einander zu beschenken mit dem, was Gott uns gegeben hat, nicht nur Wissen, nicht nur Erkenntnis, sondern Leben miteinander zu teilen.

Von

  • Astrid Eichler

    lebte und arbeitete 16 Jahre als Pfarrerin in der Prignitz, Brandenburg. Zur Zeit (2006) ist sie in der Gefängnisseelsorge tätig und gehört zur Gemeinschaft „Chemin Neuf“ in Berlin-Mitte.

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