Zuflucht unter seinen Flügeln

Ruth und Naomi: Zuflucht unter seinen Flügeln
Ruth und Naomi: Zuflucht unter seinen Flügeln

Ruth und Naomi – eine Liebesgeschichte, die ein tieferes Geheimnis erzählt

von Rebekka Havemann

Ich bin eine alte Frau, wohl die älteste in ganz Bethlehem. Ich liebe es, vor unserem Haus in der Sonne zu sitzen und dem geschäftigen Treiben des Dorfes zuzusehen. Manchmal kommt dann mein jüngstes Urenkelchen, klettert auf meinen Schoß und bettelt so lange, bis ich ihm eine Geschichte erzähle. Der kleine David liebt Lieder und Geschichten. "Bitte, Urgroßmutter, erzähl mir, wie du früher zu uns nach Bethlehem gekommen bist und wie du den Urgroßvater kennengelernt hast."

Natürlich kennt der Kleine diese Geschichte, wie jeder hier in Bethlehem. Aber er hat recht: es ist gut, sie immer wieder zu erzählen. Denn meine Geschichte gehört ja nicht nur mir, sondern auch meiner Familie und dem Volk von Juda, das nun auch mein Volk ist - die Geschichte von Naomi und Ruth.

***

Vor vielen, vielen Jahren brach in Juda eine Hungersnot aus. Es hatte lange nicht geregnet und Getreide wurde sehr teuer.

Elimelech war Bauer, er beschloss, Bethlehem - dieser Ortsname bedeutet übrigens "Haus des Brotes" - zu verlassen und anderswo nach Nahrung zu suchen. Warum er wohl ausgerechnet nach Moab zog? Dieses Land war bei den Israeliten nicht gut angesehen.

Moab ist meine Heimat. Ich war damals noch ein kleines Mädchen, aber ich erinnere mich noch gut an den Tag, als Elimelech mit seiner jungen Frau und den beiden Söhnen Machlon und Kiljon in unserem kleinen Dorf einzog.

Schnell schloss ich Freundschaft mit den Jungen und auch Naomi, ihre Mutter, mochte ich sehr. Manchmal durfte ich sie besuchen. Bei ihnen war es ganz anders als bei uns daheim, viel vergnügter und friedlicher. Ich weiß noch, dass es einen tiefen Eindruck auf mich machte, wie sie beteten. Wenn Naomi am Ende der Woche die Kerzen anzündete und die alten Gebete sprach, spürte ich geradezu, wie der Friede sich im Haus ausbreitete.

***

Sie hatten sich gerade in Moab eingelebt, als Elimelech ganz plötzlich schwer krank wurde und starb. Das war ein harter Schlag für Naomi. Sie ist damals sehr still geworden, aber sie ließ sich nicht unterkriegen. Als die Kinderfreundschaft zwischen Machlon und mir sich wandelte und wir ein Paar wurden, nahm Naomi mich ohne zu zögern in ihre Familie auf. Auch Kiljon, ihr anderer Sohn, verlobte sich mit einem Mädchen aus unserem Dorf. Sie hieß Orpa.

Nun folgte eine schöne Zeit. Besonders gern erinnere ich mich an die Abende, an denen wir gemeinsam Handarbeiten fertigten und Naomi uns die wunderbaren Geschichten ihres Volkes erzählte.

Sie berichtete von Abraham und Sara, mit denen alles angefangen hatte: Gott hatte Abraham aufgefordert, seine Heimat zu verlassen und ihm versprochen, ihn zu einem großen Volk zu machen, das ein eigenes Land besitzen würde. Von Rebekka, Jakob und Rahel erzählte sie und von deren Nachkommen, die viele Jahre später in Ägypten als Sklaven leben mussten. Sie waren inzwischen wirklich viele geworden, aber ein eigenes Land besaßen sie nicht - nur die Erinnerung an die Verheißung, die Abraham bekommen hatte, daran klammerten sie sich.

Wenn Naomi erzählte, stand mir alles ganz lebendig vor Augen, als wäre ich selber dabei gewesen. Und so erlebte ich mit, wie das Volk Israel unter Mose aus Ägypten auszog und dann vierzig Jahre in der Wüste lebte. Das waren keine verlorenen Jahre, denn in dieser Zeit lernten die Israeliten ihren Gott kennen, der sie aus der Sklaverei geführt hatte:

JAHWE - der Gott, der da ist, der für sie da ist und für sie sorgt.

Naomi wusste unzählige Geschichten darüber, wie Gott bis in die kleinsten Notwendigkeiten für seine Leute gesorgt hatte. Zudem gab Er ihnen Gebote und Regeln, die ihr Zusammenleben ordneten, und es entwickelten sich Bräuche und Traditionen, die sie bis heute pflegen. Und als sie nach vierzig Jahren endlich in das verheißene Land einzogen, waren sie kein wilder Haufe von Flüchtlingen mehr, sondern ein Volk mit einer ganz besonderen Kultur.

Während ich Naomis klarer Stimme lauschte, stieg eine tiefe Sehnsucht in mir auf, dazugehören zu dürfen.

***

So vergingen einige Jahre. Dann wurde ganz plötzlich alles anders: Machlon, mein Mann, starb an einem heftigen Fieber. Und kurze Zeit später verunglückte sein Bruder Kiljon tödlich. Von einem Tag auf den anderen standen wir Frauen allein da. Das waren dunkle Zeiten; Lachen und Fröhlichkeit schienen verschwunden. Anfangs konnten wir von unseren Vorräten leben, aber dann legte sich die Sorge um das tägliche Brot wie eine bleierne Last auf uns.

Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, hörte ich manchmal, wie Naomi in ihrem Bett weinte und flüsterte. Dann wusste ich: sie betet. Ach, wie beneidete ich Naomi darum, beten zu können - selbst wenn es nur Klagen waren und sogar Anklagen, weil sie sich von ihrem Gott im Stich gelassen fühlte. Wenn sie sich ausgeweint hatte, hörte ich sie immer wieder den Satz murmeln "unter deinen Flügeln finde ich Zuflucht." Das schien sie zu trösten.

Ich hatte so etwas nicht. Ich hatte nur die grausamen Götter meines Volkes, die sicher nicht am Kummer einer trauernden Witwe interessiert waren. In diesen dunklen Stunden fühlte ich mich sehr allein und wusste gar nicht mehr, zu wem und wohin ich noch gehörte.

***

Dann kam der Tag, an dem Naomi verkündete: "Ich werde Moab verlassen und zurück nach Bethlehem gehen, dort soll es jetzt wieder Brot geben."

Wir brauchten nicht lange, um die letzten Habseligkeiten zusammenzupacken und uns auf den Weg zu machen. Für Orpa und mich war es selbstverständlich, unsere alte Schwiegermutter zu begleiten. Tief in Gedanken versunken wanderten wir auf den Gebirgspfaden über dem Fluss Arnon entlang, bis wir die Passhöhe erreichten. Dort eröffnete sich ein herrlicher Blick über das Tal, in dem wir so viele Jahre glücklich miteinander gelebt hatten.

Ich hörte Orpa neben mir leise schluchzen. Naomi umarmte uns und sagte: "Ihr Lieben, hier ist die Grenze. Es ist Zeit für euch umzukehren. Geht zurück in euer Dorf, in das Haus eurer Mutter." Da schluchzte Orpa noch viel mehr. Naomi fuhr fort: "Ihr seid frei, ein neues Leben anzufangen, einen Mann zu finden und eine neue Familie zu gründen."

Orpa hing an Naomis Hals wie eine Ertrinkende, schließlich riss sie sich von ihr los, küsste sie und ging dann, ohne sich noch einmal umzusehen, davon; zurück nach Moab. Naomi sah ihr lange nach, Tränen standen in ihren Augen.

Dann wandte sie sich um und sagte leise: "Ruth, du musst jetzt auch heimgehen."

"Nein, Mutter, ich gehe mit dir. Ich kann dich doch auf dem weiten und gefährlichen Weg nicht allein lassen."

"Aber Liebes", erwiderte Naomi sanft, "bedenk' doch, du wirst in ein fremdes Land kommen, in dem du als Heidin giltst. Da kannst du keinen Mann finden und wirst allein bleiben. Und denk an die vielen Gebote und Gesetze unserer Religion; das ist doch alles ganz fremd für dich."

"Ja, aber es ist tausendmal besser als die schrecklichen Götzen von Moab. Nein, Mutter, ich möchte auch zu dem Gott gehören, von dem du mir erzählt und zu dem du nachts gebetet hast. Ich will auch lernen, zu Ihm zu beten und in Seinen Ordnungen zu leben, so wie du. Hast du nicht gesagt, dass man unter Seinen Flügeln Zuflucht findet? Vielleicht gibt es ja dort auch einen Platz für mich. Ich möchte zu deinem Volk gehören, auch wenn ich vielleicht immer "die Fremde" sein werde. Bitte, lass mich mit dir gehen."

Die letzten Worte konnte ich nur noch flüstern. Lange standen wir uns schweigend gegenüber; zwei Frauen an der Grenze ihres alten Lebens.

Dann plötzlich ging ein Strahlen über Naomis Gesicht. Sie küsste mich und gemeinsam setzten wir unseren Weg fort.

Am späten Nachmittag erreichten wir Bethlehem. Als wir näher kamen, hörte ich die Frauen am Brunnen tuscheln: "Wer sind denn die?" Und plötzlich: "Das ist ja Naomi, die vor vielen Jahren von hier fortgezogen ist!"

Sofort waren wir von einer Schar aufgeregter Frauen umringt. Naomi musste ihre Geschichte immer und immer wieder erzählen und ich merkte, wie traurig und müde sie dabei wurde. Sie schloss mit den Worten: "Nennt mich nicht mehr 'Naomi', 'die Liebliche'. Der Name passt nicht mehr zu mir. Nennt mich 'Mara', 'die Bittere', das passt viel besser. Denn reich und voll bin ich von hier fortgezogen und arm und leer komme ich wieder."

***

Die ersten Wochen in Bethlehem waren sehr schwer. Wir wohnten in dem baufälligen Haus, das Elimelech und Naomi damals verlassen hatten, - aber wovon sollten wir leben? Naomi war ganz verzagt und mutlos. Ich bemühte mich, sie aufzumuntern: "Mutter, hast du mir nicht immer erzählt, dass euer Gott für seine Leute sorgt?! Warum sollte Er das nicht auch für uns tun?"

Im Ort ging es laut und fröhlich zu - es war gerade die Zeit der Gerstenernte. Auch für die Armen war dies eine gute Zeit, denn es gab ein Gesetz, wonach jeder Bauer auf seinen Feldern eine Ecke mit Korn für die Armen stehen zu lassen hatte. Und auch jeder Halm, der beim Zusammenraffen der Ähren liegenblieb, fiel den Armen zu.

Deshalb machte ich mich frühmorgens auf, um auf einem der Felder Ähren zu lesen. Zufällig war es das Feld von Boas, dem reichsten Bauern des Dorfes. Ich kannte ihn natürlich nicht und wusste auch nicht, dass er ein Verwandter meines verstorbenen Schwiegervaters war. Während ich dort eifrig Ähren sammelte, sprach er mich freundlich an und ermutigte mich, wiederzukommen. Verwundert fragte ich ihn, warum er zu mir, einer Ausländerin, so freundlich sei.

Er antwortete: "Ich habe gehört, wie gut du für Naomi gesorgt hast, dass du sogar deine Familie und dein Heimatland verlassen hast, um sie hierher zu begleiten. Glaub mir, der Gott, unter dessen Flügeln du hier Zuflucht gesucht hast, wird dich dafür reich segnen."

Da war es wieder: "Zuflucht unter seinen Flügeln". Als ich Naomi davon erzählte, strahlte sie: "Du hast recht gehabt, Gott sorgt wirklich für uns. Denn Boas ist ein Verwandter und damit einer unserer Löser."

Ich wusste schon, was das bedeutet: Nach dem Gesetz der Thora hat der Löser die Aufgabe, die Rechte der Witwen und Waisen zu schützen, ihre Schulden zu tilgen und verlorengegangenes Hab und Gut wieder zurückzukaufen. Außerdem nahm er, wenn möglich, die kinderlose Witwe zur Frau, um ihr Nachkommen zu schenken und so den Namen seines verstorbenen Bruders zu erhalten.

***

Nachdem die Ernte vorbei war, sprach Naomi eines Morgens zu mir: "Ruth, ich möchte dir helfen, ein Zuhause zu finden, einen Ort, an dem du es gut haben wirst." Und dann unterbreitete sie mir ihren Plan, wie ich mich abends, nachdem Boas die Arbeit beendet, gegessen und sich draußen schlafen gelegt hatte, sachte neben ihn legen und unter seinen Mantel schlüpfen sollte. Danach würde sich alles weitere schon ergeben.

Mit klopfendem Herzen befolgte ich ihren Rat und wartete zusammengekauert unter Boas Mantel, was nun geschehen würde.

Kurz nach Mitternacht wachte Boas auf. Er erschrak nicht wenig, als er mich neben sich vorfand. Und noch bevor er ein Wort sagen konnte, nahm ich all meinen Mut zusammen und sagte: "Breite deinen Mantel über mir aus und lass mich bei dir Zuflucht finden, denn du bist mein Löser."

Als ich - noch vor dem Morgengrauen - die Tenne wieder verließ, war ich eine "Erlöste", nicht mehr "die Fremde". Boas hatte versprochen, mich zu heiraten und mich in seine Familie und sein Volk aufzunehmen.

So wurde ich die Frau des Boas. Nach einiger Zeit bekamen wir einen kleinen Jungen, Obed. Ich war von Herzen glücklich und befriedet. Und auch Naomis Augen leuchteten wieder.

Das alles ist inzwischen viele Jahre her.

Wenn ich zurückschaue, sehe ich, wie mein Leben unlösbar mit diesem kleinen Dorf Bethlehem, dem "Haus des Brotes" verknüpft ist. Hier bin ich wirklich satt geworden und habe das Brot gefunden, nach dem ich mich immer gesehnt hatte. Und wenn ich den kleinen David auf meinem Schoß ansehe, ahne ich, dass mein einfaches, kleines Leben ein wichtiges Glied in der Kette dieser Familie - und dieses Volkes - ist.

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

    Alle Artikel von Rebekka Havemann

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