Auf Augenhöhe

Vater und Sohn als Partner und Brüder gemeinsam unterwegs.

Ein Generationengespräch

Im April 2002 übernahm Dominik Klenk (37) die Leitung der OJC von Horst-Klaus Hofmann, der sie zusammen mit seiner Frau Irmela 1968 gegründet hat. Sein Vater Hermann Klenk (66) war 30 Jahre lang 2. Vorsitzender der OJC. Heute ist er als Senior und Großvater in der Gemeinschaft aktiv.

Das Interview führte Angela Ludwig

Was hat dich bewogen, mit 32 Jahren in die Leitung der OJC einzusteigen?

Dominik: Ich bin ja in der Gemeinschaft aufgewachsen, aber wieder in die OJC zurückzukommen - nach dem Motto: der Sohn übernimmt mal den Hof des Vaters - hatte ich nie geplant. Ohne besondere und unvorhergesehene Führungen Gottes wäre es nie dazu gekommen.

Mitentscheidend war, dass es Weggefährten gegeben hat, die mein Wachstum förderten und mir ein Zutrauen entgegengebracht haben, das es mir möglich machte, in einem sehr frühen Alter eine sehr große Verantwortung zu übernehmen.

Welche Rolle spielte es, dass deine Eltern seit über 30 Jahren die OJC prägend mitgestalten?

Dominik: Persönlich hatten wir ein gutes, entspanntes und abgelöstes Verhältnis und trotzdem wussten meine Frau Christine und ich, dass es nicht einfach sein würde, auf einem so stark vorgeprägten Boden etwas Neues zu gestalten. Hermann und Friederike sind starke Persönlichkeiten, er mit natürlicher Autorität und sie mit starkem Leitungspotential. In diesem Rahmen mit meiner jungen Familie das Ruder zu übernehmen, schien uns zumindest fragwürdig. Wir kannten genug Beispiele, wo es schiefgegangen war.

Da ich mich schon als Teenager sehr eigenständig entwickelt hatte, war ich früh aus der Sohn-Rolle herausgewachsen und erlebte mich als echtes Gegenüber meiner Eltern. Mit ihnen zusammenarbeiten zu können war auch etwas Besonderes, auf das ich mich freute, ohne zu wissen, wie es letztlich ausgehen würde.

Ist für dich ein Traum in Erfüllung gegangen, als Dein Sohn der neue OJC-Leiter wurde?

Hermann: Davon hatte ich nie geträumt, aber ich konnte es mir gut vorstellen. Ich war stolz, dass er sich so entschieden hatte. Ich wurde oft gefragt, wie es mir damit gehe, dass der Vater nun unter dem Sohn arbeiten müsse... Nun, das habe ich sehr gelassen gesehen, weil ich wusste, dass Dominik eine eigenständige Persönlichkeit ist, der keine Wegweisung mehr von mir braucht, aber meinen Rat erfragen wird, wenn es ihm notwendig erscheint. Für meine Frau war es schwerer. Eine Mutter fühlt ja immer tiefer mit der Seele ihrer Kinder. Sie hatte anfangs sehr Angst, dass Dominik in den schweren Jahren des Übergangs in der OJC zwischen die Mühlsteine verschiedener Fronten gerät.

Was hat sich in deiner Elternbeziehung gewandelt?

Dominik: Den größten Wandlungsschritt in unserer Beziehung gab es vor unserem Kommen. Schon mit 14 Jahren habe ich wesentliche Entscheidungen selber getroffen, bin früh finanziell unabhängig gewesen und mit 18 ausgezogen - nicht im Bruch, sondern weil ich den starken Impuls hatte, mein eigenes Leben zu gestalten. Die Eltern haben das immer wohlwollend begleitet, wenig hineingeredet, aber wahrscheinlich viel hinterhergebetet. Das habe ich sehr geschätzt. Als ich schon bald nach meinem Kommen die Leitung der OJC übernahm, war Hermann noch im Vorstand und Friederike eine starke Stimme in der Gemeinschaft. Da war es mir von Anfang an wichtig, nicht in irgendwelche Seilschaften einzusteigen. Da ich wusste, dass es verheerend sein kann, die Verwandtschaft - vielleicht sogar unbewusst - zu bevorzugen, habe ich in besonderer Weise darauf geachtet, den Abstand zu wahren. Meine Eltern sind mir in unserem gemeinsamen Dienst wertvolle Gegenüber als Hermann und Friederike, nicht als Vater und Mutter.

Wie erlebst du das Nebeneinander von Sohn und Leiter?

Hermann: In einer sehr guten Weise. Das hängt damit zusammen, dass wir schon sehr früh mit unseren Kindern auf Augenhöhe waren. Deshalb war es für mich nichts Neues, als Dominik als Leiter kam. Zumal wir auf dem Weg sind, uns in unserer Gemeinschaft immer weniger hierarchisch zu verstehen und immer mehr in ein Team hineinwachsen, das miteinander unterwegs ist. Trotzdem muss einer die Bürde der Letztverantwortung tragen. Das ist in unserem Fall Dominik. Insofern sehe ich uns als Partner und Brüder.

Dein Vorgänger, Horst-Klaus Hofmann, war eine ausgesprochene Vaterfigur als Leiter. Wie siehst du deine Rolle?

Dominik: Eine Vaterfigur bin ich nicht, das entspricht auch meinem Alter nicht. Trotzdem muss ein Leiter auch ein väterlicher Mensch sein. Geistlich gesprochen verstehe ich mich als Bruder unter Brüdern und Schwestern mit dem Amt der Leitung. In Situationen, die eher unternehmerischer Art sind, was bei uns auch vorkommt, verstehe ich mich im Sinne eines Trainers, der andere zurüstet, ihren Dienst zu tun, ihre Fähigkeiten auszuschöpfen, sich etwas zuzutrauen und mehr und mehr Verantwortung zu übernehmen. Manchmal bin ich auch kämpferischer Frontmann oder Repräsentant, der für die Gemeinschaft nach außen einstehen muss. In jedem Fall bin ich ein "Teamplayer" und ich profitiere selbst am meisten davon: da kann ich mich und meine Gaben einbringen und werde sehr gut ergänzt durch die Gaben der anderen. Nur so kann sich das Potential einer Gemeinschaft voll entfalten. Leitung ist eine Gabe unter anderen und nicht die Gabe.

Du hast ein Erbe übernommen. Wie erlebst du die Spannung zwischen der Treue zum Anfangsauftrag und dem Wunsch, das Eigene zu gestalten?

Dominik: Jedes Erbe bringt einen Reichtum und eine Bürde mit sich, auch das OJC-Erbe. Die OJC hat ein Generationengefüge über die Blutsbande hinaus zusammengebracht und zusammengehalten - eine Blutsverwandtschaft in Christus, könnte man sagen. Das ist ein unglaublich kostbares Erbe, denn gleichzeitig ist ja gesellschaftlich in den letzten 50 Jahren sehr viel verbindliches Leben zerfallen.

Im Grundauftrag der OJC geht es um das Leben und Denken der nächsten Generation. Das ist geblieben, die konkreten gesellschaftlichen Nöte aber haben sich verschoben.

Welche Frage ist für dich vorrangig?

Dominik: Die 68er wollten die Welt verändern, ihre Frage war die nach der besseren Idee und Ideologie. Heute geht es um das bessere Leben. Die elementare Frage meiner Generation ist die, wie Gemeinschaft gelingen kann. Diese Frage liegt deshalb so oben auf, weil sie jeden betrifft. Jeder junge Mensch sieht heute zerbrochene Beziehungen in seiner engsten Umgebung, jeder hat selber schon in Partnerschaften Schiffbruch erlebt. Wir leben in einer globalen Welt, verschiedene Nationen, Sprachen, Hautfarben leben Tür an Tür - wie kann da versöhnte Gemeinschaft gelingen? In der Entwicklung der technischen und der Informationsmöglichkeiten sind wir heute Riesen, aber Analphabeten in der Fähigkeit, das gemeinschaftliche Miteinander dauerhaft und schöpferisch zu gestalten. Hier haben wir einen dringenden Nachholbedarf. Gerade hier hält das jüdisch-christliche Erbe die besten Erfahrungen und Antworten bereit, von denen wir heute wieder lernen sollten.

Innerhalb der OJC gab es eine Verschiebung weg von der Dienstgemeinschaft hin zum gemeinsamen Leben als Wert in sich.

Hermann: Ja, das stimmt. Und es hat etwas ungeheuer Entlastendes, wenn nicht mehr permanent Dienst und Arbeit den Mittelpunkt des Lebens bilden. Natürlich forderte die Aufbauzeit der Gemeinschaft von jedem einen ganz besonderen Einsatz. Aber wenn die Pionierzeit nie aufhört, sondern die Arbeit zum Dauerzustand wird, dann stimmt etwas nicht mehr. Wir haben zeitweise falsche Bilder unter uns gepflegt. Wenn man sie zuende denkt, merkt man, dass etwas krank daran ist - z.B.: "Ein Christ ist eine Kerze, die an zwei Enden brennt." Wenn die Arbeit und das Funktionale das Entscheidende ist, wird das Leben zur Dauerüberforderung. Da bin ich an jungen Leuten auch schuldig geworden, weil ich solche Bilder selber weitergegeben habe. Ich bin sehr froh, dass wir heute auf einem anderen Weg sind.

Nach 5 Jahren: was ist zu beachten, wenn man ein Werk vom Gründer übernimmt?

Dominik: Es braucht zwei Dinge, die parallel gehen müssen: 1. Glasklare, gültige Absprachen für alle Beteiligten, wenn es ein Übergang werden soll. Ohne die wird entweder der junge Leiter verschlissen oder der alte irgendwann "geköpft". Die meiste Kraft kosten Unklarheiten. Und es braucht eine Art Komitee, das diesen Übergang begleitet. Es genügt nicht, dass der Alte und der Junge sich einig sind, besonders wenn das Werk groß ist. Außerdem braucht es Begleitung von außen. Man kann sich das helfende Wort nicht selber sagen.

Der Begleiter sollte allerdings das "System Gemeinschaft" von innen her verstehen, ein Profi an sich ist noch keine Hilfe. Ich habe mir solche Menschen gesucht, aber in der direkten Phase des Stabwechsels gab es keinen gemeinsamen Begleiter von Horst-Klaus Hofmann und mir.

Neben der strukturellen Seite braucht es 2. eine große Bereitschaft - um des anderen und um des Ganzen willen - eine zweite Meile mitzugehen, auch wenn nur eine abgesprochen war. Ich meine damit, ein Nicht-Können des anderen und das nicht Vorhersehbare zu tolerieren, ohne den anderen zu "exekutieren". Es ist beides nötig: die klaren Absprachen und die Bereitschaft, davon abzuweichen; das beides zusammenzuhalten, braucht eine ungeheure emotionale Kraft und viel Gebet. Und dann erst kommt die Kraft, die man braucht, um den Prozess nach vorne anzugehen.

In den nächsten drei Jahren werden ca. hunderttausend mittelständische Unternehmen an die Nachfolger übergeben und die Volkswirtschaft rechnet mit einem Scheitern von mehr als der Hälfte, weil der Übergang zwischenmenschlich nicht gelingt. Es wäre ein großer Dienst an Kirche und Gesellschaft, das einmal gut zu reflektieren und daraus eine Handreichung zu erarbeiten, denn viele kostbare Aufbrüche brechen nach der ersten Generation ab, weil der Übergang nicht gelingt.

Du bist nach 30 Jahren aus dem Vorstand gegangen. Ist Dir das schwergefallen?

Hermann: Es war eine große Verantwortung, die auf meinen Schultern lag. Aber ich habe ganz klar gesehen, jetzt müssen junge Leute ran. Ich bin von Natur aus ein Mensch, dem es nicht schwerfällt, abzugeben. Ich bin ein guter zweiter Leiter, aber kein guter erster. Und ich habe immer im Team gearbeitet und immer versucht, Verantwortung zu teilen.

Ich packe jetzt immer noch gern mit an, bin aber froh, dass ich nicht mehr wie früher "im Geschirr laufen muss". Ich würde gern mehr am Rande der Gemeinschaft leben, als Mensch, der Zeit hat, zu dem man kommen kann.

Die nächste Generation im Blick zu haben, ist der Urauftrag der OJC. Was tust du, damit junge Mitarbeiter zu zukünftigen Leitern werden?

Dominik: Wenn man als Leiter nicht beginnt, Verantwortung zu teilen, dann bleibt der Radius des Wirkens immer beschränkt und vor allem an die eigene Person gebunden. Der Schlüssel für mich ist, Räume zu schaffen, in denen junge Mitarbeiter wachsen können - persönlich und in ihrer Aufgabe. Das bedeutet, sich Zeit zu nehmen zur Begleitung, im Gespräch mit ihnen zu sein, sich immer wieder der gemeinsamen Vision zu versichern. Es bedeutet auch, Räume zu schaffen, in denen sie sich ihrer Identität in Gott vergewissern können.

Leiten können eigentlich nur Menschen, die nicht nur im Kopf, sondern tief in ihrer Existenz wissen, wer sie in Gott sind. Hier Wachstumsräume zu ermöglichen durch einen geistlichen Lebensstil, auch durch Krisen hindurch, wo man auf diesen Halt in Gott zugreifen lernt. Das ist mir ein ganz wichtiger Punkt.

Ein Manko der OJC-Gemeinschaft nach den ersten drei Jahrzehnten ist sicher der Mangel an Leitern. Da haben die Gründer nicht ausreichend gefördert. Aber die Gründergeneration hatte eben auch ganz andere schwere Hürden zu überwinden. Man muss sich immer wieder vor Augen halten, dass sie quasi bei Null angefangen haben.

Ich möchte das Augenmerk darauf richten, andere zur Verantwortungsübernahme zu befähigen, um nachhaltig Wachstum zu ermöglichen. Und ich verstehe meine Leiterschaft als gelungen und abgeschlossen, wenn ich selber entbehrlich geworden bin. Eine geistliche Gemeinschaft ist immer auf dem Weg, tiefer in das Bild des dreieinigen Gottes hineinzuwachsen. Wenn die OJC eine Kultur lebt und verinnerlicht hat, in der meine Person entbehrlich ist, dann habe ich hineingegeben, was ich hineingeben konnte. Dann ist auch der Zeitpunkt gekommen, dass die Gemeinschaft sich einen neuen Leiter wählt, der wiederum Seiten betont, die bei mir zu kurz kamen.

Von

  • Angela Ludwig

    Germanistin und Romanistin, Mitglied des OJC-Redaktionsteams und geistliche Begleiterin für viele innerhalb und außerhalb der OJC-Gemeinschaft.

    Alle Artikel von Angela Ludwig

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