Entscheidung im Garten

Passionsmeditation zu Lukas 22, 39-46

Und er ging hinaus an den Ölberg. Es folgten ihm aber seine Jünger. Und als er dahin kam, sprach er zu ihnen: Betet, auf dass ihr nicht in Anfechtungen fallet! Und er riss sich von ihnen einen Steinwurf weit und kniete nieder, betete und sprach: Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe! Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Und es geschah, dass er mit dem Tode rang und betete heftiger. Es war aber sein Schweiß wie Blutstropfen, die fielen auf die Erde. Und er stand auf von dem Gebet und kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafen vor Traurigkeit und sprach zu ihnen: Was schlaft ihr? Steht auf und betet, auf dass ihr nicht in Anfechtung fallet. Lukas 22, 39 - 46

Jesus hatte mit seinen Jüngern das Passahmahl gehalten und das Hallel, die Lobpsalmen 113-118 gesungen. Nun ging er auf den Ölberg.
Wir kennen die Geschichte, wissen was passiert: Angstschweiß wie Blut, das Gebet „nicht mein Wille, sondern deiner“, Verhaftung, Flucht der Jünger, Verurteilung, Tod. Vom heutigen Standpunkt sieht alles folgerichtig aus. Es musste wohl so kommen.

Warum aber dieser Kampf in Gethsemane? Wer kämpft hier wogegen und wofür?

Hinter dem, was sich dort im Garten abspielte, steckt ein tiefes Geheimnis. Dort fiel eine Entscheidung, die bis heute Auswirkungen hat.
Es gab schon einmal einen Kampf in einem Garten, bei dem es um Leben und Tod ging. Als die Schlange Adam und Eva zuflüsterte: Sollte Gott gesagt haben ...? Sollte Gott es wirklich gut mit euch meinen? Solltet ihr nicht sein wie Gott und selber wissen, was gut für euch ist?

Worum ging es in diesem Garten und in jenem?

Das Kostbarste, was Adam und Eva besaßen und was auch Jesus hatte, war das Wissen, ein bedingungslos geliebtes Kind, Sohn und Tochter des allmächtigen Gottes zu sein. Dieses Wissen, das Vertrauen zwischen Vater und Kind, war der Schutzraum, in dem ihr Leben sich entfalten sollte. Ein Schutzraum, weil es eine Ordnung, weil es Grenzen gab. Grenzen des Wissens, des Verstehen-Könnens, des eigenen Machens und der Kraft. Grenzen, die Gott selber gesetzt hatte. Diese Grenzen zu überschreiten, die Ordnung zu durchbrechen, aus dem Raum des Vertrauens herauszutreten, um selbst zu sein wie Gott - das war die große Versuchung, der Adam erlegen ist. Er wollte mehr sein als ein Kind Gottes, er wollte sein wie Gott. Und so wurde er ein Kind des Todes. Er und alle, die nach ihm kamen. Dieser Tod, dem Adam so leicht zur Beute wurde, rang nun mit Jesus, dem zweiten Adam, um auch ihn zu seinem Kind zu machen.

Ich stelle mir vor, der Himmel und die ganze Kreatur hielten den Atem an: in diesem Kampf, in diesem Garten würde sich alles entscheiden.

Worum geht es Jesus?

Zeit seines Lebens war Jesus Attacken des Widersachers ausgesetzt, dessen Ziel es war, Misstrauen in die lebensspendende Beziehung zwischen Vater und Sohn zu säen. Und nun der letzte, heftigste Angriff in Gethsemane.

Wie geht Jesus damit um?

Er ringt, er kämpft, er betet. Er weiß, was auf dem Spiel steht. Es lohnt sich, um das Vertrauen zu ringen, zu kämpfen bis aufs Blut. Es lohnt sich, es nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Diesen Raum des Vertrauens, und sei er auch noch so klein geworden, zu verteidigen und nicht preiszugeben. Es lohnt sich zu kämpfen, denn der Himmel kämpft mit.
Wir lesen: ein Engel kam und stärkte ihn. Er nimmt Jesus diesen Kampf nicht ab, aber er stärkt ihn.

Das Kostbarste, was wir haben, ist das Wissen, ein bedingungslos geliebtes Geschöpf, ein Sohn oder eine Tochter Gottes zu sein. Das ist der Raum, in dem Leben gelingt, egal wie äußere Umstände sich gestalten. Wissen wir, dass der Teufel ein brennendes Interesse daran hat, uns diesen Schatz zu entreißen? Sind wir uns bewusst, dass er auch mit uns ringen wird, um Misstrauen in diese Beziehung zu säen?

Die Jünger scheinen nichts davon zu wissen - sie schlafen. Vor Traurigkeit erschöpft, flüchten sie ins Nicht-sehen, Nicht-hören, Nichtkämpfen. Jesus tadelt sie dafür nicht, aber er will ihnen helfen, denn er weiß, dass diese Kämpfe ihnen und allen seinen Nachfolgern nicht erspart bleiben werden. „Wachet und betet!“, sagt er zweimal. Betet, redet mit Gott, lasst die Verbindung nicht abreißen! Sagt ihm alles - die Angst, die Erschöpfung, das Nicht-Verstehen, die Empörung gegen den Weg, den er euch führt! ... Sagt es ihm und hört, was er darauf antwortet. Lasst zu, dass er mitkämpft, dass er Engel schickt, die euch stärken. Bergt euch in dem Raum, den ich euch erkämpft habe.
Das ist das Geheimnis des Kampfes in Gethsemane. Der Teufel hat Jesus nicht dazu bringen können, sein Vertrauen aufzugeben. Deshalb sind wir in der ungebrochenen Beziehung zwischen Jesus und seinem – unserem – Vater aufgefangen, wenn wir an die Grenzen unserer Kraft, unseres Verstehens und Vertrauens stoßen.

Wir dürfen sicher sein, dass der Himmel unseren Kampf mitkämpft. Jesus selbst hat versprochen, für uns zu beten, damit unser Glaube nicht aufhöre.

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

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